Bundesliga

Sheraldo Becker im Interview: "Auf der Straße ist alles anders"

Angreifer im kicker-Interview

Union-Senkrechtstarter Becker: "Auf der Straße ist alles anders"

Emotionaler Typ: Unions Angreifer Sheraldo Becker.

Emotionaler Typ: Unions Angreifer Sheraldo Becker. IMAGO/Contrast

Sheraldo Becker ist der Spieler der Stunde in der Bundesliga. Der 27-Jährige führt mit sechs Treffern die Torschützenliste an, legte zudem vier weitere Tore auf. Im Interview erzählt der Angreifer, warum er aktuell so erfolgreich ist.

Herr Becker, Sie haben die ersten Schritte, Fußball zu spielen, in jungen Jahren auf der Straße gelernt. Warum nicht im Verein?

Ich habe es geliebt, mit Freunden auf der Straße zu kicken und gemeinsam viel Zeit zu verbringen. Ich bin zum Beispiel viel Fahrrad gefahren. Erst mit neun Jahren wurde ich dann bei einem Talentsichtungstag entdeckt, aber vorher war der Fußball in meinem Kopf noch nicht so präsent.

Was konnten Sie aus der Zeit mitnehmen? Was ist der Unterschied zum Fußball in der Akademie?

Auf der Straße ist alles ein wenig anders. Dort willst du jedes Spiel gewinnen. In der Akademie ist es so, dass du dich von Woche zu Woche steigern musst. Es ist mehr wie eine Schule. Wenn du dort eine Partie verlierst, ist es nicht ganz so schlimm. Natürlich willst du auch gewinnen. Aber deine Förderer wollen bei dir in erster Linie eine Entwicklung sehen. Auf der Straße geht es am Ende nur darum, dass du als Sieger vom Platz gehst - egal wie.

Sie haben dann die Jugendmannschaften der berühmten Jugendakademie von Ajax Amsterdam durchlaufen. Was ist der größte Unterschied zu anderen Nachwuchszentren?

Ich bin mit neun Jahren erst in die Akademie gekommen. Vorher war ich in keinem anderen Verein aktiv. Daher ist es schwierig zu sagen, wo die Unterschiede liegen. Aber jeder weiß, dass es eine der besten Jugendakademien auf der Welt ist.

Wovon haben Sie am meisten profitiert?

Als ich noch jung war, wusste ich nicht, was ich noch alles erlernen muss, um eines Tages bei den Besten mitzuspielen - vielleicht mal Profi zu werden. Das musste ich Schritt für Schritt lernen. Natürlich konnte ich zuvor schon Fußball spielen. Ich habe dann aber eher gelernt, wie ich abseits des Platzes mit dem Druck umgehen kann. Die Jugendakademie war wie eine Schule. Es ist eben nicht nur wichtig, was sich auf dem Rasen abspielt, sondern auch außerhalb. Dadurch bin ich schnell erwachsen und vor allem diszipliniert geworden.

In der Bundesliga mussten Sie sich zunächst an einen defensiveren Spielstil gewöhnen. Wie lange hat es bei Ihnen gedauert, sich hier in Deutschland anzupassen?

In den Niederlanden waren die defensiven Anforderungen etwas niedriger. Hier musste ich mich erst an die hohe Intensität gewöhnen. Deswegen hatte ich in meiner Anfangszeit mit der einen oder anderen Verletzung zu kämpfen. Es ging dann darum, dass ich mich nach und nach immer weiter verbessere und an das Training sowie dem taktischen Verhalten der Mannschaft anpasse. Ich wusste jederzeit, dass ich auf einem guten Weg bin. Aber es braucht eben auch ein wenig Geduld, sich vollständig zu akklimatisieren.

In mir steckt noch mehr Potenzial.

Sheraldo Becker

Sie haben nach sieben Spielen bereits sechs Tore und vier Vorlagen auf dem Konto. Was hat sich im Vergleich zur Vorsaison verändert, als Sie in der Bundesliga nach 28 Partien vier Treffer erzielt hatten?

Es ist wichtig, dass ich von Beginn an auflaufen darf. Die Anfangszeit bei Union war hart, weil ich nicht regelmäßig gespielt habe. Inzwischen bekomme ich von jedem das Vertrauen geschenkt. Das ist auch ein Grund, weshalb ich meinen Vertrag verlängert habe. In mir steckt allerdings noch mehr Potenzial, und das möchte ich auch allen zeigen. Ich möchte weiterhin wichtig für das Team sein und überall helfen, wo ich kann. Ob es mit weiteren Treffern und Vorlagen ist oder indem ich in der Defensive viel unterstütze.

Wie ist das Verhältnis zu Trainer Urs Fischer, der Sie seit mittlerweile etwas mehr als drei Jahren begleitet?

Es war schon immer gut, wir reden viel miteinander und diskutieren manchmal. Aber ich glaube, das ist normal. Er hat mir viel geholfen. Und das nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz. Ich bin hier in Berlin, weil ich Fußball spielen kann. Aber das ist eben nicht alles. Ich muss hart arbeiten, mich um meinen Körper kümmern. Er hat mich dabei unterstützt, das zu verinnerlichen und jeden Tag ein bisschen besser zu werden. Ein weiterer Grund, weshalb ich meinen Vertrag verlängert habe.

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Daraus schließe ich, dass Sie sich in Köpenick sehr wohlfühlen. Was bedeutet Union für Sie?

Sehr viel, weil sie mir die Chance gegeben haben, in der Bundesliga aufzulaufen. Ich habe damals viel mit meiner Familie darüber gesprochen. Für mich war es die richtige Entscheidung, hierherzukommen. Das erste Jahr war nicht einfach, aber jetzt finde ich mich immer besser zurecht. Das habe ich zuletzt auch auf dem Platz gezeigt und möchte in der Zukunft weiter daran anknüpfen.

Am liebsten würden Sie in jedem Spiel über die volle Distanz gehen. Sie wirken nicht gerade begeistert, wenn der Trainer Sie trotz einer guten Leistung frühzeitig rausnimmt. Wie zum Beispiel bei der Auswechslung gegen Bayern München in der 60. Minute, als Sie Ihrem Frust freien Lauf gelassen haben.

Das sind dann auch die Emotionen, die zum Vorschein kommen. Ich wollte noch ein zweites, drittes Tor schießen, damit ich den Ball mit nach Hause nehmen kann (lacht). Nein, Spaß beiseite. Es ist alles längst wieder gut. Der Trainer hat mir seine Entscheidung für den Wechsel erklärt, und dann war es auch in Ordnung für mich.

kicker News vom 5.12.2022, 23:00 Uhr
05. Dezember 202201:54 Minuten

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Sie gehören zu den schnellsten Spielern in der Bundesliga. Ist es möglich, diese Geschwindigkeit zu trainieren, um noch schneller zu werden?

Nein, ich wurde damit geboren. Du kannst trainieren, dass du noch einen kleinen Tick schneller wirst. Aber das war es dann auch. Auch die Spieler in der NFL (National Football League, Anm. der Red.) werden damit geboren. Und in anderen Sportarten ist es genauso. Wenn es möglich wäre, das zu trainieren, würde ich das natürlich machen (lacht).

Auch ihr Cousin Javairo Dilrosun bringt eine ordentliche Geschwindigkeit mit. Er ist in dieser Saison von Hertha BSC zu Feyenoord Rotterdam gewechselt und trumpft mit ordentlichen Leistungen auf. Wie viel Kontakt besteht noch?

Vor wenigen Minuten hatte ich noch mit ihm gesprochen. Wir haben eine Gruppe mit allen Freunden und Familienmitgliedern. Insgesamt sind das so um die 20 Personen. Da tauschen wir uns eigentlich jeden Tag aus. Ich freue mich für ihn, weil er eine schwierige Zeit bei Hertha hatte. Jetzt kann er wieder regelmäßig spielen, und nur darum geht es. Wenn er glücklich ist, egal in welchem Land, dann bin auch ich glücklich.

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