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Randthemen, Frust, Play-off-Magie: Die bemerkenswerte NFL-Saison der Chiefs

Mahomes, Kelce & Co. stehen vor dem nächsten Super-Bowl-Einzug

Randthemen, Frust, Play-off-Magie: Die bemerkenswerte NFL-Saison der Chiefs

Jubelschrei in Richtung AFC-Finale: Patrick Mahomes und die Kansas City Chiefs stehen vor dem Super Bowl.

Jubelschrei in Richtung AFC-Finale: Patrick Mahomes und die Kansas City Chiefs stehen vor dem Super Bowl. IMAGO/USA TODAY Network

Das Kunststück, gleich sechsmal in Folge ein AFC Championship Game - nun am Sonntag (21 Uhr MEZ) bei den starken Baltimore Ravens - zu erreichen, ist ein seltenes. Sehr selten sogar. Genannt werden können in diesem Zusammenhang nur die heute in Las Vegas beheimateten Raiders (damals in Oakland, Kalifornien) mit fünf Teilnahmen zwischen 1973 und 1977 und die glorreichen New England Patriots mit Trainerlegende Bill Belichick und Quarterback-Ikone Tom Brady. Die Pats haben es zwischen 2011 und 18 sogar gleich achtmal (!) geschafft.

Viel wichtiger aber aus Chiefs-Sicht: Ein Sieg fehlt noch, dann stünde Kansas City erneut im Super Bowl.

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Dieser Fakt kommt durchaus einer kleinen Überraschung gleich.

Football hier, Swift da

Also von vorn: Ein Sieg gegen die Baltimore Ravens am Sonntag und die Kansas City Chiefs stehen erneut im Super Bowl - zum vierten Mal in den vergangenen fünf Jahren. Das kommt, obwohl die Mannschaft Titelverteidiger ist, einem Coup gleich. Die Chiefs haben eine durchwachsene Saison mit ungewohnten Patzern, sechs Niederlagen und zahlreichen Ablenkungen hinter sich.

Eine davon ist natürlich Travis Kelces neue Freundin Taylor Swift, die gerade auch während der US-Übertragungen das Interesse auf sich zieht - und somit seit Monaten Dauerrandthema rund um die Chiefs ist. Für Freunde des reinen Sportjournalismus oder auch Kritiker auf Social Media ein gefundenes Fressen, um sich immer wieder auf die Berichterstattung darüber zu stürzen.

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Fakt ist diesbezüglich jedenfalls: Die Liga und alle, die mit ihr Geld verdienen, freuen sich über das gigantische Interesse, das der Pop-Superstar der NFL seit Monaten beschert - anders sind die vielen Einblendungen und gesetzten Themen darüber während Live-Übertragungen im US-Fernsehen oder Vorausblicken nicht zu erklären. Wann immer sie ein Football-Spiel der Chiefs besucht (und das ist seit Wochen nahezu immer gewesen), sind die Kameras auch während der Partie wieder und wieder auf die Sängerin gerichtet.

Trainer Andy Reid, Mahomes und natürlich Kelce selbst müssen immer wieder Fragen zu ihr beantworten - so auch am Mittwoch vor dem bislang wichtigsten Saisonspiel bei den Ravens. "Für mich war das cool zu sehen. Er bekommt natürlich all die Aufmerksamkeit", sagte hier Mahomes über den Fokus auf seinem Tight End. "Aber er ist noch immer Travis Kelce. Er läuft noch immer durchs Stadion und begrüßt jeden, als wäre es sein bester Kumpel."

Kelce "war etwas verbeult"

Travis Kelce

Als bärenstarker Tight End gerade rechtzeitig wieder richtig in der Spur: Chiefs-Führungsspieler Travis Kelce. IMAGO/USA TODAY Network

Bemerkenswert ist das auch deswegen, weil Kelce inzwischen 34 Jahre alt ist, körperlich so viele Probleme hatte wie wohl noch nie seit seinem Profi-Debüt und in dieser Saison mehrfach Szenen mit nicht gefangenen Bällen erlebte, die ihm in den vergangenen Spielzeiten nicht passiert waren. Erstmals seit fast neun Jahren beendete er die Saison mit weniger als 1000 Yards nach Pässen, nur zweimal in seiner Karriere hatte er in der Hauptrunde weniger als die fünf Touchdowns aus dieser Saison.

So frustriert er auf dem Platz deswegen mitunter wirkte, abseits davon scheint es Kelce blendend zu gehen. Die Beziehung zu Swift hat ihn über Football-Fan-Kreise hinaus zu einem Star gemacht, kaum eine Sendung im US-Fernsehen kam in den vergangenen Monaten ohne einen Werbespot mit Kelce als Hauptfigur aus. "Ich hatte nicht das Gefühl, dass ihn das beeinflusst hat", betonte Trainer Reid. "Er war etwas verbeult, und die eine Woche Pause da hat ihm geholfen, aber ansonsten macht er einfach. Beziehung, all das Zeug abseits des Platzes mit Drehs für Werbung, Saturday Night Live, all das, er macht weiter."

Chiefs trotzen den Umständen

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Wie auch die Chiefs als Team. Als es nach der 20:21-Auftaktniederlage gegen die Detroit Lions um Amon-Ra St. Brown, die im Duell mit den San Francisco 49ers (in der Nacht von Sonntag auf Montag ab 0.30 Uhr MEZ) nun selbst die Chance auf den Einzug in den Super Bowl haben, mit sechs Siegen in Serie weiterging, war das Normalität. Dann aber folgte eine Phase von fünf Pleiten in acht Spielen - das war Mahomes in seiner sechsten Saison als Stammkraft nicht gewohnt. Plötzlich sah man ihn Helme schmeißen an der Seitenlinie, er reagierte beleidigt auf Fragen, schimpfte auf Schiedsrichter und entschuldigte sich kleinlaut.

Dennoch steht die Mannschaft nun im Finale der American Football Conference.

Mahomes ist in den Play-offs eine Maschine

"Wir wollen jede Woche gewinnen, so ist das in der NFL. Aber das geht nicht. Also musst du einfach alles tun, um besser zu werden und das haben die Jungs getan. Deswegen sind wir jetzt in diesem Spiel", erklärte Mahomes vor der Reise nach Baltimore. "Das versuchen wir zu gewinnen und danach versuchen wir wieder besser zu werden für den Super Bowl."

Zum ersten Mal bestreitet er ein AFC-Championship-Game auswärts und nicht in Kansas City, nachdem er vergangene Woche beim knappen 27:24 bei den Buffalo Bills sein erstes Auswärts-Play-off-Spiel erfolgreich bestanden hat. Überhaupt hat sich hier mal wieder gezeigt: Wenn es drauf ankommt, ist Mahomes zur Stelle - und damit sind unter anderem seine 14 Interceptions in diesem Jahr (Karrieretiefstwert) vergessen, in solchen Spielen schlägt er mit altbekannter Magie zurück. Seit 2021 etwa hat der Star keinen einzigen Pick in einem Endrundenspiel geworfen - eine beachtliche Bilanz.

Und hier funktioniert auch das Zusammenspiel mit Kelce wieder: fünf Catches für 75 Yards und zwei Touchdowns, seine ersten Scores seit Week 11 - der Tight End ist gerade rechtzeitig wieder voll in die Spur gekommen. Mahomes und Kelce stehen damit nun bei 16 Touchdown-Kombinationen in der Play-off-Geschichte - kein Duo hat mehr, auch nicht Tom Brady und Rob Gronkowski (15). Außerdem sind die vielen Fehler im Receiving Game inzwischen größtenteils abgestellt. Sind zu Beginn der Saison noch oft die vielen Drops von Kadarius Toney Thema gewesen, hat sich inzwischen Rookie-Anspielstation Rashee Rice als sichere Waffe herauskristallisiert. Der Zweitrunden-Pick (55. Stelle) kam immer besser in Fahrt, beendete die Regular Season mit beachtlichen 938 Yards und sieben Touchdowns und war jetzt auch in den Play-offs gut zur Stelle. Gegen Miami beim 26:7 sammelte er stolze 177 Yards plus TD, nun fing er vier von vier Pässen in seine Richtung für 47 Yards und zeigte somit absolut sichere Hände. Darauf kommt es an - gerade in den Play-offs.

Gewinnen die Chiefs nun auch noch bei der extrem starken Ravens-Mannschaft um Star-Quarterback Lamar Jackson, sind sie erneut Teil des größten Einzelsportereignisses der Welt - dieses Jahr in Las Vegas. Für die Halbzeitshow zeichnet Usher verantwortlich, nach dem Formel-1-Spektakel im November rechnen viele mit einem Super Bowl der Superlative. Die Chiefs wollen dafür sorgen, dass es am Ende aber vor allem um Sport geht. Auch wenn im Falle eines Erfolgs sicherlich auch Künstlerin Taylor Swift im Konfettiregen gezeigt werden wird.

mag, dpa