2. Bundesliga

Keller vor dem Aus - Ein Fall für Mintal und Wiesinger?

In Nürnberg steht das Aus des Trainers unmittelbar bevor

Keller vor dem Aus - Ein Fall für Mintal und Wiesinger?

U-21-Coach Marek Mintal (l.) und NLZ-Chef Michael Wiesinger stünden beim 1. FC Nürnberg als interne Lösungen parat

U-21-Coach Marek Mintal (l.) und NLZ-Chef Michael Wiesinger stünden beim 1. FC Nürnberg als interne Lösungen parat. imago images

Als sich der Mannschaftsbus des 1. FC Nürnberg nach dem 1:1 in Kiel und dem finalen Abrutschen auf den Rang 16 vom Stadion in Richtung Flughafen aufmachte, setzte es von einigen am Straßenrand wartenden Club-Fans die psychologische Höchststrafe: Mit Hohn und Spott bedachten sie den FCN-Tross, klatschten Beifall und bejubelten ihn sarkastisch. Dass und wie sich der Club die Chance auf den direkten Klassenerhalt hatte durch die Hände gleiten lassen, war für sie der berühmte Tropfen der das längst überlaufende Fass zum Bersten brachte.

Kiel-Spiel als Spiegelbild der Saison

Das Drehbuch des 1:1 in Kiel las sich wie das von so vielen Spielen in dieser für die Franken katastrophalen Saison: Gut begonnen, 1:0 geführt, in den Verwaltungsmodus umgeschaltet, in Folge dem Ball und Gegner mehr und mehr hinterhergelaufen, den verdienten Ausgleich kassiert, um dann in der Schlussphase verzweifelt noch mal planlos auf Attacke umzuschalten. So gesehen hat Sportvorstand Robert Palikuca recht, wenn er sagt, dass diese Partie ein Spiegelbild der Saison gewesen sei. Bei seiner Aussage, dass "es in der Kabine sogar schon wieder Aufbruchsstimmung gab", kann man nur den Kopf schütteln. Alleine wenn man Aussage betrachtet, bekommt man einen Eindruck, warum diese Spielzeit so lief wie sie lief.

Trotz dieser "Aufbruchsstimmung" kündigte Palikuca zugleich intensive interne Gespräche im Vorfeld der am Montagabend stattfindenden Sitzung des Aufsichtsrats an. Man braucht kein Insiderwissen, um zu erahnen, dass Trainer Jens Keller das zentrale Thema dieser Gespräche ist. Kein Wunder angesichts der Bilanz des im November 2019 als Nachfolger von Damir Canadi verpflichteten Fußballlehrers: Eine nachhaltige Entwicklung fand unter ihm nicht statt, besonders seine Bilanz nach der Corona-Zwangspause liest sich desaströs: In den neun Partien gelang nur ein einziger Sieg (1 Sieg/5 Unentschieden/3 Niederlagen), zudem wirkt er von der Körpersprache her mehr und mehr ratlos wie resigniert. Es bedarf schon ein großes Maß an Fantasie, um sich vorzustellen, wie er, der ausgebrannt wirkt, nun die Mannschaft für die Relegation pushen und sie aus ihrer Lethargie reißen kann. So gesehen, wäre es auch keine Überraschung, wenn der Aufsichtsrat bei seiner Sitzung heute Abend die Empfehlung aussprechen würde, Keller zu entlassen.

Palikuca selbst lässt ausrichten, dass er unverändert von Keller überzeugt sei und keinen Zweifel daran hätte, dass der Trainer die Mannschaft noch erreiche. Nur, was soll er auch anders sagen? Wäre er gegen Keller, wäre er gleichzeitig auch gegen sich. Erst Canadi, nun Keller - ein bisschen viel der Fehleinschätzungen.

So gesehen kommen Erinnerungen hoch, als sich im Februar 2019 der damalige Sportvorstand Andreas Bornemann dem Aufsichtsrat verweigerte und Trainer Michael Köllner nicht entließ. Dieses Szenario wird sich so aber wohl nicht wiederholen. Zum einen hat sich Palikuca nie so vehement und ausschließlich hinter Keller gestellt wie Bornemann einst hinter Köllner. Zum anderen war er auch von Canadi so überzeugt, dass er bis drei Tage vor der Entlassung des Österreichers eine Trainerdiskussion ins Reich der Fabel verwies. Um dann, man kennt die floskelhaften Begründungen zu Genüge, von der Dynamik der Ereignisse überrollt zu werden, und so weiter und so weiter.

Club fast zum Handeln gezwungen: Mintal drängt sich als interne Lösung auf

Und besagte Dynamik lässt nun eigentlich nur einen Schluss zu: Da die Mannschaft seit Längerem den Glauben an Keller verloren hat, ist der Club fast zum Handeln gezwungen, will er nächste Saison nicht in der 3. Liga spielen. Doch, was dann, wenn er die Reißleine zieht? Ein Feuerwehrmann, eine langfristig angedachte Lösung, die mit Palikuca ein Mann holt, dessen Tage beim FCN auch gezählt sein müssten? Auch wenn die Relegationsspiele erst am 7. und am 11. Juli über die Bühne gehen, muss es sehr schnell gehen - damit der neue Mann noch genügend Zeit hat, um für den dringend notwendigen frischen Wind zu sorgen. Dies wiederum spricht für eine interne Lösung. Womit man zwangsläufig bei Marek Mintal landet, dem Club-Idol und aktuellen U-21-Coach. Auch wenn dessen Interimsausflug zu den Profis in dieser Saison beim 1:5 gegen Bielefeld in die Hosen ging, so hat dies intern seinem Ansehen nicht geschadet. Im Gegenteil Die Entwicklung der U 21 unter seiner Regie spricht Bände, der 42-Jährige genießt bei seinen Spielern höchstes Ansehen. Mit seinem Wissen über den Verein und seiner nachweislich erbrachten Fähigkeit, Talente weiterzubringen, drängt er sich auch als Lösung über die Relegation hinaus an.

NLZ-Chef Michael Wiesinger könnte nach oben gezogen werden

Im Zuge dieser internen Lösung bietet sich übrigens zugleich die nächste an: NLZ-Leiter Michael Wiesinger nach oben zu ziehen, ist eine Variante, die sehr wohl Charme hat und im Aufsichtsrat diskutiert wird.

Chris Biechele

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