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Der FC Liverpool ist Meister - nach 30 Jahren und mit doppeltem Rekord

Wie Klopp die Reds zum Titel führte: Eine Würdigung

Der FC Liverpool ist Meister - nach 30 Jahren und mit doppeltem Rekord

Nicht nur deutscher, sondern jetzt auch englischer Meister - als erster Deutscher: Jürgen Klopp.

Nicht nur deutscher, sondern jetzt auch englischer Meister - als erster Deutscher: Jürgen Klopp. imago images

Der FC Liverpool ist eh nicht ganz normal, klar, dass er auch nicht ganz normal nach 30 Jahren wieder Meister werden kann: Ohne gespielt zu haben wurden die Reds am Donnerstagabend durch Manchester Citys 1:2 beim FC Chelsea gleichzeitig der früheste und späteste Meister der Premier-League-Geschichte.

Der früheste, weil noch nie ein Klub sieben Spieltage vor dem Saisonende am Ziel war - fünf waren der bisherige Rekord (Manchester United 2000/01, Manchester City 2017/18). Und der späteste, weil natürlich noch niemand erst jubeln durfte, als schon offiziell der Sommer begonnen hatte.

Das Wunder wäre, wenn Liverpool ManCitys Rekord nicht knackt

Corona hat erst der ganzen Saison den Stecker gezogen und lässt jetzt weder im Stadion noch in der Stadt eine Party mit Fans zu, (die Jürgen Klopp aber unbedingt nachholen will). Doch es wäre hochgradig unfair, würde darüber auch nur ein Hauch der Brillanz verloren gehen, für die dieser englische Meister in den letzten elf Monaten stand.

Also, Stecker rein, los geht's: Der FC Liverpool hat bislang nur drei seiner 31 Saisonspiele nicht gewonnen, in Anfield keinen Punkt abgeben, seit April 2017 zuhause kein Ligaspiel mehr verloren. Klopp, der erste deutsche Meistertrainer in England, war seit Saisonbeginn fünfmal "Trainer des Monats", obwohl der Titel letztmals im Februar vergeben wurde. Und sollte seine Elf ManCitys 2018 aufgestellten 100-Punkte-Rekord-für-die-Ewigkeit nicht knacken, wäre das ein Wunder, nicht umgekehrt.

Der Fußball noch erwachsener, das Team noch homogener

Aus der 97-Punkte-Vizemeisterschaft des Vorjahres wurde kein Trauma, sondern etwas noch Besseres - wie es eben nur große Teams hinkriegen. Klopps Fußball? Jetzt noch erwachsener: noch besser gegen tiefstehende Teams, noch besser bei Standards vorne wie hinten. "Wir sind nicht mehr so kindisch zu glauben, dass wir nur gut sind, wenn wir jede Sekunde eine Chance herausspielen", sagte Klopp einmal.

Klopps Mannschaft? Jetzt noch homogener: ein Spitzentorwart (Alisson), dessen Fehlen im Champions-League-Achtelfinale prompt das Aus bedeutete; Außenverteidiger (Alexander-Arnold, Robertson), für die diese Bezeichnung eine Beleidigung sondergleichen ist; ein Abwehrchef (van Dijk), der seine einstige Rekordablöse längst zum Sonderangebot hat schrumpfen lassen; ein Kapitän (Henderson), der einst in Steven Gerrards Schatten zu verschwinden drohte und jetzt Meister ist, was Gerrard nie war; und natürlich der ewig stürmische Dreiersturm (Salah, Firmino, Mané), über den wohl schon alles gesagt wurde.

Das beste Teammanagement, das ich je gesehen habe.

Sommerneuzugang Adrian über Jürgen Klopp

Und Klopp selbst? Immer noch der, der die Menschen fängt: Adrian, der 33-jährige Ersatztorwart, der vor seinem Wechsel nach Liverpool vorigen Sommer schon so manches erlebte, bescheinigt ihm "das beste Teammanagement, das ich je gesehen habe". In Liverpool, wo aus 30 Jahren Häme schon Hämatome geworden waren, ist er jetzt unsterblich: mit dem Meistertitel 2020, nicht dem Champions-League-Sieg 2019.

Unter Klopp waren sogar die Rückschläge Fortschritte

Weil ihn die Klubbosse machen ließen - sie sahen ja, wie es funktionierte -, hat Klopp seit seiner Ankunft 2015 Schritt für Schritt eine Mannschaft aufgebaut, die dazu fähig war, Liverpools nationale Durststrecke zu beenden, obwohl die meisten ihrer Mitglieder so lange noch gar nicht leben. Und die Fans hatte er dabei immer auf seiner Seite. "Wir haben eine Atmosphäre geschaffen, in der die Leute die Schritte mögen, die wir machen, und sie sind gerne ein Teil dieser Schritte."

Unter Klopp waren sogar die Rückschläge Fortschritte: das Ausbleiben defensiver Verstärkungen 2017 war nur das geduldige Warten auf van Dijk; Philippe Coutinhos Verkauf im Januar 2018 die finanzielle Basis für die Transferoffensive ein halbes Jahr später; die Niederlage im Champions-League-Finale 2018 der Antrieb für den Titel ein Jahr später, genau wie die Vizemeisterschaft jetzt für den Meistertriumph; und aus dem Champions-League-Aus im März wird eine Sommervorbereitung im August, um die Liverpool die Konkurrenz aus Manchester und London beneiden wird.

Zuletzt verhielt sich Liverpool nicht wie ein Klub, der im Erfolg die größten Fehler macht

Ist der Titel jetzt - Liverpools 19. in der Meisterschaft, Klopps vierter in Liverpool nach Champions League, Klub-WM und UEFA-Supercup - das Ende dieser phänomenalen Evolution? Oder erst der Anfang einer Art Ära? Einerseits ist die Mannschaft im Kern um die 28, 29 Jahre alt und kann sich jetzt auch national nicht mehr übertreffen. Andererseits verhielt sich Liverpool in den letzten Monaten nicht gerade wie ein Klub, der im Erfolg die größten Fehler macht.

Das neue, über 55 Millionen Euro schwere Trainingsgelände steht vor der Fertigstellung, das Stadion wird bis 2023 weiter ausgebaut, und dass ab der neuen Saison "Nike" für die Spielkleidung verantwortlich ist, bringt noch mehr Geld und Publicity. Für den Generationswechsel, der irgendwann kommen muss, stehen Talente wie Elliott (17), Jones (19) oder Hoever (18) schon jetzt im Kader und für neue Spieler trotz Corona die nötigen Millionen zur Verfügung (auch wenn etwa die Verschiebung des Stadionausbaus eine eher kontrollierte Transferoffensive vermuten lässt).

Als Klopp im Dezember seinen Vertrag bis 2024 verlängerte, hatte er "nicht das Gefühl, dass es nicht noch besser werden könnte". Er wird das schon nicht so daher gesagt haben.

Jörn Petersen

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