Der VfB-Boss über aktuelle Probleme und langfristige Pläne

Hitzlsperger nach Reality-Check: "Die Wirklichkeit sieht anders aus"

Stuttgarts Vorstandsvorsitzender Thomas Hitzlsperger

Hat nach dem Reality-Check seine Erwartungen angepasst: Stuttgarts Vorstandsvorsitzender Thomas Hitzlsperger. imago images

Neben dem Sport verantwortet Hitzlsperger seit seiner Beförderung auch die Bereiche Strategie und Kommunikation. Seine erste Woche in neuer Funktion verlief mit der 0:1-Niederlage gegen Kiel gleich unruhig. Jetzt sprach der 37-Jährige über...

... die aktuelle sportliche Situation: "Mit Platz zwei bin ich zufrieden. Nach den großen Veränderungen im Sommer haben wir schnell erfolgreich und gut gespielt. Zuletzt mussten wir zwei Niederlagen einstecken, mit denen wir vielleicht früher gerechnet hätten. Das war enttäuschend, aber damit müssen wir zurechtkommen. Wir werden nach zwei Spielen nicht alles in Zweifel ziehen und den Krisenmodus ausrufen. Unruhe von außen entsteht schnell, weil zu Recht eine hohe Erwartungshaltung da ist. Aber wir möchten Ruhe bewahren. Es gab auch zuletzt gute Ansätze. Aber wir müssen es schaffen, regelmäßig gute Leistungen zu bringen. Die Entwicklung ist nicht abgeschlossen."

... die Bedeutung der Spiele beim HSV in Liga und Pokal: "Der HSV steht ganz oben. Für uns geht es darum, den Abstand zu den Mannschaften hinter uns zu vergrößern. Deshalb ist es wichtig, am Samstag in Hamburg zu gewinnen. Ein Pokalspiel drei Tage später gegen dieselbe Mannschaft ist eine Sondersituation. Auch da wollen wir weiterkommen."

... die offensive Spielweise: "Wir wollen unbedingt aufsteigen und diese Art Fußball spielen. Tim Walter verlangt Mut, will offensiv spielen - das wollten wir. Da kann es auch mal sein, dass ein Ergebnis herauskommt wie gegen Wiesbaden oder Kiel. Wenn wir unseren Weg verlassen, haben wir aber auch keine Garantie für den Aufstieg. Wenn wir unseren Überzeugungen folgen und die Spiele kritisch analysieren, können wir beide Ziele erreichen: mutig-offensiv spielen und aufsteigen."

Wir haben bewusst einen Trainer gewählt, der weiß, was er will. Der dieses Selbstbewusstsein auch zum Ausdruck bringt und auf die Mannschaft überträgt.

Thomas Hitzlsperger über Trainer Tim Walter

... das Auftreten von Tim Walter: "Wir haben bewusst einen Trainer gewählt, der weiß, was er will. Der dieses Selbstbewusstsein auch zum Ausdruck bringt und auf die Mannschaft überträgt. Wir wollen, dass Tim emotional ist. Wenn er über das Ziel hinausschießt, sprechen wir darüber. Wir sind im Austausch. Aber ich möchte aus ihm keinen Menschen machen, der anderen nach dem Mund redet. Das ist er nicht und das wollen wir nicht."

... das Ziel Aufstieg: "Wir müssen alles tun, um aufzusteigen. Wir haben die finanziellen Mittel dafür eingesetzt, Platz 1 oder 2 ist unser Anspruch. Sollte es nicht gelingen, müssen wir neue Lösungen finden. Das würde Veränderungen mit sich bringen. Die Planungen dafür gehen gerade los, wir müssen einen finanziellen Rahmen festlegen. Aber wir werden alles dafür tun, dass dieser Fall nicht eintritt."

... seine Ziele als Vorstandsvorsitzender: "Ich habe dem Aufsichtsrat meine Gedanken präsentiert. Es wäre aber zu früh, diese öffentlich zu machen. Ein Vorstandsvorsitzender soll die Richtung vorgeben. Über allem steht die Frage: Wo will der Verein hin? Die ersten 100 Tage sind gespickt mit vielen Gesprächen. Ich will weiter in Erfahrung bringen, warum wir da stehen, wo wir stehen. Dann geht es darum, einen Weg aufzuzeigen, wo wir hinwollen und wie wir das erreichen."

Wir müssen realistisch sein und den Gedanken aus dem Kopf bringen, dass wir eigentlich international spielen müssten.

Thomas Hitzlsperger

... falsche Erwartungen: "In den Köpfen vieler Menschen ist der VfB so ein großer Verein, die Region gespickt mit erfolgreichen Unternehmen - also müssen die in der Bundesliga eigentlich weit oben sein. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Wir müssen realistisch sein und den Gedanken aus dem Kopf bringen, dass wir eigentlich international spielen müssten. Ich hatte auch einige Zeit dieses Bild. Aber dann habe ich die Vergleichszahlen aus der Bundesliga gesehen. Das war ein Reality-Check. Als ich mich tiefer mit den Zahlen beschäftigt habe, wurde mir bewusst, dass diese Annahme falsch ist. Es gibt inzwischen viele Klubs, die mehr Geld zur Verfügung haben und mehr Geld ausgeben können für ihre Kader."

... realistische Erwartungen: "Der Etat der Profimannschaft ist ein guter Richtwert. Wir könnten aktuell auch als Erstligist nicht so viel Geld ausgeben, dass wir in der Bundesliga in der ersten Hälfte sind. Die meisten Klubs kriegen das raus, was sie finanziell einsetzen. Es wäre schon der erste Schritt, wenn wir das schaffen. Leider ist in den letzten Jahren zu oft das Gegenteil eingetreten. Wir müssen uns neu ausrichten. Viele Vereine haben in den letzten Jahren weniger Fehler gemacht als wir und sind vorbeigezogen."

Ich bin selbst gespannt, welche zwei Kandidaten zur Wahl stehen und warte auf die Bekanntgabe am 7. November.

Thomas Hitzlsperger über die Präsidentenwahl beim VfB Stuttgart

... die Fehler der Vergangenheit: "Es gab viele Wechsel in der sportlichen Führung, dadurch immer wieder unterschiedliche Ausrichtungen und Vorstellungen. In einem Jahr kann man eine Idee nicht umsetzen. An den entscheidenden Positionen sollten wir Kontinuität haben, dann steigt die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg."

... seine Erwartungen an den künftigen Präsidenten: "Die Trennung in AG und e.V. hat den VfB verändert. Ab dem 15. Dezember gibt es erstmals einen Präsidenten und einen Vorstandsvorsitzenden. Einerseits muss es eine klare Trennung der Aufgabenbereiche geben. Andererseits müssen wir kollegial zusammenarbeiten, um das Beste für den VfB zu erreichen. Ich bin selbst gespannt, welche zwei Kandidaten zur Wahl stehen und warte auf die Bekanntgabe am 7. November."

Aufgezeichnet von David Bernreuther

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