Bundesliga

"Klopp will keine weiten Einwürfe": Einwurftrainer Grönnemark im Interview

Liverpools Spezialtrainer über seinen Job und die besten Einwerfer

"Klopp will keine weiten Einwürfe": Einwurftrainer Grönnemark im Interview

Trent Alexander-Arnold

Ein echter Spezialist bei den Reds: Trent Alexander-Arnold. imago images

Katar, Spanien, Florida, Niederlande, England - allein durch all die Trainingslager kam Thomas Grönnemark in diesem Jahr schon viel herum. Der Däne ist weltweit der einzige Trainer, der sich ausschließlich mit Einwürfen beschäftigt, unter anderem arbeitet er für Jürgen Klopp beim FC Liverpool, für Ajax Amsterdam, KAA Gent aus Belgien und "für ein paar Vereine, die aber geheim sind", dazu hält er Vorträge über sein Lieblingsthema. In Deutschland hatte Grönnemark bisher erst einen Auftrag.

Herr Grönnemark, kennen Sie Uwe Reinders?

Das war ein großgewachsener Deutscher bei Bremen, der weite Einwürfe konnte, oder?

Genau. Den berühmtesten davon lenkte sich Bayern-Keeper Jean-Marie Pfaff 1982 ins eigene Tor.

Dann hat Reinders wohl die richtige Technik gehabt.

Ist die denn für weite Würfe wichtiger als Kraft?

Technik ist das A und O. Manche Spieler haben so große Muskeln, dass sie nicht mehr beweglich genug sind und nur kurz werfen können.

Was macht einen guten Einwurf aus?

Das kommt auf die Situation an. Egal, ob schnell, weit oder präzise: Ein Erfolg ist es immer, wenn man den Ball trotz Gegnerdrucks in den eigenen Reihen behält. Da wird oft viel dem Zufall überlassen.

Ich war gerade mit meiner Familie auf dem Weg zu einem Geschäft für Schokolade, da hatte ich plötzlich Klopp am Apparat.

Thomas Grönnemark

Sie waren selbst Fußballer, Leichtathlet und Anschieber beim Bob - wie kamen Sie auf Einwürfe?

Ich konnte früher ziemlich weit einwerfen, und irgendwann habe ich mir gedacht: Wenn ich es kann, warum dann nicht andere auch? Aber es gab kein Trainingsmaterial dazu, also habe ich es mir selbst erarbeitet.

Und so wurden Sie Einwurftrainer?

Genau. Am Anfang ging es nur um weite Würfe, aber die helfen wenig, wenn man nicht im Angriffsdrittel ist. Deshalb kamen mit der Zeit immer mehr Varianten hinzu - und auch Auftraggeber, ich bin ja freiberuflicher Trainer. Es ging los 2004 in Dänemark bei Viborg FF, dann kam bald der FC Midtjylland hinzu.

"Es gab ein paar Artikel darüber, einen davon hat Jürgen Klopp gelesen"

Und 2018 schließlich der FC Liverpool. Wie kam das?

Damals holte Mönchengladbach Andreas Poulsen aus Midtjylland, und ich schrieb auf Twitter, dass ich stolz sei, weil sich Poulsen bei Einwürfen um 14 Meter verbessert hatte. Es gab ein paar Artikel darüber, einen davon hat Jürgen Klopp gelesen.

Also rief er Sie an.

Ich war gerade mit meiner Familie auf dem Weg zu einem Geschäft für Schokolade, da hatte ich plötzlich Klopp am Apparat. Er lud mich ein ins Trainingszentrum nach Melwood, so begann für mich das Abenteuer.

Wie reagierten die Spieler auf einen Einwurftrainer?

Natürlich sind viele erst mal skeptisch. Aber das legt sich schnell. Eine Analyse hatte ergeben, dass Liverpool in der Saison 2017/18 nach Einwürfen unter Druck nur rund 45 Prozent Ballbesitz hatte, das war Platz 18 in der Premier League - und hat Klopp natürlich nicht gefallen.

Nach einem Jahr Training waren wir auf Platz 1 in England

Und jetzt?

Nach einem Jahr Training waren wir bei 68 Prozent und auf Platz 1 in England. Diese Saison dürfte es ähnlich sein oder sogar noch höher. In Europa war Liverpool zuletzt Zweiter, hinter Midtjylland.

Bekamen Sie nach dem Triumph in der Champions League eine Prämie?

Sorry, das ist geheim.

Wie oft sind Sie in Liverpool?

Ungefähr einmal pro Monat, meistens drei Tage am Stück. Dazu analysiere ich von daheim alle Spiele und schicke die Auswertung an Klopp und sein Team.

Wer ist Liverpools bester Einwerfer?

Joe Gomez wirft am weitesten, inzwischen über 37 Meter, also von der Seitenlinie bis zum Elfmeterpunkt. Wirklich die Besten aber sind Trent Alexander-Arnold und Andy Robertson. Sie werfen sehr präzise und haben ein immenses Verständnis für Räume und die Situation.

Worauf kommt es dabei an?

Manchmal ist es gar nicht gut, schnell einzuwerfen, etwa wenn die Kollegen sehr hoch stehen und man doch Gefahr läuft, den Ball zu verlieren.

Sind Einwürfe besonders wichtig für Außenverteidiger?

Pro Match hat jedes Team 40 bis 60 Einwürfe, die meisten davon nehmen die Außenverteidiger. In Liverpool sind es sechs oder sieben Spieler, die normalerweise werfen. Wenn es schnell gehen muss, ist derjenige gefragt, der am nächsten steht, und auch der sollte kompetent sein.

Man sieht Gomez bei Liverpool selten wirklich weit werfen.

Klopp will keine weiten Einwürfe, sondern sie sollen schnell und klug sein. Auch bei Ajax trainieren wir fast nie Würfe, die wie Flanken vors Tor kommen. Es muss zur jeweiligen Spielweise des Vereins passen.

Hat ein weiter Einwurf nicht ohnehin den Nachteil, dass er lange in der Luft und deshalb leichter zu verteidigen ist?

Deshalb muss er nicht nur weit, sondern auch flach und scharf sein, das lässt sich trainieren. Zwischen 2015 und 2019 haben wir bei Midtjylland 35 Tore mit Einwurfflanken von Kian Hansen gemacht, ein Typ wie früher Rory Delap bei Stoke City. Aber auch bei ihm ist es hauptsächlich Technik.

Drei Zonen und 40 bis 50 Varianten

Wie läuft Ihr Training auf dem Platz ab?

Ich arbeite mit drei Zonen, unterschiedlich weit weg vom Einwerfer. Dazu kommen 40 bis 50 Varianten. Aber das sind nur Anhaltspunkte, viel wichtiger sind die Kreativität und das Verständnis der Spieler.

Sie trainieren aber nicht nur den Werfer, sondern auch, wie sich die Spieler im Feld postieren sollen.

Natürlich. Und auch, wie man verteidigt, wenn der Gegner einwirft. Manche Formen sind mit elf gegen elf über das ganze Spielfeld, bei anderen reichen drei Spieler.

Wie schnell erzielen Sie eine Wirkung?

Kommt darauf an, wie oft ich vor Ort bin. Die meisten Spieler verbessern sich mit dem Training um fünf bis zehn Meter, das heißt, sie können eine viel größere Fläche mit ihren Einwürfen abdecken, was neue Optionen ermöglicht. In dieser Saison hat Liverpool 13 Tore erzielt, deren Ursprung ein Einwurf war, darunter die Siegtore gegen Tottenham und Wolverhampton. Das macht schon stolz.

Und was sagen die Spieler heute?

Sie lieben es vor allem, wenn hin und wieder gemessen wird. Sonst ist ja nie klar, wie gut das Tackling ist oder der weite Pass. Hier hat man am Ende eine Zahl, das ist für sie durchaus besonders. Wir sorgen schon dafür, dass es nicht langweilig wird.

Wie wichtig sind reaktionsschnelle Ballkinder? Siehe Tottenhams Tor im Herbst gegen Piräus.

Klar, auf die kommt es auch immer mit an, aber wir trainieren sie nicht extra. Es reicht, wenn man mit den Kindern vorher spricht, viele sind nervös genug.

Werden Einwürfe trotz allem noch immer unterschätzt?

Mancherorts schon. Die meisten Mannschaften haben noch immer keine oder eine nur sehr simple Einwurfstrategie, wenn sie nicht schnell werfen können. Viele probieren es dann einfach die Linie entlang, aber das geht selten gut und führt zu Gegenstößen.

Wie oft flippen Sie aus, wenn Sie Fußball im Fernsehen schauen?

Ich habe jedenfalls auch in der Champions League noch keinen Verein gesehen, der bei Einwürfen an Liverpool rankommt. Da denke ich mir manchmal schon: Oh, die hätten Training bitter nötig.

Dennoch scheinen Sie inzwischen genug Arbeit zu haben.

Immer mehr Trainer sind heute offener, weil sie wissen, dass es im Profifußball um jedes Detail geht. Und an den Daten kann man ja sehen, dass es wirkt. Der FC Bayern zum Beispiel hatte letztes Jahr im Hinspiel gegen Liverpool nur 28 Prozent Ballbesitz nach Einwürfen unter Druck, Liverpool war mehr als doppelt so gut.

Keine Ahnung, vielleicht bin ich nächstes Jahr bei Tottenham oder Manchester United, als Freiberufler bin ich ja ungebunden.

Thomas Grönnemark

In Deutschland aber haben Sie erst für einen Klub gearbeitet: RB Leipzig.

Ja, vergangene Saison für zwei Trainingstermine. Und da ging es nur um weite Einwürfe, was ich bei deren Spielweise fast ein wenig schade fand, denn sie ähnelt ja durchaus der von Liverpool.

Und wie geht es bei Ihnen weiter?

Keine Ahnung, vielleicht bin ich nächstes Jahr bei Tottenham oder Manchester United, als Freiberufler bin ich ja ungebunden. Es darf nur kein direkter Konkurrent in einer Saison sein, das ist meine Regel. Ich habe deshalb in dieser Saison schon ein Top-Angebot aus England abgelehnt. Aber in Deutschland würde ich mich sehr gern noch beweisen.

Haben Sie inzwischen Konkurrenz als Einwurftrainer?

Ich weiß von niemandem, der es wie ich professionell macht. Aber natürlich erkennen immer mehr das Potenzial, und nun beschäftigen sich einige Co-Trainer mit dem Thema.

Sie standen lange im Guinnessbuch mit 51,33 Metern, aufgestellt 2010.

Ja, bis letztes Jahr. Dann hat mich ein US-Amerikaner überboten, Michael Lewis, mit über 59 Metern, eine unglaubliche Weite! Er hat wie ich damals mit einem Flicflac eingeworfen.

Für Profis wäre das aber nichts?

Nein, lieber nicht. Einige haben es zwar schon probiert, es ist auch eine schöne Unterhaltung, aber die Gefahr für Verletzungen ist viel zu groß.

(Dieses Interview erschien erstmals am 2. März in der Print-Ausgabe des kicker)

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