Bundesliga

Trügerische Idylle

Freiburg: Mannschaftsinterne Zweifel an Trainer Marcus Sorg

Trügerische Idylle

Unter Druck: Freiburgs Trainer Marcus Sorg.

Unter Druck: Freiburgs Trainer Marcus Sorg. picture alliance

Der SC Freiburg gibt sich gerne als etwas anderer Verein. Deshalb verwundert es nicht, dass sich der Tabellenletzte gegen den branchentypischen Reflex einer Trainerentlassung entschieden hat und für einen großen personellen Umbruch. Fünf Spieler (Heiko Butscher, Felix Bastians, Maximilian Nicu, Kisho Yano, Manuel Salz), alle mit gültigem Vertrag, dürfen sich mangels sportlicher Perspektiven einen neuen Arbeitgeber suchen.

Yacine Abdessadki (30, Vertrag bis 2013) erhielt sogar die fristlose Kündigung. Der Marokkaner soll beim Spiel in Köln im Teamhotel einen Diebstahl mit Sachbeschädigung begangen haben. Vom Management des Spielers wird dies bestritten. Was bleibt, ist die Frage: Lassen sich durch diesen personellen Schnitt und ein paar Neuzugänge die aktuellen Probleme lösen?

Trainersteckbrief Sorg
Sorg

Sorg Marcus

SC Freiburg - Vereinsdaten
SC Freiburg

Gründungsdatum

30.05.1904

Vereinsfarben

Weiß-Rot

"Wir wollen alles dafür tun, dass der SC Freiburg in der Bundesliga bleibt", begründete Dirk Dufner diese Entscheidung, "in der prekären Situation können wir keine Rücksicht auf Einzelne nehmen. Es geht einzig und alleine um die Zukunft des Klubs." Gestärkt ist damit bis auf Weiteres die Position von Marcus Sorg, der den Neuaufbau anleiten darf. "Wenn man sportlich nicht mehr mit den Spielern plant, hat man die Pflicht, ihnen das mitzuteilen", betont der Cheftrainer.

Was die Neuzugänge betrifft, "liegt die klare Priorität auf einem Innenverteidiger und einem Linksverteidiger", sagt der 45-jährige Fußballlehrer. Was Papiss Demba Cissé (26) betrifft, wäre es Freiburgs Idealvorstellung, jetzt einen Verkauf des Torjägers für die kommende Spielzeit zu verabreden (festgeschrieben ist für den Sommer eine Ablösesumme von zwölf Millionen Euro). Verbunden mit einer Anzahlung, damit frisches Geld für Neueinkäufe vorhanden ist. Glückt dies nicht und es fände sich ein Interessent, der Cissé im Winter für eine akzeptable Summe ablöst, lässt Freiburg ihn sofort ziehen.

Der personelle Umbruch klingt zunächst gewaltig. Hier lohnt sich eine differenzierte Betrachtung. Kapitän Heiko Butscher (31), mit dem der Verein erst Anfang des Jahres bis 2013 verlängert hat, wusste zwar sportlich nicht mehr zu überzeugen. Als absolute Führungsfigur ist er aber enorm wichtig im Team. Während Nicu (29), Yano (27) oder Salz (26) keine Rolle spielen, ist Felix Bastians (23) Stammspieler. Der Linksverteidiger leidet jedoch wie so viele der guten Individualisten im Team (Putsila, Rosenthal, Schuster, Cissé, Baumann) unter einem nicht funktionierenden Mannschaftsverbund.

Stimmung im Team ist resignativ

Und was im Zuge dieser Personalien bislang noch nicht publik wurde, ist das Verhältnis der Mannschaft zum Trainer. Denn in diesem Punkt ist die bisher verbreitete Idylle trügerisch. Die Stimmung innerhalb des Teams ist resignativ. Offenbar hat die große Mehrheit des Kaders erhebliche Zweifel, ob Sorg die fachlichen Qualitäten hat, das Ruder herumzureißen.

Vor dem Spiel in Köln (0:4) gab es eine Mannschaftsbesprechung ohne den Coach mit dem Resultat, dass man auf das Trainerteam zugehen wolle, um Kritik an Trainingsinhalten, der Art der Videoanalyse oder taktische Defizite anzubringen. Konkret wird das schlechte Trainingsniveau und die Ansprache bemängelt. Und dass in Videoanalysen Fehler nicht knallhart angesprochen werden, konkrete individualtaktische Anweisungen fehlen oder der Trainer während des Spiels zu wenig eingreift.

Als die Spieler deswegen zunächst bei Dufner vorstellig wurden, untersagte der Sportdirektor das Ansinnen mit der Begründung, die Spieler sollten auf ihre eigene Leistung schauen und nicht nach Alibis suchen.

Wer Sorgs Arbeit in seiner ersten Bundesligasaison analysiert, stößt trotz des Verletzungspechs auf viele Fragen: Wieso belegt Freiburg mit nahezu identischem Kader (bis auf Toprak) wie unter Dutt nun Platz 18? Warum fällt ein unter dem Vorgänger taktisch extrem gut geschultes und diszipliniertes Team ständig durch naives Defensivverhalten und eklatante individuelle Fehler auf? Warum hat sich kein Spieler weiterentwickelt? Diese Fragen verlangen Antworten.

Uwe Röser