2. Bundesliga

Viermal 42: HSV, Fürth, Bochum und Kiel im kicker-Check

Noch nie dagewesene Konstellation - Direkte Duelle am 24. Spieltag

Viermal 42: HSV, Fürth, Bochum und Kiel im kicker-Check

Gleichauf: Vier Teams gehen punktgleich in den Aufstiegskampf.

Gleichauf: Vier Teams gehen punktgleich in den Aufstiegskampf. kicker

Sie hat schon viel gesehen, die 2. Liga: zum Beispiel eine unfassbar enge Tabelle, so dass Klubs sowohl vom Aufstieg träumen durften und trotzdem sorgenvoll die Abstiegszone im Blick haben mussten. Doch durch den Fürther Sieg am Montagabend über Kiel hat sich im Unterhaus mal wieder was Einzigartiges ergeben: Noch nie lagen nach dem 22. Spieltag wie derzeit mit dem HSV, Fürth, Bochum und Kiel vier Teams punktgleich an der Spitze. Grund genug, die Teams genauer unter die Lupe zu nehmen.

Hamburger SV: Einen Grund zur Sorge gibt es

Beim Hamburger SV lief vieles wie immer, seit der einst stolze Verein Zweitligist ist: Über weite Strecken der Spielzeit führt er die Liga an, bis es dann auf die Zielgerade geht. Die ist auch jetzt langsam in Sichtweite, wird mit den Krachern gegen St. Pauli, Kiel und Bochum eingeleitet - und pünktlich dazu bleibt die Elf von Daniel Thioune dreimal sieglos, enttäuscht zudem beim Letzten Würzburg mit 2:3 auf ganzer Linie. Bleibt tatsächlich alles wie immer?

2. Bundesliga - 23. Spieltag
2. Bundesliga - Tabelle
Pl. Verein Punkte
1
VfL Bochum VfL Bochum
45
2
Holstein Kiel Holstein Kiel
45
3
SpVgg Greuther Fürth SpVgg Greuther Fürth
43
VfL Bochum - Vereinsdaten
VfL Bochum

Gründungsdatum

14.04.1938

Vereinsfarben

Blau-Weiß

Hamburger SV - Vereinsdaten
Hamburger SV

Gründungsdatum

29.09.1887

Vereinsfarben

Blau-Weiß-Schwarz

SpVgg Greuther Fürth - Vereinsdaten
SpVgg Greuther Fürth

Gründungsdatum

23.09.1903

Vereinsfarben

Weiß-Grün

Holstein Kiel - Vereinsdaten
Holstein Kiel

Gründungsdatum

07.10.1900

Vereinsfarben

Blau-Weiß-Rot

Die Niederlage in Würzburg muss schnell verdaut werden: Dem HSV steht das Stadtderby ins Haus.

Die Niederlage in Würzburg muss schnell verdaut werden: Dem HSV steht das Stadtderby ins Haus. imago imges

Die sportlich Verantwortlichen um Thioune und Sportdirektor Michael Mutzel widersprechen entschlossen. Der Coach streicht die bis zum vergangenen Sonntag elf Partien ohne Niederlage heraus: "Die Mannschaft hat mir da viel Freude bereitet." Und Mutzel betont, er sehe "eine klare Entwicklung". Unstrittig ist: Zumindest bis Würzburg machte der HSV einen deutlich stabileren Eindruck als in den ersten beiden Zweitligaspielzeiten. Der Klub zitterte sich nicht in diese nun beginnende entscheidende Phase wie unter Hannes Wolf, als viele knappe und glückliche Siege kaschierten, dass die Entwicklung in die falsche Richtung ging. Und er blieb auch nicht in erster Linie durch die Patzer der Konkurrenz im Rennen wie im Vorjahr lange unter Dieter Hecking.

Und doch gibt es auch Grund zur Sorge: Das rustikale und stabile Innenverteidiger-Bollwerk ist durch Toni Leistners Muskelbündelriss gesprengt, Youngster Stephan Ambrosius litt zuletzt sichtbar unter dem Fehlen des Abwehrchefs. Moritz Heyer bräuchte der Trainer zudem eigentlich gleich zweimal: Zum einen als Leistner-Ersatz und zum anderen vor der Abwehr, wo Klaus Gjasula nach Innenbandriss im Knie ums Comeback kämpft.

Beide Routiniers haben seit ihrer Verpflichtung im Sommer zwar selten brilliert, waren dafür aber auch nicht geholt worden. Sie sollten Widerstandsfähigkeit einbringen, wenn diese in entscheidenden Phasen nötig ist. Diese Phase beginnt am kommenden Montag mit dem Stadt-Derby auf St. Pauli - mit der Pleite von Würzburg als Hypothek im Rücken. Und ohne zwei Anführer.

SpVgg Greuther Fürth: Wir-Gefühl gepaart mit spielerischer Klasse

Wir-Gefühl gepaart mit der spielerischen Klasse: Die Stimmung stimmt bei den Fürthern.

Wir-Gefühl gepaart mit der spielerischen Klasse: Die Stimmung stimmt bei den Fürthern. imago images

Die SpVgg Greuther Fürth als ernsthafter Aufstiegsanwärter? Eher nein, zu groß schien der Verlust der Eckpfeiler Marco Caligiuri (Karriereende), Maximilian Wittek (Vitesse Arnhem) und Daniel Keita-Ruel (SV Sandhausen). Andererseits blieb das Gebilde sonst zusammen, sodass die Spielvereinigung ihre Entwicklung fortsetzen konnte, die sie seit dem Amtsantritt von Trainer Stefan Leitl im Februar 2019 begonnen hatte.

Und wie! War das spielerische Potenzial der Franken schon in der Vorsaison (Platz 9) immer wieder erkennbar, hat Leitl das Team inzwischen zu einer der spielstärksten und attraktivsten Mannschaften im Unterhaus geformt. Aggressiv, passsicher, kombinationsfreudig und torgefährlich - Partien der SpVgg bieten in der Regel hohen Unterhaltungswert. Was für die Weiterentwicklung des gesamten Teams gilt, trifft auch auf viele einzelne Spieler zu. Siehe David Raum: Das vom Flügelspieler zum Linksverteidiger umgeschulte Eigengewächs - ab Sommer bei der TSG Hoffenheim unter Vertrag - besticht dank seiner früheren Rolle mit enormem Offensivdrang (schon elf Assists) und agiert inzwischen auch defensiv immer zuverlässiger. Siehe aber auch die Achter Paul Seguin und Julian Green sowie Zehner Sebastian Ernst: Das Trio hat im Spiel der Spielvereinigung noch mal an Bedeutung gewonnen - auch in Sachen Torgefährlichkeit (zusammen 18 Liga-Tore).

Dass der Rest der Truppe es - wie nun beim 2:1 gegen Kiel - schafft, selbst den Ausfall dieses "Herzstücks der Mannschaft" (Leitl) zu verkraften, spricht für das Kollektiv und die mannschaftliche Geschlossenheit. "Die Jungs zeigen eine wahnsinnige Einstellung, eine Begeisterung und Identifikation mit dem Verein. Ich habe es selten gesehen, dass sich Spieler so mit dem Verein identifizieren", lobt Leitl überschwänglich. Allein, auf Dauer kann Fürth solche Führungsspieler nicht ersetzen.

VfL Bochum: Trainer Reis ist rigoros und konsequent

Thomas Reis

Konsequenter Trainer in Bochum: Thomas Reis. imago image

Nicht alle dürften sich mehr daran erinnern, dass die Bochumer "die Unabsteigbaren" genannt wurden. Wie auch, der VfL steckt schließlich bereits inmitten seiner elften Zweitliga-Saison am Stück - längst hatte man den Stempel "unaufsteigbar". Das sollte sich vor dieser Saison ändern.

Das begann bei Sportvorstand Sebastian Schindzielorz, der im Sommer die gedanklich bereits verabschiedeten wichtigen Defensivstützen Danilo Soares und Vassilis Lampropoulos halten konnte. Und dies setzte sich vor allem mit Trainer Thomas Reis fort, der im September 2019 als Novize ein als launisch verschrieenes Team übernahm und ihm sukzessive die Defensivflausen austrieb. Der inoffizielle Titel des "Corona-Meisters" am Ende der vergangenen Saison kam jedenfalls nicht von ungefähr.

So gesehen ist es auch alles andere als eine Überraschung, dass der VfL nun dort steht, wo er steht. Allerdings drohte der VfL zwischenzeitlich wieder zum Schönspieler zu werden, der zur Selbstzufriedenheit neigt. Als Reis erste Tendenzen ausmachte, griff er rigoros durch. Und so fand sich aufgrund schwacher Trainings- und Spielleistungen die offensive Künstlerfraktion Robert Zulj und Danny Blum auf der Tribüne wieder. Andererseits war Reis auch keineswegs nachtragend. Als er sah, dass sich die beiden nicht in den Schmollwinkel zurückzogen, war ihr Weg zurück gesichert.

Fakt ist, dass der VfL es im Laufe der Spielzeit lernte, gerade die engen Spiele auf seine Seite zu drehen - oder auf Niederlagen prompt adäquat zu antworten. Nach dem schwachen Auftritt beim 0:1 in Aue kommt es nun auf die Reaktion gegen Würzburg an - und die hat die Reis-Elf zuletzt immer geliefert.

Holstein Kiel: Erfolge im Pokal sind eine Hypothek im Aufstiegskampf

Der eine oder andere Experte nannte Holstein Kiel schon im Sommer als Anwärter für den Titel "Überraschungsmannschaft" - wirklich verwunderlich ist der Höhenflug der Störche nicht, sondern vielmehr das Resultat eines stetigen Wachstums. Und des Muts, vor dieser Spielzeit auch mal "Nein" zu sagen.

Mit großem Ehrgeiz auf dem Platz: Der Kieler Fin Bartels

Mit großem Ehrgeiz auf dem Platz: Der Kieler Fin Bartels. imago images

Nach der ersten Zweitliga-Saison, die 2018 sensationell mit Platz drei und der Relegation endete, waren Trainer Markus Anfang, Sportchef Ralf Becker und Eckpfeiler wie Marvin Ducksch, Dominick Drexler und Rafael Czichos nicht zu halten; nach der zweiten Saison machte mit Tim Walter erneut ein Trainer den persönlichen Karrieresprung und wechselte zum VfB Stuttgart. Vor dieser Saison aber blieben mit Sportchef Uwe Stöver und Trainer Ole Werner nicht nur die Verantwortungsträger, sondern auch die Top-Spieler Jae-Sung Lee und Janni Serra, die beide einen Vertrag bis zum 31. Juni 2021 haben. Bei beiden Profis verzichteten die Verantwortlichen auf eine Ablöse, um sich sportlich nicht allzu sehr zu schwächen - und wenn das auch bedeutet, dass beide Spieler am Saisonende ablösefrei gehen.

"Unser Gerüst", sagt Werner, "ist zusammengeblieben, dazu haben unsere Neulinge ausnahmslos sportlich und charakterlich eingeschlagen." Allen voran Fin Bartels, der Heimkehrer, der sich im Spätherbst seiner Karriere mit nun 34 Jahren den Traum erfüllt, bei seinem Jugendverein auch die Karriere zu beenden. Und das mit großem Ehrgeiz: "Ich bin nicht nur hier, um noch ein bisschen zu kicken."

Wieviel am Ende dabei herauskommt, hängt auch von der Personalsituation ab. Kommenden Mittwoch kämpft Kiel in Essen um das DFB-Pokal-Halbfinale. "Die Erfolge im Pokal sind historisch, wir wollen sie gegen nichts eintauschen", sagt der Coach, "aber natürlich kosten sie zusätzlich Kraft." Das macht sich schon jetzt bemerkbar: Nach Mittelstürmer Serra (Muskelfaserriss) erlitt nun Innenverteidiger Stefan Thesker einen Teilanriss der Achillessehne - das wohl vorzeitige Saisonende und in Summe mit dem Serra-Ausfall eine Hypothek im Aufstiegskampf.

Die Prognose

Die Frage, welche beiden es direkt schaffen, wer den bitteren, aber zumindest nicht chancenlosen Umweg Relegation nehmen muss und wer am Ende auf den viel zitierten undankbaren 4. Platz landet, darf zum Schluss nicht fehlen. Nur konkret beantworten? Sorry, das hat in dieser Konstellation etwas von einem Casino-Besuch inklusive alles auf Schwarz. Fakt ist, dass der HSV von außen betrachtet den meisten Druck hat, die SpVgg aus Fürth den geringsten. Hoch wollen alle vier, das ist klar. Nur, was sagt das aus?

Eine Antwort über Druck und sportliche Klasse liefert der übernächste Spieltag. Am Samstag heißt es Fürth gegen Bochum, am Montag HSV gegen Kiel.

Christian Biechele, Fabian Istel