Regionalliga

"Uli Hoeneß wollte, dass ich zum FC Bayern komme"

Florian Weichert im Interview

"Uli Hoeneß wollte, dass ich zum FC Bayern komme"

Früher Bundesligaprofi, heute Journalist: Der Ex-Rostocker Florian Weichert.

Früher Bundesligaprofi, heute Journalist: Der Ex-Rostocker Florian Weichert. imago/Steffen Kuttner

Florian Weichert sorgte im Spätsommer 1991 entscheidend dafür, dass Hansa Rostock als einer von zwei qualifizierten DDR-Klubs (neben Dynamo Dresden) einen Traumstart in die gesamtdeutsche Bundesliga hinlegte. Der Höhenflug hielt aber nicht an: Im Mai 1992 stieg Hansa ab, während Dresden die Klasse hielt - und Weichert auch, denn ihn zog es zum Hamburger SV, im Jahr danach zu Bundesligaaufsteiger VfB Leipzig und 1994/95 zu Dresden. Weder mit dem VfB noch mit Dynamo konnte er die Klasse halten.

Herr Weichert, welcher Gedanke schießt Ihnen als erster durch den Kopf, wenn Sie an den 3. August 1991 denken?

Ich habe den Termin irgendwann mal in meinen Kalender eingetragen, damit ich ihn nicht vergesse. Das Spiel gegen Nürnberg war für Hansa eines, das man von der Geschichte her erst viel später begriffen hat. Die Meisterschaft in der DDR-Oberliga, die Qualifikation für die Bundesliga und das erste Spiel passierten ja in einem kurzen Zeitraum. Wir hatten vor dem Auftakt gegen Nürnberg gehörig Respekt, aber auch Mut. Wir wollten zeigen, dass wir in die Bundesliga gehören, und so sind wir dann auch aufgetreten.

Erinnern Sie sich noch an Ihre beiden Treffer?

Absolut. Das vergesse ich nicht. Ich weiß noch, wie sich Stefan Böger vor dem 1:0 über rechts mit einem unnachahmlichen Sprint durchsetzen konnte, die Flanke nach innen kam und ich nur die Chance hatte, auf den kurzen Pfosten zu laufen. Mein Gegenspieler war aber so dicht dran an mir, dass ich nur mit den Füßen voraus dem Ball entgegengeflogen bin und ihn mit der Sohle ins Tor befördert habe. Und beim 2:0 habe ich von halblinks Andreas Köpke den Ball durch die Beine geschossen.

Wir hatten keine Ahnung davon, wo wir am Ende stehen.

Florian Weichert

Waren Sie überrascht, wie gut Hansa mithalten konnte? Oder umgekehrt, wie schlecht Nürnberg war?

Wir haben eher gemerkt, wie gut es läuft, wenn man mutig ist. Wir waren ja alle keine schlechten Fußballer. Wir hatten natürlich Respekt vor der Bundesliga, weil wir die nur vom Hörensagen kannten. Wenn du als Ossi in eine Liga kommst in einem Land, das im Jahr zuvor Weltmeister geworden ist, weißt du dein Niveau nicht einzuschätzen. Wir hatten keine Ahnung davon, wo wir am Ende stehen.

Wie war das Gefühl nach dem klaren 4:0-Sieg, mit dem sich Hansa an die Spitze der Bundesligatabelle setzte?

Fast ein wenig surreal. Aber wir wussten: Am nächsten Wochenende geht es zu den Bayern, wir müssen eine solche Leistung jetzt immer abliefern, sonst werden wir es wahrscheinlich nicht schaffen.

Sie wurden nach dem Spiel ins ZDF-Sportstudio zugeschaltet…

…weil sie keinen Hubschrauber organisieren konnten und es in der Kürze der Zeit vom Spielende bis zum Sendebeginn von Rostock bis Mainz nicht zu schaffen war.

Sie haben Ihre Teamkollegen damals mit ungeahnter Eloquenz überrascht. Warum wurden Sie plötzlich zur Plaudertasche?

Weiß ich gar nicht. Vielleicht war es schon immer in mir, und meine norddeutsche Zurückhaltung hat es ein bisschen verborgen (schmunzelt). Es hatte vielleicht mit der Euphorie zu tun. Und es hat sich ja gezeigt, dass die Eloquenz für mein weiteres Leben nicht hinderlich war. Ich bin ja Fernsehjournalist geworden.

Auf das 4:0 gegen Nürnberg folgten ein 2:1 bei den Bayern sowie ein 5:1 gegen Borussia Dortmund. Haben Sie zwischendurch mal daran gedacht, dass es für Hansa einfach so weitergeht, wie in der letzten Saison der DDR-Oberliga, und das Team vorne mitspielen kann?

Ich kann mich gar nicht mehr so genau erinnern. Ich weiß aber, dass uns Uwe Reinders immer wieder auf den Boden der Tatsachen geholt hat. Er hat gesagt: Lasst uns die Euphorie nutzen, aber es wird noch eine ganz harte Saison. Und am Ende hatte er leider Gottes recht. Aber das 5:1 gegen Dortmund in einem erstmals vollen Ostseestadion war der Wahnsinn. Plötzlich nahm man uns auch in Rostock wahr. Gegen Nürnberg war das Stadion ja nicht voll gewesen, und jetzt begriffen alle: Die Bundesliga ist vor der Haustür.

Nach dem tollen Start war Hansa in aller Munde. Wie sind Sie mit dem Rummel umgegangen?

Wir hatten in Uwe Reinders nicht nur einen guten Trainer, sondern einen guten Lehrmeister in Sachen Außendarstellung. Er war sehr misstrauisch gegenüber den Journalisten, und das hat bei uns in der Mannschaft dazu geführt, dass wir nicht blauäugig in jedes Interview gegangen sind. Nach dem Sieg bei Bayern hat Uwe allerdings Rolf Töpperwien vom ZDF in die Kabine gelassen, da ist er etwas von der Linie abgewichen. Auch wenn der Medienrummel mit heute nicht zu vergleichen war: Für uns war es schon eine Umstellung. Zuvor kam einmal die Woche ein Lokaljournalist vorbei, plötzlich standen mehrere Journalisten nach dem Training vor den Kabinen, und du hast deine Zitate am nächsten Tag in der Zeitung gelesen. Es war schon nicht einfach, damit klarzukommen.

Plötzlich hatten alle Spieler halt andere Autos

Florian Weichert

Was war noch signifikant anders als Bundesligaspieler im Vergleich zur DDR-Oberliga?

Gar nicht so viel. Aber plötzlich hatten alle Spieler halt andere Autos, und es gab Waschmittel oder Lebensmittel, die man sonst nur auf Reisen in den Westen gesehen hat, vor der Haustür. Und die D-Mark war da. Ich erinnere mich daran, wie komisch es für mich war, sie auszugeben, weil sie vorher eine Währung war, die man nur im Intershop oder für ganz wichtige Dinge ausgegeben hat - wenn man Devisen hatte. Und nun sollte ich für die D-Mark plötzlich Brötchen oder Milch kaufen. Aber sie kam jetzt regelmäßig aufs Konto, man musste nicht mehr bis zur nächsten Reise in den Westen warten. Darüber hinaus war neu, dass wir Profis plötzlich befristete Lizenzspielerverträge hatten. Die Umstände waren anders, das Spiel nicht so sehr.

Die letzten DDR-Oberligisten - was machen sie heute?

Wie haben Sie die Reaktion der Gegenspieler erlebt? Respekt vor Ihrer Leistung oder eine Geringschätzung nach dem Motto: Wir sind ja die Weltmeister-Liga, da kommen die Ossis, die haben einfach mal Glück gehabt?

Dass man uns unterschätzt hat, konnte man nicht von Äußerungen oder Gesten ableiten. Das wäre eine Unterstellung. Aber es ist zu vermuten, weil auf der anderen Seite, etwa beim FC Bayern oder Borussia Dortmund, die besseren Fußballer standen. Wenn man das Spiel bei den Bayern etwa betrachtet: Die hatten zehn klare Torchancen, die hätten uns auch abschießen können. Wir haben wirklich alles reingehauen. Ich erinnere mich an eine Szene, in der ein Schuss nach dem anderen geblockt wurde. Auf der anderen Seite waren wir vor dem Tor eiskalt und hatten sogar noch einen Lattentreffer. Auch gegen Dortmund war es so, dass wir zum richtigen Zeitpunkt die Tore gemacht haben.

Zwischen den Ligaspielen gab es die Erstrunden-Duelle im Europapokal der Landesmeister mit dem FC Barcelona. Hansa unterlag 0:3 im Hinspiel und siegte dann zu Hause 1:0. War mehr drin als dieser Achtungserfolg?

Ich erinnere mich gut daran, weil ich gerade für den Norddeutschen Rundfunk eine Reportage über diese Spiele mache. Wir hatten in Barcelona so gut wie keine Chance, das Ergebnis war wie ein gefühlter K. o., aber Uwe Reinders sagte vor dem Rückspiel: Lass uns in der ersten Halbzeit ein Tor schießen, und dann schauen wir, wie sie reagieren. Wir hatten im Rückspiel nichts zu verlieren und sind auch so in die Partie gegangen. Barça stand hinten gut und viele sagten: Sie haben nicht mehr gemacht, als sie mussten. Da ist was dran, aber wir sind dann durch Michael Spies in Führung gegangen und hätten einen klaren Elfmeter kriegen müssen. Fällt das 2:0, und es war noch eine Viertelstunde zu spielen, hätte eventuell auch Barça gewankt. Aber letztlich ist Barcelona verdient weitergekommen. Für Hansa war das ein Jahrhundertspiel. Traurig nur, dass lediglich 8500 Zuschauer kamen.

Warum?

Man hatte die Eintrittspreise gegenüber der Bundesliga verdoppelt. Das war eine Entscheidung des Präsidiums, um noch mal richtig Kasse zu machen. 24 Stunden vor dem Spiel hat man die Preise wieder halbiert, aber es kamen eben nur 8500.

Haben die Barça-Stars Allüren gezeigt oder waren sie ganz normal?

In Barcelona hatte man schon das Gefühl, dass sie ihren Heldenstatus ausleben. Nach dem Motto: Wir sind die Coolen, wir sind die Großen. In Rostock war alles ganz normal. Am Anstoßkreis hatte ich einen kurzen Small Talk mit Hristo Stoichkov über den Ball und den Rasen. Und wir haben uns kurz den Ball hin- und hergespielt. Nach dem Spiel habe ich zufällig noch Ronald Koeman vor dem VIP-Raum getroffen. Er hat mich gefragt, ob ich ihm ein deutsches Bier rausbringen könnte, weil er nicht in den VIP-Raum kam. Ich habe dann zwei Bier besorgt, und die haben wir miteinander getrunken. Ich erinnere mich noch genau an diese Situation, Ronald hat sie wahrscheinlich vergessen (lacht).

Er hat mich gefragt, ob ich ihm ein deutsches Bier rausbringen könnte

Florian Weichert über Ronald Koeman

Zur Saison 1991/92 gehört auch, dass es ständig Ärger zwischen Präsident Gerd Kische und Reinders gab, bis der Trainer schließlich im März 1992 entlassen wurde. Wie sehr haben die Querelen die Mannschaft genervt? Und hatten die Spieler eine Chance, in dem Streit zu vermitteln?

Der Streit hat natürlich genervt. Die ersten Querelen gab es schon nach dem 2:1 am 2. Spieltag in München. Sie haben sich dann bis zur Winterpause gezogen. Vor dem Rückspiel gegen die Bayern, das wir auch gewonnen haben, sollte Reinders schon abgesägt werden, aber man hat ihn noch die Wintervorbereitung machen lassen. Ich will es nicht als Ausrede gelten lassen, aber von der fußballerischen Qualität her hätten wir die Klasse halten müssen. Aber der Zwist hat die Mannschaft gespalten. Das hat dazu geführt, dass wir leider keine Einheit geblieben und abgestiegen sind.

Im Februar 1992 wurde zudem öffentlich, dass Sie ebenso wie Ihre Teamkollegen Stefan Persigehl und Gernot Alms als IM für die Staatssicherheit gearbeitet haben. Was hat das für das Verhältnis zu Ihren Kollegen und zu den Hansa-Fans bedeutet?

Ein Stressfaktor war das nicht, es war relativ schnell gegessen. Bei Dynamo Dresden ging es los mit den Veröffentlichungen über Stasi-Aktivitäten von Spielern, und dann hat man auch in Rostock gefragt. Bevor die Zeitungen das veröffentlicht haben, hat Uwe Reinders die Klärung in die Hand genommen und gesagt: Wer dabei war, bitte melden. Ich bin dann mit meiner Frau zu Reinders gefahren und habe es ihm mitgeteilt. Dann haben wir mit der Mannschaft zusammengesessen und diskutiert: Ist das ein Thema, das die Mannschaft beeinflusst? Gibt es jemanden, der mit den drei Spielern nicht mehr spielen will? Sollen wir die drei ausschließen? Die Mannschaft hat sich dann dafür ausgesprochen, dass Stefan, Gernot und ich im Team bleiben. Und nach dem Heimspiel gegen den VfB Stuttgart (2:0-Sieg am 8. Februar 1992, d. Red.) war es auch für die Fans geklärt.

Darüber hinaus gab es im Frühjahr 1992 für Sie persönlich weiteren Grund zum Ärger. Sie waren sauer auf Hansa-Vizepräsident Fritz Weber, weil der Interna über Ihre Vertragsverhandlungen ausgeplaudert haben soll. Der Anfang von Ihrem Ende in Rostock?

Mein neuer Berater Norbert Pflippen sagte damals nur: Du hast auch andere Optionen, wenn die so drauf sind. Ich hatte da schon mit dem Hamburger SV Kontakt - und auch mit Uli Hoeneß, der damals wollte, dass ich zum FC Bayern komme. Am Ende hat mir Gerd Kische einen Vertrag vorgelegt, mit dem ich gut leben konnte und den ich unterschrieben habe. Der galt zwar nur für die 1. Liga, aber der HSV und Bayern waren erst einmal erledigt. Mein Ziel war es, mit Hansa weiter Bundesliga zu spielen.

Haben Sie es ernst genommen, als sich Uli Hoeneß bei Ihnen gemeldet hat? Oder dachten Sie, jemand veralbert Sie?

Beim ersten Anruf war ich nicht da, den hat meine Frau entgegengenommen. Ich habe das schon ernst genommen, als wir schließlich miteinander gesprochen haben. Als wir abgestiegen waren, ist das Thema noch mal intensiver geworden. Meine Überlegung war, lieber zum HSV zu gehen. Dort sollte eine neue Mannschaft aufgebaut werden. Die Sache mit den Bayern ist daran gescheitert, dass sie mir nur einen Amateurvertrag geben wollten. Kurz vor der Unterschrift in Hamburg gab es schon ein Angebot von Borussia Dortmund. Der damalige Manager Michael Meier hat bei mir auf dem Autotelefon angerufen, aber ich war schon auf dem Weg nach Hamburg.

Plötzlich war klar: Wir haben es nicht geschafft. Das war ganz bitter

Florian Weichert

Am 38. Spieltag war Hansa so gut wie abgestiegen, hat aber Frankfurt mit einem 2:1-Sieg die Meisterschaft vermasselt. Wie haben Sie diesen dramatischen 16. Mai 1992 erlebt?

Wir wussten, dass wir gewinnen müssen, nachdem wir eine Woche zuvor durch ein Abseitstor kurz vor Schluss 0:1 verloren hatten und in der Situation waren, auf andere Vereine angewiesen zu sein, um nicht abzusteigen. Wir wussten aber auch, welche Kraft wir entwickeln konnten, und wollten auch Frankfurt nicht in unserem Stadion feiern lassen im Falle eines Abstiegs. Wir haben alles rausgehauen in diesem Spiel, und für die Eintracht war es dramatisch mit dem nicht gegebenen Elfmeter, durch den sie wohl gewonnen hätten und Meister geworden wären. So haben wir gesiegt und glaubten alle, wir hätten die Liga gehalten. Doch plötzlich war klar: Wir haben es nicht geschafft. Das war ganz bitter.

Dann kam es zum Frusttrinken?

Ich weiß es nicht mehr. Ich glaube, wir hatten noch ein Treffen. Woran ich mich allerdings erinnere, ist, dass ich nach meiner Auswechslung (in der 74. Minute, d. Red.) in die Kabine ging und dort Jörg Pilawa von Radio Schleswig-Holstein sah. Wir kannten uns, und er war ganz bedröppelt, weil er für sein Aufnahmegerät die Kassette vergessen hatte. Er konnte also keine O-Töne aufnehmen. Ich bin dann nur mit dem Handtuch um die Hüften zu meinem Auto gegangen und habe ihm eine alte Tonband-Kassette gegeben. So konnte er seine O-Töne machen. Jörg war mir unendlich dankbar.

Nach dem Abstieg wechselten Sie zum HSV. Die richtige Entscheidung?

Ja. Auch wenn es für mich insgesamt nicht so super gelaufen ist. Ich habe im ersten Saisonspiel gegen Stuttgart eine Riesenchance vergeben, sonst hätten wir gewonnen. Ich hatte kurz vor dem Spiel die Schuhe gewechselt und bin einfach im Rasen hängen geblieben. Es gibt solche Schlüssel-szenen, die über Wohl oder Wehe eines Spielers bei einem neuen Klub entscheiden. Mir hat die Lockerheit aus meinem ersten Bundesligajahr mit Hansa gefehlt.

Interview: Andreas Hunzinger