Bundesliga

Klinsmann und die Welt der Stürmer: "... da bist du erstmal stinkig"

Hertha: Stark und Rekik sind einsatzfähig

Klinsmann und die Welt der Stürmer: "... da bist du erstmal stinkig"

Jürgen Klinsmann

Bescheinigt sich selbst feine Antennen für die Befindlichkeiten seiner Angreifer: Jürgen Klinsmann. imago images

Nach dem zaghaft-verschüchterten Auftritt beim Rückrunden-Start gegen den FC Bayern (0:4), als die Berliner Offensive zeitweise nicht mal in Konturen sichtbar war, soll gegen den VfL eine deutlich entschlossenere Darbietung folgen. "Wir haben uns einiges vorgenommen und wollen unbedingt mehr Torchancen herausspielen und hoffentlich ein paar Tore machen", erklärt Klinsmann, unter dessen Regie Hertha in sechs Spielen erst fünf Treffer - darunter lediglich ein Stürmer-Tor von Dodi Lukebakio - gelangen. "Man versucht immer wieder, die Dinge anzustoßen und zu helfen. Die größte Hilfe ist immer Training", betont der einstige Weltklasse-Stürmer Klinsmann mit Blick auf seine aktuell erfolglosen Angreifer.

In dieser Woche standen verstärkt Torabschlüsse auf dem Übungsplan: "Was uns vor allem in der letzten halben Stunde gegen Bayern gefehlt hat, war mehr Mut, mehr Entschlossenheit und auch mal hohes Pressing zu spielen und die mal in Verlegenheit zu bringen. Wir haben viele Dinge diese Woche angesprochen. Das Wichtigste ist, dass die Stürmer dran arbeiten, dass sie auch mal Eins-gegen-eins gehen, sich was zutrauen und auch auf zweite Bälle spekulieren. Für einen Stürmer geht es nur über Arbeit - und über Wettkampf. Und wir haben mit Davie Selke, Pascal Köpke, Vedad Ibisevic und Daishawn Redan einen internen Wettkampf."

Und Dodi Lukebakio, zuletzt auf dem rechten Flügel beheimatet und in der Schlussphase des Bayern-Spiels nach der Umstellung vom 4-1-4-1 aufs 4-4-2 von Klinsmann in die Spitze neben Selke beordert, könnte ebenfalls allein das Sturmzentrum besetzen.

"Die Gefühlswelt eines Stürmers ist nicht einfach, aber faszinierend"

Eine Einsatzgarantie für den bislang unter ihm gesetzten und eifrigen, aber im Abschluss glücklosen Selke gibt Klinsmann nicht ab: "Wenn du dich in Davies Situation versetzt, bist du unzufrieden und angefressen. Du willst Tore zeigen. Diese Bilanz, die du hast, zeigst du dir selbst jeden Tag. Es geht nur über Arbeit. Pascal war auch angefressen, dass er seine Chance gegen Bayern nicht reingemacht hat, auch wenn es nur das 1:4 gewesen wäre. Aber für einen Torjäger ist das ein Tor."

Der frühere Stürmer Klinsmann bescheinigt sich selbst feine Antennen für die Befindlichkeiten seiner Angreifer: "Ich kenne ihre Gemütslage. Ich beobachte sehr gut ihre Körpersprache und wann sie sich zu viele Gedanken machen. Als Stürmer hat man das früher selbst gelebt. Da gehst du vom Platz und bist erstmal stinkig und für eine Weile nicht ansprechbar. Aber manchmal kommt die Wut, die in dir hochkommt, auch in die richtigen Kanäle. Bumm, auf einmal klappt's und ein Knoten ist geplatzt, und von da an kriegst du einen Lauf." Klinsmanns lakonisches Fazit: "Die Gefühlswelt eines Stürmers ist nicht einfach, aber faszinierend."

Stark will seinen Stammplatz zurückerobern

Neben dem passenden Schlüssel für die Offensive muss Klinsmann für das Spiel in Wolfsburg auch die geeignete Formation in der Innenverteidigung finden. Abwehrchef Dedryck Boyata kassierte gegen die Bayern seine 5. Gelbe Karte und fehlt gesperrt, ohne den Belgier holte Hertha in drei Saisonspielen bislang nur einen Punkt. Aus den drei verbleibenden Kandidaten - Niklas Stark, Karim Rekik und Jordan Torunarigha - muss Klinsmann zwei auswählen. Stark, der gegen die Bayern wegen eine Infekts nicht im 20er-Kader stand und vor der Winterpause nur Reservist war, ist ebenso einsatzfähig wie Rekik (nach muskulären Problemen). Torunarigha, gegen Bayern erste Wahl, will seinen Platz behaupten.

Eine Berufung des Rechtsfüßers Stark als Ersatz für den Rechtsfüßer Boyata wäre "die logische Schlussfolgerung", betont Klinsmann. "Es macht sehr, sehr viel Spaß, mit Niklas zu arbeiten. Er hört unglaublich gut zu und setzt die Dinge, die von ihm gefordert werden, schnell um." Allerdings flog Stark unter Klinsmann, der ausgangs der Hinrunde dem Duo Boyata/Rekik vertraute, dennoch aus der ersten Elf. "Ich habe ihn am Anfang um Verständnis gebeten, dass wir uns erstmal eine Kontinuität erarbeiten wollten mit Dedryck und Karim und es mit der gleichen Hintermannschaft vorantreiben", sagt der Trainer. "Niklas war die ganze Zeit in Lauerstellung und hat in Florida ein sehr gutes Testspiel gemacht gegen Eintracht Frankfurt." Jetzt will sich Herthas Vize-Kapitän Stark im Ernstfall beweisen - und seinen Stammplatz zurückerobern. Den braucht er, wenn er sein Fernziel - die Teilnahme an der EM 2020 - erreichen will.

In Wolfsburg erlebte Klinsmann einst ein Debakel

Klinsmann muss im Angriff wie im Abwehrzentrum ein paar interessante Personalfragen lösen und kehrt am Samstag an die Stätte seiner größten Schmach als Bundesliga-Trainer zurück. Am 4. April 2009 ging er mit dem FC Bayern beim späteren Meister VfL Wolfsburg mit 1:5 unter, in der 89. Minute wechselte der damalige VfL-Coach Felix Magath sogar seinen Torwart Diego Benaglio aus und brachte André Lenz - die größtmögliche Demütigung für die Münchner. Der übertriebener Lobhudelei gänzlich unverdächtige Magath fühlte sich und die Seinen "wie im Rausch", Wolfsburg Stadionsprecher tönte nach dem Abpfiff: "Niemand verlässt die Arena, ohne heiser zu sein und sich die Hände blutig geklatscht zu haben." Und Klinsmann, dessen Amtszeit in München drei Wochen später nach einer 0:1-Heimniederlage gegen Schalke vorüber war, sagte damals zerknirscht: "Ich habe jetzt zehn Monate den Kopf hingehalten bei Niederlagen. Das werde ich auch weiter tun, doch jetzt sind auch mal die Spieler dran, zu sagen: 'Ich bin schuld.'"

Seine Rückkehr nach Wolfsburg mag Herthas Cheftrainer nicht mit dem Debakel vor knapp elf Jahren verbinden, er sagt: "Ich war seit dem 1:5 schon ein paarmal dort und habe gute Erinnerungen an Wolfsburg."

Steffen Rohr

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