Int. Fußball

Was ist eigentlich aus dem FC Barcelona geworden?

Die Trickserei mit Arthur und Pjanic

Was ist eigentlich aus dem FC Barcelona geworden?

Verfahrene Situation: Antoine Griezmann, Quique Setien, Lionel Messi und der FC Barcelona.

Verfahrene Situation: Antoine Griezmann, Quique Setien, Lionel Messi und der FC Barcelona. imago images

Frage: Was bekommt man für 18 Millionen Euro?

Noch eine Frage: Was, wenn die Antwort Martin Braithwaite wäre?

Antwort: Martin Braithwaite.

Martin Braithwaite wäre im Januar 2018 angeblich fast mal bei Werder Bremen gelandet, wechselte dann aber doch von Middlesbrough nach Bordeaux und von Bordeaux nach Leganes. Und weil beim FC Barcelona im vergangenen Februar plötzlich fast alle Stürmer verletzt waren, machte der spanische Meister von einer Regel des Verbandes Gebrauch und verpflichtete einen Not-Ersatz außerhalb des Transferfensters.

Leganes, damals wie heute Vorletzter in akuter Abstiegsnot, durfte nicht auf den Verkauf reagieren, bekam aber immerhin 18 Millionen Euro. Für Martin Braithwaite.

Frage: Was soll uns das jetzt sagen?

Antwort-Versuch: Dass beim FC Barcelona etwas schiefläuft?

Antwort: Irgendwas läuft beim FC Barcelona schief.

Um fair zu sein: Barça konnte ja auch nichts dafür, dass auf einmal Luis Suarez und Ousmane Dembelé operiert werden mussten (wobei, Dembelé... Andere Geschichte). Dass dann aber in der Not ein 29-jähriger Mittelklassestürmer geholt werden muss, zeigt ganz gut, was in den letzten sechs Jahren mit der Kaderpolitik des viermaligen Champions-League-Siegers passiert ist.

2014 hatte Barça in einem Rutsch Marc-André ter Stegen, Luis Suarez und Ivan Rakitic geholt und ein Jahr später in Berlin mit dem Champions-League-Sieg das Triple perfekt gemacht.

Seitdem kamen weitere 800 Millionen Euro Transferausgaben hinzu, für Spieler wie Arda Turan, Aleix Vidal, Andre Gomes, Paco Alcacer, Lucas Digne, Yerry Mina, Marlon, Malcom oder Jeison Murillo.

Ousmane Dembelé

Zuletzt immer wieder verletzt: Ousmane Dembelé imago images

Und nicht zu vergessen: Philippe Coutinho, Ousmane Dembelé und Antoine Griezmann.

Über diesen Griezmann, der im Sommer für 120 Millionen Euro aus Madrid gekommen war, sagte Trainer Quique Setien am Dienstagabend, dass es schwierig sei, ihn aufzustellen, ohne das Team zu "destabilisieren".

Ähm, wie bitte?

Hätte man nicht vorher wissen können, dass Griezmann für sein Spiel viel Raum vor sich braucht und diesen neben/vor/hinter Lionel Messi oder Suarez nicht wirklich erhält? Weshalb holt man einen Spieler für einhundertzwanzig Millionen Euro, wenn er das Team angeblich destabilisiert?

Und Coutinho: Wie sieht es eigentlich da mit dem 145-Millionen-Euro-Investment aus? Ach so, der ist ja gerade gar nicht in Barcelona, der soll am besten auch gar nicht wiederkommen. Dass der Brasilianer, derzeit noch an den FC Bayern ausgeliehen, so überhaupt nicht einschlägt, dafür konnten auch die Barça-Bosse wenig.

Aber irgendwie steht Coutinho auch sinnbildlich für den verzweifelten Versuch, die Abgänge der Ikonen wie Xavi oder Andres Iniesta, ja selbst Neymar, möglichst namhaft und möglichst teuer zu kompensieren. Auch Dembelé hätte ja eigentlich die Rolle des Brasilianers einnehmen sollen, ist aber öfter verletzt als fit und in Deutschland fast schon zum Gespött geworden. Als würde das Schicksal ihn für alle Verfehlungen in Dortmund und den unschönen Abgang vom BVB bestrafen wollen.

Arthur

Muss Barcelona verlassen: Arthur. imago images

Und dann ist, oder dann war, da noch Arthur, 23 Jahre jung und von Messi höchstpersönlich mit Xavi verglichen. Ihn gibt Barça jetzt ab, obwohl der Klub wohl gerne darauf verzichtet hätte und Arthur erst recht. Das Problem ist, dass selbst der FC Barcelona mit einem Milliardenetat auf Kante genäht ist und für seine Bücher einen satten Transfergewinn von rund 120 Millionen Euro eingeplant hat - in etwa 70 hatten da noch gefehlt.

Wie passend, dass Juventus bereit war, Arthur für diese Summe zu übernehmen und gleichzeitig Miralem Pjanic, immerhin schon 30 Jahre alt, für wiederum 60 Millionen Euro nach Katalonien zu schicken. Hätten sich beide Klubs auf einen Spielertausch geeinigt, bei dem Juventus die zehn Millionen Euro einfach so draufpackt, hätte Barça Schwierigkeiten bekommen. Ein cleverer Schachzug.

Und trotzdem offenbart er die Probleme, die dieser Verein hat. Ein brasilianischer Nationalspieler mit großer Perspektive muss weichen, damit das verbrannte Geld der vergangenen Jahre nicht zum großen Verhängnis wird.

Wer trifft eigentlich diese Entscheidungen? Seit der Entlassung von Andoni Zubizarreta im Januar 2016 durfte mal Präsident Josep Maria Bartomeu entscheiden, dann mal Vorstandsmitglieder wie Javier Bordas oder zuletzt Sportdirektor Eric Abidal, der nicht erst seit seiner öffentlichen Fehde mit Messi unter Beschuss steht.

Warum wohl entschied sich Klubikone Xavi im Januar dafür, lieber in Katar zu bleiben? Er wollte lieber noch ein bisschen warten, bis sich die Situation beruhigt hat.

Für was steht dieser FC Barcelona gerade, der einst reihenweise Talente aus seiner Akademie zu Weltklasse-Spielern formte? Seit Sergi Roberto Profi wurde, und das war 2013, kam nicht viel nach aus "La Masia". Ansu Fati und Riqui Puig sind zumindest mal wieder Hoffnungsschimmer.

Xavi und Andres Iniesta

Brachten den FC Barcelona an die Weltspitze: Xavi und Andres Iniesta. imago images

Eine Spielidee, mit der Pep Guardiola Barcelona 2011 zum vielleicht besten Team aller Zeiten formte, war unter Ernesto Valverde nicht zu sehen. Und Setien, der ja eigentlich für diese Johan-Cruyff-Art von Fußball steht, ist schon jetzt wieder angezählt. Nach drei Unentschieden aus den vergangenen vier Spielen ist Real Madrid die erste Meisterschaft seit 2017 kaum noch zu nehmen. Zugegeben: Barcelona ist seit 2013 nur zweimal nicht Meister geworden, aber dann wäre da auch wieder die Champions League, Rom und Liverpool...

Nach Guardiolas Abgang 2012 - und nach dem Zwischenhoch unter Luis Enrique - verlor Barça mehr als nur ein Stück seiner Identität, während Guardiola in Manchester seine einstigen Weggefährten wie Txiki Begiristain oder Carles Planchart um sich hat.

Böse Zungen behaupten, in ManCity stecke jetzt mehr Barcelona als in Barcelona.

Frage: Haben sie recht?

Mario Krischel