Bundesliga

Als die "Feder" Mané Bayern kennenlernte

Wie der FCB-Neuzugang in Salzburg landete - und wieder ging

Das Wagnis mit dem Drittliga-Spieler: Als die "Feder" Mané Bayern kennenlernte

Bei RB Salzburg spielte sich Bayern-Neuzugang Sadio Mané einst in das Visier der Premier League.

Bei RB Salzburg spielte sich Bayern-Neuzugang Sadio Mané einst in das Visier der Premier League. Bongarts/Getty Images

Es ist in diesen Tagen fast egal, mit wem man über Sadio Mané spricht. Ob es die Verantwortlichen des FC Bayern sind, ehemalige Teamkollegen oder Christoph Freund, der heutige Sportdirektor von Red Bull Salzburg. Alle kommen auf eine fast schon ansteckende Art und Weise nicht drum herum, die Mundwinkel nach oben zu ziehen. Und ein bisschen zu leuchten. Dabei ist Freund noch einer der wenigen, der ausnahmsweise mal über ein eher unschönes Kapitel in der Karriere dieses offensichtlichen Musterknaben sprechen könnte. Doch das möchte er eigentlich gar nicht. "Da gibt es im Nachhinein kein böses Wort zu verlieren", sagt er im Gespräch mit dem kicker. Er erinnert sich viel lieber an die Geschichte, wie alles begann und nicht daran, wie es endete.

Angefangen hat diese Geschichte an einem Ort, den Sadio Mané im Laufe der letzten zehn Jahre nur allzu gut kennengelernt hat. Im Sommer 2012, als Ralf Rangnick gerade dabei war, in leitender Funktion sowohl RB Leipzig als auch RB Salzburg umzukrempeln, schaute der damalige Sportdirektor gemeinsam mit Freund, seiner inoffiziellen rechten Hand, sehr genau hin, als in Manchester die Olympia-Mannschaft des Senegal auf die Auswahl Großbritanniens traf und ein 1:1 ergatterte. Mittendrin: eine schnelle und trickreiche, aber eher schmächtige Nummer 10 im weiß-grünen Trikot. Die ein Tor auflegt und eine Chance etwas fahrlässig liegen lässt. Und die da noch nicht wissen kann, dass es das letzte Mal sein würde, dass im Old Trafford jemand höhnisch über sie lacht.

Freund: "Waren total von Sadio überzeugt"

Mané, gerade mit Metz in die dritte französische Liga abgestiegen, schafft es bei diesem Turnier, auf sich aufmerksam zu machen. Zumindest Freund und Rangnick sind begeistert: "Er ist uns da gleich aufgefallen", erinnert sich Ersterer. Das Duo wartet ein paar Wochen und macht sich im August gemeinsam auf den Weg in den Nordosten Frankreichs. Verhandelt wurde vorher schon mit dem FC Metz, Freund und Rangnick erhalten die Erlaubnis, nach einem Drittligaspiel in den Katakomben auf Mané zu warten. "Ich kann mich gut an das erste Treffen erinnern", erzählt Freund und grinst dabei zum ersten, aber bei weitem nicht zum letzten Mal. "Er war ein schüchterner junger Bursche", der damals weder Englisch noch Deutsch spricht. Irgendwie klappt das trotzdem mit der Verständigung.

Rangnick und Freund reicht das, was sie in England und in Metz gesehen haben, obwohl die Zahlen nicht zwingend dafür sprechen, diesen zurückhaltenden 20-Jährigen für ordentliches Geld nach Salzburg zu holen. Das stört die RB-Verantwortlichen jedoch nicht, sie verteidigen das Vier-Millionen-Euro-Investment auch vor höheren Gremien. "Man hatte schon gesehen, welche außergewöhnlichen Fähigkeiten er hat; wie schnell und leichtfüßig er unterwegs war." Ein Transfer in dieser Größenordnung ist für das damalige RB ein gewagter Schritt, Mané gleichzeitig das erste beachtliche Puzzleteil in Rangnicks neuem Plan. "Wir haben das auch intern lange diskutiert", erinnert sich Freund. "Das war schon viel Geld für einen Spieler, den außer Insider vermutlich die Wenigsten kannten. Aber wir waren total von Sadio überzeugt und haben es deswegen umgesetzt."

"Feder" Mané überzeugt sofort

Auch wenn der Spieler - anders, als sie das zurzeit in München so gerne formulieren - nicht sofort "Feuer und Flamme" für das Projekt Red Bull war. "Für einen Spieler, der aus dem Senegal kommt und in Frankreich Fußball spielt, ist Österreich wahrscheinlich nicht das erste Ziel, das er im Kopf hat", lacht Freund. Überzeugen lässt Mané sich trotzdem. Und bekommt frühzeitig Hilfe. Freund stellt einen Integrationsbeauftragten ein, der Mané bei der Kommunikation, bei der Wohnungssuche und ganz einfach im alltäglichen Leben helfen soll. "Wenn wir schon vier Millionen Euro für einen Drittligaspieler ausgeben", denkt Freund, "dann machen wir es auch richtig. Sadio war 20 Jahre jung und das erste Mal in einem Land, in dem er sich nicht so gut verständigen konnte, da ist viel auf ihn eingeprasselt."

Anmerken lässt er sich das nur selten. Im Training überrascht Mané seine Mitspieler und die Verantwortlichen. Diese "unglaubliche Geschwindigkeit" fällt Freund sofort ein, "der Antritt… Wie eine Feder, haben wir immer gesagt, weil man ihn nicht fassen konnte." Nur beim Torabschluss offenbart Mané Probleme. Also im Training. Als es nämlich ernst wird, übertrifft er unter Trainer Roger Schmidt alle Erwartungen, schießt in seiner ersten Saison 20 Tore und legt zehn weitere vor. "Es ging damals alles viel schneller, als wir gedacht hatten", staunt Freund noch heute. Der sportliche Erfolg hilft Mané bei der Eingewöhnung. Er lernt fleißig Deutsch, zeigt sich in der Stadt und bemüht sich anzukommen. "Er war sehr aufgeweckt, immer am Lachen, für jeden Spaß zu haben und sehr beliebt - nicht nur in der Kabine, sondern in der ganzen Stadt."

Manés erstreikter Wechsel - doch kein unschönes Ende?

Mit den Transfer-Anfragen hält es sich im Sommer 2013 noch in Grenzen, spätestens im Januar 2014 weiß Freund dann allerdings, dass die "Feder" bald weiterfliegt. Pep Guardiolas Bayern reisen zum Freundschaftsspiel über die A8 nach Salzburg und gehen unter. Mané erzielt das 1:0, am Ende steht es 3:0 für Red Bull. "Da hat man gesehen, dass das ein Spieler ist, der das Zeug hat für große internationale Aufgaben." Der kleine Mané ist zu groß geworden für Salzburg, aus England klopft der FC Southampton an und verdreht dem nun 22-Jährigen offensichtlich den Kopf. Auf einmal, nach 41 direkten Torbeteiligungen in 50 Pflichtspielen, soll alles ganz schnell gehen.

Im August 2014, Salzburg hat das so wichtige Play-off-Hinspiel zur Champions League gegen Malmö 2:1 gewonnen, fühlt sich Mané plötzlich nicht wohl, fehlt beim Training vor dem Rückspiel und bleibt einem anberaumten Gespräch mit Rangnick und Neu-Coach Adi Hütter fern. "Disziplinlos" nennen es die Salzburger damals und streichen ihn aus dem Kader. "Das lief sicher nicht ganz optimal", sagt Freund heute. Seine Theorie: "Er hat da vermutlich Druck verspürt und Angst gehabt, dass er nicht wegkommt." Kommt er aber. Während Mané für 23 Millionen Euro nach Southampton wechselt, verliert sein Ex-Team 0:3 in Malmö und verpasst die Gruppenphase der Königsklasse. Und so schön sie einst anfängt, so unschön endet die Geschichte mit Mané in Salzburg.

Oder doch nicht? "Das war eigentlich überhaupt nicht Sadio, und das passt auch nicht zu seinem Charakter", verteidigt ihn Freund vehement. Selbst nach einem quasi erstreikten Wechsel, der eigentlich erst später und besonders in Dortmund in Mode kam, weigert er sich, ein schlechtes Wort über seinen einstigen Schützling zu verlieren. "Er hat das sicherlich im Nachhinein bereut." Über die Jahre, als sein Stern in Liverpool so richtig aufgeht, kommt Mané immer mal wieder in Salzburg vorbei, trifft "hin und wieder" auch Freund. "Und es ist jedes Mal sehr herzlich. Er ist ein richtig guter Mensch und wird sich auch in München sehr gut zurechtfinden, da bin ich mir sicher." Widerspruch legt bislang niemand ein.

Mario Krischel

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