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Bayer, Rotkäppchen, RB: Was Klubnamen mit Wirtschaft zu tun haben

Teil 2 der kicker-Serie über die deutschen Fußballvereine

Bayer, Rotkäppchen, RB: Was Klubnamen mit Wirtschaft zu tun haben

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Vergangenheit und Gegenwart des Fußballs sind eng mit dem wirtschaftlichen Umfeld verknüpft. Dominierten früher die Arbeiter den Sport, ist es heute vor allem das Geld. Ist er denn überhaupt noch ein Arbeitersport? Schaut man sich die Geschichte des deutschen Fußballs an, kann man mit Fug und Recht behaupten: ja. Schaut man sich hingegen die Namen der Vereine an, müsste man zunächst zu dem Schluss kommen: nicht wirklich.

Gerade einmal 17 Klubs weisen laut kicker-Datenbank in ihren Vereinsnamen Bezüge zum Wort Arbeit auf, allein vier davon sind türkische Exilvereine. Das hat vor allem historische Gründe. Die Geschichte des organisierten Arbeitersports in Deutschland ist eng verwoben mit den Irrungen und Wirrungen der Weimarer Republik. Arbeitersportvereine waren nicht einfach Freizeitorganisationen, sie waren zugleich, ob sozialdemokratisch oder kommunistisch orientiert, Teil der proletarischen Bewegung. Ihr Dachverband, der Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) galt mit zeitweise über einer Million Mitgliedern als die größte Sportvereinigung weltweit.

Mit der Machtübernahme der Nazis wurde der ATSB zerschlagen, ihre Mitgliedsvereine wurden verboten, womit der Arbeitersportverein als Organisation und Name verschwand.

+++ Dieser Text ist Teil der kicker-Serie über Fußballvereinsnamen. Über dieses Tool können Sie sich selbst die Verteilung verschiedener Begriffe wie Eintracht, TSV oder Blau-Weiß anzeigen lassen. +++

Zwar gründeten sich dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Vereine, die ihre Wurzeln im Arbeitersport hatten, neu, allerdings verschwand oft der namentliche Bezug zum Arbeitersport. Aus dem Arbeitersportverein wurde häufig ein Allgemeiner Sportverein, wie etwa beim ASV Karlsruhe-Hagsfeld 1907. Andere Begriffe, die auf Wurzeln im Arbeitersport schließen lassen, sind Komet (7-mal), Fichte (10), Sparta (16, hier geht es zur Verteilung auf der Karte) und Vorwärts (26).

235 Vereine teilen Fußball-Deutschland in Ost und West

Etwas weniger politisch, aber durchaus auch in der Arbeiterbewegung verwurzelt sind die Werks- und Betriebsmannschaften. Erkennbar heute noch im Namen, etwa durch den Hinweis auf die Eisenbahner (78-mal ESV, elfmal ETSV, sechsmal ETuS, zur Karte), die Post (32, zur Karte) oder die Polizei (26, zur Karte) – letztere beiden oft unter dem Kürzel PSV. Auch Begriffe wie Glück Auf (13 Vereine, zur Karte) oder Werk (acht) deuten auf eine Entstehung in diesem Kontext von Betrieben hin.

Verteilung von "Gückauf" in Deutschland

"Glück auf", hieß und heißt es unter Bergmännern - also vor allem im mittleren Teil der Republik. kicker/Datawrapper

Für die Vereinsnamen besonders prägend wurde die Organisation des Fußballs in der DDR - wobei Ökonomie und Staat hierbei nicht wirklich zu trennen sind. Bürgerliche Vereine waren in der DDR verboten. Die in den Anfangsjahren gegründeten Sportgemeinschaften (SG) wurden fast alle einem Betrieb angegliedert und so zu sogenannten Betriebssportgemeinschaften (BSG). Das Kürzel BSG, heute meist als Ballsportgemeinschaft definiert, findet man insgesamt noch 21-mal, davon 17-mal im Osten.

Die DDR-Betriebssportgemeinschaften wurden 1950 dann jeweils einer Sportvereinigung zugeordnet – und mussten deren Namen annehmen. Die Sportvereinigungen entsprachen den 18 Gewerkschaftsbereichen in der DDR. Das waren zum Beispiel Rotation für den Bereich Druck und Papier, Wismut für den Uranabbau und Turbine für den Energiesektor.

Nach der Wende kam es zwar zu einer großen Umbennungswelle der Fußballvereine – allerdings blieb sowohl das Kürzel BSG als auch der Verweis auf die ehemalige Sportvereinigung in vielen Vereinen bestehen. Am häufigsten bei den Vereinen namens Lokomotive (bzw. Lok), Traktor und Empor. Insgesamt erinnern 235 Vereine im Osten, zumindest dem Namen nach, an die alten Gewerkschaftsbereiche – und teilen damit Deutschland auch heute noch in Ost und West, wie unsere Karte zeigt.

Wirtschaftsbegriffe des Ostens

Aktivist, Anker und Co.: Ein klares Ost-West-Muster ist bei Begriffen wie diesen zu erkennen. kicker/Datawrapper

Nun sind Arbeiter, Betriebe und (Staats-)Gewerkschaften nicht die einzigen Wirtschaftsakteure, die ein Interesse an Fußballvereinen - und ihren Namen - haben. Das Geld von Unternehmen und Konzernen ist aus dem Profifußball längst nicht mehr wegzudenken. Doch während jede Auswechslung, jedes Tor, jeder Eckball im Stadion – und selbstverständlich auch der Stadionname selbst – zu Geld gemacht wird, finden sich Marken in Vereinsnamen auf den ersten Blick nur wenige.

RedBull Leipzig fällt einem natürlich ein (der sich mühsam als RasenBallsport Leipzig tarnt). Vielleicht noch Bayer 04 Leverkusen, Carl Zeiss Jena und SC Bayer 05 Uerdingen. Um auf den SC Opel Rüsselsheim oder die SG Quelle Fürth zu kommen, muss man schon ein wenig tiefer ins Vereinsregister schauen. Aber selbst diese Beispiele ändern nichts daran: Bezüge zu Unternehmen sind im deutschen Fußball eine Rarität.

Die Zurückhaltung bei der Liaison zwischen Unternehmen und Vereinsnamen hat einen Grund: Sie ist verboten. Im Paragraf 15 der DFB-Satzung liest man: "Änderungen, Ergänzungen oder Neugebung von Vereinsnamen und Vereinszeichen zum Zwecke der Werbung sind unzulässig." Der Passus besteht seit 1987 – und seine Einführung war einer der wenigen Fälle, in denen sich die Sportfunktionäre des DFB erfolgreich einer weiteren Kommerzialisierung des Fußballs verwehrten.

Die Sache mit dem Namen von LR Ahlen

Dem Werbeverbot in Vereinsnamen ging einer der prägendsten Konflikte im deutschen Fußball voraus. Es ging um die Frage: Darf der Fußballsport als Werbeplattform dienen? Und wenn ja: In welchem Ausmaß? Aus heutiger Sicht wirkt die Frage fast schon naiv. Aber als 1973 Günter Mast, der Geschäftsführer der Mast-Jägermeister AG, erstmals auf den Trikots des Bundesligisten Eintracht Braunschweig Werbung für seinen Konzern druckte, löste dies einen Skandal aus. Trikotsponsoring war zu dieser Zeit verboten. Mast umging das, indem er die Eintracht davon überzeugte, sein traditionelles Vereinswappen gegen das eines Hirsches einzutauschen. Dem hatte der DFB nichts entgegenzusetzen – genauso wie wenig später der Liberalisierung der Werbestatuten.

Als eben jener Mast zehn Jahre später Präsident von Eintracht Braunschweig wurde, trieb er es jedoch zu weit. Sein Vorhaben, den Verein in Jägermeister Braunschweig umzubenennen, wurde vom DFB verboten und mündete im Paragraf 15.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass, wäre Mast damals etwas vorsichtiger, etwas tastender vorgegangen, die Bundesliga-Tabelle heute ähnlich klingen würde wie die der Basketball-Bundesliga, in der kaum noch ein Vereinsname – von ALBA Berlin bis zu den Telekom Baskets Bonn – werbefrei ist.

Erlaubt sind laut DFB weiterhin sogenannte endogene Vereinsnamen mit Unternehmensbezug. Ein Beispiel: das oben erwähnte Bayer Leverkusen, das aus dem Betriebssport hervorging. Der SC Opel Rüsselsheim wiederum war nie eine Opel-Firmenmannschaft, sondern vom Konzern unabhäng. Einige Arbeitnehmer wollten so die Verbundenheit mit dem heimischen Werk betonen.

Doch das Werbeverbot in Vereinsnamen bedeutete nicht, dass findige Unternehmer oder Konzerne es nicht versuchen. RB Leipzig ist dabei nur das jüngste Beispiel. Schon 1996 entstand aus der Fusion von TuS Ahlen und Blau-Weiß Ahlen der Leichtathletik Rasensport Ahlen, besser bekannt als LR Ahlen. Dass der Hauptsponsor des neuen Vereins LR International hieß? Sicher nur Zufall.

Deutschlandkarte mit Fußballvereinen

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Paul Bartmuß/Daniel Böldt