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Nürnberg: Was steckt hinter dem slowakischen Torjäger?

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Jubel im Akkord: Nürnbergs slowakischer Torjäger Marek Mintal.

Jubel im Akkord: Nürnbergs slowakischer Torjäger Marek Mintal. Kicker

Es kommt nicht allzu häufig vor, dass ein rein um den nationalen Ligaerhalt bemühter Verein internationales Interesse erweckt. Der 1. FC Nürnberg schafft es, genauer gesagt, Marek Mintal schafft es. Der heißeste Anwärter auf die kicker-Torjäger-Kanone ist es schließlich, der Journalisten aus ganz Europa in den vergangenen Wochen veranlasst hat, die kicker-Redaktion um Amtshilfe zu bitten. Und es sind immer die gleichen zwei Fragen gewesen, die Kollegen aus Dänemark, Schweden, Frankreich, Polen und England zum Hörer greifen ließen: Who is Mintal, and what's his secret?

Ja, wer ist dieser Mann, der, wohlgemerkt bei einem Aufsteiger, also einem Kleinen der Liga, in seiner ersten Bundesliga-Saison bislang bemerkenswerte 21 Tore erzielt hat? Welches Geheimnis steckt hinter diesem Mann, der im offensiven Mittelfeld zu Hause ist und doch weltweit renommierten Stürmer-Stars wie Makaay oder Ailton derzeit den Rang abläuft? Die Antworten fallen ernüchternd unspektakulär aus. Zumindest für den, der von der spektakulären Art, wie der Slowake mit rechts, mit links und mit dem Kopf seine Tore erzielt, direkte Rückschlüsse auf seine Person wie seinen sportlichen Werdegang zieht. Die Gründe dafür, dass Tore, Tore und nochmals Tore seinen Karriereweg pflastern, haben nämlich so gar nichts Mystisches an sich.

Seine außergewöhnliche beidfüßige Schusstechnik, sein Ballgefühl und seine unermüdliche Laufbereitschaft sind das Resultat einer guten Ausbildung im Verein sowie unzähliger Zusatzschichten, die er, der fast vom Ehrgeiz Zerfressene, gefahren hat. Nicht definitiv zu erklären sind indes sein unbestrittenes Talent, sein sensationelles Gespür für die Lücke, wie seine unerschütterliche Abgebrühtheit im Abschluss. Angeboren, von seinem Vater Anton vererbt, der wie der Sohn Profi beim slowakischen Erstligisten MSK Zilina war? Einerlei.

Auch wenn den 27-Jährigen nichts Geheimnisvolles umgibt, zu fassen ist das Phänomen "Mintal" dennoch nicht - auf, wie abseits des Platzes, wobei es zwischen dem Privatmann und dem Fußballer Mintal keine janusköpfigen Unterschiede gibt. Ecken? Kanten? Allüren? Spleens? Von alledem ist hier wie dort nichts auszumachen. Höfliche, fast schüchtern wirkende Zurückhaltung ist bei ihm Programm. Und so kann er es schwerlich nachvollziehen, dass er binnen weniger Monate von einem in der Slowakei anerkannten, aber weitgehend unbehelligten Sportler zu einem von den Massen umjubelten, begehrten Idol geworden ist. Kein Wunder, dass er der in Nürnberg und vor allem in seiner Heimat herrschenden Mintal-Manie immer noch ein wenig unbeholfen und ungläubig gegenübersteht. Auch wenn er den Interview-Anfragen wie dem Ansturm der Fans nach Schlusspfiff längst weitaus gelassener begegnet. Dennoch ist er weit davon entfernt, diesen "Teil des Berufes", wie er sagt, zu mögen. Daran wird sich nie etwas ändern, schließlich "bin ich kein Star, sondern der Marek". Und der ist ein Ruhiger, ein Stiller, einer der keine Sonderrechte beansprucht.

Er, der Herausragende, gliedert sich beim Club lautlos ein, ist dort jedermann ein angenehmer Mitspieler. Er brüllt niemanden an, er macht niemandem einen Vorwurf - niemals! Egal, wie missraten nun der Pass auf ihn ist. Egal, wie haarsträubend hinten die Fehler sind, die seine Tore vorne zur Makulatur werden lassen. So geschehen beim 2:4 zu Hause gegen Leverkusen, als auch zwei Mintal-Tore die Konzentrationsmängel des Aufsteigers bei Standards nicht wettmachen konnten. Wo sich andere lauthals über die Abwehr beschwerten, sagte er nur schlicht: "Ich bin traurig." Dafür schätzen sie ihn, die Nürnberger Kollegen. Und dass er selten bis gar nicht dabei ist, wenn sie nach einem Spiel gemeinsam auf Tour gehen, stört keinen.

Mintal, den bekennenden Familienmenschen, zieht es nun einmal nach Hause zu Frau Katarina und zu dem im Dezember geborenen Sohn Jakub. Wer aus all dem schließt, dass Marek Mintal nicht dafür geschaffen sei, um sich bei einem Top-Team durchzusetzen, täuscht sich gewaltig. Er mag bescheiden auftreten, an Selbstbewusstsein wie an Durchsetzungswillen mangelt es ihm nicht. Verärgert hat er einst mit dem Kopf geschüttelt, als ihm die Experten in seiner Heimat ein Scheitern prophezeiten, nachdem er im Sommer 2003 seinen ersten Wechsel ins Ausland zum damals zweitklassigen Club bekannt gegeben hatte. Von wegen! Der Wechsel hat ihm einen Schub verliehen. Beim FCN, in Deutschlands Liga zwei wie eins und bei der slowakischen Nationalelf, die dank ihm berechtigt auf die WM-Teilnahme 2006 hoffen darf, hat er sich derart durchgesetzt, dass in diesem Sommer ein weiterer Wechsel anstehen dürfte.

Selbst in Nürnberg glaubt so recht keiner daran, dass er seinen bis 2008 laufenden Vertrag erfüllen wird. "Es kommt garantiert ein Angebot für ihn", meint Sportdirektor Martin Bader, der eigentlich um die Galionsfigur Mintal eine Mannschaft aufbauen will. Als Trostpflaster winkt ein satter Gewinn, schließlich haben die Franken für Mintal im Juli 2003 die lächerlich anmutende Summe von 150 000 Euro an MSK Zilina überwiesen.

Noch steht allerdings gar nicht fest, ob der Slowake im Sommer dem Club den Rücken kehren wird. Seinem Traum, "bei einem großen Verein wie dem FC Bayern" auf Torejagd zu gehen, steht die Nürnberger Realität gegenüber, in der er sich erstens "sehr wohl fühlt" und in der er sich einen gewaltigen Status erarbeitet hat. "Marek braucht Harmonie, er muss Vertrauen spüren. Deswegen gilt es im Sommer genau abzuwägen, welcher Schritt der richtige ist", meint sein Berater, Autohändler Peter Hammer.

Rein sportlich betrachtet, scheint die Zeit für einen Sprung nach oben reif. Mintal hat sich unabhängig von seiner Trefferquote in den vergangenen Monaten gewaltig weiterentwickelt. Beschränkte er sich zunächst darauf, als "Schleicher" hinter den Spitzen auf Lücken zu lauern, kommt er nun längst als kompletter, intelligent agierender Mittelfeld-Akteur daher. Bälle fordern, sie schnell, direkt weiterleiten, nach hinten arbeiten, all dies demonstriert er heute, ohne dass dies zu Lasten seiner Torgefährlichkeit geht. "Es hat lange gedauert, bis ich ihn überzeugt habe, dass er diesen Spagat schaffen kann", erklärt Club-Trainer Wolfgang Wolf, der weiß, wen er mit Mintal in seinen Reihen hat: Einen Ausnahmekönner, auch international gesehen.

Christian Biechele