Bundesliga

Ex-Torwart Gerhard Tremmel: "Ich wäre beinahe bei Bayern gelandet"

Der Ex-Bundesliga-Torwart über seine kuriose Karriere

Tremmel im Interview: "Ich wäre beinahe bei Bayern gelandet"

Gerhard Tremmel im Jahr 2001 auf Schalke gegen Ebbe Sand (re.)

Augenzeuge bei der Meisterschaft der Herzen: Gerhard Tremmel im Jahr 2001 auf Schalke gegen Ebbe Sand (re.). picture-alliance

Von der Landesliga direkt in die Bundesliga: Gerhard Tremmel startete vor 20 Jahren in Unterhaching seine kuriose Karriere. Am 7. April 2000 zerrt ihn der Zufall urplötzlich ins Rampenlicht. Ein Faktor, der die Laufbahn des Münchners maßgeblich beeinflussen sollte.

Hallo Herr Tremmel, wie erinnern Sie sich an Ihr kurioses Debüt?
Ich hatte erst drei Stunden zuvor von Trainer Lorenz Köstner erfahren, dass ich spiele, weil sich nach Stammkeeper Jürgen Wittmann auch die Nummer 2, Udo Mai, im Hotel an der Wade verletzt hatte. Ich kam aus der Landesliga direkt in die Bundesliga. Derby gegen 1860 München, ausverkauft, meine allererste Aktion: Thomas Häßler schlägt einen Flugball Richtung Hachinger Tor, der Ball kommt an der Strafraumgrenze runter, selbstbewusst wie ich war, spurte ich raus und pflücke ihn runter. Das Problem war nur, Jörg Bergen vor mir dachte, den köpfe ich besser mal weg. Am Ende hatte ich den Ball, Jörg lag am Boden, und der Arzt musste ihn behandeln. Das ging direkt gut los.

Trotzdem haben Sie ihren Platz im Hachinger Tor nicht mehr geräumt ...
Ich habe auch gut gehalten. Schon gegen die favorisierten Sechziger. Die wurden am Ende Vierter, spielten Europacup. Wir führten lange trotz doppelter Unterzahl und haben erst in der Schlussminute das 1:1 kassiert. Für mich ein gelungener Einstand. Wir haben dann 3:1 in Dortmund gewonnen. Und schon zwei Spieltage vor Schluss sicherten wir den sensationellen Klassenerhalt. Als Zugabe gab es dann das denkwürdige 2:0 gegen Leverkusen am letzten Spieltag.

Bayer fehlte nur ein Punkt zum Titel. Sie machten als gebürtiger Münchner den FC Bayern doch zum Meister. Wie hatten Sie die Partie erlebt?
Das kam alles über mich. Es herrschte Euphorie vorher in der Kabine. Zudem kamen Gerüchte auf, dass Uli Hoeneß uns einlädt, wenn wir gewinnen, es wurde geflachst, alles ganz locker. Wir waren gesichert, hatten keinen Druck. Leverkusen sehr wohl.

"Als Ballack das Eigentor unterlief, spürte man den Bruch"

War das zu spüren auf dem Platz?
Nein, ich konnte als Frischling nicht beurteilen, das ist nicht das Leverkusen, das ich kenne. Für mich war alles neu, plötzlich war ich mitten unter all den Stars und wie im Tunnel. Als Michael Ballack das Eigentor unterlief, spürte man den Bruch in ihrem Spiel. Ein irres Erlebnis. Das nächste kam ein Jahr später.

Nämlich?
Wir erlebten Schalkes Meisterschaft der Herzen hautnah. Und stiegen gleichzeitig ab. Unfassbar emotional. Wir führten beim angehenden Meister 2:0 und 3:2, verloren aber noch 3:5. Das ganze Stadion feierte schon Schalkes Titel, wir als Absteiger fassungslos mittendrin. Und dann liefen die Bilder aus Hamburg auf der Anzeigentafel. Als Andersson das 1:1 und die Bayern doch noch zum Titel schoss, war es urplötzlich mucksmäuschenstill. Das war Wahnsinn.

Waren Sie als Kind Bayern-Fan?
Als Münchner ist man entweder Roter oder Blauer. Ich hatte einen roten Vater und spielte in der Jugend bei Bayern. Danach aber auch bei 1860, da war ich ein bisschen Blau. Später in Haching spielten wir in Rot-Blau, das passte dann. Ich war aber immer eher ein Roter. Später wäre ich beinahe bei den Bayern gelandet.

So gut wie sicher beim HSV

Wann war das?
Das war zu meiner Cottbuser Zeit. Ich hätte eigentlich zum HSV wechseln sollen. Alles war klar, ein Dreijahresvertrag. Doch dann überwarf sich Sportchef Beiersdorfer mit Vorstand Hoffmann und trat zurück. Hoffmann blockierte alles, was Beiersdorfer vorbereitet hatte. Also stand ich da. In Cottbus war ich schon verabschiedet. Das Transferfenster war fast schon zu. Und bei Bayern spielte Michael Rensing als Nachfolger von Oli Kahn. Das hat nicht so funktioniert, und Trainer van Gaal machte Jörg Butt zur Nummer 1. Ich sollte als neue Nummer 2 kommen. Aber Rensing entschied, sich dann eben wieder auf die Bank zu setzen. Das wäre in dem Moment eigentlich mein Platz gewesen. Aber die Bayern wollten keine Unruhe reinbringen.

Wie haben Sie das weggesteckt?
Das war bitter. Nicht nur, weil es der FC Bayern war. Da will jeder hin. Aber ich bin Münchner, war dort in der Jugend, meine Familie lebt dort. Das hätte super gepasst, ein Traum. Aber das Schicksal hatte anderes mit mir vor, noch viele kuriose Wendungen.

Erzählen Sie!
Ich habe dann doch weiter für Energie gespielt, dachte aber, das wäre der Sargnagel in der Karriere. Niemand verpflichtet einen Torhüter von Cottbus aus der 2. Liga. Doch dann hätte ich zu Hertha zurückkehren sollen. Das scheiterte an massiven Fanprotesten, weil ich mal nach einem Sieg mit Cottbus in Rostock in der Euphorie mit den Fans ein Lied angestimmt hatte, in dem Rostock, Dresden und Hertha beschimpft werden. Hat mich 10.000 Euro gekostet. Und die Rückkehr nach Berlin. Die Fans hatten das nicht vergessen. Schade. Aber Beiersdorfer holte mich nach Salzburg.

Swansea - weil die damalige Frau im Internet surfte

Tremmel gegen Everton

Auf der Insel: Tremmel im Dress von Swansea City gegen den FC Everton. picture-alliance

Wie gelang der Sprung nach England?
Total kurios. Die Premier League war für mich immer das Maß aller Dinge. Dann entdeckte meine damalige Frau im Internet, dass Swansea einen Torhüter sucht. Wie es der Zufall wollte, waren die gerade im Trainingslager. 30 Minuten weg von Salzburg.

Fügung?
Nennen Sie es, wie Sie wollen. Es kommt noch besser. Bei Red Bull arbeitete Andrew Sparks, ein junger Torwarttrainer im Nachwuchsbereich. Eigentlich in New York, aber gerade zur Fortbildung in Salzburg. Und der stammte aus Swansea und stellte den Kontakt her. Verrückt, oder? So viele Zufälle auf einmal gibt's doch gar nicht!

Swansea wurde Ihre längste Station.
Eine großartige Zeit. Ich spielte mit weit über 30 noch Premier League und habe im Wembleystadion den Ligapokal gewonnen. Es gibt nur drei deutsche Torhüter, die in England Titel gewannen. Bernd Trautmann, Jens Lehmann - und ich.

Später wurden Sie Scout für Swansea. Was machen Sie heute?
Ich lebe mit meiner Partnerin und unserer kleinen Tochter wieder in München und kommentiere als Experte Live-Übertragungen aus der Bundesliga für den Weltmarkt, vor allem für den englischsprachigen Raum.

Wo und für wen?
Für DFL digital sports. Wir sitzen über dem berühmten Kölner Keller. Wenn ich mit einer VAR-Entscheidung nicht einverstanden bin, könnte ich mit dem Aufzug runterfahren und das direkt mal klären. Macht irre Spaß, ich hoffe, dass es bald weitergeht.

Interview: Michael Pfeifer