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Löw wird zu spät aktiv - Kein schlüssiges Konzept für Sané & Co.

Kommentar

Löw wird zu spät aktiv - Kein schlüssiges Konzept für Sané & Co.

Er erlebte sein letztes großes Turnier als Bundestrainer: Joachim Löw.

Er erlebte sein letztes großes Turnier als Bundestrainer: Joachim Löw. imago images

Die letzten Sekunden seiner 15-jährigen Amtszeit als Bundestrainer verbrachte Joachim Löw ganz allein, in der äußersten rechten Ecke seiner Coaching Zone. Eine Hand in die Hüfte gestemmt, eine schlaff zu Boden baumelnd stand der 61-Jährige da, schaute stumm zu Toni Kroos, der ein weiteres Mal erfolglos den Ball in den englischen Strafraum schaufelte. Noch ein leerer Blick auf die Anzeigetafel und in die wogende Menge auf der Tribüne, dann war Schluss, Deutschland raus aus dem Turnier- und Löw aus seinem Job.

Nichts wurde es am Dienstag mit dem erhofften Erfolg über England, der den Weg bereiten sollte zum vierten EM-Titel. Nichts wurde es auch mit dem versöhnlichen Abschluss der Ära Löw, die sich der Bundestrainer und seine Spieler sich für ihn nach der krachend in den Sand gesetzten WM 2018 gewünscht hatten. Die Three Lions - aufgeputscht durch 43.000 lautstarke Fans - erwiesen sich als zu harter Brocken. Auch wenn Thomas Müller - ausgerechnet Thomas Müller - Deutschland kurz zuvor fast noch einmal ins Spiel zurückgeholt hätte, wenn er den Ball nur wenige Zentimeter weiter rechts angesetzt hätte. Insgesamt erwiesen sich die Engländer als ein Team, das in seiner Entwicklung schlicht weiter war als die Mannschaft Löws, der sich ankreiden lassen muss, zu spät aktiv geworden zu sein.

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Während Mannschaften wie das auch diesmal keineswegs überragende England, Italien, Dänemark, die Schweiz, ja, selbst Ungarn, akribisch auf dieses Turnier hingearbeitet, an ihren Abläufen gefeilt und ihr Personal eingespielt hatten, versuchte Löw seine vielen Versäumnisse seit dem Aus in Russland in der zweieinhalbwöchigen Vorbereitung aufzuholen. Es war ein Projekt, das sich als zu ambitioniert entpuppte und letztlich zum Scheitern verurteilt war - trotz des 4:2-Erfolgs über Portugal im zweiten Gruppenspiel, der nicht mehr als ein positiver Ausreißer war. Noch dazu gegen einen naiv aufspielenden Gegner.

DFB-Hintermannschaft nicht eingespielt

Sieben Gegentore in vier Spielen sprechen eine deutliche Sprache: Deutschlands Hintermannschaft war nicht eingespielt, die Automatismen nicht fest genug verankert. Ähnliches gilt für das Offensivspiel, das auch gegen England nur selten Wucht erzeugen konnte. Löw wird sich eingestehen müssen, wenn er nach der Rückkehr in die Heimat in die innere Einkehr geht, dass er Mats Hummels und Thomas Müller zu spät reaktiviert und dadurch wertvolle Zeit verschenkt hat. Dass er unnötigerweise erst auf den letzten Drücker auf eine Dreierkette umschwenkte. Und dass er bis zum Tag des Ausscheidens kein schlüssiges Konzept entwickelt hatte, wie er die Stärken Leroy Sanés, Serge Gnabrys oder Timo Werners gewinnbringend einsetzen kann.

Kein Experte im aktiven Coaching

Und noch etwas wurde in Wembley ein letztes Mal in der nun beendeten Ära dieses Bundestrainers ersichtlich: Löw ist kein Experte im aktiven Coaching während eines Spiels. Löw fand keine Antworten darauf, auf Gareth Southgates reaktivierte Dreierkette zu reagieren. Ihm fiel auch in der Schlussphase nichts Schlüssigeres ein, als Hummels als Mittelstürmer in den gegnerischen Strafraum zu beordern. Während Southgate in Jack Grealish einen Mann für entscheidende Impulse einwechselte, blieben Löws Wechsel stumpf: Gnabry verlor einfachste Bälle, Sanés Flanken segelten zum Gegner. Und als Löw dann doch noch Jamal Musiala brachte, diesen so jungen wie frechen Offensivgeist, war die Partie längst zu Ungunsten Deutschlands entschieden.

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Was bleibt also von Löw? Natürlich der WM-Titel 2014, der die jahrelange Aufbauarbeit des Fußball-Schöngeistes vollendete. Löw gelang es lange Zeit, Deutschlands Fußballfans auch nach der WM 2006 bei der Stange zu halten. Er wurde 2010 bejubelt für sein junges, buntes Team. Ihm wurden Fehler verziehen wie 2012, als er das EM-Halbfinale gegen Italien vercoachte. Er besaß zurecht reichlich Kredit.

2018 wäre es an der Zeit gewesen

Doch Löw verpasste auch den Moment des Absprungs. 2018 wäre es an der Zeit gewesen, einen Schlussstrich zu ziehen, setzte das peinliche Aus nach der WM-Gruppenphase doch nur den Abschwung fort, der schon bei der EM 2016 eingesetzt hatte. Es folgten teils peinliche Vorstellungen in der Nations League, ein 0:6 in Spanien, ein 1:2 gegen Nordmazedonien. Schließlich das Achtelfinal-Aus in England, das einen enttäuschenden Schlusspunkt setzte.

Nun ist es an Hansi Flick, Löws früherem Assistenten und späterem Titelsammler mit dem FC Bayern, den Neuanfang der Nationalmannschaft zu gestalten. Es wartet viel Arbeit auf ihn - denn er hat einiges aufzuholen in den anderthalb Jahren bis zur WM 2022 in Katar.