EM

Wahrheiten und Unwahrheiten der EM-Vorrunde

Eine Zwischenbilanz von Jörg Jakob, kicker-Chefredaktion

Wahrheiten und Unwahrheiten der EM-Vorrunde

Bastian Schweinsteiger jubelt nach seinem Tor über die Ukraine

Bleibt mit Deutschland Topfavorit auf den EM-Titel: Kapitän Bastian Schweinsteiger. picture alliance

Wahr ist, dass grenzenlose Begeisterung weder in Frankreich noch in Deutschland ausgebrochen ist. Weil die Vorrunde insgesamt schwerfällig war (und das Wetter noch dazu durchwachsen).

Unwahr ist, dass die Europameisterschaft in einem Stimmungstief steckt. Frag nach bei Briten, Iren, Isländern!

Wahr ist, dass in den 36 Vorrundenspielen nur 69 Tore fielen. Keine zwei pro Spiel.

Unwahr ist jedoch, dass dies alleine an dem schiefen Modus liegt, der ein Weiterkommen mit nur drei Punkten und einer ausgeglichenen Tordifferenz ermöglicht hat (Nordirland und Portugal). Dazu trugen auch Topteams wie Deutschland (1:0 gegen eben diese Nordiren) und England (Nullnummer gegen die Slowakei) bei, indem sie bei drückender Überlegenheit gegen tiefe, dichte Abwehrreihen eine Vielzahl bester Chancen ausließen.

Wahr ist daher, dass es in dem 24-er Feld keinen gab, "den man mit 5:0 aus dem Stadion schießen" konnte, wie es Mario Gomez treffsicher formulierte.

Vertreter Mittelschicht haben versagt, nicht die Neulinge

Unwahr ist jedoch, dass es in der Gruppenphase keine klaren Verlierer gab. Rumänien, Russland, Tschechien, Schweden und Österreich mit jeweils nur einem Pünktchen und, wie krass, die Ukraine mit 0:5 Toren und null Punkten schieden sang- und klanglos aus.

Wahr ist damit, dass Vertreter der Mittelschicht bei dem erstmals auf 24 Teilnehmer aufgeblähten Turnier versagt haben, nicht die Neulinge und Außenseiter.

Unwahr ist, dass deren Weiterkommen ausschließlich dem zweifelhaften Modus zu verdanken ist, bei dem nach 36 Begegnungen lediglich acht Mannschaften ausscheiden. Ungarn und Island vor Portugal, Wales vor England: Thanks for coming!

Wahr ist, dass die EURO-Erweiterung den kleinen und kleinsten Nationalverbänden gelegen kommt. Fand jemand Albaniens Glückseligkeit nach dem ersten Endrundenerfolg nicht sympathisch?

Unwahr ist, dass es für ein derartiges Feld ein sportlich zweifelsfreies Turniersystem gibt. Findet jemand Albaniens dreitägiges und schließlich vergebliches Warten aufs Weiterkommen würdevoll?

Dass Schweden hinter den Erwartungen zurückblieb, lag nicht an Ibrahimovic

Wahr ist, dass große Turniere große Spieler hervorbringen. Dimitri Payet - kicker-Notenschnitt 1,5, zwei Tore, drei Scorerpunkte - hat bisher am meisten beeindruckt, und ganz sicher nicht nur die Franzosen.

Unwahr ist freilich, dass da nicht noch mehr herausragende Akteure sind, die dem Turnier ihren Stempel aufdrücken werden. Die großen Spiele kommen ja erst noch!

Wahr ist, dass die Teams von Cristiano Ronaldo und Zlatan Ibrahimovic hinter den Erwartungen zurückblieben.

Unwahr ist jedoch, dass daran diese Superstars schuld sind. "CR7" brillierte nach dem Pfostenschuss vom Elfmeterpunkt gegen Österreich mit zwei Treffern und perfekter Torvorlage bei Portugals 3:3 gegen Ungarn. Er ist damit der Erste, der in vier Endrunden erfolgreich war, und nun mit 17 Einsätzen alleiniger EM-Rekordspieler. "Ibra", der auch in vier EM-Turnieren auftrat, aber nun erstmals leer ausging, arbeitete sich auch in seinem 116. und letzten Länderspiel ab, als gäbe es noch ein Morgen.

Jörg Jakob

Jörg Jakob, kicker-Chefredaktion

Wahr ist, dass den wirklich Großen nicht nur spielerische Leichtigkeit zu Glanz und Gloria verhilft. Gareth Bale etwa, der stolze Waliser, erzielte nicht nur drei Tore, er läuft auch im Wortsinn zu herausragender Form auf.

Unwahr ist, dass Könige ohne Gefolgschaft regieren könnten. Bales Mitstreiter Aaron Ramsey, auch drei Scorerpunkte (beide mit der Durchschnittsnote 2,17), ist das beste Beispiel dafür.

Wahr ist, dass mit Bernd Storck, Andreas Möller und Holger Gehrke drei Deutsche einen riesigen Anteil daran haben, dass Ungarn so spektakulär ins Achtelfinale eingezogen ist. Dickes Kompliment!

Unwahr bleibt, dass eine Sensation wie anno 2004 mit Otto Rehhagel und Griechenland heute noch möglich ist.

Die UEFA war nicht optimal vorbereitet

Wahr ist freilich, dass Kroatien seinen Ruf als Geheimtipp eindrucksvoll bestätigt hat. Respekt!

Unwahr ist, dass die Freude darüber ungetrübt sein kann, wohin auch immer der Weg von Modric, Perisic, Rakitic und Kollegen noch führt. Der Ruf von Verband und Ultras ist ramponiert.

Wahr ist, dass die UEFA mit der EURO 2016 einen Rekordumsatz von zwei Milliarden Euro erwartet.

Unwahr ist, dass dabei schon die fünf- und sechsstelligen Geldstrafen eingerechnet wurden, die wegen Ausschreitungen von Zuschauern gegen fast die Hälfte des Teilnehmerfeldes verhängt wurden.

Wahr ist, dass Hooligans und gewaltbereite Ultras auch in Stadien Krawall anzettelten.

Unwahr ist, dass der Veranstalter, also die UEFA, darauf optimal vorbereitet war.

Wahr ist, dass der Rasen auch in Frankreich schön grün ist.

Unwahr ist, dass in allen Stadien der Teppich für ein Fußballfest ausgerollt war. In Lille und Marseille vor allem war das Geläuf dem Anlass bisher nicht würdig.

Wahr ist, dass Weltmeister Deutschland und Frankreich - in dieser Reihenfolge - als Topfavoriten in diese Europameisterschaft gingen.

Unwahr ist, dass sich daran etwas geändert hätte.

Von Chips, Salami und Eiern: Die Sprüche der EM-Vorrunde