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Portugals neuer Stern stiehlt dem Altstar die Show

Santos begründet Entscheidung gegen Cristiano Ronaldo

Portugals neuer Stern stiehlt dem Altstar die Show

Er stahl allen die Show: Goncalo Ramos beim 6:1-Erfolg Portugals gegen die Schweiz.

Er stahl allen die Show: Goncalo Ramos beim 6:1-Erfolg Portugals gegen die Schweiz. IMAGO/Pixsell

Aus Katar berichtet Oliver Hartmann

Eine Stunde war gespielt und die Partie beim 5:1-Zwischenstand längst entschieden, als die ersten Cristiano-Rufe durchs Rund des Lusail-Stadions hallten. Von Minute zu Minute wurden sie immer vielstimmiger und lauter, ehe sie in der 73. Minute, als Cristiano Ronaldo den Platz betrat, in Standing Ovations mündeten. Verteidiger Pepe, inzwischen stolze 39 Jahre alt, eilte aus dem Abwehrzentrum an die Außenlinie, um der 37-jährigen Portugal-Ikone die bis dato von ihm getragene Kapitänsbinde über zu streifen. Vom Feld ging beinahe unbemerkt ein Mann, dem eigentlich der überschäumende Beifall gebührt hätte. Dreifach-Torschütze Goncalo Ramos, Portugals neuer Stern am Stürmer-Himmel, avancierte zum Mann des Abends. Und er belohnte mit seiner Gala-Vorstellung Portugals Trainer Fernando Santos für seine mutige Aufstellung auf eine Art und Weise, wie es sich der 68-Jährige kaum schöner hätte ausmalen können. "Es war ein sehr gutes Spiel in allen Aspekten, wir waren eine Einheit. Es hat einwandfrei funktioniert", urteilte der Coach. 

Manchmal sind Leute nicht so glücklich, damit müssen sie klarkommen.

Fernando Santos

Santos hatte in diesem Achtelfinale mit seiner Personalentscheidung unmissverständlich klargemacht, dass das Wohl und Wehe der Mannschaft über die Befindlichkeiten eines formschwachen Altstars geht. Ronaldos Nichtnominierung für die Startelf war aus sportlichen Gründen vollkommen nachvollziehbar und berechtigt, aber angesichts der Lebensleistung des Angreifers ein Politikum in Portugal. "Es war eine strategische Entscheidung", sagte Santos und ließ durchblicken, dass der Nichtberücksichtigung ein kompliziertes Gespräch mit Ronaldo notwendig war. "Manchmal sind Leute nicht so glücklich, damit müssen sie klarkommen", schilderte der Coach und fügte hinzu: "Ich habe eine sehr enge Beziehung zu ihm, ich kenne ihn, seit er 19 ist. Wir sind Trainer und Spieler, aber wir missverstehen uns nicht. Ich habe ihm gesagt, dass er ein sehr wichtiger Teil der Mannschaft ist."

WM-Achtelfinale

Seit 2008 hatte Ronaldo bei wichtigen Turnieren stets die portugiesische Elf angeführt, insgesamt 31 Mal. Und nun wurde er ersetzt von einem 21-jährigen Greenhorn, das erst eine Woche vor dem Turnierstart im Testspiel gegen Nigeria in der Nationalauswahl debütierte. Allerdings zeigte das Eigengewächs von Benfica Lissabon, das in der laufenden Saison unter Trainer Roger Schmidt in 21 Pflichtspielen auf 23 Scorerpunkten kam, auch da schon seine Vollstrecker-Qualitäten, als er nach seiner Einwechslung mit einem Tor und einem Assist das Ergebnis in die Höhe schraubte.

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Viertelfinale: Wer passt am besten zur Strategie?

"Ich hätte nicht mal in meinen kühnsten Träumen gedacht, dass ich in dieser K.-o.-Runde mal in der Startelf stehen würde", gestand Ramos seine Überraschung über die Berufung ein. Zum WM-Start war ihm erwartungsgemäß nur eine Nebenrolle geblieben, die Position im Sturmzentrum war schließlich besetzt durch den dort seit Jahren herrschenden Platzhirsch. In den Gruppenspielen gegen Ghana (3:2) und Uruguay (2:0) wurde Ramos jeweils in der Schlussphase für Ronaldo eingewechselt, gegen Südkorea (1:2) blieb ihm nur die Bankrolle. Dass in dieser Partie Ronaldo seine Auswechslung mit sichtlicher Verärgerung quittiert hatte, missfiel Coach Santos sehr. Auch das dürfte zur ungewohnten Nebenrolle des in die Jahre gekommenen Superstars beigetragen haben.

Eine Verbesserung seiner Position ist für Ronaldo indes nicht im Sicht. Mit welchen Argumenten sollte Santos die WM-Entdeckung Ramos im Viertelfinale gegen Marokko wieder auf die Bank setzen? Santos selbst blieb die Antwort schuldig. "Ich habe drei Spieler, denen ich voll und ganz vertraue", erklärte der Coach und bezog den bislang kaum berücksichtigten Leipziger André Silva ausdrücklich mit ein: "Ich muss den Spieler wählen, der am besten zu meiner Strategie passt." Das Momentum jedenfalls spricht für Ramos.

Bilder zur Partie Portugal - Schweiz