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DFL-Geschäftsführer: "Wir haben nichts zu verstecken"

Vor Abstimmung über Milliarden-Partner am Montag

DFL-Geschäftsführer im Interview: "Die roten Linien müssen stehen"

Brauchen am Montag 24 Ja-Stimmen: Steffen Merkel und Marc Lenz.

Brauchen am Montag 24 Ja-Stimmen: Steffen Merkel und Marc Lenz. IMAGO/Sven Simon

Herr Lenz, Herr Merkel, was ist Ihre Vision für Bundesliga und 2. Liga, wie lautet Ihre Zielsetzung?

Marc Lenz: Beides sind Top-Ligen in Europa - und unser Ziel ist es, gemeinsam mit den Klubs sicherzustellen, dass wir sportlich attraktiv und wirtschaftlich konkurrenzfähig bleiben, mit finanziell stabilen Klubs und mit einer tiefen gesellschaftlichen Verankerung. Dazu sind zwei übergeordnete Aspekte relevant: eine gesunde wirtschaftliche Weiterentwicklung und eine bessere Regulierung von internationalen Fehlentwicklungen mit Blick auf Kaderkosten, Defizite, Verschuldung und Eigentümerzuwendungen sowie -strukturen.

Am Montag stimmen die DFL-Mitglieder darüber ab, ob Sie in Verhandlungen mit einem strategischen Partner treten dürfen. Ich nehme an, Sie rechnen mit einem Ja?

Steffen Merkel: Wir haben sehr viele Gespräche mit allen Vereinen geführt und sehen ein positives Stimmungsbild als Grundlage für die Diskussion und Abstimmung. Jeder konnte seine Sicht kundtun und alle Fragen stellen. Wir sind diesen Prozess mit hoher Transparenz angegangen, und ich habe den Eindruck, das hat den einen oder anderen Vorbehalt ausräumen können.

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Im Sommer scheiterte ein größer angelegter Deal, aller Transparenz zum Trotz gibt es bereits Klubs, die ihr Nein kommuniziert haben. Warum sollte nun die nötige Zweidrittelmehrheit zusammenkommen?

Lenz: Alle Klubs teilen die Ansicht, dass eine Weiterentwicklung notwendig ist und wir dafür investieren müssen. Daraus folgt die Frage nach der Finanzierung dieser Investitionen. Wir haben Optionen aufgezeigt und die Eckpunkte des Lizenzmodells überarbeitet, Kritikpunkte berücksichtigt und verstärkt herausgearbeitet, warum wir Vorteile in einer strategischen Partnerschaft sehen. Ein Partner würde Kapital und Mehrwerte einbringen, und das Modell sichert hoheitliche Rechte der Liga zum Beispiel im sportlichen Bereich vollständig ab, zieht klare rote Linien und würde einem Partner nur limitierte Mitspracherechte im wirtschaftlichen Bereich geben. Das ist ungewöhnlich für Private-Equity- Unternehmen. Akzeptiert ein möglicher Partner die roten Linien nicht, ist er nicht der Richtige für uns.

Inwiefern wurden diese Linien im Vergleich zum Sommer nachgeschärft - oder ging es einfach stärker um Transparenz in der Kommunikation?

Merkel: In vielerlei Hinsicht ging es um Transparenz in der Kommunikation. Ein wichtiger Punkt war die Frage, wo ein Partner mitredet oder ein Veto hat. Dazu gab es noch das eine oder andere Fragezeichen, daher haben wir auch die Liste der Eckpunkte - inklusive aller Rechte - Anfang November in zwei Klubtreffen vollständig offengelegt. Da geht es um Fragen wie: Hat der Partner Rechte in Bezug auf Anstoßzeiten, den Wettbewerbsmodus oder Spielverlegungen ins Ausland? Natürlich nicht! Dazu kann jeder, den es interessiert, auch sehr viel auf unserer Website nachlesen. Wir haben nichts zu verstecken.

Lenz: Zudem war eine Sorge aus dem Sommer die Beeinflussung der Wettbewerbsposition Einzelner durch direkte Ausschüttung von Investitionskapital an Klubs. Daher fokussieren wir uns jetzt klar auf DFL-Investitionen zur Stärkung der Zentralvermarktung, des Medienprodukts, der Digitalisierung und der Internationalisierung. Unser mögliches Verhandlungsmandat bewegt sich zudem im Rahmen eindeutiger Eckpunkte, die transparent dargelegt sind. Will ein Partner innerhalb der Eckpunkte nicht verhandeln, brauchen wir nicht weiterzusprechen.

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Wie erklären Sie sich dennoch die Skepsis vor allem der organisierten Fans?

Merkel: Wir haben Gespräche mit Vertretern unterschiedlicher Fanorganisationen geführt und nehmen die Rückmeldung selbstverständlich sehr ernst. Viele Kritikpunkte berücksichtigen wir beispielsweise durch die roten Linien. Gleichzeitig müssen wir als DFL-Geschäftsführer das Gesamtsystem im Auge behalten und die Liga wettbewerbsfähig aufstellen. Unsere Aufgabe ist es, Optionen anzubieten - nicht zum Selbstzweck, sondern im Sinne von 36 Klubs, die von uns eben genau das erwarten und erwarten dürfen: dass wir Möglichkeiten zur Weiterentwicklung prüfen und dass wir aufzeigen, welche Wege wir gemeinsam gehen können.

Sehen Sie die Gefahr, dass der Investor beim Verfehlen des Businessplans über das Nachverhandlungsrecht die viel zitierten Daumenschrauben auspackt?

Lenz: Nein. Bei negativer Abweichung von unseren Zielen der Geschäftsentwicklung kann ein Partner die Umsetzung angemessener Abhilfemaßnahmen verlangen. Die Mitsprache ist aber auf den wirtschaftlichen Bereich beschränkt und nie mit Zugriff auf den sportlichen Bereich verbunden. Zudem behalten die Klubs in allen relevanten Gremien klare Mehrheiten und damit auch die Entscheidungshoheit.

Merkel: Viele dieser Abhilfemaßnahmen wären auch eher technischer Natur. Wenn wir in Jahr fünf feststellen sollten, dass Ziele deutlich verfehlt werden, kann nicht plötzlich durch einen Partner entschieden werden, dass wir zum Beispiel Pflichtspiele im Ausland austragen müssen und damit die viel zitierten roten Linien überschreiten. Sondern da geht es zum Beispiel um eine Intensivierung der Marketingmaßnahmen und Ähnliches.

Lenz: Die roten Linien müssen und werden über die Laufzeit von 20 Jahren stehen: Liga und Klubs werden das Heft des Handels stets in der Hand behalten. Das Nachverhandlungsrecht gilt für außergewöhnliche und unerwartete Entwicklungen, die die grundsätzlichen Voraussetzungen der Partnerschaft vollständig verändern würden, zum Beispiel ein Verbot der Zentralvermarktung. In solchen Fällen wäre es legitim, gemeinsam Änderungen zu besprechen.

Alles liegt fast bis zum letzten Euro aufgeschlüsselt vor.

Dr. Steffen Merkel, DFL-Geschäftsführer

Was konkret soll mit den 600 Millionen Euro an Investition in das Geschäftsmodell passieren?

Lenz: Die öffentliche Wahrnehmung konzentrierte sich zuletzt vor allem auf eine mögliche Streaming-Plattform, die aber nur eine von circa 20 anvisierten Maßnahmen darstellt. Die Investitionen sind ausgewogen vorgesehen: ein Drittel für die Stärkung des nationalen Medienprodukts, ein Drittel für digitale Entwicklung und ein Drittel für internationale Maßnahmen.

Merkel: Wir befassen uns zum Beispiel damit, wie die mediale Übertragung für unsere Medienpartner durch neue Formate und Angebote weiter verbessert werden kann. Ein großer Punkt sind auch zusätzliche Investitionen in Rechteschutz und damit, gerade auch in Deutschland, gegen digitale Piraterie und illegale Livestreams. Und: Wir müssen den internationalen Vertrieb ausweiten. Das geht zum einen über mehr Präsenz vor Ort als aktuell durch die Büros in New York, Peking und Singapur, und zum anderen über spezielle Formate. Das ideale Medienprodukt für den US-Markt sieht anders aus als das für Japan, weil die Fans dort ihre jeweiligen Nationalspieler sehen wollen. Zudem brauchen wir eine zentrale und weiterentwickelte Lösung für die virtuelle Überblendung von LED-Banden, damit die Klubs zielmarktspezifische Werbung besser ausspielen können. Alles liegt den Klubs en detail fast bis zum letzten Euro aufgeschlüsselt vor.

Provokant gefragt: Hat die Liga, wenn man zum Beispiel die Premier League als Vergleich sieht, mit Blick auf den internationalen Vertrieb in den letzten zehn Jahren geschlafen?

Merkel: Die Premier League hat einige Strukturvorteile, denken Sie allein an die Sprache, daher würde ich nicht sagen, dass wir geschlafen haben. Die Engländer haben bereits vor 15 Jahren dank ihres national starken Pay-TV-Markts deutlich mehr Geld eingenommen und international investieren können, während wir hierzulande nach der Kirch-Krise noch mit dem Rücken zur Wand standen. Das lässt sich auf den aktuellen Prozess übertragen: Nach der COVID-Krise transformieren sich Märkte, sodass wir jetzt investieren müssen, um für die Zukunft gerüstet zu sein.

Wir stehen für eine Zukunft des Fußballs mit der 50+1-Regel.

Dr. Marc Lenz, DFL-Geschäftsführer

Lenz: Das gilt auch für die Klubs. Durch ihre Eigentümerstruktur mit Investoren und deren Netzwerke haben die Premier-League-Vereine ganz andere Zugänge, zum Beispiel in der Internationalisierung. Und das soll bitte nicht falsch verstanden werden: Auch wir als DFL-Geschäftsführung stehen klar für eine Zukunft des deutschen Fußballs mit der 50+1-Regel. Eine strategische Partnerschaft auf Liga-Ebene soll ja gerade die notwendigen, langfristig ausgerichteten Investitionen ermöglichen und zusätzliche Mehrwerte für die Zentralvermarktung einbringen - ohne dafür Anteile zu verkaufen, sondern lediglich durch eine Beteiligung eines Partners an den Lizenzerlösen in Höhe von maximal acht Prozent. Die Absichten von 50+1 werden so auch auf Liga-Ebene gewahrt.

Kritiker wie Kölns Vize-Präsident Eckhard Sauren sagen, jene 600 Millionen Euro ließen sich auch über eine Binnenfinanzierung erlösen und dass diese Optionen nicht genug geprüft wurden. Was entgegnen Sie diesen?

Lenz: 36 Klubs heißt: 36 unterschiedliche Strategien, Gremien und finanzielle Voraussetzungen. Fakt ist: Wir, inklusive der DFL-Gremien, der früheren AG Zukunftsszenarien mit mehreren Klub-Vertretern und der prozessbegleitenden Banken, haben uns mit verschiedenen Modellen befasst und zuletzt erneut mehrere Optionen und die jeweiligen Konsequenzen in den Klubgesprächen thematisiert. Wenn ein Verein im individuellen Gesamtkontext eine andere Lösung bevorzugt, zum Beispiel die Binnenfinanzierung, dann ist das zu akzeptieren - der Vorwurf der angeblich unzu- reichenden Befassung aber nicht.

Merkel: Eine Binnenfinanzierung würde deutlich höhere Abgaben der Klubs an die DFL bedeuten. Das würde die finanziellen Mittel aller Vereine reduzieren, also die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten beschränken und im Endeffekt womöglich auch die Wettbewerbsfähigkeit reduzieren. Das haben wir in den Klubtreffen dargelegt. Und aus unseren Gesprächen haben wir nicht den Eindruck, dass ein solches Modell zum aktuellen Zeitpunkt mehrheitsfähig wäre.

Neben der wirtschaftlichen Weiterentwicklung hatten Sie auf das Thema internationale Regulatorik verwiesen. Wo stehen Sie in dieser Hinsicht?

Lenz: Definitiv sind die regulatorischen Rahmenbedingungen ein zentrales Thema zur Wahrung der Stabilität und unserer Wettbewerbsfähigkeit. Zudem gilt es, das europäische Sportmodell, mit den nationalen Ligen als Rückgrat, abzusichern. Wir sind in guten Gesprächen und haben bereits konkrete Vorschläge zu zusätzlicher internationaler Regulierung und insbesondere einer absoluten Kostenobergrenze eingereicht. Internationale Fehlentwicklungen müssen gemeinsam mit der UEFA als starkem europäischen Dachverband angegangen werden - im Interesse des gesamten europäischen Fußballs und insbesondere auch für eine positive Zukunft finanziell vernünftiger Ligen und Klubs. Für die Bundesliga und 2. Bundesliga ist dieses Thema neben einer gesunden wirtschaftlichen Weiterentwicklung von entscheidender Bedeutung.

Dieses Interview erschien erstmals am 7. Dezember in der Print-Ausgabe des kicker - abrufbar auch im eMagazine.

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