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Der DFB erleidet Schiffbruch auf allen Ebenen: Ein "Weiter so" darf es nicht geben

Die Nationalmannschaft verzwergt - und Besserung ist nicht in Sicht

Der DFB erleidet Schiffbruch auf allen Ebenen: Ein "Weiter so" darf es nicht geben

Erneutes WM-Aus: Hansi Flick geknickt, die deutsche Mannschaft frustriert.

Erneutes WM-Aus: Hansi Flick geknickt, die deutsche Mannschaft frustriert. Getty Images (2)

Nach dem peinlichen Gruppen-Aus in Russland 2018 und dem Achtelfinal-K.o. bei der EM im Sommer 2021 ist nach dem letztlich wertlosen 4:2 gegen Costa Rica auch die Weltmeisterschaft in Katar beendet, bevor die großen Spiele überhaupt begonnen haben. Die große Fußball-Nation Deutschland - das war einmal. Vielmehr verzwergt die DFB-Auswahl auf internationaler Bühne mehr und mehr. Daran haben viele Akteure ihren Anteil.

Fehlender Killer-Instinkt die größte Konstante

Längst nicht nur jene, die am Donnerstag erst aktiv begannen, es aber nach dem frühen 1:0 verpassten, den Druck auf Spanien im Parallelspiel gegen Japan durch weitere Tore zu erhöhen. Stattdessen holte das deutsche Team den limitierten Gegner, 31. nur der Weltrangliste, selbst wieder ins Spiel zurück. Es war sinnbildlich für die vergangenen Monate unter Bundestrainer Hansi Flick, in der der fehlende Killer-Instinkt die größte Konstante dieser Auswahl war. Daran änderte auch der späte Schlussspurt nichts, der lediglich eines bewies: dass es möglich gewesen wäre, gegen dieses Costa Rica sieben oder acht Tore zu schießen.

Der deutsche Fußball - er hat bei dieser vor allem in Deutschland so umstrittenen Weltmeisterschaft Schiffbruch auf allen Ebenen erlitten. Angefangen auf der Verbandsebene, wo sich Präsident Bernd Neuendorf im Binden-Streit von der FIFA hat vorführen lassen. Anstatt das Thema zügig abzuräumen, ließ es der DFB zu, dass das Thema größer und größer wurde - bis es die sportliche Vorbereitung völlig überlagerte und auch im Mannschaftskreis für Verstimmung sorgte. Allen voran Kapitän Manuel Neuer, der sich noch in Katar zur "One Love"-Binde bekannt hatte, stand entblößt da.

Zulal Wellness Resort als Sinnbild für die Entrücktheit

Noch weitaus gravierender waren die Fehleinschätzungen von Oliver Bierhoff. Der Direktor für Nationalmannschaften und Akademie hatte seine Hausaufgaben im Binden-Streit ebenfalls nicht gemacht. Vor allem aber muss er sich abermals den Vorwurf gefallen lassen, bei der Wahl des Quartiers wie bereits 2018 nicht das beste Händchen bewiesen zu haben. Erneut logierte das DFB-Team fern ab des eigentlichen Turniergeschehens in seiner eigenen Blase. Das Zulal Wellness Resort stand sinnbildlich für die Entrücktheit der deutschen Mannschaft - für die Bierhoff seit Jahren die Verantwortung trägt, ohne persönliche Konsequenzen daraus zu ziehen. Weder nach dem peinlichen WM-Aus 2018 noch nach dem Scheitern im EM-Achtelfinal 2021.

Stattdessen wechselte Bierhoff - viel zu spät - den Bundestrainer aus. Doch Hansi Flick, dessen Verpflichtung mit viel positivem Echo verbunden war, war nach dem lähmenden Ende der Ära von Joachim Löw kein Reformer und Erneurer, sondern in sportlicher Linie ein Mann des "Weiter so".

Flicks Nimbus als Seriensieger bekommt tiefe Kratzer

Weiter so - auch jetzt? Anderthalb Jahre noch sind es bis zur Heim-EM in Deutschland, die laut Organisator Philipp Lahm die "beste aller Zeiten" werden soll. Es bleibt keine Zeit für einen umfassenden Neuaufbau. Umso schneller muss der Anteil von Hansi Flick an diesem erneut blamablen Ausscheiden analysiert werden. Denn in Katar bekam der Nimbus des Seriensiegers Flick tiefe Kratzer. Den WM-Auftakt gegen Japan vercoachte er durch die Umstellungen in der Abwehr vor der Partie und seine Wechsel in der zweiten Hälfte, als dem DFB-Team nach der unnötigen Auswechslung von Ilkay Güdogan das Spiel entglitt. Die Reaktion gegen Spanien stimmte zwar, umso unverständlicher war es, dass Flick gegen Costa Rica nicht an dem, was gut lief, festhielt.

WM-Spiele bei der WM 2022

Anstatt Niclas Füllkrug in den Sturm zu stellen und Lukas Klostermann als Rechtsverteidiger aufzustellen, ging der Bundestrainer den Weg des geringsten Widerstands: Er hielt an Thomas Müller als Stürmer fest, obwohl der Münchner Routinier in diesem Turnier allenfalls als Pressingspieler zu gebrauchen war. Noch gravierender war sein Umgang mit Joshua Kimmich: Weil er sich nicht gegen Gündogan oder Leon Goretzka entscheiden wollte, verschob er den Sechser, den er noch in den Tagen zuvor als "einen der Besten der Welt" auf seiner Stammposition geadelt hatte, gegen Costa Rica auf die Rechtsverteidigerposition. Dass er diesen Fehler zur Pause korrigierte, war ein deutliches Eingeständnis seiner Fehleinschätzung. Sein Kalkül in seinem wichtigsten Spiel als Bundestrainer auf sieben Bayern zu setzen, ging nicht auf. Ist ein Fußballlehrer wirklich haltbar, der solche turnierentscheidenden Fehler macht?

Zumal Flick auch mit der direkten Turniervorbereitung danebenlag. Ein Wir-Gefühl zu erzeugen und Widerständen zu trotzen, wie es in München seine große Stärke war, ist Flick bei dieser WM nicht gelungen. "Ich weiß, dass nicht jeder hinter uns steht. Es wird viel gegen uns geschossen", beklagte DFB-Stürmer Kai Havertz vor dem Spanien-Spiel - und dürfte damit für die gesamte Mannschaft gesprochen haben, den harmonieliebenden Flick inklusive. Eine Wir-gegen-den-Rest-der-Welt-Haltung entsprang daraus nicht.

Tage im Oman nicht genutzt

Und auch sportlich war kein eingespieltes Miteinander zu erkennen. Die Vorbereitung fiel kurz aus, doch das galt für alle teilnehmenden Mannschaften und kann keine Entschuldigung sein. Vielmehr ist zu hinterfragen, ob die Tage im Oman, in denen sich das DFB-Team erholte und akklimatisierte, nicht besser zur taktischen Vorbereitung genutzt worden wären. Anstatt den Test gegen den Gastgeber (1:0) als Generalprobe anzusetzen, rotierte Flick wild durcheinander. Die Folgen sind bekannt.

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Sollte Flick weitermachen dürfen - und selbst zu seinem vor dem Spiel gegen Costa Rica geäußerten Bekenntnis zu seinem bis 2024 laufenden Vertrag stehen, wird er unangenehme Fragen beantworten müssen: Setzt er weiter auf die Routiniers Neuer und Müller, die schon diesmal Probleme hatten und bei der EM 2024 38 bzw. fast 35 Jahre alt sein werden? Zieht das Bayern-Duo gar freiwillig zurück? Müller deutete seinen Abschied unmittelbar nach dem Spiel indirekt an. Wer übernimmt künftig Verantwortung auf dem Platz? Und auf welche Talente kann er so bauen, dass sie in anderthalb Jahren den Kern der umformierten Mannschaft bilden?

Allzu große Umwälzungen innerhalb des Kaders sind nicht zu erwarten - dafür fehlt es schlicht am Unterbau. Für die Versäumnisse im Nachwuchsbereich, der sich ganz akut im Mangel an Außenverteidigern und Mittelstürmern ausdrückt, kann Flick zwar nichts. Arbeiten müsste er damit gleichwohl.

Eins ist angesichts der Vielzahl an sportlichen und administrativen Problemen klar: Leichter würde es für den 57-Jährigen und sein Team in Zukunft nicht werden. Das WM-Aus in Katar bot ihm darauf einen mehr als bitteren Vorgeschmack.