DTM

Audi steigt aus - das Ende der DTM

Vorstand beendet das Tourenwagenprogramm

Audi steigt aus - das Ende der DTM

Schon bald ein Bild der Vergangenheit? Ein Rennen der DTM.

Schon bald ein Bild der Vergangenheit? Ein Rennen der DTM. imago images

Noch am Vormittag hätte kaum jemand einen solch radikalen Schritt für den heutigen Tag erwartet, lief doch bei Facebook ein von der Audi-Presseabteilung verschicktes nettes Filmchen mit dem Schweizer Werksfahrer Nico Müller, in dem der seine Heimat in prachtvollen Bildern vorstellte. Heile Welt - innerhalb von Stunden lag sie in Trümmern. Am frühen Nachmittag wurden die Fahrer und Teams über den Schritt unterrichtet.

In der Erklärung von Audi heißt es wörtlich: "Auf seinem Weg zum Anbieter bilanziell CO2-neutraler Premiummobilität richtet Audi das Motorsport-Programm der Marke neu aus: Ihr Engagement in der Tourenwagen-Rennserie DTM werden die Vier Ringe nicht über die Saison 2020 hinaus verlängern. Dies hat der Vorstand der AUDI AG auch vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Herausforderungen infolge der Corona-Pandemie beschlossen und der Internationalen Tourenwagenrennen e.V. (dem DTM-Ausrichter ITR, die Red,) an diesem Montag mitgeteilt."

Einmal bereits brachte Audi mit seinem überraschenden Ausstieg 1992 die DTM an den Rand ihrer Existenzfähigkeit, diesmal besiegelt die Marke ihn nun, denn niemand vermag sich vorzustellen, wie es zu einer Wiederaufnahme kommen sollte.

Fortsetzung der DTM nur noch eine Utopie

Nach dem Ende des Engagements von Mercedes im Dezember 2017 und dem von Aston Martin erst Ende des Jahres 2019 waren für 2020 gemeinsam mit BMW ohnehin nur zwei Marken übriggeblieben, die sich auf ein Übergangsjahr einigten und unter Führung von DTM-Boss Gerhard Berger darauf hofften, schon bald mit der japanischen Tourenwagenszene gemeinsam Rennen auszutragen. Doch ohne Audi dürfte dies eine Utopie bleiben.

In eine völlig ungewisse Zukunft gehen die vier Einsatzteams, die bislang das Feld der acht Werks-Audi RS5 DTM an die Rennstrecke brachten: Team Abt aus Kempten, das Rosberg-Team aus Neustadt an der Weinstraße, Team Phoenix aus der Eifel und die in Belgien ansässige Truppe von WRT. Auch die drei BMW-Teams gehen als Folge höchst ungewissen Zeiten entgegen. Beide bayerischen Edelmarken, dazu auch Mercedes, setzen derzeit ihren motorsportlichen Schwerpunkt in der elektrisch betriebenen Formel E. Sie gehört zu den wenigen Motorsportdisziplinen, die sich in diesen Tagen politisch noch vertreten lassen.

Wer aber ist der Mann, der den Ausstieg jetzt plötzlich vorantrieb und durchzog?

Vorstandsvorsitztender Markus Duismann (50) kam erst zum 1. April des Jahres nach Ingolstadt und übernahm dort in der für die Autoindustrie denkbar ungünstigsten Phase seit der Ölkrise Anfang der 1970er Jahre einen wankenden Konzern, dem er gleich einmal eine verlängerte Kurzarbeit bis 10. Mai verpasste. In solchen Zeiten lassen sich hohe Motosportbudgets kaum oder gar nicht begründen. Rund 60 Millionen Euro verschlingt der DTM-Werkeinsatz pro Saison.

Dabei gilt Duismann eigentlich als echter Befürworter des Motorsports. Beim Großen Preis von Belgien 1992 erlebte er Michael Schumachers zweiten Karriere-Sieg in der Formel 1 vor Ort mit, war bei seinem ersten Besuch der Königsklasse beeindruckt vom Lärm der Motoren und beschloss, so zumindest laut eigener Darstellung, ab diesem Moment eine Tätigkeit in der Formel 1 anzustreben. Die erreichte er tatsächlich als Entwicklungsleiter Formel 1 bei Mercedes, das zu dieser Zeit lediglich als Motorenausrüster (McLaren) aktiv war. 2007 wechselte er innerhalb der Formel 1 zu BMW-Sauber. Bereits mit 26 Jahren hatte er ein eigenes Motorsportteam gegründet.

Eine Erfolgsgeschichte endet

Audi ist der nach Mercedes zweiterfolgreichste Hersteller der DTM, deren Geschichte bis ins Jahr 1984 zurückreicht. 114 Rennen beendete die Marke mit den vier Ringen siegreich, fünfmal ging die erst 2009 eingeführte Herstellerwertung an Audi. Im vergangenen Jahr waren die Ingolstädter so drückend überlegen, dass sie mit René Rast nicht nur den Fahrertitel, sondern auch die Herstellerwertung mit mehr als der doppelten Anzahl an Punkten gegenüber BMW gewannen und die ersten drei Plätze der Teamwertung belegten.

DTM-Boss Gerhard Berger war der Schock spürbar anzumerken: "Heute ist ein schwieriger Tag für den Motorsport in Deutschland und Europa. Ich bedaure die Entscheidung von Audi, sich 2021 aus der DTM zurückzuziehen, außerordentlich. Nun ist die Situation zusätzlich verschärft, und die Zukunft der DTM wird sehr stark davon abhängen, wie die Partner und Sponsoren auf diese Entscheidung reagieren. Umso mehr erwarte ich mir jetzt von Audi eine ordnungsgemäße, verantwortungsvolle und partnerschaftliche Abwicklung des geplanten Ausstiegs."

Stefan Bomhard