FCN reichen drei Auswärtstore in Aue nicht

Nürnberg: Die Kombination macht's

Hanno Behrens

Nürnberg und Kapitän Hanno Behrens standen am Ende in Aue mit leeren Händen da. imago images

Siehe das 4:3 von Aues Florian Krüger, das der Video-Assistent wie folgt beschreibt: "Von rechts kam eine Flanke, und ein Nürnberger Spieler grätschte rein. Ich habe die kalibrierte Linie angelegt, diese hat klar gezeigt, dass dieser Spieler mit seiner Fußspitze ganz knapp vorne war." Besagter Spieler war Hanno Behrens, der auf der linken Seite das vermeintliche Abseits des Torschützen in der Mitte hauchdünn aufhob. Beim dritten Treffer des FCE verhielt es sich ähnlich, da war es Tim Handwerker der eine Abseitsstellung im Zentrum aufhob. Wobei sich die Debatte nun nur noch am Rande darum dreht, ob die Gegentore drei und vier vom Freitag wegen ein paar Zentimetern doch korrekt waren - lässt sich ohnehin nicht mehr ändern.

Bleibt die grundsätzliche Frage, wie sich der Club überhaupt im Erzgebirge vier Gegentore hat fangen können? Womit wir bei der Frage nach der generellen Ausrichtung wären. Eine Stunde lang war der Club in Erzgebirge das, was man drückend überlegen nennt. 1:0 führte er, nur, sei angefügt, weil Aue gar nicht stattfand. Besser gesagt nicht stattfinden konnte, weil die früh störenden Nürnberger den Sachsen ein kontrolliertes Aufbauspiel unmöglich machten und ihnen zweitens keinerlei Räume boten.

Gemäß der Spielphilosophie von Trainer Damir Canadi war es ein perfekter Auftritt - bis zur 60. Minute, als Sechser Lukas Jäger rund 60 Meter vom eigenen Tor entfernt im Zentrum ein Fehler unterlief, und Aue dadurch urplötzlich einen Konter in Überzahl fahren konnte. Es folgten der sehenswerte Slalomlauf des Auers Jan Hochscheidt, die Rettungstat von Asger Sörensen per Hand auf der Linie, Rot, Elfmeter und das 1:1. Nach dieser "Schlüsselszene", wie Kapitän Behrens richtig festhielt, entwickelte sich jener wilde Schlagabtausch, den keiner je vergessen wird, der ihn live miterlebte.

Wie gut ist die Defensive?

Allen voran, wenn man wie FCN-Innenverteidiger Georg Margreitter ein Leidtragender des Spektakels geworden ist. Die vier Gegentore lassen nämlich eine Debatte aufleben, die seit Saisonbeginn immer wieder hochkommt: Wie gut, beziehungsweise schlecht ist die Nürnberger Abwehr, die mit ihren 18 Gegentoren, der viertschlechteste Werte der Liga, zunächst mal den eigenen hohen Ambitionen widerspricht? Pickt man sich mit Darmstadt (3:3) und nun Aue zwei der drei jüngsten Auswärtsspiele heraus, scheint sich die Frage von selbst zu beantworten. Wenn sechs Auswärtstore nur zu einem Punkt reichen, muss etwas faul sein mit der Abwehr, genauer mit der Güte ihrer Vertreter.

Doch genau gegen diesen Schluss wehren sich Margreitter & Co getreu der Devise "die letzten beißen die Hunde". Der Österreicher beklagt mit Blick auf Aue, dass beim Stand von 1:0 alle blind nach vorne rennen würden, anstatt sich aufs Verteidigen zu konzentrieren. Betrachtet man die Szene, die zum 1:1 führte, hat er einerseits recht. Andererseits agierte der Club da, wie es der Trainer immer fordert. Eine stets mutige Spielweise fordert er ein, eine Führung soll im Vorwärtsgang verteidigt werden und nicht durch Anrühren von Abwehrbeton - auch im Wissen, dass dies zu einem Ballverlust führen kann, wie ihm nun Jäger vor dem 1:1 unterlief. Der Alleinschuldige war er dennoch freilich nicht, er stand nur am Anfang einer sicher anschließenden Fehlerkette - und zu der gehörte auch Margreitter. Anders ausgedrückt: Wer so mutig agieren will wie der FCN, der ist vor solchen Situationen nicht gefeit, bei dem sind in der Defensive knifflige Eins-gegen-eins-Duelle programmiert.

Ein individueller Fehler beim 3:4

Was sich nach dem besagten 1:1 indes abspielte, steht auf einem anderen Blatt. Anstatt in Unterzahl sich erst mal auf die Kontrolle des Spiels und des Gegners zu konzentrieren, stürmte der Club munter weiter - und die kann man wie Margreitter zu Recht als total naiv bezeichnen. Wobei auch hier ein Aber angebracht ist, wenn man sich das entscheidende Auer Tor ansieht. Ihm ging kein Konter voraus, die Defensive stand geordnet und nicht in Unterzahl, Hanno Behrens unterlief vielmehr erst eine weite Flanke und konnte dann die zum Tor führende Testroet-Flanke nicht verhindern. Ein individueller Fehler also, wie er im Fehlerspiel Fußball nun mal passiert.

Canadi spricht von der Balance

Und doch stellt sich die taktische Grundsatzfrage: Zwischen dem 3:3 in Darmstadt und dem 3:4 in Aue gab's schließlich ein 4:0 in Hannover, das sogar noch höher hätte ausfallen können. Und beim Mitabsteiger agierte der Club lang anders, als es das Leitbild vorsah. Er stand vergleichsweise tief, konzentrierte sich aufs Zustellen der Räume, überließ 96 das Spiel und hatte es dennoch souverän im Griff. Was nun? Canadi spricht stets von der Balance, an der seine Mannschaft in jedem Training hart arbeitet. So gesehen wäre eine Abkehr von dem eingeschlagenen Weg auch fehl am Platz, wobei er auch nicht zum Dogma werden darf. Die ersten 59 Minuten von Aue in Kombination mit den 90 Minuten von Hannover, das wäre der perfekte Mix für die Zukunft.

Christian Biechele