Als der Brasilianer Reinier Jesus Carvalho im Januar 2020 von Flamengo Rio de Janeiro zu Real Madrid wechselte, fühlten sich die "Königlichen" mal wieder wie die Größten. Laut der spanischen "Marca" stachen die Madrilenen damals andere Großklubs wie Atletico Madrid, den FC Barcelona, PSG und Manchester City aus, als sie sich die Dienste des damals 18-jährigen Toptalents für 30 Millionen Euro sicherten. Nicht wenige glauben damals an eine große Zukunft des Offensivspielers, auch wenn er zunächst für die zweite Mannschaft eingeplant war.
Letzter Kurzeinsatz am 12. Dezember
Ein Jahr später muss man konstatieren, dass die Rechnung bislang nicht aufgegangen ist. Erst bremste die Corona-Pandemie die Entwicklung Reiniers, der aufgrund des Saisonabbruchs in Spanien bis zum Sommer in der Real-Reserve kaum zu Einsatz gekommen war. Dann verlief das Leihgeschäft mit Borussia Dortmund, wo er Mitte August landete, zumindest bislang nicht wie gewünscht - obwohl der BVB nach mehr als zweijähriger Beobachtung des Spielers genau wusste, was er bekommt.
Seit er das Trikot des BVB trägt, kommt Reinier auf magere acht Kurzeinsätze, wettbewerbsübergreifend stand er lediglich 136 Minuten auf dem Feld (kein Tor, keine Vorlage). Zuletzt durfte er am 12. Dezember beim 1:5 gegen Stuttgart eine halbe Stunde lang mitwirken, damals noch unter dem einen Tag später entlassenen Trainer Lucien Favre.
Terzic und die Frage der Balance
Unter dessen Nachfolger Edin Terzic ist der Brasilianer bislang komplett außen vor. Genau wie einige andere Reservisten des BVB, die derzeit nur wenig bis überhaupt nicht eingesetzt werden. "Es ist immer eine Frage der Balance" sagt Terzic, wenn man ihn auf die zweite Reihe seines Kaders anspricht. Die wenigen Wechsel, die er zuweilen vornimmt, erklärt der 38-Jährige mit den oft engen Spielverläufen. "Wir fragen uns oft, wie viel Sinn es macht, jemanden für fünf Minuten in einem engen Spiel zu bringen, der keinen Rhythmus hat", erklärt er. Und oft genug lautete zuletzt die Antwort: Es macht eher keinen Sinn, sondern birgt zusätzliche Gefahren.
Nicht nur deshalb wünscht man sich in Dortmund mehr Konstanz in den Leistungen - und auch einmal klare Spiele, in denen frühzeitig ein eigener Sieg eingetütet werden kann. "Das", sagt Terzic, "wäre sehr wünschenswert, denn ich bin nicht weit davon entfernt, jedem Spieler die Chance zu geben, sich zu zeigen." Wie für Reinier gelte das ebenso für das Toptalent Youssoufa Moukoko. Auch der 16-Jährige kam zuletzt nur selten zum Zug.
"Wir sind sehr zufrieden mit Youssoufas Entwicklung. Er versucht sich stetig zu verbessern. Wir sind zuversichtlich, dass er uns bald eine große Hilfe sein wird", sagt Terzic. Auch Reinier habe sich seine Chance "definitiv verdient", denn "er ist ein sehr talentierter Spieler, der hart an sich arbeitet, sowohl im sprachlichen Bereich als auch auf dem Platz". Terzic, der früher im Jugendbereich und als Scout tätig war, weiß um die Härten seines Jobs. Er sagt: "Mir fällt es schwer, so etwas nicht immer direkt belohnen zu können."
Zorc: Geduld statt Abbruch der Leihe
Immer wieder gab es in den vergangenen Wochen Gerüchte, Real könnte das auf zwei Jahre ausgelegte Leihgeschäft mit Reinier vorzeitig abbrechen, um ihn in einem Klub unterzubringen, der ihm mehr Einsatzzeiten garantiert. In Dortmund hat man darauf stets mit Kopfschütteln reagiert. Denn nicht zufällig hat der Klub auf eine zweijährige Leihe bestanden. "Wir haben Geduld mit ihm", sagte Sportdirektor Michael Zorc bereits Anfang Dezember. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Entsprechend kam es auch nicht zu seinem Wechsel im Winter. Als die Transferliste am vergangenen Montag schloss, war Reinier noch immer in Dortmund.
In den kommenden Monaten soll sich das Leihgeschäft auszahlen. Für Reinier, den in Dortmund zusätzlich eine Corona-Infektion zurückwarf. Für Real, das sich irgendwann eine sportliche Rendite der 30-Millionen-Euro-Investition erhofft. Und nicht zuletzt auch für den BVB, der verlässliche Alternativen zur Startelf jederzeit gebrauchen kann. Das gilt umso mehr in den kommenden Wochen, die durch die Dreifachbelastung strapaziöser werden als der zurückliegende Januar. Und die für Reinier im besten Fall neue Chancen bieten.





