DFB-Pokal

Kehl im Exklusiv-Interview: "Wir alle ziehen an einem Strang"

BVB-Sportdirektor exklusiv über die Lage beim BVB

Kehl im Interview: "Wir alle ziehen an einem Strang - ohne Wenn und Aber"

Analysiert die Lage des BVB: Sportdirektor Sebastian Kehl.

Analysiert die Lage des BVB: Sportdirektor Sebastian Kehl. IMAGO/osnapix

Zeit zum Durchpusten bleibt bei Borussia Dortmund nicht in diesen turbulenten Dezembertagen. Atemlos hetzt der BVB durch den prallgefüllten Spielplan im Herbst - und steht dabei alle drei Tage unter besonderer Beobachtung.

Zu der herausfordernden sportlichen Situation gesellten sich immer wieder auch Themen abseits des Rasens, die für Unruhe sorgten. Der kicker sprach vor dem DFB-Pokalspiel der Schwarz-Gelben beim VfB Stuttgart am Mittwoch exklusiv mit BVB-Sportdirektor Sebastian Kehl über den Ist-Zustand seines Klubs, die Aufgabe in Stuttgart und die Trennung von Slaven Stanic, die am Dienstag verkündet wurde.

Herr Kehl, der BVB stand durch die Niederlage in München und Stuttgart unter Druck in der Länderspielpause. Seitdem sind Sie in drei Spielen ungeschlagen geblieben. Wie bewerten Sie die aktuelle Phase?

Für uns war es wichtig, direkt nach der Länderspielpause mit Erfolgserlebnissen zu starten. Das ist uns gelungen. Wir haben das Spiel gegen Mönchengladbach nach 30 Minuten an uns gezogen und gewonnen. Anschließend konnten wir in Mailand ein richtiges Statement setzen. Und auch die Tatsache, dass wir bei richtig starken Leverkusenern einen Punkt mitnehmen können, bestärkt uns darin, dass wir auf einem guten Weg sind. Wir haben die Rückschläge, die wir fraglos zuvor hatten, gut verarbeitet.

Spiele von Borussia Dortmund

Heraus sticht das 3:1 in Mailand in der vergangenen Woche. Welche Rückschlüsse ziehen Sie aus dieser Partie, was das Leistungsvermögen des BVB angeht?

Zunächst einmal bleibt festzuhalten, dass wir uns bereits nach dem fünften Spieltag in dieser sogenannten Todesgruppe für die nächste Runde qualifiziert haben. Es ist schon jetzt herausragend, was die Mannschaft geleistet hat in diesem Wettbewerb. Das hätten uns nach der Auslosung die wenigsten Menschen zugetraut. Die Partien in Newcastle und in Mailand haben gezeigt, dass unsere Mannschaft auf diesem Niveau bestehen kann. Unser Ziel ist es nun, als Gruppensieger ins Achtelfinale einzuziehen.

In Leverkusen führten Sie mit einem sehr defensiven Ansatz lange, das eigene Ballbesitzspiel aber war zu fehlerhaft - was auch die Führungsspieler kritisierten. Was überwog am Ende: Die Freude über die überwiegend erneut vorhandene Stabilität oder der Frust über den einen entscheidenden Moment der Unaufmerksamkeit?

Am Ende können wir mit dem Punkt gut leben, da wir bei einer Mannschaft gespielt haben, die in dieser Saison zuhause bis dahin keinen einzigen Zähler liegengelassen hatte. Wir haben dort einen etwas anderen Ansatz gewählt, den die Mannschaft gut umgesetzt hat. Dass wir uns in Teilbereichen besser aufstellen können, ist uns aber auch bewusst. Dass wir in der Schlussminute noch die Chance auf den Siegtreffer hatten, zeigt aber, dass wir mit unserem Ansatz nicht falsch lagen.

Konnten Sie verstehen, dass nach der Partie die Kritik aufkam, der BVB würde Underdog-Fußball spielen und sich dadurch selbst klein machen?

Ich glaube, man muss die Rahmenbedingungen bei der Bewertung mit einfließen lassen. Wir waren personell schon vorher stark geschwächt, mussten dann im Spiel auch kurzfristig noch einmal reagieren. Wir wissen aber auch, dass die Erwartungshaltung an die Spiele von Borussia Dortmund immer hoch sein wird. Solche Spiele wie in Leverkusen gehören allerdings auch mal dazu, wenn man sich in einer Phase mit sehr vielen schwierigen Spielen befindet, mit Erkrankungen kämpft und noch dazu zahlreiche Nationalspieler im Kader hat. Wir akzeptieren das. Gleichwohl wissen wir, dass wir uns steigern können. Genau daran arbeiten wir.

Dortmund stand lange für Offensivspektakel. Inzwischen wurden die Schwerpunkte etwas verlagert. Wie zufrieden sind Sie mit dem Fortschritt dieses Prozesses hin zu mehr Wehrhaftigkeit und Stabilität?

Wir haben in diesem Bereich in dieser Saison zugelegt - wenn man die Spiele gegen München und Stuttgart einmal ausklammert. Die Mannschaft ist widerstandsfähiger geworden. Die Zwischenbilanz belegt das: Wir sind im Pokal noch dabei, sind in der Champions League voll auf Kurs und auch in der Liga noch in Reichweite unserer Ziele. Von den letzten 32 Ligaspielen haben wir nur drei verloren.

Am Mittwoch geht es im Pokal nach Stuttgart. Der VfB fügte dem BVB vor der Länderspielpause eine empfindliche Niederlage zu, die mit 1:2 deutlich zu niedrig ausfiel. Was muss Ihre Mannschaft diesmal besser machen?

Wir haben in Stuttgart ein sehr schwaches Spiel abgeliefert. Vor allem in der ersten Hälfte standen wir völlig neben uns. Das darf uns nicht noch einmal passieren. Wir müssen von Anfang an viel präsenter sein gegen einen Gegner, der aktuell sehr formstark ist. Wir werden Ruhe und Ballsicherheit benötigen, um Torchancen zu kreieren. Ich erwarte ein enges und spannendes Pokalspiel. Beim Bundesliga-Spiel in Stuttgart waren wir weit entfernt davon, als Sieger vom Platz gehen zu können. Ich bin aber überzeugt davon, dass wir am Mittwoch ein ganz anderes Gesicht zeigen und dass wir das Spiel gewinnen werden.

Ist ein ähnlicher Defensiv-Ansatz wie gegen Leverkusen auch in Stuttgart vorstellbar?

Der VfB versucht ähnlich wie Leverkusen das Zentrum zu überlagern. Wir werden daher erneut kompakt und stabil stehen müssen in der Verteidigung. Wir haben unsere Lehren aus dem Bundesliga-Spiel gezogen. Wir wissen aber auch, dass wir uns besser auf unsere Stärken konzentrieren müssen. Etwa, indem wir durch unser Tempo und unsere fußballerische Qualität häufiger saubere Umschaltmomente erzeugen als es uns zuletzt in Leverkusen gelungen ist.

Stuttgart spielt in der Liga stark und konstant. Leverkusen und die Bayern sind noch stärker und konstanter. In RB gibt es ein weiteres Topteam, das derzeit vor Ihnen liegt. Ist die Qualifikation zur Champions League in dieser Saison noch umkämpfter als sonst?

Es zeichnet sich aktuell so ab, ja. Leverkusen spielt eine außergewöhnlich gute Saison. Für die Bayern gilt das ebenfalls. Und auch die Teams, die dahinter kommen - Stuttgart, Leipzig und wir - konnten bereits eine Lücke nach hinten reißen. Aber wir sind erst im Dezember. Es ist noch viel zu früh, um einen Blick in den Sommer zu werfen. Es wird allein bis Weihnachten noch viel passieren. Unser Ziel ist es, bis dahin unsere Situation so zu gestalten, dass wir im neuen Jahr alle Möglichkeiten haben, um unsere Ziele zu erreichen.

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Der Druck auf den BVB ist in der aktuellen Phase extrem hoch. Gefühlt stehen alle drei Tage Do-or-Die-Spiele an. Wie gehen Trainer Edin Terzic und die Mannschaft damit um?

Eine gewisse Anspannung und Emotionalität ist natürlich da. Ich konnte sehr gut nachempfinden, was unser Trainer nach dem Spiel in Leverkusen gesagt hat. Mir ging es genauso. Aber: Wir sehen es nicht als Drucksituation, sondern gehen positiv an die Dinge heran. Uns bieten sich große Chance in diesen Spielen, wir können sehr viel gewinnen. Letztlich sind das doch genau jene Highlight-Wochen, für die alle tagtäglich leben und trainieren. Wir glauben an uns und unsere Stärke.

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Welche Rollen spielen aktuell die Führungsspieler um Kapitän Emre Can und Abwehrchef Mats Hummels?

Unsere Jungs sind jetzt natürlich gefordert. Aber man kann bei den von Ihnen Genannten und unter anderen auch bei Marco Reus und Gregor Kobel sehen, dass sie Verantwortung übernehmen und mit guten Leistungen vorweggehen. Ich habe das Gefühl, dass sie jederzeit für die Mannschaft da sind und dass sie uns mit ihrer Erfahrung in der aktuellen Situation sehr guttun.

BVB-Boss Hans-Joachim Watzke sagte auf der Aktionärsversammlung, eine Situation wie die verpasste Meisterschaft im Mai könne einen Klub zerstören. Den BVB gibt es noch. Aber die Nervosität im Umfeld hat seitdem tatsächlich noch einmal zugenommen. Wie nehmen Sie das bei Ihrer täglichen Arbeit wahr?

Es ist nie ganz einfach bei einem Klub wie Borussia Dortmund. Wir sind noch überall im Rennen - und trotzdem hat man medial manchmal das Gefühl, wir würden uns im Abstiegskampf befinden. Was das angeht, werden wir deutlich anders behandelt als mancher Konkurrent von uns, bei dem es beschaulicher zugeht. Das ist vielleicht auch ein Stück weit dem Zeitgeist geschuldet, es wird besonders im Internet schnell und hart geurteilt. Hinzu kommt das Massen-Mengen-Phänomen: Der BVB emotionalisiert jeden Tag sehr viele Menschen. Für mich ist das absolut ein Zeichen von Stärke. Ich komme damit gut klar. Es ist für uns alle hier ein Antrieb, um für den Erfolg des BVB zu arbeiten. Dafür ziehen alle Verantwortlichen an einem Strang - ohne Wenn und Aber.

Die Vertragslaufzeiten der BVB-Profis

Wie passt es dazu, dass sich der Klub am Dienstag von Slaven Stanic getrennt hat, der erst im Mai von Ihnen als Koordinator Sport verpflichtet wurde?

Lassen Sie mich eins voranstellen: Ich habe im Zuge der Berichterstattung über Slaven Stanic gelesen, dass es bei uns verschiedene Lager geben soll. Das ist Blödsinn. Es gibt nur ein Lager - und das heißt Borussia Dortmund. Jeder hier arbeitet für den Erfolg dieses ganz besonderen Vereins.

Wo lagen dann die Gründe für die Trennung?

Wir hatten zuletzt intensive Gespräche, in denen wir gemeinsam zu dem Schluss gekommen sind, dass wir nicht mehr überzeugt davon waren, in dieser Konstellation erfolgreich arbeiten zu können. Daher haben wir uns einvernehmlich entschieden, uns zu trennen. Wir kennen uns schon lange und gehen im Guten auseinander, wir werden auch sicher in Kontakt bleiben. Jetzt liegt für uns der Fokus komplett auf dem Spiel in Stuttgart am Mittwoch und auf den weiteren Aufgaben, die in diesem Jahr noch vor uns liegen.

Interview: Matthias Dersch

Bilder zur Partie Bayer 04 Leverkusen gegen BV 09 Borussia Dortmund