Champions League

Sheriff-Trainer Vernydub: "Real Madrid? Ihr habt doch nichts zu verlieren"

Der Coach zwischen Dominanz in Moldau und dem Märchen namens Champions League

Sheriff-Trainer Vernydub: "Real Madrid? Ihr habt doch nichts zu verlieren"

Sheriff-Trainer Jurij Vernydub mit seiner Mannschaft: "Ihr habt doch nichts zu verlieren."

Sheriff-Trainer Jurij Vernydub mit seiner Mannschaft: "Ihr habt doch nichts zu verlieren." Getty Images

Allererstes Spiel in der Königsklasse - und gleich ein 2:0 über Schachtar Donezk, damit reist der FC Sheriff Tiraspol als Tabellenführer zu Real Madrid. Der Champions-League-Neuling aus der von Korruption und Armut geplagten Republik Moldau ist kein ganz normaler Verein: Er gehört dem Sheriff-Konzern, der in der Region Transnistrien die Wirtschaft wie die Politik beherrscht, von Tankstellen über Handynetze bis hin zu Brotfabriken und einem TV-Sender. Trainiert  wird der FC Sheriff vom Ukrainer Jurij Vernydub (55), der einst Profi in Deutschland war.

Herr Vernydub, waren Sie schon mal im Estadio Santiago Bernabeu?

Vor zwei Jahren, damals noch als Zuschauer. Freunde hatten organisiert, dass ich für ein paar Tage das Training von Valencia und Levante beobachten konnte. Weil Levante dann bei Real spielte, durfte ich mir auch das Spiel anschauen. Damals habe ich gesagt: Es ist mein Traum, einmal als Coach hier zu sein. Und nun wird er wahr.

Ziemlich wundersam war schon die Qualifikation für die Gruppenphase als erstes Team aus Moldau. Und dann gab es auch gleich noch einen Sieg zum Start gegen Donezk.

Die letzten Monate waren wie ein Märchen. Und dieses Märchen soll weitergehen, obwohl wir alle wissen, dass mit Real und Inter heftige Aufgaben auf uns warten. Gegen einen Weltverein wie Real mit Weltstars wie Modric, Benzema oder Kroos werden wir 200 Prozent brauchen. Und trotzdem werden wir uns vorbereiten wie auf jeden anderen Gegner auch.

Die letzten Monate waren wie ein Märchen. Und dieses Märchen soll weitergehen.

Jurij Vernydub

Könnten einige Ihrer Spieler zu viel Ehrfurcht haben?

Ich sage meinen Leuten ständig: Wir sind schon in der Champions League, ihr habt doch nichts zu verlieren, sondern könnt euch auf der  größten Bühne präsentieren. Aber genießen kann man so etwas auch nur, wenn man perfekt vorbereitet ist.

Die Bosse bei Sheriff nehmen normalerweise jede Niederlage fast persönlich, dann wird es auch schnell eng für den Trainer. Gilt dieser Druck jetzt auch für das Spiel bei Real?

Nein, das ist die Maßgabe für unsere Liga, dort versuchen wir, eine Siegermentalität auszustrahlen. Aber so etwas geht nicht durch Ankündigen, das muss man als Trainer jeden Tag entwickeln.

In Ihrem Team sind Spieler aus 20 Nationen, die meisten sind erst seit diesem Jahr im Verein.

Das macht die Sache sehr schwierig. Weniger wegen der Sprache, sondern weil es so viele unterschiedliche Mentalitäten in der Mannschaft sind. Wir konnten natürlich keine teuren Spieler holen, sondern meist junge Talente oder solche, die bei ihren vorherigen Klubs nicht  zurechtkamen. Alle sind hungrig darauf, sich zu zeigen und diese Chance zu nutzen.

Sheriff-Torjäger Henrique Luvannor

Garant für den Einzug in die Gruppenphase der Champions League: Der mittlerweile abgewanderte Sheriff-Torjäger Henrique Luvannor. imago images/Pixsell

Direkt nach dem Erfolg in den Play-offs wechselte mit Henrique Luvannor einer Ihrer besten Stürmer nach Saudi-Arabien.

Er hat vier Tore in sieben Qualifikationsspielen geschossen, dafür sind wir ihm dankbar. Aber wir verstehen, dass er gehen wollte. Er ist 31, und das finanzielle Angebot war einfach zu interessant, da können wir nicht mithalten.

Ich würde auch gern mehr Moldauer einsetzen, aber sie sind ehrlicherweise nicht gut genug.

Jurij Vernydub

Sie haben aber kaum Spieler aus Moldau im Team. Kann es nur mit Ausländern gehen?

Leider ja. Als ich in der Ukraine arbeitete, konnte ich nie verstehen, warum Mircea Lucescu bei Donezk so wenige einheimische Spieler  einsetzt. Jetzt weiß ich, warum: Wenn man hohe Ziele hat, dann ist die Nationalität egal. Allerdings durfte ich für die Champions League nur  17 ausländische Spieler melden, die Auswahl war schwer. Ich würde auch gern mehr Moldauer einsetzen, aber sie sind ehrlicherweise nicht gut genug.

Sheriff holte 19 der letzten 21 Titel in Moldau. Ist es nun schwierig, zwischen der Meisterschaft und der Champions League umzuschalten?

Die Liga hier ist gar nicht so schlecht, wir haben in dieser Saison auch schon einige Punkte verloren. Ich mag es überhaupt nicht, wenn ich  sehe, dass einige meiner Leute die Spiele mit einer anderen Einstellung angehen als die internationalen Partien.

Ich mag es überhaupt nicht, wenn ich sehe, dass einige meiner Leute die Spiele mit einer anderen Einstellung angehen als die internationalen Partien.

Jurij Vernydub

Sie haben 1993/94 für den Chemnitzer FC gespielt. Was blieb aus dieser Zeit in Erinnerung?

Ja, ich habe damals ein paar Spiele in der 2. Liga gemacht. Chemnitz war zu der Zeit noch eine typisch ostdeutsche Stadt. Meine Frau und ich  sind viel herumgereist, in Deutschland und auch in Tschechien. Das war eine tolle Zeit. Aber als ich ein Angebot aus der Ukraine bekam, bin  ich dorthin gegangen. Heimat ist eben Heimat. 

Interview: M. Goihman, Martin Gruener

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