Bundesliga

In sechs Thesen: Klopp-Co Krawietz erklärt das Pressing

Die Idee hinter der aktiven Balleroberung

In sechs Thesen: Klopp-Co Krawietz erklärt das Pressing

Im Austausch: Peter Krawietz und Jürgen Klopp

Im Austausch: Peter Krawietz und Jürgen Klopp. picture alliance

Gegenpressing. Dieses Spiel- und Stilmittel ist mit der Ankunft von Jürgen Klopp und seinem Trainerteam beim FC Liverpool in den englischen Wortschatz eingezogen. Der kicker hat Peter Krawietz, Klopps Assistent bereits in Mainz und Dortmund, sechs Thesen zum Thema Pressing vorgelegt.

Pressing funktioniert nur gegen technisch schwächere Gegner.

Peter Krawietz: "Zunächst möchte ich folgende Grundüberlegung vorausschicken: Mit Pressing im Allgemeinen umschreiben wir alle gezielten Abwehrmaßnahmen, die die Idee verfolgen, den Ball aktiv erobern zu wollen. Spielt eine Mannschaft Pressing, versucht sie dem Gegner in Ballbesitz Zeit, Raum und Angriffsoptionen systematisch wegzunehmen.

Sie wird also versuchen, das eigene Abwehrverhalten so zu organisieren, dass das gegnerische Angriffsspiel beeinflusst, gelenkt und somit vorhersehbar wird.

Und um auf die These einzugehen: Nein, fast das Gegenteil ist der Fall. Mannschaften, die in der Vorbereitung auf ein Spiel erkennen, dass sie aufgrund des zu erwartenden gegnerischen Pressings Probleme im Kombinationsspiel bekommen, können Ideen entwickeln, die die reine Anzahl der Zugriffsmöglichkeiten minimieren.

Hier in England beispielsweise haben sich einige Teams geradezu darauf spezialisiert, den frühen Gegnerdruck zu vermeiden und dennoch sehr gezielt, systematisch und gefährlich das gegnerische Tor zu attackieren. Das funktioniert zum einen mit schneller Überbrückung von großen Räumen und zum anderen mit großer Zielstrebigkeit und Direktheit im Angriffsabschluss. Der vierte oder fünfte Pass ist schon der Assist zum Torschuss.

Für unsere eigene Herangehensweise gilt: Wenn wir uns auf Ballbesitzgegner vorbereiten, die ihr Spiel wirklich gezielt mit Pass-Stationen nach vorne tragen, wollen wir diese Herausforderung annehmen. Wir werden versuchen, möglichst gut zu pressen und hoch zu verteidigen.

Wir versuchen, den eigenen Organisationsgrad so hochzuhalten, dass wir Selbstbewusstein entwickeln und erkennen: Wir können in den richtigen Räumen gegen jeden Gegner Pressing spielen!"

Pressing kann nicht jeder spielen. Es funktioniert nur mit den entsprechenden Spielern im Team.

Krawietz: "Grundsätzlich denke ich, dass man Pressingmaßnahmen mit jeder Mannschaft ergreifen kann, ergreifen muss. Richtet ein Trainer seine Mannschaft auf einen bestimmten Stil aus, wird er mit Sicherheit auf ein bestimmtes Anforderungsprofil achten müssen. Entscheidet er sich beispielsweise für ein hohes Angriffspressing, also den Versuch, tief in der gegnerischen Hälfte systematisch zunächst den ballbesitzenden Spieler und im nächsten Schritt den ballerwartenden Spieler unter Druck zu setzen, dann erfordert das einen gewissen Organisationsgrad. Dieser definiert sich über die Kompaktheit in der eigenen Mannschaft. Das heißt unter anderem, dass die Mannschaft nachrücken muss, wenn ihre Stürmer vorne pressen. Ein Qualitätsmerkmal ist, dass die Abwehrreihe dann wirklich angemessen hoch im Feld steht. Daraus ergibt sich erstens, dass diese Abwehrspieler taktisch geschickt und mutig sein müssen und zweitens, dass sie über eine gewisse Schnelligkeit verfügen müssen, weil sie natürlich Raum in ihrem Rücken preisgeben und gleichzeitig auf lange Bälle des Gegners vorbereitet sein müssen, sollte diesem die Befreiung gelingen. Das wäre also eine Voraussetzung für Abwehrspieler, weitere sind die Einstellung und die Hartnäckigkeit des gesamten Teams."

Angriffspressing kostet zu viel Kraft. Auf Dauer lässt die eigene Leistung nach.

Krawietz: "Da möchte ich widersprechen. Grundsätzlich ist es zwar stimmig, aber letztendlich sollte es keine konditionelle Frage sein. Sondern: Wie organisiert bin ich? Mit wie viel Willen gehe ich daran, diese Herangehensweise auch wirklich über 90 Minuten durchzuziehen? Also auch eine Frage des eigenen Durchsetzungsvermögens. Wie beschrieben, geht man ein gewisses Risiko ein, weil man Räume im eigenen Rücken preisgibt. Nun kommt es darauf an: Wie beeindruckt ist eine Mannschaft in dem Moment, in dem dieses Mittel mal nicht funktioniert? Großer Raum für den Gegner, er erhält eventuell eine große Torchance. Bist du nun als Team weiter bereit zum Pressing, bleibst du überzeugt und ziehst Energie aus den Momenten, in denen dein Plan aufgeht? Es wird ein hoher Anspruch an Konzentration und Durchhaltevermögen der inneren Einstellung gestellt, weniger an das Durchhaltevermögen der körperlichen Kraft."

Mittelfeldpressing spielt heute praktisch jeder.

Krawietz: "Stimmt. Neben dem Angriffspressing ist das Mittelfeldpressing so zu interpretieren: Lass dem Gegner im eigenen Abwehrdrittel den Ball, erlaube ihm dort Kontrolle, attackiere ihn nun ab einer gewissen Zone. 15 Meter in des Gegners Hälfte stehen deine Stürmer. Betritt der Gegner diese Zone, erlauben wir ihm dieses kontrollierte Spiel nicht mehr.

Vorteil: Du kannst selbst etwas tiefer stehen, verringerst mit der kompakten Defensiveinheit den Raum hinter dir. Das wäre die normale Pressingzone, das spielt eigentlich jede Mannschaft in der einen oder anderen Ausprägung."

Defensivpressing geschieht zu tief, die Vorteile für den eigenen Spielaufbau sind zu begrenzt.

Krawietz: "Das stimmt so nicht. Defensivpressing ist eine Maßnahme, die von Zeit zu Zeit schlichtweg notwendig ist, weil der Gegner den Ball in dein Verteidigungsdrittel transportiert hat. Es gibt Mannschaften, die gerade hier richtig, richtig stark sind. Die darauf spezialisiert sind, im eigenen Strafraum wenig bis gar nichts zuzulassen. Nimmt man den negativen Touch weg und erkennt die interessante Systematik in diesem Verhalten, gepaart mit Zweikampfstärke, dann ist Atletico Madrid das positive Beispiel - mit allem Respekt! Sie machen es vor dem eigenen Strafraum jedem Gegner schwer, dort durchzubrechen. Wie gegen uns bei ihrem 1:0-Sieg im Hinspiel (Liverpool scheiterte im Rückspiel nach Verlängerung, Anm.d.Red.). Man kann richtig sehen, wie gut organisiert Atletico ist und mit einem echten Plan versucht, Stabilität zu entwickeln. Auch sie können hoch pressen, aber sie sind bemerkenswert gut organisiert, wenn sie unter Druck geraten. Sie fühlen sich keineswegs unwohl beim Verteidigen des eigenen Tores.

Robert Lewandowski

Unter Stress: Robert Lewandowski wird von mehreren Spielern angelaufen. imago images

Zur Frage des Spielaufbaus: Der Weg zum gegnerischen Tor ist nach der Balleroberung natürlich weit. 70 Meter Raum sind zu überbrücken. Aber auch darauf spezialisieren sich Mannschaften, sie suchen entweder den Konter, das direkte Spiel hinter den aufgerückten Gegner oder das zügige Kombinationsspiel mit vier bis fünf aufrückenden Spielern. Das widerlegt die These, der eigene Angriff sei aus dem Defensivpressing heraus nicht darstellbar."

Gegenpressing ist doch nur ein Wort.

Krawietz: "Was meint eigentlich Gegenpressing? Es ist ein Begriff, der die Maßnahme des Nachsetzens umschreibt, das jeder Trainer sehen will. Dein Team erleidet einen Ballverlust? Möglichst schnell soll der Ball zurückgeholt werden! Dieses Nachsetzen zu systematisieren und als organisierte Mannschaftsmaßnahme zu betreiben, das ist Gegenpressing. Jeder kennt das: Dribbling, der Spieler verliert den Ball. Jetzt ist der Moment, in dem Zeitverlust durch Enttäuschung nicht erlaubt ist. Ich trainiere einen Impuls, der darauf ausgelegt ist, genau jetzt, solange ich noch in Ballnähe bin und der Gegner mit dem gewonnenen Ball noch nichts Konkretes anfangen konnte, den Ball zurückzugewinnen. Und zwar als Team. Angeblich soll genau das furchtbar anstrengend sein … für mich ist das ist ein weitverbreitetes Missverständnis! Natürlich erfordert es Reaktionsschnelligkeit, Organisation und Disziplin, die Rückeroberung des Balles eben nicht dem Zufall zu überlassen.

Es jedes Mal schaffen zu wollen, ist intensiv für den Kopf. Den Wow-Effekt des Gelingens für das eigene Team sollte man nutzen. Vor allem wenn man sich vor Augen führt, dass man nicht mehr Meter läuft, sondern einfach nur früher losläuft, dass man im Gegenteil sogar die Gesamtmeterzahl reduzieren kann. Gut organisiert, erspart das Gegenpressing läuferischen Aufwand. Wir spielen einen wunderbaren Angriff, flanken hoch vors gegnerische Tor, der Gegner klärt und wir gewinnen den Ball nicht zurück, der Gegner startet einen eigenen Angriff: Das bedeutet viele Meter mehr für mein Team. Vier Abwehrspieler und weitere Mittelfeldspieler müssen zurück in die eigene Hälfte, jeder 70 bis 80 Meter, da sind wir schnell bei insgesamt 500 Metern Mehraufwand in einer einzigen Szene.

Deswegen klassifiziere ich Gegenpressing als Angriffsmaßnahme. In engen Räumen kreativ Fußball zu spielen birgt das natürliche Risiko des Ballverlusts. Keine Angst vor Ballverlusten haben zu müssen, weil das Team auf sofortige Rückeroberung und Angriffsfortsetzung ausgelegt ist, erhöht die Risikofreude, erhöht den Ballbesitz, erhöht die Anzahl der Angriffe und somit die Aussicht auf Torerfolg."

(Dieser Text erschien erstmals am 9. März in der Print-Ausgabe des kicker)

Aufgezeichnet von Jörg Jakob

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