Der 30-Jährige verblüfft beim Startelf-Debüt sogar Kohfeldt

Überraschung Groß: "Einfach grandios"

Werders Christian Groß (li.).

War nach seinem Startelf-Debüt in Berlin sichtlich zufrieden: Werders Christian Groß (li.). imago images

Von der Regionalliga auf die große Bundesliga-Bühne

Eingeplant war der Routinier vor der Saison schließlich weiterhin als Führungsspieler für die U 23 in der Regionalliga. An mehr war von niemandem mehr gedacht zum vermeintlichen Ausklang einer Laufbahn, die 2008 in der Zweiten Mannschaft des HSV begonnen und auf den Stationen Babelsberg, Lotte sowie Osnabrück nie über die Dritte Liga hinausgeführt hatte. Den Sprung in die Zweite Liga hätte Groß zwischenzeitlich gerne mal geschafft - "und jetzt", schmunzelt Kohfeldt, "hat er ein Bundesligaspiel an der Alten Försterei. Mindestens bis zum Winter wird er auf jeden Fall Bestandteil unseres Kaders bleiben."

Als Groß Anfang Juli mit dem Profi-Tross ins Trainingslager nach Zell am Ziller aufbrach, hätte diese Entwicklung niemand auch nur ansatzweise für möglich gehalten. Seine Rolle war die eines Sparringspartners, weil mit Milos Veljkovic und Sebastian Langkamp zwei Innenverteidiger ausfielen und mit Marco Friedl ein dritter Kandidat noch Urlaub hatte. Dabei ist Groß eigentlich defensiver Mittelfeldspieler, wie Kohfeldt betont. Ans damalige Auswahlverfahren erinnert sich der Fußballlehrer so: "Wir saßen mit Björn Schierenbeck (Direktor des Werder-Leistungszentrums, Anmerkung der Redaktion), Thomas Schaaf (Technischer Direktor) und Konrad Fünfstück (U-23-Trainer) zusammen, und ich habe gesagt: Wir nehmen den Grosso mit, weil er uns eine gewisse Trainingsqualität garantiert. Und weil wir dann nicht bei einem jungen Spieler unnötige Erwartungen wecken. Und dann wurde er von Tag zu Tag immer besser."

Lobeshymnen von Kohfeldt und Baumann

Kohfeldt lobte Groß dafür immer wieder - ihn wirklich von Anfang an in der Bundesliga zu bringen, blieb dennoch lange Zeit kein Thema. "Das ist noch mal ein anderes Level", betonte der Coach oft genug. Nach der Premiere am Samstag aber stellte Kohfeldt fest, und klang dabei fast, als müsse er sich von seinen eigenen Worten selbst überzeugen lassen: "Grosso kann Bundesliga spielen. Er ist schnell, er ist kopfballstark. Auch wie er das Spiel eröffnet hat, angedribbelt ist: Das hat er sehr gut gemacht." Große Komplimente erntete der Spätberufene ebenfalls von Manager Frank Baumann ("sehr gut, sehr souverän") und von Mitspielern wie Niclas Füllkrug: "Grosso hat überragend gespielt. Richtig abgewichst. Jetzt haben wir wieder eine Option mehr, er hat's bewiesen." Ganz cool gab sich unterdessen der Routinier selbst auch nach seiner Feuertaufe: "Man muss ehrlich sein", formulierte Groß, "ich weiß, warum ich gespielt habe: Weil viele Leute ausgefallen sind, deshalb habe ich meine Chance bekommen. Aber ich habe ja immer gesagt: Wenn ich helfen kann, dann gerne, dann bin ich da. Das hat man am Samstag gesehen." Nervös sei er nicht gewesen, "es war gesunde Anspannung, würde ich sagen. Und vor allem Vorfreude, mit einer geilen Mannschaft in so einem geilen Stadion zu spielen."

Sein bemerkenswertes Selbstbewusstsein im Vorwärtsgang kommentierte er ganz lapidar: "Ich habe immer so gespielt, dass ich den Ball mal nach vorne treibe. Also warum nicht auch hier?" Dass er per Handspiel den umstrittenen Elfmeter zum 1:1 verursachte, blieb hinterher nur noch eine Randnotiz, auch für ihn selbst. "Wenn ich die Bilder sehe, sage ich: Klar, kann man pfeifen. Aber es war unglücklich, ich habe den Ball ja gar nicht gesehen." Eine Szene, die sich ohne weiteres abhaken lässt. Sorgen macht Kohfeldt im Hinblick auf seinen Überraschungsprofi derweil etwas ganz Anderes: "Ich hoffe, er hat mit Baumi (Manager Frank Baumann, die Redaktion) gut Prämien verhandelt. Das wünsche ich ihm. Wenn nicht, würde ich mich aber für ihn einsetzen…"

Thiemo Müller