2. Bundesliga

Dotchev im Interview: "Trainer brauchen keine Angst zu haben. Ich bin ein demokratischer Diktator"

Aues Interimstrainer und Sportdirektor erklärt seine Aufgabe und Ziele

Dotchev im Interview: "Trainer brauchen keine Angst zu haben. Ich bin ein demokratischer Diktator"

Doppelfunktion für den Rückkehrer: Pavel Dotchev hat mit Erzgebirge Aue viel vor. 

Doppelfunktion für den Rückkehrer: Pavel Dotchev hat mit Erzgebirge Aue viel vor.  imago images/Picture Point

Mitten im Interview klingelt das Handy, sein Vorgesetzter meldet sich. "Das rote Telefon", scherzt Pavel Dotchev. Den Anruf zu ignorieren ist keine Option, geht es doch um Klubchef Helge Leonhardt. "Da", sagt Dotchev entschuldigend, "muss ich rangehen."

Seit dem 1. November ist der 56-Jährige zurück beim Zweitligisten FC Erzgebirge Aue, der am Sonntag Dynamo Dresden zum Sachsenderby empfängt. Vor und nach dem Anruf des Präsidenten erklärt Dotchev im Interview seinen Rollenwechsel vom Trainer zum Sportdirektor, die Zusammenarbeit mit Leonhardt und die Ziele mit Aue.

Herr Dotchev, hat sich Ihre Frau schon eine neue Handtasche in Dresden oder Leipzig gekauft?

Wie kommen Sie denn darauf?

Ein Vorteil des Standorts Aue sind laut Helge Leonhardt die kurzen Wege nach Dresden oder Leipzig, wo "die Mädels der Spieler mit der Siegprämie Handtaschen" kaufen könnten.

Stimmt. Aber nein, meine Frau hat keine Zeit für so was gehabt, obwohl ich sie immer in Leipzig am Bahnhof abhole, wenn sie zu Besuch kommt.

Wenn das Einkaufen in Dresden oder Leipzig Sie nicht von der Rückkehr ins Erzgebirge überzeugte, waren es dann die "herrlichen Wälder und herrlichen Menschen", von denen Leonhardt ebenfalls sprach?

Grundsätzlich war es nicht schwer, mich zu überzeugen. Wir haben damals, als ich das erste Mal hier war, eine sehr schöne Zeit gehabt. Ich verbinde viele sehr positive Erinnerungen mit Aue.

Sie waren fast 20 Jahre lang Trainer, jetzt sind Sie in Aue Sportlicher Leiter, interimsweise auch Cheftrainer. Wie gefällt Ihnen diese neue Position - und ab wann sind Sie nicht mehr Interimstrainer?

(lacht) Das Ziel ist natürlich, mit Marc Hensel (aktuell der Teamchef, d. Red.) langfristig zu arbeiten. Er muss den Fußballlehrer machen. Wir wollen hier was aufbauen, auch mit einem jungen Coach, der alles mitbringt, um ein erfolgreicher Trainer zu sein. Was meine neue Funktion betrifft: Ich bin sehr nah an der Mannschaft, ich stehe in ständigem Austausch mit dem Trainerstab. Ich vermisse meinen Trainerposten überhaupt nicht.

Es gab nur Endspiele, Endspiele, Endspiele. Ich fühle mich als Trainer ein bisschen verschlissen.

Pavel Dotchev

Man sagt über Sie, dass Sie ein sehr gutes Auge für Spieler hätten und als Kaderplaner und -entwickler besser seien denn als Trainer. Sie haben aber mal gesagt: "Ich stehe sehr gerne als Trainer auf dem Platz." Wie kam es dann doch zum Rollenwechsel?

Ich hatte zuletzt eine sehr intensive Zeit, beim MSV Duisburg, davor bei Viktoria Köln. Es gab nur Endspiele, Endspiele, Endspiele. Ich fühle mich als Trainer ein bisschen verschlissen. Jetzt bin ich zwar wieder mittendrin im Abstiegskampf, aber ich bin etwas mehr im Hintergrund. Ich kann gestalten, stehe aber nicht Woche für Woche auf dem Prüfstand. Marc Hensel strotzt vor Power und Feuer. Er ist ein Energiebündel, aber einige Sachen kennt er noch nicht. Ich denke, die Konstellation mit einem Trainer, der viel weiß, aber ausgepowert ist, und einem, der Feuer und Flamme ist, aber noch nicht die Erfahrung hat, kann sehr gut funktionieren.

Nach Ihrem Aus Anfang 2019 in Rostock war eine Rückkehr nach Aue schon einmal Thema, damals ebenfalls als Sportdirektor. Man soll davon Abstand genommen haben, weil Sie damals noch zu sehr Trainer gewesen seien und man hinter dem Chefcoach Daniel Meyer keinen Schattentrainer habe installieren wollen. Gab es die Bedenken diesmal nicht?

Damals war die Situation etwas unglücklich. Aue steckte unter Daniel Meyer im Abstiegskampf, ich war noch viel zu sehr Trainer. Wir wollten Daniel kein schlechtes Gefühl geben. Deshalb sind wir das Projekt damals nicht angegangen. Außerdem wollte mich Viktoria Köln unbedingt haben. Also habe ich gesagt, dass ich noch ein bisschen Zeit als Trainer dranhänge. Jetzt hat aber nach meiner Freistellung in Duisburg alles gepasst.

Dabei wollten Sie sich nach Ihrem Aus Anfang Oktober beim MSV doch "Ruhe und Abstand" gönnen. Drei Wochen später aber waren Sie zurück in Aue - und bei Helge Leonhardt. Wie viel Ruhe hat man bei und mit dem Präsidenten, der sehr meinungsstark ist und einen absoluten Führungsanspruch hat?

Die Arbeit mit Helge Leonhardt ist nicht so schwer, wie viele glauben. Ich schätze ihn sehr. Ich weiß, was er für den Verein und die Region macht. Wir haben uns immer gut verstanden. Natürlich diskutieren wir auch mal kontrovers, aber ich habe gar keine Konfliktzone mit Helge Leonhardt, weil wir die gleichen Interessen verfolgen. Priorität hat der Verein. Der ist sein Baby.

Die Arbeit mit Helge Leonhardt ist nicht so schwer, wie viele glauben. Priorität hat der Verein. Der ist sein Baby.

Pavel Dotchev

Im Gegensatz zu vielen anderen Präsidenten äußert sich Leonhardt aber auch öffentlich schon mal sehr direkt zu Dingen, die Kernbereiche der Arbeit des Trainers oder der Mannschaft betreffen.

Er sagt offen und ehrlich seine Meinung. Andere sind vielleicht manchmal etwas diplomatischer. Helge wird außerdem nicht immer richtig verstanden. Mir ist es aber lieber, mit solchen Typen zu arbeiten als mit einem, der keine klare Meinung hat. Da weiß man doch gar nicht, woran man ist.

Pavel Dotchev und Aues Klubboss Helge Leonhardt.

Pavel Dotchev und Aues Klubboss Helge Leonhardt. www.imago-images.de

Leonhardt formulierte bei Ihrer Verpflichtung: "Es gibt einen klaren Funktionsplan, den Pavel abzuarbeiten hat." Welche Aufgaben hat er Ihnen gestellt?

Das sind einige Sachen.

Wir haben Zeit mitgebracht.

Okay. Wir haben kein gutes Scoutingsystem. Es geht auch um das Nachwuchsleistungszentrum, die Kaderplanung bei den Profis, um Sponsorenpflege, um die Außendarstellung. Ich muss Krisenmanager sein, es geht um strategische Entscheidungen. Aber das mache ich nicht alles allein, ich arbeite im Team. Ich bin hier, um zu unterstützen, natürlich auch, um Entscheidungen zu treffen. Aber, glauben Sie mir das bitte: Ich möchte nicht nach zwei Wochen anfangen, mich mit der Brechstange durchzusetzen und der große Macker zu sein - ich möchte das Projekt sanft angehen. Nicht alles, was hier gemacht worden ist, ist schlecht. Ich muss gucken, wo wir was korrigieren können.

Ich möchte nicht nach zwei Wochen anfangen, mich mit der Brechstange durchzusetzen und der große Macker zu sein - ich möchte das Projekt sanft angehen.

Pavel Dotchev

Eine Ihrer Lieblingsweisheiten lautet: "Wenn du ein Schiff bauen möchtest, dann befiehl den Menschen nicht, Holz und Werkzeug zu holen, sondern versuche, sie für das Meer zu begeistern."

(unterbricht) Das stimmt. Ich brauche Leute, die Eigenmotivation mitbringen, die was erreichen wollen. Ich kann einmal motivieren, ich kann zweimal motivieren, ich kann die Leute bedrohen, ich kann sie bestrafen, aber das ist für mich kein Mittel, um erfolgreich zu arbeiten.

Das sind die Trainer der Zweitligisten

Für welche Ziele wollen Sie Aue begeistern?

Das kurzfristige Ziel ist der Klassenerhalt. Danach möchte ich eine Mannschaft formen, die erfrischenden, modernen Offensivfußball spielt mit jungen und dynamischen Spielern, die früh attackieren. Wir wollen dominant spielen. Das zu schaffen ist möglich, aber diese Philosophie müssen wir als Verein mittragen. Es darf nicht so sein, dass ein Trainer mit einer Spielidee kommt, zwei Wochen später ist ein anderer mit einer anderen Idee da, und danach kommt der dritte Trainer, und es geht von vorne los. So kommt nie eine Struktur rein.

Sie haben in Ihrer Karriere einige Entlassungen erlebt. Wie ist es nun als Sportlicher Leiter: Auf was müssen sich die Trainer in Aue bei Ihnen einstellen?

Ich bin nicht gekommen, um Marc Hensel zu entlassen, sondern um ihn zu unterstützen. Als Sportlicher Leiter wäre es für mich ja kein gutes Zeichen, wenn ich in Aktionismus verfallen würde. Die Trainer brauchen keine Angst vor mir zu haben. Ich bin ein demokratischer Diktator (schmunzelt).

Die Trainer brauchen keine Angst vor mir zu haben. Ich bin ein demokratischer Diktator.

Pavel Dotchev

Wie schwer fällt es Ihnen, nicht mehr in der Trainerrolle zu sein und einen anderen machen zu lassen?

Mental bin ich immer noch Trainer, aber im Spiel auf der Bank kann ich nicht eingreifen, sondern muss mich zurückhalten. Manchmal will ich was sagen, aber das darf ich nicht mehr. Ich muss mich beherrschen lernen. Das schaffe ich schon ganz gut.

Pavel Dotchev

Nach der Station in Duisburg als Trainer "ausgepowert": Pavel Dotchev. imago images/Eibner

Sie formten in Aue 2015 ein neues Drittligateam, stiegen 2016 in die 2. Liga auf und traten im Februar 2017 als Schlusslicht in der 2. Liga zurück. Nach Ihrem Rücktritt beerbte Domenico Tedesco Sie in Aue und sicherte die Klasse. Später sagten Sie: "Manchmal habe ich das Gefühl, als wäre ich in Aue nie Trainer gewesen, als gäbe es Aue erst, seitdem Tedesco dort war. Man redet nur über seine Zeit." Wie tief sitzt der Stachel noch?

Überhaupt nicht. Ich schätze Domenico sehr, er hat tolle Arbeit gemacht. Nur hätte er den Klassen erhalt nicht geschafft, wenn ich einen Scherbenhaufen hinterlassen hätte. Man hat Domenico in Aue immer als Helden gesehen. Das war er, aber man hat vergessen, dass ich ein gesundes Team hinterlassen habe. Deshalb habe ich das mal gesagt.

Was muss passieren, dass man künftig auch über die Arbeit von Pavel Dotchev in Aue redet?

Das wird ein bisschen dauern. Meine jetzige Arbeit wird nicht Woche für Woche bewertet, sondern erst in ein paar Monaten. Ich muss strategische Entscheidungen treffen, und meine Erfolge werden mit der Zeit kommen.

Am 26. Februar 2017 verloren Sie das Derby gegen Dynamo Dresden mit 1:4. Danach war Schluss für Sie in Aue. Am Sonntag geht’s wieder gegen Dynamo …

Zum Glück ist der Kutschke nicht mehr da (Stürmer Stefan Kutschke erzielte damals zwei Tore für Dresden und bereitete eins vor; Anmerkung, der Redaktion). Von daher sieht es diesmal ganz gut aus.

Interview: Andreas Hunzinger/Jan Reinold

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