Bundesliga

Schicksalswoche für Hertha BSC: Relegation, Machtkampf - Chaos?

Letztes Spiel von Magath - Gegenbauer-Rücktritt am Dienstag?

Schicksalswoche für Hertha BSC: Relegation, Machtkampf - Chaos?

Im Fokus: Felix Magath, Werner Gegenbauer und Fredi Bobic (v.li.).

Im Fokus: Felix Magath, Werner Gegenbauer und Fredi Bobic (v.li.). imago images (3)

"Die Karten liegen auf dem Tisch. Es gibt nur noch dieses eine Spiel, das ist wie ein Finale für uns", sagt Geschäftsführer Fredi Bobic. Nach dem 0:1 im Hinspiel gegen den Zweitliga-Dritten Hamburger SV ist Hertha im Rückspiel am Montagabend (20.30 Uhr, LIVE! bei kicker) zum Siegen verdammt. Zehn Jahre nach dem Relegations-Trauma gegen Fortuna Düsseldorf droht dem Hauptstadtklub ein Déjà-vu: der erneute K. o. gegen einen Zweitligisten - und Bundesliga-Abstieg Nummer sieben.

Kommt es dazu, wäre der im Vorjahr aus Frankfurt als Hoffnungsträger gekommene Bobic in seinem ersten Jahr als Verantwortlicher abgestiegen - wie schon Vorgänger Michael Preetz, der 2009 Dieter Hoeneß beerbte und die Saison 2009/10 nach Platz vier im Jahr zuvor spektakulär in den Sand setzte. Preetz durfte seinerzeit weitermachen, bis Januar 2021 - und auch Bobic (Vertrag bis 2024 plus Option) soll selbst im Fall des Abstiegs bleiben.

Andere Protagonisten - so viel ist sicher - haben keine Zukunft bei Hertha BSC. Für Felix Magath, Mitte März als Nachfolger des 13-Spiele-Trainers Tayfun Korkut installiert, wird die Dienstreise nach Hamburg zum persönlichen Finale als Hertha-Coach. Er soll gegen den Klub, mit dem er als Spieler zwei Europapokalsiege und drei Deutsche Meisterschaften feierte und bei dem er Mitte der 90er Jahre seine erste Cheftrainerstelle in der Bundesliga antrat, den ernüchternden Hinspiel-Auftritt korrigieren und den Totalschaden für Hertha BSC abwenden.

Bobic: "Es ist immer schön, wenn eine Saison vorbei ist"

Auch für etliche Profis ist nach der Relegation in Berlin Schluss. Bobic will - und soll - den nächsten Kaderumbruch angehen. Am späten Montagabend hat er Planungssicherheit. Er sagt: "Es ist immer schön, wenn eine Saison vorbei ist. Dann kann man einen Schlussstrich ziehen. Dann kann man die Planungen, die man für beide Szenarien machen musste, auch angehen. Dann weiß man, wovon man spricht - und muss nicht die ganze Zeit warten, warten, warten. Deswegen bin ich froh, wenn das letzte Spiel gespielt ist - hoffentlich mit einem Sieg. Dann wird es vielleicht einen Tick einfacher."

Klar ist: Auch nach dem Montag wird bei Hertha BSC keine Ruhe einkehren - im Gegenteil. Der hinter den Kulissen schon vor Monaten entbrannte Kampf um Macht, Deutungshoheit und eine Neuausrichtung des Klubs kommt mit voller Wucht auf die offene Bühne. Für die am Sonntag anstehende Mitgliederversammlung in der Messehalle 20 sind mehrere Abwahlanträge eingegangen: gegen Präsident Werner Gegenbauer, gegen dessen Vize Thorsten Manske, auch gegen das komplette Präsidium. Der Unmut der Basis konzentriert sich auf Gegenbauer, unter dessen Führung Hertha sportlich, finanziell und kommunikativ verheerende Jahre hinter sich hat. Der Druck, auch intern, auf den Unternehmer, der am 23. Mai 2008 - vor exakt 14 Jahren - von der Spitze des Aufsichtsrates an die Spitze des Präsidiums gewechselt war, ist so groß wie noch nie.

Der Aufsichtsrat hat Gegenbauer inzwischen den Rücktritt nahegelegt

Innerhalb des Präsidiums, das der begabte Strippenzieher Gegenbauer lange auf Linie hatte, soll es mittlerweile Absetzbewegungen geben. Pikant: Nach kicker-Informationen hat der Aufsichtsrat des Vereins Gegenbauer in einer Sitzung Anfang Mai, zu der der Präsident einbestellt wurde, den Rücktritt nahegelegt. Beide Gremien hatten bereits im März die öffentlichen Anwürfe aus dem Lager von Investor Lars Windhorst unterschiedlich pariert. Als seinerzeit Andreas Fritzenkötter, der Sprecher von Windhorsts Tennor-Holding, mit Blick auf die Mitgliederversammlung Ende Mai sagte, da werde "sicher etwas passieren müssen", konterte das Präsidium mit einem auf der Klub-Website platzierten, scharf formulierten Statement. Der Aufsichtsrat unterschrieb das Statement des Präsidiums bewusst nicht - um den Konflikt mit dem Investor öffentlich nicht noch weiter zu befeuern. Die einstmals feinen Risse im Innenleben von Hertha BSC sind längst tiefe Gräben, an mehreren Stellen.

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Hinter den Kulissen rechnen inzwischen fast alle, die nah am Geschehen dran sind, unabhängig vom Ausgang der Relegation mit einem vorzeitigen Rückzug Gegenbauers. Im Oktober 2020 war er im Amt bestätigt und bis 2024 gewählt worden. Obwohl kein Gegenkandidat nominiert war, hatte der Patriarch damals lediglich 54 Prozent der Stimmen bekommen. Es war ein Wahlergebnis im Range einer Ohrfeige. Als wahrscheinlichstes Szenario gilt aktuell, dass Gegenbauer am Dienstag - spätestens am Mittwoch, wenn das Präsidium tagt - seinen Rückzug erklärt, um sich die Schmach einer möglichen Abwahl am Sonntag - einen Tag nach seinem 72. Geburtstag - zu ersparen.

Kommt es wie erwartet zur Demission, würde es vermutlich Nachwahlen auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung geben, die satzungskonform frühestens vier Wochen nach der turnusmäßigen Mitgliederversammlung stattfinden könnte. Bis dahin würde der Aufsichtsrat, der seinerseits am Sonntag zur Wahl steht, Kandidaten fürs Präsidium sichten. Ziel wäre es, das Präsidium - das nach einem Gegenbauer-Rücktritt nur noch sechs Mitglieder hätte und laut Satzung sieben bis neun Mitglieder benötigt - auf neun Köpfe aufzustocken. Als mögliche Variante gilt, dass Gegenbauer-Vize Manske bis zu den Nachwahlen als Interimspräsident eingesetzt würde. Allerdings ist auch Manske bei Teilen der Basis umstritten.

"Es ist für Hertha eine sehr, sehr wichtige Woche"

Als relativ sicher gilt, dass nach einem Rückzug Gegenbauers weitere Anwärter auf das Präsidenten-Amt aus der Deckung kommen. Öffentlich vorgewagt haben sich bislang Ex-Ultra Kay Bernstein, der seit Jahren eine Event-, Kommunikations- und Marketingagentur führt, und Tankstellen-Besitzer Marco Hennig. Windhorst, der 375 Millionen Euro in den Klub gesteckt hat und das Relegationshinspiel auf einer Geschäftsreise in den USA verfolgte, will am Sonntag erstmals zu den Mitgliedern sprechen. Einen eigenen Kandidaten ins Rennen um das dann womöglich vakante Präsidenten-Amt zu schicken, plant Windhorst nach kicker-Informationen weiterhin nicht.

Hertha BSC steht vor der wichtigsten Woche seit einem Jahrzehnt. Im schlimmsten Fall droht neben dem Abstieg ein Machtvakuum - und Chaos. Aber das wäre nichts, womit sich der 130 Jahre alte Verein nicht auskennt. "Es ist für Hertha BSC auf jeden Fall eine sehr, sehr wichtige Woche", sagt Bobic. "Die Woche wird sicher nicht langweilig. Aber was ist in dem Jahr schon langweilig gewesen?" Nichts, gar nichts - da hat Bobic, der bei seiner Personalakquise in Berlin bislang kein glückliches Händchen hatte, recht. Er sagt: "Der Montag ist das Entscheidende, das ist für mich wichtig. Ab Dienstag kann man mich gern zu anderen Themen fragen." Sie werden kommen. Die Themen - und die Fragen.

Steffen Rohr

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