Bundesliga

Drees spricht über den VAR und die jüngsten Schiedsrichter-Aufreger

VAR-Leiter über den Videobeweis und die Aufreger

Drees über Denkpausen für Schiedsrichter: "Das ergibt keinen Sinn"

Dr. Jochen Drees (li.), der Projektleiter VAR, spricht über die jüngsten Aufreger.

Dr. Jochen Drees (li.), der Projektleiter VAR, spricht über die jüngsten Aufreger. picture-alliance

Schiedsrichterchef Lutz Michael Fröhlich stellt sich erwartungsgemäß vor seine Unparteiischen und konstatiert am Mittwoch auf der DFB-Website nach den bisherigen 20 Spieltagen: "Insgesamt machen unsere Schiedsrichter einen guten Job - besser, als es die aktuellen Diskussionen vermuten lassen."

Nicht zu Unrecht nennt er etwa gute und großzügige Leitungen der Topspiele Bayern gegen Leipzig und Leipzig gegen Dortmund. Diese Partien liegen jedoch schon einige Zeit zurück, daher ist es mit Blick auf den momentan wachsenden Ärger bei Publikum und einigen Vereinsakteuren angebracht, dass Fröhlich auch selbstkritische Töne anschlägt. Mal wieder im Fokus: die Handspielauslegung und der Video Assistant Referee (VAR).

Nach den bisherigen 20 Bundesligaspieltagen gab es laut Fröhlich 44 Situationen, in denen Abwehrspieler den Ball im Strafraum am Arm oder an der Hand hatten - zwölfmal gab es deshalb Strafstoß. Bis zum 13. Spieltag war Fröhlich mit den Hand-Entscheidungen zufrieden, "danach hatten wir jedoch vier Situationen in vier verschiedenen Spielen, in denen ein letztlich strafbares Handspiel nicht geahndet wurde". Jüngstes Beispiel: Das nicht bestrafte Handspiel von Leverkusens Fosu-Mensah im Spiel gegen Stuttgart am vergangenen Wochenende.

50 Eingriffe in der Bundesliga, 40 in der 2. Liga

Und auch rund um den VAR (bisher 50 Eingriffe in der Bundesliga, 40 in der 2. Liga) gibt es weiter Diskussionen. Der versäumte es in Person von Felix Zwayer nicht nur beim genannten Handspiel in Leverkusen, seinem Kollegen Sven Jablonski auf dem Feld zu helfen, sondern auch in der 2. Liga wurden am vergangenen Wochenende zwei fehlende VAR-Eingriffe beklagt: Bei den Spielen Darmstadt gegen Nürnberg (1:2) und Fürth gegen Würzburg (4:1). Der kicker befragte dazu Jochen Drees, den VAR-Projektleiter beim DFB.

Gibt es Überlegungen, die Eingriffsschwelle für VAR ein wenig herabzusetzen, eventuell Gespräche dazu mit der Regelbehörde IFAB, Herr Drees?

"Bis zum 20. Spieltag waren wir mit der Anwendung beziehungsweise Höhe der Eingriffsschwelle sehr zufrieden und sehen die Entwicklung und Akzeptanz im VA-Projekt positiv. Letztlich hatten wir am vergangenen Wochenende in der Bundesliga lediglich in einem der acht stattgefundenen Spiele eine problematische Situation in Leverkusen und in der 2. Bundesliga bei den Spielen in Darmstadt und Fürth. Hinzukommen die beiden Abseitssituationen im DFB-Pokal in Dortmund und Regensburg. Diese kritischen und zum Teil falsch gelösten Situationen sehen wir aber nicht als beispielhaft für die bisherige Arbeitsweise im VA-Bereich an. Insofern gibt es auch im Moment keine Überlegungen eines grundsätzlichen Strategiewechsels beim Thema Eingriffsschwelle oder Gespräche hierüber mit dem IFAB."

Wie groß ist der Spielraum, die Eingriffsschwelle in der Bundesliga anzupassen, ohne dafür das VAR-Protokoll des IFAB ändern zu müssen?

"Die Eingriffsschwelle ist nicht statisch oder über einen festen Zahlenwert festzulegen, sondern orientiert sich an der Grundidee des Video-Assistenten, nur bei klaren und offensichtlichen Fehlentscheidungen des Schiedsrichters einzugreifen. Ein Austausch hierüber mit dem IFAB, der FIFA oder UEFA und anderen Ländern findet kontinuierlich statt. Die notwendige Frage, die sich aus einer Änderung der Eingriffsschwelle ergeben würde, wäre dann auch, wo beziehungsweise auf welcher Höhe diese dann liegen sollte. Da mit einer Verschiebung in den Ermessensbereich das allgemeine Diskussionspotenzial über Eingreifen/Nicht-Eingreifen des Video-Assistenten wahrscheinlich sogar noch deutlich steigen würde, sehe ich dies als nicht zielführend an."

Spürt die Sportliche Leitung der DFB-Elite-Schiedsrichter den aktuellen Unmut von Klub-Akteuren sowie vielen Fußball-Zuschauern über aus deren Sicht zu viele falsche Entscheidungen, die nicht vom VAR korrigiert wurden?

"Die hohe Eingriffsschwelle begründet sich nicht ausschließlich darin, den Spielfluss zu gewährleisten, sondern den Schiedsrichter und seine Entscheidungen im Mittelpunkt zu lassen. Entgegen der Vermutung, dass es dadurch zu 'vielen falschen Entscheidungen' kommt, zeigt die genaue Analyse der Spielsituationen, dass es sich bei diesen Entscheidungen in der überwiegenden Zahl um Entscheidungen handelt, die sich in einem Ermessensbereich des Schiedsrichters bewegen und die regeltechnisch nicht als falsch einzuordnen sind. Dass die oben beschriebenen Situationen eine öffentliche Diskussion nach sich ziehen, verstehen auch wir und sehen eine sachliche und fachliche Diskussion als hilfreich und unterstützend in der weiteren Entwicklung an. Allerdings entspricht die aktuelle Orientierung an einer hohen Eingriffsschwelle im Übrigen auch den Erwartungen und Wünschen der allermeisten Vereinsvertreter."

Beim Spiel Darmstadt-Nürnberg gab es nach kicker-Recherchen keinen bildlichen Beleg dafür, dass die Handelfmeter-Entscheidung von Schiedsrichter Dr. Martin Thomsen gegen den Nürnberger Spieler Oliver Sorg falsch war, aber auch keinen bildlichen Beleg für ein strafbares Handspiel. Wäre in diesem Fall nicht besser gewesen, dass VAR Bibiana Steinhaus den Kollegen Thomsen in die Review Area schickt, wo er sieht, dass es keinen Beleg für seine Entscheidung gibt?

Was hätte - vor dem Hintergrund dieser Vermutung - ein On-Field-Review gebracht? Wenn es keinen evidenten, bildlichen Beleg gibt, der die Entscheidung des Schiedsrichters als klar und offensichtlich falsch darstellt, würde der Schiedsrichter vor dem Monitor stehen und müsste anfangen abzuwägen. Da es keine Belege für und keine Belege gegen die Wahrnehmung des Schiedsrichters gibt, müsste er bei seiner ursprünglichen Bewertung, die er auf dem Feld getroffen hat, bleiben.

Wie beurteilen Sie die Strafstoß-Entscheidung von Schiedsrichter Arne Aarnik vor dem Fürther Elfmetertreffer zum 3:1 gegen Würzburg und insbesondere das Zusammenspiel mit VAR Dr. Matthias Jöllenbeck?

"Die Wahrnehmung und Begründung für die Strafstoßentscheidung des Schiedsrichters, dass der Torwart 'den Ball nicht gespielt hat', wurde vom Video-Assistenten bestätigt. Allerdings unterblieb die Bewertung des nachfolgenden Kontakts und die dann notwendige fachliche Einordnung, 'allenfalls ein leichter Kontakt vom Knie des Würzburger Torhüters und dem Fuß des Fürther Angreifers, der aber keinesfalls mit dem Sturz des Spielers zu tun hatte'. Da die vom Schiedsrichter getroffene Einordnung des Strafstoßes als klar und offensichtlich falsch anzusehen ist, hätte es hier einen On-Field-Review und eine Korrektur der Strafstoßentscheidung geben müssen. Diese hätten dann - im Gegensatz zu der Szene in Darmstadt - Sinn ergeben, da die vorliegenden Bilder einen evidenten Nachweis erbracht hätten."

Menschen machen Fehler, im Profifußball kann ein Spieler nach einem groben Patzer aber im nächsten Spiel auch auf der Bank oder der Tribüne landen. Erhalten Schiedsrichter oder VAR nach klaren Fehlern Denkpausen, respektive muss Herr Jöllenbeck in diesem konkreten Fall einmal aussetzen?

"Gegenfrage: Setzt ein Verein einen sehr guten Spieler nach einem verschossenen Strafstoß für die nächsten Spiele auf die Bank? Solche Schlussfolgerungen würden überhaupt keinen Sinn ergeben - weder bei Spielern, Schiedsrichtern noch Video-Assistenten. Vielmehr steht die intensive, persönliche Nachbereitung der Situation und die Analyse der Fehlerquelle im Vordergrund, um diese in einer zukünftigen, ähnlichen Situation zu vermeiden. Ähnlich, wie es wahrscheinlich der Trainer mit seinem Strafstoßschützen macht."

Interview: Carsten Schröter-Lorenz