Covics Team befreit sich von seinen Selbstzweifeln

Vier Faktoren: Darum ist Hertha jetzt drin in der Saison

Zweiter Saisonsieg: Hertha jubelt in Köln - und ist jetzt angekommen in der Spielzeit 2019/20.

Zweiter Saisonsieg: Hertha jubelt in Köln - und ist jetzt angekommen in der Spielzeit 2019/20. picture alliance

Es war ein Spiel, das viele Geschichten bereithielt - und zusammengefasst doch vor allem eines war: die verspätete Ankunft von Hertha BSC in dieser Saison. Acht Tage nach dem eher erzitterten 2:1 gegen den SC Paderborn lieferte Hertha mit dem gelungenen Auftritt in Köln eine Ahnung davon, wozu dieses Team - an guten Tagen - imstande ist. "Wir können sehr zufrieden sein", sagte Dedryck Boyata, der mit seinem ersten Bundesliga-Treffer den Schlusspunkt zum 4:0 gesetzt hatte. "Jeder hat seine Leistung abgerufen."

Spätestens nach Javairo Dilrosuns schönem Führungstor fand die Mannschaft von Ante Covic zu jenem Selbstverständnis, das ihr die Wochen zuvor - und angesichts der Ergebnisse nachvollziehbar - gefehlt hatte. "Wir wussten, was in Köln auf uns zukommt. Zwei Teams haben darum gekämpft, in etwas ruhigeres Wasser zu fahren", sagte Covic am Tag nach dem Spiel. "Das war ein sehr souveräner Auswärts-Auftritt." So hoch hatte Hertha auswärts letztmals am 16. Spieltag der Saison 2015/16 (4:0 in Darmstadt) gewonnen, höher in der Fremde überhaupt erst einmal: am 23. Spieltag der Saison 1977/78 (5:0 bei Eintracht Frankfurt).

"Wir haben unter der Woche gesagt, dass wir mehr fußballerische Momente anbringen werden als gegen Paderborn", unterstrich Covic. "Das haben die Jungs bestätigt." Und Lukas Klünter, der rechts hinten einmal mehr zeigte, wie gut er in Form ist, sagte nach der erfolgreichen Rückkehr an die alte Wirkungsstätte: "Der Sieg war enorm wichtig, wir hatten ähnlich wie Köln einen gewissen Druck. Gefühlt war das ein Dosenöffner. Jeder hat gespürt, dass diese Partie ein Umschaltmoment sein kann." Ein Spiel, das der so mühsam begonnenen Saison eine andere Richtung geben könnte. Für die erste rundum überzeugende Liga-Darbietung unter Covic gab es Gründe.

Wie viele Tore er erzielt hat, davor kann man nur den Hut ziehen.

Hertha-Coach Ante Covic über Vedad Ibisevic

Faktor Stabilität: Am 6. Spieltag blieb Hertha erstmals ohne Gegentor. "Wir standen stabil", befand Niklas Stark. "Es tut uns gut, dass wir jetzt endlich mal zu null gespielt haben." Für Keeper Rune Jarstein, der am Spieltag seinen 35. Geburtstag feierte, war es das passende Präsent. Der Norweger war in den Vorwochen oft gefordert - und oft auch machtlos. "Das hat ihn schon beschäftigt", sagte Vladimir Darida, "deshalb haben wir uns auf dem Platz gesagt, dass wir bissig bleiben und alles dafür tun müssen, um die null zu halten." Dass seit dem Mainz-Spiel (1:2) Innenverteidiger Dedryck Boyata und Mittelfeldspieler Per Skjelbred starten, hat Hertha erkennbar stabilisiert. "Wir haben nicht viele Balleroberer", sagte Covic, "Per ist wichtig, um in die Umschaltbewegung zu kommen." An Boyatas Seite gewinnt auch Vize-Kapitän Niklas Stark, der fahrig in die Saison startete, an Sicherheit.

Faktor Effizienz: Bei den schmerzhaften Pleiten gegen Wolfsburg (0:3), auf Schalke (0:3) und in Mainz (1:2) ließ Hertha hochkarätige Chancen liegen (Salomon Kalou, Marko Grujic, Dodi Lukebakio, Davie Selke). In Köln machte Hertha aus acht Torchancen vier Treffer. Nachdem die Standards in dieser Saison bislang nichts eingebracht hatten, traf Boyata in Köln nach einem Eckball von Lukebakio. Wichtig auch: Die Last des Toreschießens - in der Vorjahren allzu oft abgeladen auf den Schultern von Vedad Ibisevic und Kalou - verteilt sich. Grujic und - seit Sonntag - Javairo Dilrosun stehen bei zwei Treffern.

Vedad Ibisevic

Kam, sah - und traf doppelt: Vedad Ibisevic. picture alliance

Faktor Joker: Covics Wechsel waren in den Vorwochen nicht durchgehend nachvollziehbar - und griffen eher selten. In Köln beeinflusste der Dardai-Nachfolger das Spiel mit seinen Personalien maßgeblich. Ibisevic lieferte mit seinem Joker-Doppelpack starke Argumente für die Rückkehr in die Startelf am Freitag gegen Düsseldorf. Der Bosnier kam in der 58. Minute für Davie Selke aufs Feld, traf in der 59. Minute zum 2:0 und in der 63. Minute zum 3:0. Schneller als er schafften in der Bundesliga-Geschichte nur fünf Joker einen Doppelpack: Andree Wiedener (Werder Bremen, 1993/94) und Dieter Schatzschneider (Hamburger SV, 1983/84) mit je drei Minuten, Paul Agostino (1860 München, 1997/98) mit vier Minuten sowie Bernd Hobsch (Bremen, 1996/97) und Ilyas Tüfekci (Schalke, 1982/83) mit je fünf Minuten zwischen Einwechslung und zweitem Tor. "Dass Vedo ein Box-Spieler ist, wissen wir", sagte Covic am Montag. "Wie viele Tore er erzielt hat, davor kann man nur den Hut ziehen." In der Bundesliga sind es jetzt stolze 122 Treffer. Es waren übrigens Herthas erste Joker-Tore seit dem 11. Spieltag der vergangenen Saison, damals traf Davie Selke beim 1:4 in Düsseldorf. Da auch der eingewechselte Lukebakio in Köln einen Assist verbuchte, konstatierte Covic zu Recht: "Die Antworten, die die Jungs von der Bank gegeben haben, sind genau die richtigen Antworten, die sich ein Trainer erhofft."

Faktor Form: Boyata, Skjelbred und Klünter stabil, Doppel-Torschütze Ibisevic mit seinen ersten Saisontreffern und einem Statement-Spiel, Stark formverbessert - und Dilrosun auf dem linken Flügel als Spieler, der aktuell den Unterschied ausmacht. Gegen Paderborn hatte der Niederländer ein tolles Solo mit einem Tor gekrönt und Marius Wolfs Treffer aufgelegt, in Köln traf er zur Führung und später noch die Latte. "Jav hat im Moment Vertrauen in seinen Körper und ist topfit", sagte Covic, "er ist immer noch ein junger Spieler. Ich weiß, dass auch andere Phasen bei ihm kommen werden. Aber im Moment soll er auf der Welle reiten, so lange es geht." Zu einem entscheidenden Faktor schwang sich in Köln auch Darida auf. Der Tscheche, der sich bei Kölner Ballbesitz immer wieder neben Selke vorschob, um früh anzulaufen, spulte 12,98 Kilometer ab - nach Bayerns Joshua Kimmich (13,41 km) das größte Pensum aller Profis am 6. Spieltag. Und er bereitete - zum ersten Mal seit seinem Wechsel zu Hertha 2015 - zwei Tore vor. Letztmals war ihm das für den SC Freiburg im Mai 2014 (beim 2:3 in Hannover) gelungen. Nach zwei schwachen Jahren, in denen Darida auch wegen vieler Verletzungen nie seinen Rhythmus fand, ist er wieder der Alte. Von Covic gab es am Montag ein großes Lob: "Vladi drückt im Training Tag für Tag so ab, dass man sagt: Der muss wieder auf die Weide. Er hat ein sehr gutes Spiel gemacht. Er versteht Fußball und ist sich nicht zu schade, Wege für die Mannschaft zu machen und sich zu opfern, damit andere gut rauskommen. Vladi ist im Moment sehr stabil." Und er hat fürs Erste den bislang gesetzten Ondrej Duda verdrängt.

Vladimir Darida

Wusste in Köln zu überzeugen: Vladimir Darida. picture alliance

Beim Slowaken sah Covic zuletzt "leider alles im Einheitstempo", während "Vladi auch in den dritten Gang schalten kann und kurz beschleunigt - dieser Tempo-Unterschied ist für mich entscheidend". Aus Köln brachte Darida neben viel Lob auch ein Hämatom am rechten Schienbein mit - Folge jenes heftigen Einsteigens von FC-Innenverteidiger Jorge Meré, das nach dem Eingreifen des Video-Assistenten Daniel Schlager von Schiedsrichter Sören Storks zu Recht mit der Roten Karte sanktioniert wurde. Auf seinem Schienbein seien "alle Farben" zu sehen, berichtete Darida nach dem Spiel. "deshalb war es für mich klar Rot, da gibt es keine zwei Meinungen". Auch nicht über den verdienten Ausgang des Abends, der für Hertha nach dem verpatzten Saisonstart womöglich die Weichen in eine andere Richtung stellt. "Gegen Paderborn war es ein glanzloser Sieg", befand Darida, "da ging es nur darum, irgendwie zu gewinnen." Der Abend in Köln fühlte sich anders an, auch für Darida: "Das war ein Spiel, das die Fans und den Trainer mitreißt. Es war wichtig, dass wir so ein Spiel gezeigt haben." Und an der Zeit war es auch.

Steffen Rohr

Bilder zur Partie 1. FC Köln - Hertha BSC