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WM im Abseits: Ein Jahr bis Katar

Turnier sorgt für ein Maximum an Kontroversen

WM im Abseits: Ein Jahr bis Katar

Einer der Spielstätten für die kommende WM: Das Lusail Stadium.

Einer der Spielstätten für die kommende WM: Das Lusail Stadium. Getty Images

Der Trip stand unter keinem guten Stern. Mitten in der Saison, Anfang April 2004, jettete der FC Bayern nach Doha zu einem Testspiel gegen die "Stars of Qatar". Der Rekordmeister besiegte die Creme de la Creme der katarischen Liga, für die Stefan Effenberg und Mario Basler aufliefen. Doch die Tingeltour kostete Körner für die Aufholjagd in der Meisterschaft, die am Ende Werder Bremen gewann. Man musste gar um Michael Ballack zittern, der Schlüsselspieler hatte sich in der Wüste die Wade gezerrt. Einerseits. Andererseits: Der Auftragskick brachte mächtig Kohle. Von 600.000 Euro schrieben Medien damals.

Auch heute, etwas ein Jahr vor der WM 2022, herrscht Zwiespalt über Partnerschaften mit dem Emirat, die viel Geld und viel Kritik bringen. Nicht nur in München, in der ganzen Welt. Hilft das Turnier, eine archaisch anmutende Gesellschaft zu öffnen? Oder bietet sie eine gigantische, petrodollar-finanzierte Bühne zur Selbstdarstellung? Thomas Hitzlsperger kann den Ansatz der Argumentation der Pro-Katar-Fraktion nachvollziehen. "Man versucht damit, die alte diplomatische Idee von Wandel durch Annäherung zu bemühen. Aber meine Hoffnung auf Verbesserung hält sich in Grenzen", sagt der Vorstandschef des VfB Stuttgart. "Es wird der FIFA nicht schwerfallen, vier Wochen lang Bilder zu zeigen, die den Eindruck von Fortschritt vermitteln, ohne dass sich in den kommenden Jahren grundsätzlich etwas ändert. Aber an eine nachhaltige Verbesserung allein durch eine WM glaube ich nicht." Russland sei nach 2018 auch nicht demokratischer und liberaler geworden, argumentiert der Ex-Nationalspieler, der mit seinem Coming-out 2014 eine Schweigespirale gebrochen hat.

Was im Männerfußball hierzulande lange tabu war, ist im Gastgeberland der WM verboten: Homosexuellen drohen Haftstrafen, im Extremfall wäre laut Scharia sogar die Todesstrafe möglich. Wer kann es Josh Cavallo verdenken, wenn er sagt: "Eine der größten Errungenschaften als Profifußballer ist es, für sein Land zu spielen. Zu wissen, dass die WM in einem Land stattfindet, das Homosexuelle nicht unterstützt und uns in Lebensgefahr bringt, macht mir Angst." Der 22-jährige Profi von Adelaide United, der jüngst das Outing wagte, könnte theoretisch an der WM teilnehmen, sofern sich Australien qualifiziert und ihn nominiert. Nach Katar reisen würde Cavallo wohl kaum. Hitzlsperger behält sich das zumindest vor: "Ich möchte es nicht ausschließen, sofern ich einen sinnvollen Beitrag in der Diskussion um Menschenrechte und die Rechte der LGBT-Community leisten kann." Grundsätzlich reize ihn ein WM-Besuch aber nicht, sagt der 39-Jährige.

"Auch die Frauenrechte werden in Katar mit Füßen getreten

"Vielleicht kennen viele Fußballfans keine Schwulen persönlich und haben mit dem Thema kaum zu tun. Aber ihr habt alle Mütter, ihr habt Schwestern und Töchter. Und denen geht es in Katar nicht besser als meinen Leuten. Auch die Frauenrechte werden in Katar mit Füßen getreten. Und dass ihr hier die Augen verschließt und das alles in Kauf nehmt, nur um ein ungestörtes Fußballfest zu feiern, das erschreckt mich, macht mich wütend, lässt mich verzweifeln", richtet Alfonso Pantisano, Vorstandsmitglied im deutschen Lesben- und Schwulenverband, einen emotionalen Appell an die Fußball-Öffentlichkeit.

Der Großteil der Stadien steht: Katar ein Jahr vor der WM 2022

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In der Tat lag Katar 2020 im Gleichstellungsindex des World Economic Forum auf Rang 135 von weltweit 153 Ländern. Es passt in exakt dieses Bild, dass Monika Staab sagt: "Katar hat keine so richtige Frauennationalmannschaft mehr. Wenn Spiele anstehen, wird der Schein für die Öffentlichkeit gewahrt. Inwieweit mit Blick auf die WM mehr Unterstützung kommt, kann ich nicht sagen." Die 62-Jährige ist eine Pionierin des Frauenfußballs. Erst in der Bundesrepublik, ab Mitte der 2000er Jahre speziell im Nahen Osten. Sie trainierte Bahrain und seit September das nicht minder umstrittene Saudi- Arabien. 2013 und 2014 waren es die katarischen Frauen, die heute nicht einmal mehr in der FIFA-Weltrangliste geführt werden, obgleich der Weltverband den Frauenfußball zur Bedingung für WM-Bewerber gemacht hat.

Staab: "Ich hatte 2014 gehofft, dass etwas entstehen kann"

"Wir haben damals vieles erreicht, von der U 14 bis zur U 16 Teams aufgebaut, Spiele gemacht, sogar den West-Arab-Cup absolviert. 2010 hat Katar gegen Bahrain noch 0:19 verloren, wir haben nur 0:3 verloren", blickt Staab zurück und ärgert sich zugleich: "Ich hatte 2014 gehofft, dass etwas entstehen kann. Nun sehe ich den Frust, weil die Arbeit nicht weitergeführt worden ist. Das ist Fakt. Ich habe noch sehr guten Kontakt zu den Spielerinnen, die sind sehr enttäuscht. Da wird ab und zu ein Training absolviert, aber da kann man nicht von einer aktiven Mannschaft sprechen. Nach außen wird der Schein gewahrt."

Schein und Scheine

Das al-Bayt Stadium

Auch hier finden Spiele statt: Im al-Bayt Stadium. AFP via Getty Images

Schein und Scheine. Das sind zwei zentrale Punkte der Kritik, die sich seit dem 2. Dezember 2010 an dem Emirat abarbeitet. Seit der damalige FIFA-Boss Sepp Blatter die Karte mit dem Schriftzug "Qatar" aus dem Kuvert zog. Es gibt ein Foto von jenem Tag in Zürich, als der Walliser Patron dem Emir den World Cup überreicht. Golden glänzt die Trophäe. Golden soll die Wüste leuchten in der Vision 2030 des damaligen Staatsoberhauptes Hamad bin Chalifa Al Thani. Die Vision ist das Zukunftsprojekt des arabischen Kleinstaats. Der Scheich und sein Thronfolger, Tamim bin Hamad Al Thani, kauften sich im großen Stil in den Sport ein. Handball, Leichtathletik, Paris St. Germain, Medienrechte über beIN-Sports, die gigantische Traingsstätte Aspire Academy, Formel 1 oder das ICSS, ein nach eigenen Angaben unabhängiges Zentrum für Sportsicherheit. Sportpromis als Botschafter wie Zinedine Zidane oder Pep Guardiola, bald laut britischer Medien auch David Beckham. Kolportierter Kostenpunkt für ein Jahrzehnt Beckham-Grinsen: knapp 180 Millionen Euro. Die Kirsche auf der Torte aber ist die WM 2022. Ein Projekt, dessen Kosten Experten auf 200 Milliarden US-Dollar schätzen.

Wurde es auf den Baustellen besser?

Ein Projekt, das Leben kostet. Eine Tragödie in Dauerschleife. Medien enthüllen immer wieder aufs Neue, wie Gastarbeiter auf den Baustellen sterben, das Emirat gelobt Besserung. Doch wurde es wirklich besser? Auf einigen Baustellen gewiss, die Organisatoren installierten Vorzeigecamps. Die Arenen für 2022 seien sauber, sagen FIFA und das organisierende Supreme Committee. Nun hat ja auch Franz Beckenbauer, in dessen Namen dereinst 6,7 Millionen Euro ins Emirat flossen, keine Sklaven gesehen damals bei einer Stippvisite dort, die Aussage flog ihm prompt um die Ohren. Denn die Welt hat sie gesehen, die Sklaven. Sie schaut hin, sie zählt die Toten, sie übt Kritik an Katar. Wegen der WM, sagen die einen. Während die anderen der Überzeugung sind, dass nicht auf den Gräbern entrechteter Gastarbeiter gespielt werden könne und das Turnier daher boykottiert werden müsse.

"Boykott ist und bleibt ein starkes Instrument in gesellschaftspolitischen Konflikten. Ein Boykott ist das letzte Mittel, worauf man zwar zurückgreifen kann. Eine aktive Rolle kann man dann allerdings nicht mehr spielen", fasst die Grünen-Politikerin Claudia Roth das Dilemma zusammen. Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags ergänzt: "Es ist richtig und wichtig, darauf zu bestehen, dass international anerkannte menschenrechtliche Standards auch bei internationalen Sportveranstaltungen zum Tragen kommen und die Ausrichter dieser Veranstaltungen diese Standards einhalten."

Katja Müller-Fahlbusch, deutsche Nahost-Expertin von Amnesty International, erkennt an: "Die katarische Regierung hat 2017 eine Reihe von Reformen angestoßen, die in der Region einmalig sind." Das Problem: "Die Reformumsetzung ist halbherzig und wenig konsequent. Im vergangenen Jahr ist die Umsetzung der Reformen erheblich ins Stocken geraten, obwohl der internationale Druck auf Katar erheblich war."

Tromsö IL ruft zum Boykott aus

Speziell in Skandinavien haben viele für die rigide Lösung plädiert. Tromsö IL hatte zum Boykott aufgerufen, weitere Klubs schlossen sich an. Doch im Juni sprach der norwegische Verband ein Machtwort. Stattdessen verpflichtete er sich in einem Aktionsprogramm zum Einsatz für Menschenrechte und gegen Sportswashing. Tromsö-Boss Öyvind Alapnes glaubt: "Unser Vorstoß hat zu einer der größten gesellschaftlichen Debatten in Norwegen über den Zusammenhang von Fußball, Geld und Menschenrechten geführt. Kaum jemandem in Norwegen war bewusst, was da eigentlich in Katar los ist. Aber viele Menschen waren dann für einen Boykott, als sie im Zuge unseres Aufrufs darüber besser informiert wurden. Und gerade die Medien haben kritisch über die WM berichtet." Schwedens Verband verzichtet künftig auf das seit Jahren übliche Januar-Trainingslager der Nationalmannschaft in Katar. Die Finnen wollen nachziehen.

Vorstoß der Nationalmannschaft wird PR-Desaster

Ein Vorstoß der deutschen Nationalelf dagegen geriet im März zum PR-Desaster. Das Zeichen der Stars, gegen Island mit selbst bepinseltem "Human Rights"-Shirt zur Hymne zu kommen in allen Ehren - dass keine 24 Stunden später ein "Making of" im Netz kursierte, sorgte für einen Shitstorm in den sozialen Medien. Fans warfen dem Verband die Geisteshaltung vor: Image vor Idealismus.

Sylvia Schenk findet ohnehin, dass der DFB, der im Mai ein wenig beachtetes Positionspapier publizierte, "bei diesem Thema völlig abgetaucht ist". Die Leiterin der Arbeitsgruppe Sport von Transparency International Deutschland fügt hinzu: "Es sollte doch genügend Zeit und Geld vorhanden sein, um sich mit den Hintergründen vertraut zu machen und sich in die Debatte einzubringen. Auf der Basis von Fakten, differenziert und mutig zu sagen: Das ist in Katar gut gelaufen, aber das und das muss in Zukunft noch passieren." In Schenks Augen müsste auch der FC Bayern, seit Jahren Trainingslagergast in Katar, "besser kommunizieren, klarer Stellung beziehen". Das heißt: "Er müsste gemäß den UN-Leitlinien offen sagen, was er macht, warum er es macht und wo für ihn, zum Beispiel bei Details eines Trainingslagers, die Grenzen sind. Dann stünde er auch seinen eigenen Fans gegenüber viel besser da."

Stattdessen zeigten diese zuletzt ein Plakat mit Vorstands-Chef Oliver Kahn, Aufsichtsratsboss Herbert Hainer und dem Spruch: "Für Geld waschen wir alles rein." Mittlerweile liegt ein Antrag für die Jahreshauptversammlung vor. Ziel: Das Sponsoring mit Qatar Airways zu beenden. Das einträglich ist, aber immer wieder von Kritik begleitet. Ein bisschen wie der Trip 2004.

Benni Hofmann, Jörg Jakob, Manfred Münchrath

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Katar 2022: Der Weg von der WM-Vergabe bis heute

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  • Im Dezember 2010 wird die WM 2022 an Katar vergeben.
  • Fünf Jahre später beschließt die FIFA, erstmals eine WM in den Wintermonaten auszutragen.
  • Seit elf Jahren dominieren nicht-sportliche Themen die WM: Es geht um Stimmenkauf, Ausbeutung von Arbeitern auf Baustellen und fundamentale Menschenrechte.