Bundesliga

Bundesliga 2019/20: Der Fußball ist längst mehr als das Spiel

Kommentar von kicker-Chefreporter Karlheinz Wild

Bundesliga 2019/20: Der Fußball ist längst mehr als das Spiel

Hansi Flick brachte die Bayern auf Meisterkurs, die Liga sah sich ab Mitte März mit der Corona-Pandemie konfrontiert und Dortmunds Jadon Sancho setzte ein wichtiges Zeichen gegen Rassismus.

Hansi Flick brachte die Bayern auf Meisterkurs, die Liga sah sich ab Mitte März mit der Corona-Pandemie konfrontiert und Dortmunds Jadon Sancho setzte ein wichtiges Zeichen gegen Rassismus. imago images

Eine Meisterschaft ein bisschen für alle

Es war ein schöner und sehr wichtiger Satz, den Christian Seifert zum Abschluss dieser denkwürdigen Bundesliga-Saison 2019/20 prägte, als er in der leeren Volkswagen Arena zu Wolfsburg die Meisterschale für den FC Bayern überbrachte. Diese Meisterschaft gehöre allen ein bisschen, sagte der DFL-Chef, und bedankte sich bei all jenen, die es ermöglicht hatten, dass diese Spielzeit überhaupt beendet werden konnte.

Als am Freitag, 13. März, die Corona-Pandemie die Fußball-Verantwortlichen zu der einzig vernünftigen Entscheidung trieb, den Betrieb zu stoppen, war völlig unklar, wie es weitergehen würde. Die Welt stand still. Seifert machte schnell klar, dass ein Abbruch der Bundesliga den Ruin für manchen Verein bedeuten würde. Nur eine Fortsetzung der Saison ohne Zuschauer konnte helfen. Das von der DFL und allen Helfern erarbeitete Hygiene-Konzept wurde ziemlich diszipliniert befolgt, die Zuschauer und Fußballfreunde widerlegten Vorurteile, sie würden sich vor den Stadien oder sonst wo zusammenscharen. Die Allianz der Vernunft setzte sich durch. Die Bundesliga und alle ihre Fans zogen ihr Ding bis zum Ende durch, als erste große Liga und vorbildlich für Europa. Ihr Fortbestand ist gesichert. Die während der Sars-CoV-2-Bedrohung diskutierten Reformen - Reduzierung der Ablösesummen, der Gehälter für Spieler und der Honorare für Berater - sollten dennoch nicht vergessen werden.

Hilfsaktionen, Initiativen, Anti-Rassismus

Die Berufsfußballer bewiesen während der Corona-Zeit aber auch, dass sie nicht nur an die fette Gage denken. Viele Hilfsaktionen und Initiativen wurden ins Leben gerufen, der Fußball wurde seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht, ebenso seiner politischen, indem er sich nach der Ermordung George Floyds gegen Rassismus wandte, erst vereinzelt, dann kollektiv. Schon Ende Februar hatten die Teams aus Hoffenheim und München ein Zeichen gesetzt, als sich die Spieler in der Schlussviertelstunde gegenseitig nur noch den Ball zuschoben und unterhielten, um so ihre Ablehnung der überflüssigen, wenig originellen Schmähungen gegen den TSG-Mäzen Dietmar Hopp zu dokumentieren. Der Fußball positionierte sich in der abgelaufenen Saison 2019/20 und profilierte sich damit. Er zeigte, dass sein Horizont nicht an der Ballrundung endet.

Bayern hinten raus phänomenal - Konkurrenten müssen sich hinterfragen

Rein sportlich wiederholte sich in gewisser Weise die Geschichte der Runde 2018/19. Die Bayern ließen die Konkurrenz in der Hinserie mutig werden und von neuen Machtverhältnissen träumen - um letztlich von Platz 7, wo sie am 14. Spieltag notiert waren, auf Platz 1 durchzustarten. Die Dortmunder, die vor dem Start erfreulich couragiert Ambitionen auf den Titel bekundet hatten - zu Recht, bei diesem Personal -, wurden mit 13 Zählern und 25 Treffern Distanz auf Platz 2 gesetzt. Aber auch RB Leipzig und Borussia Mönchengladbach hatten sich zur Steigerung der Spannung eingemischt, doch Herbstmeister Leipzig verlor in der zweiten Halbserie gegenüber den Münchnern satte 20 Zähler. Immerhin gelang Julian Nagelsmann und den Seinen gegen München in der Rückrunde ein 0:0 - alle anderen FCB-Gegner verloren.

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Es war ein phänomenaler zweiter Saisonabschnitt der Bayern, mit 49 von 51 möglichen Punkten sowie 54:10 Treffern. Zum zweiten Mal nach 1971/72 wurde die dreistellige Tore-Grenze erreicht, damals waren es 101, dieses Mal sind es exakt 100. Da bleibt also noch ein Auftrag für die kommende Spielzeit für Torjäger Lewandowski sowie den Neu-Trainer Hansi Flick, unter dem die vielen Stars wieder spurten und zum 8. Mal hintereinander den Titel holten. Die Konkurrenten wollten zur Stelle sein, wenn die Bayern schwächeln würden. Sie hatten die Gelegenheit, nutzten sie aber nur in der Hinrunde - ehe sie allesamt nach dem Winter einbrachen. Da setzte sich die Klasse der Münchner durch, ihr nie erlahmender, einzigartiger Wille - und eben auch das Geld.

Vor Corona und zum Abschluss: Das selbe Quintett auf den Plätzen 1 bis 5

Mit der Corona-Zwangspause hat der Zieleinlauf an der Liga-Spitze jedenfalls nichts zu tun. Denn am 25. Spieltag, dem letzten vor dem Break, standen die selben fünf Mannschaften auf Platz 1 bis 5 und in unveränderter Abfolge wie im Schlussklassement.

Schalkes Absturz und das Tönnies-Problem

Krass fiel hingegen der Absturz der Schalker aus. Nach 18 Partien war S04 auf Rang 5 gelistet, bei 33 Zählern gleichauf mit Dortmund und drei Punkten weniger als der FC Bayern auf Platz 2. Es folgten 16 Spiele ohne Sieg mit 6 Zählern sowie 7:37 Toren. Mit einer genauso desaströsen Minusserie gelang es letztmals Hannover 96 in 2014/15, die Liga zu erhalten - wie nun auch dem zerrupften Team David Wagners. Der Trainer wird überzeugende Antworten auf heikle und berechtigte Fragen geben müssen. Dieser große Traditionsverein FC Schalke 04 erlebte mit den vielen Ärgernissen und Verfehlungen auch außerhalb des Fußballfeldes - vor allem in der Person des Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies - ein schwarzes Jahr. Die treuen königsblauen Fans müssen sich echt sorgen um ihren geliebten Verein, eigentlich der gesamte Fußball-Standort Deutschland, zu dem Schalke einfach gehört. In Gelsenkirchen müssen einige Korrekturen gesetzt werden.

Dortmund braucht nicht nur Fachlichkeit, sondern auch Emotionen

Eine sehr nachdenkliche Nachbereitung gerade der jüngsten Wochen wird es auch in Dortmund geben, wo sich die Borussia nach der schon heftig diskutierten 0:2-Heimniederlage gegen Mainz am 32. Spieltag nun eine blamable 0:4-Klatsche gegen Hoffenheim leistete. Die Debatte über mangelnde Mentalität, die beim BVB so manchem gar nicht gefällt, wird von solchen Auftritten neu befeuert - und zu Recht. Dieser Dortmunder Kader muss mehr leisten. Talent allein reicht nicht, es muss auf den Rasen transferiert werden - und zwar in jedem Spiel. Gesamtverantwortlich ist dafür in letzter Instanz der Cheftrainer. Lucien Favre wird - umso mehr nach den aktuellen Bekenntnissen der Klub-Führung - schnellstmöglich verinnerlichen müssen, dass eine junge Mannschaft nicht nur Fachlichkeit, sondern auch Emotionen braucht.

Diese professionelle Einstellung, die im Berufsfußball eigentlich selbstverständlich bis zum letzten Spieltag sein sollte, schwand bei den Kölnern in Bremen sehr bald. Diese 1:6-Schlappe beschädigt das Image des 1. FC Köln, auch wenn schon klar ist, dass sich im Fußball jeder selbst der Nächste ist und die Düsseldorfer ihre Geschicke selbst hätten regeln müssen. Sie verloren deutlich mit 0:3 in Berlin, wo eine Union-Mannschaft vorbildlich ihre sportliche Pflicht erledigte. Es gehört schon auch Moral zum Fußball.

Warum vermitteln eigentlich immer die Freiburger dieses Gefühl vom ehrlichen, spontanen, originären, sympathischen Fußball? Auch in Mainz wird immer wieder bewundernswert ein Meisterwerk vollbracht, wenn die Liga mit diesen Mitteln gehalten wird.

Die Bremer, in zuvor 16 Heimspielen mit einem Sieg, 12 Niederlagen, 3 Remis und 9:35 Toren verbucht, haben sich am letzten Spieltag auf Platz 16 gehievt. Die in den jüngsten Spielen oft wackeren, aber zu wenig effizienten Düsseldorfer sanken damit erstmals seit dem 20. Spieltag wieder auf Platz 17 ab - fatalerweise, es ist der Abstieg, zum 6. Mal aus der Bundesliga. Für die anstehende Relegation hat Werder, ein Verein, der mit dieser Historie in der deutschen Eliteliga vertreten sein muss - aber müssten das nicht auch der Hamburger SV und andere Vereine mit einer großen, längst verstaubten Vergangenheit? -, eine positive psychologische Ausgangsposition. Dieser Last-Minute-Sieg muss beflügeln.

Der VAR - Augsburgs Max war fast schon im Urlaub

Ein häufiges Thema dieser nun vollendeten Bundesliga-Saison lieferte weiterhin der VAR, der Videobeweis oder Videoschiedsrichter, wie er im Volksmund heißt. Wie zur Bestätigung gab es am letzten Tag die Pointe, als in Augsburg der Spieler Philipp Max die Rote Karte sah, obwohl er den Ball weggespitzelt hatte. Rund fünf Minuten dauerte es, ehe Schiedsrichter Dr. Felix Brych in Absprache mit dem VAR - in Köln saß Robert Kampka - das Fehlurteil revidierte und Max aus dem Spielertunnel, wo er schon verschwunden war, zurückholen ließ. Nur gut, dass er noch nicht in den Urlaub abgereist war ...

Dieses Beispiel zeigt erneut, dass nicht der VAR oftmals das Problem ist, sondern das Personal, das sich seiner bedient. Die richtige Balance ist bei der Nutzung ohnehin noch nicht gefunden. Lieber einmal mehr auf den Bildschirm zu schauen als zu wenig, wäre ein erster Schritt.

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