Bundesliga

Neuer im großen Interview: "Habe es mir schon so oft selbst gezeigt"

Der Nationaltorhüter zu Gast beim kicker

Neuer im großen Interview: "Ich habe es mir schon so oft selbst gezeigt"

Manuel Neuer

Kam mit dem ICE zum Redaktionsbesuch beim kicker: Manuel Neuer. Zink

Herr Neuer, Weihnachten ist die Zeit der guten Taten für in Not geratene Menschen: Tragen Stars da eine besondere Verantwortung?

Wir sind Vorbilder, vor allem für Kinder, aber auch insgesamt in der Gesellschaft. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir auf diejenigen schauen, denen es nicht so gut geht. Aus dem Beweggrund habe ich meine Stiftung gegründet. Als ich von sozial benachteiligten Kindern im Ruhrgebiet erfuhr, habe ich mich auf diesen Bereich fokussiert. Dieses Projekt wurde mir zu einer Herzensangelegenheit, nachdem ich zuvor verschiedene andere Bereiche unterstützt hatte. Mir war klar, dass ich nicht für hundert Sachen stehen konnte. Diese Kids sollen eine Perspektive haben.

Was empfinden Sie, wenn Sie mit diesen Kindern in Kontakt kommen?

Wenn ich sie in Gelsenkirchen oder bei Veran staltungen - wo auch immer - treffe, ist es schon ein angenehmes Gefühl zu sehen, was wir da aufgebaut haben - und wenn man zudem von den Kindern etwas zurückbekommt, indem man deren Entwicklung über die Jahre sieht.

Wie gehen die Kinder mit Ihnen um?

Unterschiedlich. Ich selbst war früher sehr schüchtern und getraute mich als junger Fußballer auf Schalke und als Fan des Vereins zum Beispiel nie, den Profi-Torwart Jens Lehmann anzusprechen, obwohl er sah, dass ich auch Torwart war. Ich hätte es nie gewagt, ihn nach einem Autogramm oder gar nach seinen Torwart-Handschuhen zu fragen. Die heutigen Jungs sind ganz offen, sehr mündig und selbstbewusst. Da ich keine Überraschungsbesuche mache, präsentieren die Kinder immer etwas, wenn ich im "MANUS" in Gelsenkirchen zu Gast bin. Die Bastelgruppe hat dann etwas vorbereitet, der Tanzkurs, es wurde gebacken. Ich bin stolz auf das, was in diesem offenen Kinder- und Jugendhaus passiert.

Animieren Sie jüngere Mitspieler zu solch einem sozialen Engagement?

Das kommt von ganz allein, viele Profis bringen sich für gute Zwecke ein. Gerade in der Nationalmannschaft haben wir ein paar Aktionen aus eigenem Antrieb durchgezogen, Besuche in einer Schule, einem Kinderhospiz, bei der Arbeiterwohlfahrt. Wir sehen sehr wohl, dass es im Leben nicht nur schöne Seiten gibt und dass geholfen werden muss. 2019 haben wir das sehr gerne getan; es wird fortgesetzt.

Welche Weihnachtswünsche hat ein Profi, der sich alles leisten kann?

Ich bin glücklich, wenn ich Fußball spielen kann; ich liebe meinen Beruf. Meine Gesundheit ist für mich das größte Gut, gerade nach dem Pech in den vergangenen zwei Jahren. Deshalb bin ich froh, dass ich wieder gesund bin und meine Leistung zeigen kann. Ich hoffe, es läuft so weiter.

Hatten Sie in jener Verletzungsphase Zukunftsängste?

Nein. Ich hatte nie Zweifel an meiner Rückkehr und habe mich an Etappenzielen orientiert mit dem ganz großen Ziel WM 2018. All das habe ich erreicht. Deshalb musste ich nach der WM nicht mehr über meinen zuvor verletzten Fuß nachdenken.

Hat es Sie überrascht oder sogar enttäuscht, dass Sie nach Ihrer höchst erfolgreichen Karriere inklusive Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 relativ wenig Kredit hatten in der Öffentlichkeit und ziemlich schnell infrage gestellt wurden?

Nach der WM 2018 wurde nicht nur ich infrage gestellt, sondern viele Spieler. Grundsätzlich hatte die gesamte Mannschaft keine gute WM gespielt. Ich war nicht der Verlierer dieser WM, sondern habe ein ordentliches Turnier abgeliefert, leider mit zu wenigen Spielen. Es war von der kompletten Mannschaft - ich will nicht von Versagen sprechen - ein unglückliches Turnier.

Ich war auf die Hilfe anderer angewiesen, als ich sechs Monate an Krücken ging. In dieser Zeit wird man etwas bodenständiger.

Manuel Neuer

Hat Sie Ihre Verletzungsmisere zu einem anderen Sportler gemacht?

Nein. Aber natürlich mache ich mir Gedanken - die man sich mit 33 Jahren grundsätzlich macht - darüber, wie ich im letzten Viertel der Karriere für den Sport leben muss. Mit der Verletzung hat das nichts zu tun. Allerdings passiert mit einem menschlich schon etwas in solch einer Phase.

Was ist da passiert?

Ich war zum Beispiel auf die Hilfe anderer angewiesen, als ich sechs Monate an Krücken ging. In dieser Zeit wird man etwas bodenständiger.

Haben Sie gemerkt, dass selbst ein Superstar im Fußball sehr schnell vergessen sein kann?

Dass dieses Geschäft sehr schnelllebig ist, wissen wir. In den ersten zwei, drei Wochen wird öffentlich, auch beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft über deine Verletzung gesprochen - dann geht es weiter. So ist der Fußball, so ist das Leben. Alle drei, vier Tage sind neue Spiele, jeden Montag und Donnerstag erscheint der kicker, also heißt es, immer weiterzumachen. Mit dem Vergangenen sollte man sich gar nicht so sehr beschäftigen.

Als Zweifel an Ihnen als Nummer 1 sehr heftig wurden, hielten Sie im März beim 3:2-Sieg in den Niederlanden überragend. Dachten Sie damals: Jetzt habe ich es allen gezeigt?

Nein. Ich habe es mir schon so oft selbst gezeigt. Außerdem war diese Partie in Amsterdam kein Spiel, das für den Torwart lief, damals kamen keine Torwart-Bälle. Ich musste mir das Glück grundsätzlich einfach erarbeiten, das hat etwas gedauert.

Sind die Deutschen zu streng mit ihren Weltmeistern?

Dazu fehlt mir der Vergleich mit anderen Ländern und Fußballnationen.

Sie standen vor 20 Jahren als Anhänger selbst in der Fankurve. Spüren Sie dort eine Veränderung im Vergleich zu damals?

Schalke und Bayern kann man nicht vergleichen, zum Beispiel wie glücklich der Fan mit einem Ergebnis oder Spielstand ist. Aber mit Blick auf die aktuellen Zuschauerzahlen bei Länderspielen: Vor sechs, acht Jahren haben wir mit der Nationalelf nicht anders gespielt als jetzt gegen Nordirland oder Weißrussland. Warum die Stadien heute - anders als damals - nicht ausverkauft sind? Vielleicht gibt es ein Überangebot an Spielen.

kicker.tv-Hintergrund

Kabinenfrotzeleien, Leidenszeit, EM-Gegner: Neuer exklusiv

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Seit der WM 2018 erlebt die DFB-Auswahl einen Stimmungsknick. Steigt der Druck nun bei der EM - umso mehr wegen der Gruppenspiele in München?

Eigentlich müsste nach dieser Qualifikation ein Stimmungshoch herrschen, nachdem wir uns sogar gegen die Niederlande durchgesetzt haben. Wir wurden Gruppen-Erster und spielen jetzt in der EM-Gruppe sowohl gegen den amtierenden Welt- als auch gegen den Europameister. Deshalb stehen von Anfang an nur Finals an. Es sind also auch die Fans gefordert.

Wie stehen Sie zur Kritik am DFB und an der Nationalmannschaft, dass die Kluft zum Fan zu groß sei?

Wir gehen nach jedem Spiel in die Kurve und bedanken uns bei den Fans. Wir absolvieren öffentliche Trainingseinheiten und besuchen soziale Einrichtungen. Allerdings ist die Zeit, die wir bei der Nationalmannschaft zusammen sind, immer sehr kurz. Mit Blick auf die EM hatten wir viel Verletzungspech, konnten also nie wie gewünscht arbeiten; dennoch versuchten wir, die Fans mitzunehmen. Für jeden weiteren Vorschlag sind wir in der Mannschaft und im Mannschaftsrat dankbar und schreiben ihn auf die Agenda. Heute machen wir im Umgang mit den Fans mehr als früher. Ich kann es beurteilen, ich bin schon lange dabei.

Ist ein Sommermärchen wie 2006 mit dieser paneuropäischen EM und den drei Heimspielen möglich?

Es ist für uns alle eine Umstellung, gerade auch für die Fans, die aus den verschiedenen Ländern an einem Standort zusammenkommen. Das war 2006 schon sehr schön. Es war eine WM, das ist noch etwas anderes. Wie es sich bei der EM 2020 entwickeln wird? Abwarten. Unsere Franzosen beim FC Bayern, Tolisso, Coman und Pavard, können auch sagen, sie spielen zu Hause...

Heim-EM 2024? "Noch bin ich fit und von daher bereit"

Und wenn es nicht wie gewünscht laufen sollte, sind Sie bei der echten Heim-EM 2024 noch immer dabei?

Noch bin ich fit und von daher bereit.

Wie weit ist die DFB-Auswahl in ihrer Entwicklung Ende 2019?

Wir sind auf einem guten Weg, hatten aber in der Defensive nicht die Möglichkeit, Stabilität reinzubekommen, wegen der diversen Ausfälle. Für ein Turnier ist defensive Stabilität sehr wichtig. Im März werden wir es im Training und in den Spielen gegen Spanien und Italien so einüben, dass es zum EM-Start gegen Frankreich funktioniert.

Braucht das DFB-Team bei der EM wie bei der WM 2014 viele Neuer-Grätschen, um den Titel zu holen?

Wir brauchen Stabilität, Automatismen. Wir müssen eingespielt sein. Ob es Neuer-Grätschen geben wird, hängt davon ab, wie hoch die Abwehr stehen wird.

Wir haben viel Talent. Die jetzige Phase kann man mit der Zeit um 2010 und 2012 vergleichen.

Manuel Neuer über die aktuelle Generation beim DFB

Wie viel Talent hat die neue deutsche Generation im Vergleich zu jener der 2010er Jahre, die die WM gewann?

Wir haben viel Talent. Die jetzige Phase kann man mit der Zeit um 2010 und 2012 vergleichen. Schon bei der EM 2012 hatten wir eine gute Mannschaft, unser schlechtestes Spiel machten wir im Halbfinale gegen Italien und schieden verdient aus. Damals hatten wir genauso starke Gegner in der Gruppe - Portugal, die Niederlande - wie dieses Mal und setzten uns durch. 2010 bei der WM in Südafrika hatten wir eine junge Mannschaft, an die die Erwartungen gering waren. Mit vielen jungen Spielern sind wir gegen England, Argentinien weit gekommen und knapp im Halbfinale an Spanien gescheitert.

Wenn Sie noch das Aus im Halbfinale gegen Frankreich bei der EM 2016 dazunehmen: Hat diese tolle Generation der 2010er Jahre bei ihrer Klasse zu wenige Titel geholt?

Wir sind Weltmeister geworden. Wer hat schon mehrere Titel gewonnen?

Deutschland 1972/1974, Frankreich 1998/2000 und Spanien 2008/ 2010/2012.

Trotzdem ist es nicht die Regel, dass man hintereinander Welt- und Europameister wird. Es hätte auch für uns anders laufen können, dennoch ist jeder Spieler aus dieser Generation mit dem Erreichten zufrieden. Beim Kartenspielen macht man auch nicht immer alle Stiche.

Beherrschen Sie Schafkopf?

Klar. Aber den langen, nicht den kurzen wie hier in Nürnberg.

Es wird viel über die angeblich so schwere EM-Gruppe gejammert. Aber Europameister Portugal ist in der Qualifikation in seiner Gruppe hinter der Ukraine gelandet. Muss das deutsche Team - obendrein mit dem Heimrecht - nicht sagen, die hauen wir weg?

Das gibt es in einem Turnier grundsätzlich nicht mehr, wie wir 2018 am eigenen Leibe verspürt haben. Ich glaube nicht, dass die deutschen Fans von uns einen Durchmarsch erwarten. Die Stimmung im Lande ist nicht so, dass davon ausgegangen wird, dass wir alle Gegner weghauen. Allerdings müssen wir so selbstbewusst sein, dass wir weiterkommen wollen und die Gruppe möglichst als Erster abschließen.

Kommt es da vor allem auf die Weltmeister und Führungsspieler Manuel Neuer und Toni Kroos an?

Nein. Es kommt auf uns alle an. Auch 2014 in Brasilien gab es nicht den einen Spieler, von dem man sagen konnte, er war entscheidend für den Titel; es hängt immer vom Team ab.

Joachim Löw sagte jüngst, er erwarte den Höhepunkt der neu formierten Mannschaft erst 2022 oder 2024. Können Sie so lange warten?

Ich lebe im Hier und Jetzt und muss als Sportler in jedem Turnier das Beste herausholen. Mit Bayern München wollen wir unsere Ziele in dieser Saison erreichen, nicht erst 2020/21. Jedes Jahr zählt, jede EM, jede WM.

Können Sie einen Rücktritt 2020 bei einem EM-Triumph ausschließen?

Das lasse ich mir offen, weil ich auf meine Gesundheit höre und schauen möchte, wie fit ich bin und ob mir alles Spaß macht.

Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen

"Grundsätzlich wurde viel zu viel daraus gemacht": Manuel Neuer (l.) und Marc-André ter Stegen. imago images

Wie bewerten Sie mit Abstand die Herbstdebatte um Sie und Marc-André ter Stegen?

Grundsätzlich wurde viel zu viel daraus gemacht. Ich hatte noch nie ein Problem mit Marc. Wir trainieren bei der Nationalmannschaft zusammen, rufen uns aber nicht an, wenn er mit Barcelona spielt oder ich mit Bayern, und wünschen uns viel Glück. Wir sitzen beim Frühstück zusammen, unterhalten uns ganz normal, trainieren zusammen - als Teamkollegen, nicht als Konkurrenten.

Trotzdem gab es diese Aussagen. Wie gehen Sie damit im Training um?

Jeder von uns beiden versucht, seine beste Leistung für die Mannschaft abzurufen, damit wir erfolgreich sind. Das ist wichtig, denn wir spielen in einer Mannschaft. Im Fußball läuft es halt nicht wie im Handball mit Abklatschen und Umarmen und den nächsten Siebenmeter hältst du. Fußball ist eine andere Kultur.

Im Fußball läuft es halt nicht wie im Handball mit Abklatschen und Umarmen und den nächsten Siebenmeter hältst du. Fußball ist eine andere Kultur.

Manuel Neuer über den Zweikampf im Tor

Sie sprachen damals auch über die Auswirkungen auf das Team. War das eine generelle Ansage für diese Generation zum Thema Mannschaftsgeist?

Man kann nur etwas erreichen, wenn alles funktioniert und eine gewisse Harmonie herrscht, verbunden mit einem Ziel und Orientierung. Es zählt nur das, was die Mannschaft erreichen kann, Nebenkriegsschauplätze sind nicht wichtig.

Besteht darin jetzt und künftig noch mehr Ihre Rolle: Der Mannschaft zu sagen, was wichtig ist?

Grundsätzlich wissen wir alle, was wichtig ist. Meine Rolle war das schon immer, auch als Vizekapitän unter Philipp Lahm und Basti Schweinsteiger. Als Torwart musst du automatisch Verantwortung übernehmen, viel auf dem Feld sprechen. Dir fallen andere Dinge auf als den Feldspielern, die nicht das ganze Spielfeld vor sich haben. Für mich ist es wichtig, Bindeglied zwischen Spielern, Trainerteam und Verantwortlichen zu sein.

Sie sprechen Ihre Rolle als Torwart an: Lionel Messi wurde kürzlich zum sechsten Mal zum Weltfußballer gewählt. Wünschen Sie sich mehr Wertschätzung für Defensivspieler und Torhüter bei diesen Wahlen?

Die gibt es schon, Virgil van Dijk belegte den 2. Platz. Es war auch nicht normal, dass ich als Torwart 2014 Dritter wurde. Aber was schaut man sich auf Youtube oder Instagram am häufigsten an? Die gute Abwehrleistung, eine tolle Grätsche, ein gewonnenes Kopfballduell? Oder doch die Tore von Messi und Cristiano Ronaldo? Deshalb gewinnen die Offensivkünstler.

Wen hätten Sie gewählt?

Ich bin froh, dass ich nicht wählen musste.

Sie dürften sich auch selbst wählen...

Nein, das hätte ich nicht gemacht.

Oder Robert Lewandowski.

Diese Stimmen kamen im letzten halben Jahr durch seinen Lauf. Er ist der beste Stürmer auf dieser Welt.

Wird die individuelle Leistung mehr beachtet, wenn das Team ein Finale erreicht?

Eigentlich schon. Andererseits sind Salah, Mané und Firmino vom FC Liverpool nicht ganz oben gelandet. Insofern widerspricht sich das.

Aktuell kann ich es mir nicht vorstellen, im Ausland zu spielen; aber bei der Schnelllebigkeit des Geschäfts weiß man nie. Vielleicht packt es mich noch.

Manuel Neuer über einen möglichen Wechsel ins Ausland

Damit sind wir in England. Würden Sie es bereuen, sollten Sie nie im Ausland gespielt haben?

Ich habe nie gesagt, dass ich meine Karriere unbedingt in Deutschland beende. Ich habe aber auch nicht gesagt, dass ich den FC Bayern verlassen werde. Was ich für die Nationalelf gesagt habe, gilt für meine Karriere: Wenn ich mich gut fühle, wenn ich gebraucht werde und weiß, dass ich Leistung zeigen kann, will ich spielen, solange es Spaß macht. Ich fühle mich bei Bayern wohl und habe mit der Mannschaft Ziele. So soll es vorerst weitergehen.

Reizt Sie das Ausland nicht doch?

Das halte ich mir offen. Aktuell kann ich es mir nicht vorstellen, im Ausland zu spielen; aber bei der Schnelllebigkeit des Geschäfts weiß man nie. Vielleicht packt es mich noch.

Sie sind siebenmal Deutscher Meister, fünfmal Pokalsieger, Champions-League-Gewinner und Weltmeister. Was treibt Sie eigentlich noch an - ist die zehnte Meisterschaft nicht irgendwann egal?

Nein, egal ist mir das nicht, sondern wichtig. Die Serie mit den Meisterschaften lebe ich mit, die wollen wir ausbauen, vielleicht ist das etwas für die Ewigkeit. Auch ohne Auslandswechsel erlebe ich beim DFB und FC Bayern mittlerweile eine komplett neue Mannschaft. Als ich 2011 nach München kam, waren nur Thomas Müller und David Alaba da, mit mir kam Jerome Boateng, Javi Martinez 2012. Mehr sind es nicht. Es passiert immer etwas, es wird nie langweilig.

Oliver Kahn prägte als Torwart eine Ära, Sie mittlerweile auch. Ist Ihnen das mehr wert als ein Vereinswechsel?

Ich bin ja vereinstreu. Ich habe 20 Jahre auf Schalke gespielt. Der Schritt zu Bayern war mein erster Vereinswechsel. Es macht Spaß, in München zu spielen, aber man lebt auch als Mensch. Ich fühle mich in der Region und im Umfeld wohl und würde nicht unbedingt wegwollen.

Diese Spieler wechselten von Schalke zum FC Bayern

Kann ein Verein eine Familie sein, wie es die Bayern für sich reklamieren?

Auf jeden Fall. Der Kern ist immer an der Säbener Straße geblieben, man sieht immer die gleichen Gesichter, auch wenn sich ein bisschen etwas verändert. Die Leute, die lange im Staff arbeiten, sind wie eine Familie.

Ist der FC Bayern für Sie mehr Arbeitgeber oder inzwischen Herzenssache?

Fußball ist für mich eine Herzenssache. Der FC Bayern ist mein Arbeitgeber, ich ordne mich allem unter, was man als Angestellter tun muss. Ich nehme das ernst, halte alle Regeln und Pflichten ein - mache das aber gerne, weil es der Sache dient.

Was fasziniert Sie nach all den Jahren mittendrin generell noch am Fußball?

Es ist meine Leidenschaft, die ich zum Beruf machen durfte. Ich spiele seit 1991, und es gab noch nie Zeiten, in denen ich keine Lust mehr hatte.

Gibt es in Ihrem Umfeld Menschen, die mit Fußball gar nichts am Hut haben?

Ja, ich wurde auch schon während eines Spiels angerufen. Die merken dann, dass ich gerade keine Zeit hatte oder lesen es später in der Zeitung.

Suchen Sie Kontakt zu solchen Leuten bewusst in Phasen, in denen Sie nichts von Fußball wissen wollen?

Auch das. Wenn es im Verein anstrengender wird, ist es gut, einen Freund zu haben, der nichts mit Fußball anfangen kann, und mit ihm über etwas anderes zu sprechen.

Wie oft schauen Sie pro Tag aufs Handy, um Fußball-News zu finden? Ich bin echt schlecht informiert, ich schaue wenig auf Apps oder Ticker.

Sie betonen den Spaß am Fußball, dazu Ihren Ehrgeiz. Was motiviert Sie an einem kalten November-Abend bei einem normalen Ligaspiel?

Aus Niederlagen holt man sich die Motivation für die guten Zeiten. Das beste Beispiel war das Finale dahoam 2012, als wir im Jahr darauf gegen Dortmund triumphierten. Diese Niederlage gegen Chelsea war eine riesige Motivation für uns. Während einer Saison mit Höhen und Tiefen muss man sich immer mal rankämpfen, auch in der Situation dieses Herbstes. Wir glauben daran, dass wir an die Tabellenspitze zurückkehren werden.

Was ist passiert, dass es nach dem Trainerwechsel besser läuft?

Wir verteidigen höher, laufen höher an, haben engere Bindungen zwischen den einzelnen Ketten. Jetzt sind es keine Wege, die 20 Meter lang sind, sondern zehn bis 15. Wir haben Zugriff und einen viel engeren Draht zueinander, die Kommunikation zwischen den Spielern läuft einfacher. Man kann sich Kommandos geben. Das hilft unserem Spiel, wir können den Gegner so unter Druck setzen.

Hansi Flick

"Er hat die Chance auf jeden Fall verdient": Hansi Flick. imago images

Bleibt die Bundesliga an der Spitze so spannend wie bisher? Oder dominiert der FC Bayern im März, April wieder?

Da so viele Mannschaften oben eine Rolle spielen, wird die Meisterschaft im März oder April noch nicht entschieden sein.

Wie sehen Sie die Entwicklung bei Ihrem früheren Klub Schalke 04?

Sehr positiv.

Ist Schalke ein ernsthafter Rivale?

Wir müssen im Moment alle ernst nehmen.

Aber wer sind die Hauptkonkurrenten?

Ich denke Leipzig, Mönchengladbach und Dortmund.

Haben Sie denn Verständnis für Leute, die einen anderen Meister wollen?

Ich kann das verstehen. Aber ob mir das gefällt, weiß ich nicht.

Hat es Hansi Flick drauf, Bayern-Trainer über die Saison hinaus zu bleiben?

Er macht es super bisher. Er hat einen tollen Draht zur Mannschaft, spricht die Dinge ganz klar an. Er hat die Chance aktuell auf jeden Fall verdient.

Was braucht ein Top-Trainer?

Hansi Flick ist ein sehr erfahrener Fußballfachmann, auch wenn er erst zum ersten Mal Cheftrainer ist. Eine gewisse Erfahrung sollte ein Bayern-Trainer schon mitbringen, er muss mit den Medien umgehen, mit den Spielern sprechen und sie mitnehmen können. Die Grundvoraussetzung, Deutsch zu sprechen, muss nicht unbedingt erfüllt sein bei uns in der Mannschaft. Er sollte ein Fußballfachmann sein, der taktisch gut geschult ist und die Mannschaft erreicht; der den FC-Bayern-Fußball spielen möchte, der die Philosophie hat, einen Fußball zu spielen, der zum FC Bayern am besten passt.

Also kein Umschalt-Fußball?

Nein, ganz klar.

In Kahn wird eine andere Torwart-Legende ab 1. Januar beim FCB aktiv. Ist es auch für Sie erstrebenswert, nach Ihrer Karriere im Sport zu bleiben?

Das ist auf jeden Fall eine große Option, weil ich Sportler durch und durch bin. Ich möchte später einen Job haben, der mich fordert, in welcher Funktion auch immer. Dem Fußball würde ich gerne treu bleiben und etwas machen, das mich inspiriert und reizt.

Eher in Richtung Kahn oder Richtung Bundestorwarttrainer Andreas Köpke?

Ich sehe mich aktuell in der Zeit nach der Karriere eher nicht täglich auf dem Platz.

Uli Hoeneß hat Ihnen schon vor Jahren indirekt angeboten, irgendwann in die Münchner Führungsriege aufzusteigen. Ist so etwas denkbar?

Auch das möchte ich offenhalten. Um das Richtige zu finden, werde ich nach der Karriere ein bisschen Ruhe brauchen, um herauszufinden, was ich selbst möchte. Auch ein wichtiger Aspekt ist die Familiensituation. Während meiner Karriere will ich nicht so viel darüber nachdenken, erst möchte ich alles in sie investieren. Danach kann ich mir die Zeit nehmen und jetzt während der Karriere so viel lernen wie möglich.

Ist Ihr Wohnort Tegernsee für Sie ein möglicher Alterssitz?

Ja - es ist doch schön da.

Manuel Neuer zu Gast beim kicker

Zu Gast beim kicker: Manuel Neuer sprach beim Redaktionsbesuch über zahlreiche Themen. Zink

Zu diesem Termin kamen Sie mit dem ICE. Wurden Sie im Zug angesprochen?

Im Ruheteil darf man nicht miteinander reden, kein Handy. Ich hatte eine dicke Jacke mit Kapuze an. Aber natürlich zücken die Leute ihr Handy, machen heimlich Fotos oder fragen.

Ist das der Preis der Prominenz?

Es gehört dazu. Bei mir ging es nicht von null auf hundert. Die Handyfotos mit mir kamen erst im Verlauf meiner Karriere. Ich war nicht wie Mario Götze von heute auf morgen der neue Superstar, sondern konnte lernen und es mir bei den anderen Schalke-Profis und Nationalspielern anschauen. Ich war erst dritter Torwart, dann zweiter, dann erster. Ein gesunder Weg, den ich gehen konnte.

Ist Ihnen Prominenz lästig oder eher angenehm?

Ich brauche das für mich nicht.

Wo ist es denn okay, wo nervt es?

Wenn man zu zweit beim Dinner sitzt, ist es ein bisschen nervig. Aber wenn ich mich ins Christmas-Shopping stürze, ist mir bewusst, dass mich die Leute ansprechen könnten und nach einem Foto fragen. Wenn man irgendwohin geht, muss man wissen, was einen erwartet, und für sich die Entscheidung treffen: Mache ich es oder lieber nicht?

Es gibt viele Spieler, die direkt nach der Partie die sozialen Medien bedienen. In den USA darf in der Kabine gefilmt werden. Gefällt Ihnen diese Öffnung?

Vor fünf, sechs Jahren konnte ich mir das nicht vorstellen. Jetzt ist es moderner geworden. Die Trainer gehen heutzutage viel lockerer damit um als in den ersten Jahren. Da wurden noch Regeln festgelegt, wie man als Profi damit hantiert. Jeder Spieler weiß, dass er selbst die Verantwortung übernehmen muss.

Gibt es in der Nationalmannschaft diesbezüglich Vorschriften?

Ja, es wurde uns von Oliver Bierhoff etwas vorgestellt. Aber diese Dinge sind für mich selbstverständlich.

Ein Leon Goretzka nutzt diese Kanäle gerne für Statements. Sollten Profis häufiger über diese Plattform gesellschaftliche Themen ansprechen?

Das liegt bei einem selbst. Genauso, ob jemand etwas für einen guten Zweck machen möchte. Wir sind durch die sozialen Medien mündigere Spieler geworden, wir haben unsere eigene Meinung.

Auch die Fans bedienen soziale Kanäle. Ist der Ton damit rauer geworden?

Kritik gehört zu unserem Beruf, wir selbst sind unsere schärfsten Kritiker. Nach dem Spiel in Frankfurt gingen wir in die Kurve und wussten, dass es eine Katastrophe war, was wir abgeliefert hatten. Wir wissen, was in der Kurve passiert. Das ist etwas anderes als die Kommentare in sozialen Netzwerken. Im Stadion gehören positive wie negative Emotionen dazu. Ich finde nicht, dass der Ton rauer geworden ist. In Frankfurt haben wir 1:5 verloren.

… der FCB hat schon des Öfteren mit 1:5 Toren verloren...

...auf Schalke, mit Oliver Kahn (grinst). Aber: Für uns als Spieler ist es wichtig, dass wir auf dem Platz Vorbilder sind. Bei jedem Champions-League-Spiel trage ich eine Kapitänsbinde, auf der RESPECT steht. Man weiß, dass Millionen von Fans zuschauen und dass man sich benehmen muss. Sonst könnte es sich negativ auf den Amateurfußball auswirken.

Ein anderes Thema: Handspiel. Haben Sie Verständnis, dass die Regel fast niemand mehr wirklich kapiert?

Es ist keine leichte Situation - weder für uns noch für die Schiedsrichter. Ob ihnen geholfen ist mit der Regel, ist die andere Frage.

Gefällt Ihnen der Videoassistent?

Grundsätzlich finde ich den Videoassistenten gut, ja. Er ist schon eine gewisse Hilfe für die Schiedsrichter, den Wettbewerb nicht zu verzerren.

Vermissen Sie die Zeiten, als noch von gleicher Höhe die Rede war? Im Zweifel für den Torwart - das wäre schön ... (grinst)

Im Fußball spricht man häufig von Integration. Sind Fußballmannschaften in allen Ligen Modelle, die für eine gelungene Integration stehen?

Ich denke, ja. So bin ich aufgewachsen. Den Spruch von der Integration hat mir Leon Goretzka geklaut (lacht). Früher wurden wir nicht in Nationen aufgeteilt, sondern: Wir waren Schalker, Dortmunder oder Bochumer. Es gab immer nur ein Wir im Fußball.

Wir hatten gemeinsam schöne Jahre. Was er immer wollte, ist, Spaß zu haben und Fußball zu spielen. Die Dinge, die außerhalb des Platzes passierten, sind nicht immer gelungen.

Manuel Neuer über Mesut Özil

Diese Thematik wurde auch von Mesut Özil bei seinem Rücktritt aufgeworfen. Wie betrachten Sie nach einem guten Jahr die Causa Özil?

Wir hatten gemeinsam schöne Jahre. Was er immer wollte, ist, Spaß zu haben und Fußball zu spielen. Die Dinge, die außerhalb des Platzes passierten, sind nicht immer gelungen.

Kann die Heim-EM 2024 dem deutschen Fußball wieder einen Schub geben, wie es 2006 der Fall war?

2006 war einmalig. Ab da ging es mehr und mehr los. Deshalb sind wir jetzt da, wo wir sind. Die Jungs, die heute in den U-Mannschaften spielen, werden das Ziel haben, bei der Heim-EM dabei zu sein.

Eine persönliche Frage: Ist Ihnen eigentlich Ihr Reklamier-Arm bewusst?

Ja, klar. Es gibt sogar Emojis dafür (grinst). Ich werde immer alles tun, damit unsere Mannschaft einen Vorteil hat. Es ist aber keine böswillige Aktion, wenn ich nach Gegentoren den Arm hebe. Dass sich Leute darüber lustig machen, ist für mich kein Problem.

Sie spielen Woche für Woche vor 50 000 bis 70 000. Gewöhnt man sich daran? Wird es gar zur Sucht?

Man gewöhnt sich daran. Ich will einfach immer die beste Leistung abrufen. Auswärtsspiele sind etwas Besonderes. Ich freue mich immer auf neue Stadien, neue Fangruppen.

Ziehen Sie an Silvester eine Bilanz?

Wenn man mit der Familie am Tisch sitzt, redet man ja immer übers abgelaufene Jahr. Da mag es in den besten Familien auch mal eine heftige Diskussion geben - bei uns war das bislang glücklicherweise noch nicht der Fall. Ich persönlich mache mir aber nicht zu viele Gedanken.

Waren Sie mit Ihrem Jahr 2019 einverstanden?

Mehr als einverstanden. Es war ein gutes Jahr für uns. Es hat Spaß gemacht.

Aufgezeichnet von: Georg Holzner, Frank Linkesch und Karlheinz Wild