Spaniens 38-jähriger Spaßvogel im Porträt

Joaquin: Der Hennen-Hypnotiseur

Kultfigur, nicht nur bei Betis: Joaquin ist ein Stück Liga-Historie.

Kultfigur, nicht nur bei Betis: Joaquin ist ein Stück Liga-Historie. imago images

Bei Joaquins Präsentation in Malaga 2011 rechnete jeder eigentlich mit den üblichen Floskeln. 'Ich bin glücklich, hier zu sein, will den maximalen Erfolg, viele Tore schießen und viele Titel gewinnen', so in der Art. Joaquin hatte darauf keine Lust. Er erzählte vor tausenden Fans lieber einen Witz.

Joaquin, eine echte Kultfigur in Spanien. Klar, er ist kein Einzelfall: In Bremen stürmt immer noch der 40-jährige Claudio Pizarro, in Bilbao hat er mit Aritz Aduriz sogar ligaintern einen Oldie-Konkurrenten. Mit einem spektakulären Tor traf der 38-jährige Aduriz am 1. Spieltag spielentscheidend gegen den FC Barcelona zum 2:1. Legendenstatus haben sie alle, und irgendwie wünscht man sich, die Drei würden zusammen in eine WG ziehen. Doch in Spanien lieben sie Joaquin nicht nur, weil er trotz seines gesegneten Alters immer noch (sehr gut) kickt. Auch nicht wegen seiner Finten und Dribblings, die haben andere ebenfalls drauf. Nein, Joaquin zeichnet etwas anderes aus: Er hat Humor.

Als der aus einer Familie mit acht Geschwistern stammende Stürmer mal gefragt wurde, was das Beste daran sei, sich mit Alvaro Cejudo ein Zimmer zu teilen, sagte er: "Die Tasse Kaffee und der Guten-Morgen-Kuss". Im Fernsehen versuchte er mal, eine Henne zu hypnotisieren. Er scheiterte knapp. Auf Youtube findet sich ein 40 Minuten langes Video mit Höhepunkten von Joaquin - wohlgemerkt außerhalb des Platzes. Ein Sammelsurium von Streichen, Gesängen, Witzen und Tänzen.

"Ich weiß nicht mal, wie man den Schläger hält, Hulio"

Verbrieft ist auch die Geschichte mit Referee Eduardo Iturralde Gonzalez. Mit dessen Leistungen war Joaquin während eines Spiels so gar nicht zufrieden. "Ich habe gehört, Sie haben geheiratet", sagte er zu ihm. Der Referee bejahte. "Dann machst Du einen Fehler", antwortete ihm Joaquin, der übrigens seit 2005 selbst verheiratet ist (die gesamte Betis-Mannschaft kam zur Hochzeit). Bei einem TV-Interview während seiner Zeit in Malaga wurde der Außenstürmer nach einem Hobby gefragt. "Tennis", antwortete er nach kurzem Überlegen, aber dann im Brustton der Überzeugung. Zu viel für Sturm-Partner Julio Baptista, der bei dem TV-Termin mit dabei war, er lachte sich halb schief. "Tennis, sagt er. Der hat doch in seinem Leben noch nie Tennis gespielt." "Ich weiß nicht mal, wie man den Schläger hält, 'Hulio'", kicherte Joaquin, der den Namen seines Kollegen etwas seltsam aussprach. Seitdem hat er seinen Spitznamen weg: Hulio.

Und es darf weiter gespaßt werden. Nach Zwischenstationen in Valencia, Malaga und Florenz, wo seine kruden Mischmasch-Interviews in einer Art Italo-Spanisch häufig Ohrenschmerzen verursachten ("Ich hatte keinen Schimmer von der italienischen Sprache"), kehrte Joaquin 2015 wieder zu Betis zurück, ist längst Mannschaftskapitän, natürlich Publikumsliebling und Aushängeschild. Damit schloss sich der Kreis, denn sein Profidebüt hatte er beim damaligen Zweitligisten gegeben - am 3. September 2000. Inzwischen hat Joaquin über 500 Ligaspiele auf dem Buckel, allerdings kaum Titel gewonnen. 2005 holte er mit Betis die Copa del Rey, für die Seleccion wurde er nach Teilnahmen bei der WM 2002 und 2006 sowie bei der EM 2004 nicht mehr für ein großes Turnier berufen. 2008 wurde Spanien Europa-, 2010 Weltmeister.

Die

Die "17" vor 16 Jahren: Joaquin im Betis-Trikot 2003. imago images

Zu den 52 Länderspielen (4 Tore) wird sicherlich keines mehr dazukommen, doch bei Betis spielt die Nummer 17 immer noch eine Hauptrolle: Laut spanischen Medienberichten sind beide Seiten bemüht, den auslaufenden Kontrakt zu verlängern. Joaquin identifiziere sich komplett mit dem Klub und dem Projekt, er sei nach wie vor wichtig für die Betis-Kabine. Im Gespräch ist ein leistungsunabhängiger Vertrag bis Sommer 2021. "Er hat ein Blanko-Angebot vorliegen", sagte Betis-Vizepräsident José Catalan "ABCdesevilla", "man muss vor ihm einfach den Hut ziehen. Man braucht nur die letzte Partie zu sehen, er war einer der Besten in der Mannschaft (Betis gewann 2:1 gegen Leganes, d. Red.). Wir sind zufrieden mit ihm, mit seiner sportlichen Leistung, und im Training geht er beispielhaft voran. Er wird sein ganzes Leben bei Betis bleiben."

Zuletzt hatte Joaquin seinen Vertrag im Dezember 2017 mit 36 Jahren verlängert. Die Nachricht gab Betis mittels eines Videos bekannt: "Hulio" beim verzweifelten Versuch, Tennis zu spielen. Der Ball landet im Swimming Pool. Für eine Tenniskarriere sei er noch nicht bereit, erklärt er schließlich. Unmittelbar zuvor hatte Joaquin zwei Prozent der Klubanteile gekauft. "Ich habe so viel in Aktien investiert, dass mein zweites Vertragsjahr umsonst ist", versprach er im Video, wie gewohnt breit grinsend.

Nur einer spielte häufiger für Betis - Jagd auf Raul

Doch Joaquin ist nicht nur außerhalb des Platzes unterhaltsam. Kein Verantwortlicher kam je wirklich um ihn herum, auch im hohen Alter nicht: 2017/18 absolvierte er 35 Spiele (4 Tore), in der vergangenen Saison kam er auf 30 Einsätze (6 Tore), dazu kamen sechs Europa-League-Partien. In der laufenden Spielzeit stand er bei allen drei Spielen auf dem Platz. Mit dem Spiel gegen Leganes (sein 344. Einsatz für Betis) überholte Joaquin übrigens Rafael Gordilla und ist nun der Betis-Akteur mit den zweitmeisten Spielen. Nur José Ramon Esnaola (378 Spiele) liegt noch vor ihm.

Doch auch ligaweit macht Joaquin kaum einer mehr etwas vor. 520 La Liga-Einsätze stehen in seiner Vita, damit liegt er auf Rang 6 hinter Manolo Sanchis (523), Paco Buyo (542) und dem drittplatzierten Eusebio (543). Doch auch Platz zwei (Real-Legende Raul mit 550 Partien) ist für den begnadeten Dribbler auf der rechten Außenbahn ohne weiteres drin. Nur Keeper Andoni Zubizarreta (622 Spiele) wird er nicht mehr einholen. Oder doch? Wenn einer zuletzt lacht, dann wohl Joaquin.

Christoph Laskowski