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713 Chancen: Migrationsvereine auf der Deutschlandkarte

Teil 3 der kicker-Serie über die deutschen Fußballvereine

713 Chancen: Migrationsvereine auf der Deutschlandkarte

Deutscher Fußball? International

Deutscher Fußball? International kicker

Dass Fußballvereine gern ihre Trainer austauschen? Nichts Neues. Spieler kommen und gehen. Selbst Vereinslogos werden alle paar Jahre mal modernisiert. Eines aber bleibt: der Vereinsname. Normalerweise jedenfalls.

Eyüpspor Werdohl hat im Sommer 2020 eine Ausnahme gemacht. Und wollte nicht mehr Eyüpspor heißen. Der Klub aus dem Märkischen Sauerland benannte sich vor dem Start der Saison um. Und da jedem Anfang bekanntlich ein Zauber innewohnt, glückte die Premiere. 5:1 endete der Auftakt in der Kreisliga A gegen den SV Hellas Lüdenscheid. Dass das mit dem neuen Namen zusammenhängen würde, glaubt in Werdohl natürlich niemand. Und doch brachte er eine gewisse Aufbruchstimmung mit sich.

"Auf dem Platz hat man immer mit 0:1 angefangen", sagt Mikail Kocak, der 2. Klubvorsitzende, mit Blick auf den alten Vereinsnamen, "das weiß man einfach. Man muss sich als ausländische Mannschaft mehr reinhängen." Eyüp Sultan, so heißt die Moschee in Werdohl, unter deren Schirmherrschaft der Klub anfangs firmierte. "Im vergangenen Jahr gab es einen Umbruch im Vorstand", erzählt Kocak. "Viele junge Menschen kamen dazu. Also wollten wir bei null anfangen und das mit einem neuen Namen unterlegen."

+++ Dieser Text ist Teil der kicker-Serie über Fußballvereinsnamen. Über dieses Tool können Sie sich selbst die Verteilung verschiedener Begriffe wie Eintracht, TSV oder Blau-Weiß anzeigen lassen. +++

Die Wahl fiel auf TSV, gemeinhin als Turn- und Sportverein bekannt. Dieser Assoziation bediente man sich in Werdohl bewusst. Möglichst neutral sollte der Name lauten, auch damit die Sponsorensuche angekurbelt werde. Ohne ausländischen Klang funktioniere das einfacher. Gleichwohl: Mit Barren und Reckstangen hat der TSV Werdohl nichts zu tun. Wie 26 andere Klubs im deutschen Fußball ist Werdohl nun als Türkischer Sportverein ins Register eingetragen. Insgesamt knüpfen dort 331 Klubs, das zeigt eine kicker-Recherche, mit Begriffen von Akdeniz bis Zonguldak, in ihren Namen an die Türkei an (siehe scroll- und zoombare Karte).

Migrantische Vereine in Deutschland

Nur ein "Migranten"-Verein in Ostdeutschland: Aber der SV Hellas 09 Oranienbaum hat andere Gründe. kicker/Datawrapper

Die deutsche Vereinslandschaft ist internationaler, als sie auf den ersten Blick zu sein scheint. 34 Nationen haben sich in den Namen verewigt, von Afghanistan bis zu den USA, von Nordmazedonien bis Peru. Südamerika und Afrika sind sogar als ganze Kontinente vertreten, dazu kommen 29 internationale Teams sowie etliche ethnische Gruppen wie Aramäer, Jesiden, Mesopotamier und Tamilen. An die gewaltige Zahl der türkischen Vereine reicht aber keine andere Gruppe auch nur annähernd heran. Zweitstärkste Fraktion sind die 53 griechischen Klubs, kroatische Vereinsnamen gibt es 51 (zur kroatischen Karte). Stellten die Kurden eine eigene Nation, sie tauchten in der Statistik mit 42 Vereinen am vierthäufigsten auf. Rechnet man alle Nationen und Ethnien zusammen, stellen 713 der 16 819 am DFB-Spielbetrieb teilnehmenden Klubs einen Migrationsbezug im Namen her. Rund 4,2 Prozent.

Wie diese Vereine in Deutschland verteilt sind, geben sie auch Aufschluss über Migrationsbewegungen. So hat sich auf der kicker-Vereinskarte gerade mal ein einziger migrantischer Verein in Ostdeutschland angesiedelt: der SV Hellas 09 Oranienbaum. Der Klub aus Sachsen-Anhalt wurde 1909 allerdings nicht von griechischen Einwanderern gegründet. Vielmehr spiegelt sich im Vereinsnamen die Begeisterung für die Antike und die Olympischen Spiele der Neuzeit. Einwanderervereine auf dem Gebiet der ehemaligen DDR existieren also dem Namen nach nicht. Die dortigen Gastarbeiter kamen damals etwa aus Vietnam oder Mosambik. Sie brachten anders als Türken, Griechen (zur griechischen Vereinskarte) oder Italiener keine Sportvereinskultur aus ihrer Heimat mit.

"Wenn sie unter sich bleiben wollten, könnten sie einen eigenen Verband gründen"

2019 lebten laut dem Statistischen Bundesamt 95,2 Prozent der Personen mit Migrationshintergrund in Westdeutschland und Berlin. Die Zahl schlägt sich auf der Fußballkarte nieder. Und weil sich polnische Gastarbeiter vor Jahrzehnten häufig in NRW niederließen, finden sich dort nun sechs der deutschlandweit zwölf polnischen Klubs. Mehr als jeder vierte Migrant insgesamt wohnte 2019 in Nordrhein-Westfalen.

Griechische Vereine

Klare geografische Schwerpunkte: Fußballvereine mit Griechenlandbezug in Deutschland kicker/Datawrapper

Integration geschieht nicht nur durch das Eingliedern in internationale, interkulturelle Teams, von denen es unzählige gibt. "Klar, dass Menschen in einer neuen Heimat erst einmal unter sich bleiben wollen – aber nur im ersten Schritt", sagt Michael Krüger, Professor für Sportgeschichte an der Universität Münster. "Im zweiten Schritt möchten sie zusammen in einem geordneten Wettkampf gegen andere Vereine antreten. Das ist schon die erste Stufe der Integration. Später durchmischen sie sich dann." Dass Einwanderervereine sich überhaupt ins DFB-System einordneten, sei schon ein Zeichen, dass Integration funktioniere. "Wenn sie komplett unter sich bleiben wollten, könnten sie ja auch einen eigenen Verband gründen", meint Krüger.

Zumal sie es lange Zeit nicht gerade leicht hatten. Der Deutsche Sportbund schrieb noch 1981 in einer Grundsatzerklärung, dass die Mitgliedschaft von Migrantinnen und Migranten in deutschen Vereinen zwar grundsätzlich wünschenswert sei. Eine zu hohe Anzahl würde diese aber überfordern. Einwanderer waren dann willkommen, wenn sie Struktur und Charakter der Klubs nicht veränderten. Diese Zeiten sind glücklicherweise vorüber.

Mit einem einschlägigen Namen kommt man schwer an Sponsorengelder

Vor dem Aufstieg von Türkgücü München in den Profifußball trug Türkiyemspor Berlin den inoffiziellen Titel als bundesweit erfolgreichster Einwandererklub. "Türkiyem" bedeutet so viel wie "meine Türkei". Der Verein stieg so weit auf, dass er 1991 fast von einer Ausnahmegenehmigung Gebrauch machen musste. Sein Kader in der drittklassigen Berliner Oberliga enthielt genau zwei Deutsche, in der 2. Liga waren aber in dieser Zeit gerade einmal zwei Ausländer im Team erlaubt. Erst kurz vor dem letzten Spieltag trudelte die Genehmigung des DFB für den Tabellenführer ein. "Die letzte Partie war gegen Tennis Borussia", erinnert sich Mehmet Matur. "Wir waren im Kopf so mit allem Drumherum beschäftigt, dass wir es vergeigt haben." 0:5 endete die Partie, Türkiyemspor rutschte auf den 2. Platz ab und blieb drittklassig. Aktuell spielt der Verein in der sechstklassigen Berlin-Liga.

Kroatische Vereine

Im Süden zu Hause: der kroatische Fußball in Deutschland kicker/Datawrapper

Matur war damals Vereinsfunktionär, heute verantwortet er als Präsidialmitglied des Berliner Fußball-Verbands die Integrationsarbeit. "Im neuen Land schaut man in seiner Umgebung erst einmal: Wer lebt hier denn so mit dem gleichen Hintergrund wie man selbst? Dann knüpft man Kontakte, schließt sich zusammen. So lief es bei Griechen, Jugoslawen, Türken." Untereinander fühle man sich zunächst wohler.

Die Immigranten gründeten Kulturvereine, stellten auch Fußballmannschaften. Ihre Herkunft packten sie manchmal in den Namen: Istanbul, Izmir, Hatay. Meistens speisten sich diese Mannschaften aus Spielern aus ebendieser Region. Und Matur versteht das Motiv, das den TSV Werdohl zur Umbenennung führte: Mit einem einschlägigen Namen kommt man schwer an Sponsorengelder. Wenn überhaupt, dann nur innerhalb der Community. Auch hafte leicht ein negatives Image an klar erkennbar türkischen Namen, sagt Matur.

"Vor 20 Jahren hätten die sich anders genannt"

Werdohl ist nicht der einzige Fall in letzter Zeit, wie der Blick nach Berlin zeigt. Der Neuköllner Klub Galatasaray heißt nun Rixdorfer SV, Samsunspor wurde zum FC Kreuzberg, nimmt aber im Moment nicht am Spielbetrieb teil. Generell empfehlen würde er Migrantenvereinen aber nicht unbedingt, zu einem neutralen Namen zu wechseln, sagt Matur. Ein einschlägiger Name bringe ja auch Vorteile: Identifikation, Zusammenhalt, Solidarität. Bei Neugründungen beobachtet er aber zunehmend, dass sie sofort einen deutschen Namen annehmen. Das mache es leichter im Umgang mit Ämtern und Verbänden, sagt er und nennt Sport-Union Berlin als Beispiel: "Vor 20 Jahren hätten die sich sicher anders genannt. Sport Gücü oder so."

Nach zwei Siegen zum Saisonstart musste der Türkische SV Werdohl in der dritten Partie übrigens einen Rückschlag verkraften. 1:2 verlor der Klub im Kreispokal gegen den TSV Lüdenscheid.

TSV? Richtig. Auch der Gegner hat nichts mit Turnen am Hut. Es war sozusagen ein kleines Derby.

Deutschlandkarte mit Fußballvereinen

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Paul Bartmuß/Daniel Böldt