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Rot-Weiß vs. Blau-Weiß: Warum Fußball-Deutschland zweigeteilt ist

Teil 4 der kicker-Serie über die deutschen Fußballvereine

Rot-Weiß vs. Blau-Weiß: Warum Fußball-Deutschland zweigeteilt ist

Zufall oder System? Zwei Farbkombinationen dominieren den Amateurfußball - mit einer klaren Grenze.

Zufall oder System? Zwei Farbkombinationen dominieren den Amateurfußball - mit einer klaren Grenze. kicker/Datawrapper

Kleider machen Leute, Farben sind Reizstoff. Das wusste schon Peter Krohn. Der HSV-Präsident steckte seine Mannschaft 1976/77 in rosafarbene Trikots - und erntete Aufmerksamkeit, Gelächter und Missverständnisse. "Es hat mich schrecklich gelangweilt, wenn da einfach nur Rot gegen Weiß angetreten ist", sagte Krohn lapidar und traf irgendwie einen Punkt. Seitdem hat sich einiges getan. Bayern in Kanarienvogelgelb, die regenbogenbunten Bochumer Ende der 90er, etwas später Werder in Grün-Orange, das himbeerfarbene Schalke im DFB-Pokal-Finale 2011. Den Augen der Fans wurde allerhand zugemutet.

So vielfältig Trikots im deutschen Fußball aber inzwischen sind: Bei den offiziellen Klubfarben herrscht eine gewisse Gleichförmigkeit. Und das zeigt sich auch in den Vereinsnamen. Blau-Weiß, Rot-Weiß, Grün-Weiß. Diese drei Kombinationen decken 82 Prozent aller 876 Klubs in der kicker-Datenbank ab, die ihre Namen bunt gestrichen haben. Es lassen sich klare Muster erkennen: Blau-Weiß dominiert eher im Norden und Osten, die beiden anderen Varianten im Süden und vor allem im Westen. Warum das so ist? "Das Blau im Norden und Osten", sagt Sporthistoriker Prof. Michael Krüger von der Uni Münster, "könnte etwas mit Pommern und Ostpreußen zu tun haben." Schließlich zieren die Flagge Vorpommerns ein blauer und ein weißer Streifen. Neben dem Himmel meint das Blau nicht zuletzt das Meer.

+++ Dieser Text ist Teil der kicker-Serie über Fußballvereinsnamen. Über dieses Tool können Sie sich selbst die Verteilung verschiedener Begriffe wie Eintracht, TSV oder Blau-Weiß anzeigen lassen. +++

Erst im Laufe der Zeit gesellten sich Farben als namensgebende Elemente ins Repertoire der Vereine, in manchen Gegenden mehr, in manchen weniger. Südlich von Hessen und Thüringen finden sich kaum solche Bezüge in den Namen der Fußballvereine. Rund fünf Prozent aller am DFB-Spielbetrieb teilnehmenden Männer- und Frauenteams heften sich Farben ans Revers. Fast immer sind es genau zwei, nie mehr und nur zweimal weniger: beim FSV Rot West Gießen und beim SV Königsblau Gohlis. "Während der Gründungswellen um das Jahr 1900 hat man sich in der Gegend umgeschaut und an der Konkurrenz orientiert: Wie benennt die sich? Trägt die eine Farbe im Namen oder nicht? Man versuchte eher sich anzupassen als sich voneinander abzuheben", mutmaßt Sportsoziologe Norbert Schütte von der Universität Mainz. So kamen zu den bereits kolorierten Vereinsnamen an bestimmten Orten weitere dazu. Woanders blieb die Karte farblos - wie zum Beispiel in weiten Teilen Bayerns (zur zoom- und scrollbaren Karte).

Arno Steffenhagen, Ferdinand Keller und Felix Magath

Wie die HSV-Neuzugänge Arno Steffenhagen, Ferdinand Keller und Felix Magath zu ihrer neuen Trikotfarbe standen, ist nicht überliefert. imago/Horstmüller

Warum aber stellt Weiß alle anderen Töne in den Schatten? "Weißer Stoff für die Trikots war am leichtesten zu bekommen", sagt Schütte. "Vereine hatten in den Gründungszeiten sehr wenig Geld. Oftmals nähten Spielerfrauen die Trikots aus den Stoffen, die ihnen zur Verfügung standen." Eine komplette Fußballtracht kostete schließlich rund 20 Mark - etwa der halbe Wochenlohn eines Facharbeiters. Schütte und auch Krüger weisen darauf hin, dass dies vor allem Vermutungen sind. Wissenschaftliche Arbeiten existieren so gut wie keine.

International spielen Farben in den Namen kaum eine Rolle

Die Annahme, dass etwa auch Stadtwappen oder Landesflaggen eine Rolle spielen könnten, wird durch die kicker-Datenanalyse nicht bestätigt. Trotz der in Bayerns Identität tief verankerten weiß-blauen Rauten führen dort nur drei Vereine diese Kombination im Namen: der FC Blau-Weiß Leinach, der SV Blau-Weiß Sassendorf und der SV Weißblau-Allianz München. Dagegen tragen die seit jeher weiß-grün gewandeten Sachsen wiederum im Fußball am häufigsten Blau-Weiß.

Die Erklärung ist also etwas komplexer. Oder wie Sportsoziologe Schütte sagt: "Strukturen spielen genauso eine Rolle wie Zufälle." Beim Blick über die Landesgrenzen hinweg fällt auf: International spielen Farben kaum eine Rolle, wenn es um die Benennung von Vereinen geht. In Österreich, Luxemburg und den Niederlanden etwa schmücken Farbtupfer vereinzelt die Namen. Insgesamt aber handelt es sich zuallererst um ein deutsches Phänomen.

Die drei seltensten Kombinationen

In der DDR ließen sich die Vereinsfarben anfangs gar ablesen, ohne selbst im Namen aufzutauchen. Die Betriebssportgemeinschaften (BSG) hatten sich in übergeordnete Sportvereinigungen einsortiert, denen wiederum je nach Wirtschaftszweig Farbkombinationen vorgeschrieben waren. Chemie? Grün-Weiß. Einheit? Rot-Weiß. Empor oder Turbine? Blau-Weiß. Nach der Wende benannten sich fast alle ostdeutschen Vereine um und strichen die BSG aus dem Titel. Die Farbkombination hingegen blieb so manches Mal - und wurde hin und wieder sogar in den Namen übernommen.

Grün-Weiß, Rot-Weiß, Blau-Weiß

Im Norden dicht, im Süden nicht: Die drei häufigsten Vereinsfarben erfreuen sich ganz unterschiedlicher Beliebtheit. kicker/Datawrapper

Heute sind Rot-Gelb, Grün-Rot und Gold-Blau die seltensten Kombinationen. Sie zieren hierzulande jeweils genau einen Fußballvereinsnamen. Rot-Gelb Wesseling verdankt seine Kombination einem Mineralölkonzern, der SV Grün-Rot Bornstedt macht es Menschen mit einer gewissen Sehschwäche nicht leicht - und der SV Gold-Blau Augsburg hat sich in Sachen Farben bei einem russischen Verband bedient.

Rosa sucht man in der kicker-Datenbank sowohl bei Männern als auch bei Frauen allerdings vergebens. Da vermochten auch die HSV-Trikots von Peter Krohn nichts auszurichten.

Deutschlandkarte mit Fußballvereinen

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Paul Bartmuß/Daniel Böldt