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Schwuler Profi: "Justin Fashanu wollte niemand sein, der er nicht war"

Erster offen homosexueller Fußballprofi

Pionier Justin Fashanu: "Er wollte niemand sein, der er nicht war"

Justin Fashanu (l.) bekannte sich zu seiner Sexualität - und nahm sich mit nur 37 Jahren das Leben.

Justin Fashanu (l.) bekannte sich zu seiner Sexualität - und nahm sich mit nur 37 Jahren das Leben. Getty Images (2), picture alliance

Spätestens durch sein Tor des Jahres 1980 gegen Liverpool avancierte Norwich Citys Stürmer Justin Fashanu bereits als Teenager zu einem der vielversprechendsten Talente des englischen Fußballs. Ein Jahr später wechselte er im Alter von 20 Jahren - als Großbritanniens erster Schwarzer Spieler für einen Millionenbetrag - zu Doppel-Europapokalsieger Nottingham Forest. Doch statt zum Star wurde er zum Sündenbock von Trainer-Ikone Brian Clough, der Fashanu schikanierte - weil dieser regelmäßig in der Schwulenszene verkehrte.

Fashanu findet zu sich selbst - und doch keinen Ausweg

"Ich war für ihn verantwortlich, aber ich habe ihm nicht geholfen", zeigte sich Clough in seiner Biografie "Walking on water" später reumütig, dessen Homophobie neben Verletzungen, Identitätskrisen und persönlichen Problemen dafür sorgte, dass Fashanu vom Weg des erfolgreichen Fußballers abkam. Doch gleichzeitig fand er zu sich selbst, woraus er spätestens ab 1990 keinen Hehl mehr machte: In der Boulevard-Zeitung "The Sun" outete er sich mit 29 Jahren als erster aktiver Fußballprofi überhaupt öffentlich als schwul.

Eine Entscheidung, die Fashanu zum Außenseiter machte. Vielerorts wurde der Wandervogel angefeindet, einmal beinhaltete sein Medizincheck - ohne logischen Grund - einen AIDS-Test. Rückhalt fand er dieser Tage nicht einmal bei seiner Familie, sein Bruder John distanzierte sich sogar öffentlich von ihm. Ein Jahr nach seinem Karriereende nahm sich Justin Fashanu 1998 das Leben. In seinem Abschiedsbrief schrieb er: "Schwul und eine Person des öffentlichen Lebens zu sein, ist hart. Bevor ich meiner Familie weiteres Leid zufüge, möchte ich lieber sterben."

Dokumentation und Stiftung: Das Vermächtnis lebt weiter

Amal Fashanu ist Johns Tochter und Justins Nichte. Auf der Suche nach den Fußspuren ihres Onkels drehte sie 2012 die für etliche Awards nominierte Dokumentation "Britain's Gay Footballers", die sich mit Homophobie und Diskriminierung in der Welt des Fußballs befasst. Seitdem verwaltet und repräsentiert die Journalistin das Vermächtnis ihres Onkels, seit 2020 etwa durch die Justin-Fashanu-Stiftung.

Zum Anlass von Justins 60. Geburtstag am Freitag gab sie dem kicker ein Interview. Zwei Tage vorher hatten 800 FußballerInnen homosexuellen Spielern in einem vom Magazin "11Freunde" initiierten Aufruf ihre Unterstützung zugesagt. In Deutschland hat sich bislang noch kein aktiver Spieler geoutet.

Frau Fashanu, 2013, ein Jahr nachdem Ihre Dokumentation veröffentlicht wurde, outete sich der US-Amerikaner Robbie Rogers von Leeds United - als er seine Karriere in England beendete. Haben Sie von ihm gehört?

Natürlich, ich kenne ihn gut. Robbie kontaktierte mich und erzählte, dass Justin eine große Inspiration für ihn gewesen war und seine Geschichte ihm dabei geholfen hatte, sich zu outen. Auch wenn er das in Großbritannien nicht konnte. Doch dann fing er bei Los Angeles Galaxy wieder an zu spielen, wo ihm gesagt wurde, dass es keine Rolle spielt, dass er schwul ist. Dort wurde er als offen schwuler Spieler sogar ein wirklicher Star. Und nun lebt er in L. A., ist glücklich verheiratet und hat zwei Kinder.

Robbie Rogers

Als Robbie Rogers sich 2013 outete, beendete er seine Karriere in England. In der MLS feierte er als offen schwuler Spieler später ein Comeback. imago images

Haben sich nach der Dokumentation auch andere schwule Fußballprofis bei Ihnen gemeldet?

Ja, sogar einige. Mit manchen stehe ich in Kontakt. Wir unterstützten sie mit der Stiftung. Aber sie fühlen sich noch nicht bereit, sich zu outen - weil sie nicht glauben, dass die Welt des Fußballs das akzeptieren würde.

Was muss sich im europäischen Spitzenfußball ändern, damit es auch hier offen schwule Spieler geben kann?

Es muss viel grundsätzliche Arbeit geleistet werden. Der Fußball muss zu den anderen Aspekten des alltäglichen Lebens aufschließen. Homosexualität ist eigentlich kein Problem mehr - doch im Fußball ist es das, denn es gibt aktuell anscheinend nicht einen schwulen Profifußballer. Da kann statistisch etwas nicht stimmen. Es geht darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder schwule Profi sicher genug fühlt, sich outen zu können.

Wenn man überlegt, wie viel Geld der Fußball zur Verfügung hat, und sieht, was Geld alles ermöglichen kann, muss man sagen, dass noch nicht genug getan wurde. Die Leute müssen verstehen, dass, solange es nicht ein paar offen schwule Spieler gibt, das Problem immer noch da ist. Wir müssen lernen, rücksichtsvoller miteinander umzugehen - das wünsche ich mir aus tiefstem Herzen.

Eine Erkenntnis in Ihrer Dokumentation war, dass der größte Teil des Problems die Fans und deren Verschmähungen sind.

Ich würde nicht sagen, dass es nur ein Problem gibt, es ist eine Kombination aus mehreren Dingen. Alle müssen an einem Strang ziehen. Vielleicht muss sich sogar die Regierung einschalten, vielleicht müssen Regeln eingeführt werden - und die Schmähgesänge müssen aufhören. FA, FIFA, UEFA, alle Verbände müssen gemeinsam sagen, dass das falsch ist und dass wir das auch im Fußball nicht tolerieren werden.

Diese Aktionen machen die Leute darauf aufmerksam, aber es gibt bessere Wege, die Aussage zu transportieren.

Amal Fashanu über Eckfahnen in Regenbogenfarben

Was halten Sie von Aktionen wie Kapitänsbinden oder Eckfahnen in Regenbogenfarben?

Manche finden das gut, manche nicht. Ich finde, dass wir nicht eine solche Show daraus machen sollten. Homosexualität sollte vielmehr normalisiert werden. Diese Aktionen suggerieren, dass, wenn du schwul bist, du dich mit den Regenbogenfarben schmückst oder dass alle Schwulen pink tragen. Diese Aktionen helfen zwar, weil die Leute darauf aufmerksam gemacht werden, aber ich finde, dass es sicher bessere Wege gäbe, dieselbe Aussage zu transportieren. Man sollte Homosexualität und Homosexuelle jedenfalls nicht nur an Klischees festmachen. Meine Marke für Gleichberechtigung, "Black Heart Label", verwendet neutralere Farben - viele Schwarz-, Weiß- und Grautöne -, mit denen sich mehr Homosexuelle identifizieren.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren Onkel Justin?

Leider habe ich kaum noch lebendige Erinnerungen an ihn, weil ich erst zehn war, als er starb. Aber wie ich später über ihn gehört habe, muss er eine sehr starke und mutige Persönlichkeit gewesen sein - und er hatte einen guten Style (lacht). Er konnte boxen, Fußball spielen, singen, tanzen. Er war einer dieser Menschen, mit denen jeder befreundet sein wollte. Manchmal denke ich: Wer ist dieser Mann? (lacht) Ich kann kaum glauben, dass er mein Onkel war.

Und dann dachte er sich in den 1980er und 1990er Jahren - was sich keiner, der normal im Kopf gewesen wäre, getraut hätte: 'Wisst ihr was? Das ist, was und wer ich bin. Akzeptiert mich - oder lasst mich in Ruhe.' In der Welt des Fußballs verstellen sich viele Leute, um dieses oder jenes zu repräsentieren oder ein gutes Bild abzugeben. Justin wollte nie jemand sein, der er nicht war.

Als Justin sich 1990 outete, befand sich seine Karriere bereits auf dem absteigenden Ast. Doch als er 1981, als alles gerade erst begonnen hatte, nach Nottingham wechselte, traf er auf die Homophobie seines Trainers Brian Clough. War das der Wendepunkt in seiner Karriere?

Ich denke, dass das sehr schwierig und hart war. Sie sind Journalist: Wenn Sie für jemanden arbeiten, der Ihnen jeden einzelnen Tag das Leben zur Hölle macht; der das, was Sie schreiben, egal wie toll es ist, schlechtredet, nur weil Sie schwul sind... Das wirft dich zwangsläufig aus der Bahn. Deine Leistungen verschlechtern sich. Das, was du hättest erreichen können, erreichst du nicht - nur weil du schwul bist. Ich denke nicht, dass Clough das einzige Problem war, das Justin hatte - aber es versperrte ihm den Weg.

Justin Fashanu

Der Durchbruch bei Nottingham Forest blieb Fashanu verwehrt. imago images

Outete Justin sich in seinem privaten Umfeld, ehe er es 1990 öffentlich tat? Oder hatte er seine Homosexualität vor 1990 geheim halten wollen?

Ich denke nicht, dass er es geheim halten wollte, aber er musste seine Sexualität und alles, was dazugehört, erst einmal herausfinden, bevor er es allen erzählte. Bei vielen Homosexuellen, die ich kenne, ist es ein längerer Prozess.

Hatte er Menschen um sich herum, die ihn nach seinem Coming Out und bei all den Nachwirkungen unterstützten?

Wahrscheinlich ein paar Freunde und Bekannte, aber für meine Familie und speziell meinen Vater, seinen Bruder, war es sehr schwierig, eine sehr schwierige Zeit.

Die Brüder Justin und John, der als Fußballprofi ebenfalls in der Öffentlichkeit stand, standen sich einst sehr nahe, hatten dann aber lange Zeit ein schwieriges Verhältnis. Was und wie redet John heute über seinen verstorbenen Bruder?

Es ist viel Zeit vergangen. Vergleicht man seine Interviews von damals und heute, wird klar, dass er jetzt ein ganz anderer Mensch ist. Er hat einen Fehler gemacht und nun hat er daraus gelernt - und er wird ihn nicht wieder begehen.

Nach wie vor gibt es keinen zweiten bekannteren aktiven Profi, der sich geoutet hat. Würden Sie sagen, dass Justins Coming Out im Großen und Ganzen wirklich etwas verändert hat?

Ja, ich denke, dass er vielen Leuten den Weg geebnet hat. Selbst wenn es heute noch schwierig zu erkennen ist, was er wirklich verändert hat - in der Zukunft werden wir es sehen.

Seit Ihrer Doku wurde Justins Geschichte immer wieder erzählt. Die bekannte Produktion "Forbidden Games" ist auf Netflix & Co. allerdings nicht mehr zu sehen, weil Sie dagegen vorgegangen sind. Warum?

Die Art und Weise, wie Justins Geschichte dort erzählt wurde, war nicht richtig. Sie haben einiges durcheinandergebracht und sogar Dinge erfunden, um inhaltliche Lücken zu schließen. Außerdem haben sie die vorgeworfene Vergewaltigung nicht erklärt, die wirklich überall falsch wiedergegeben wird. Justin wurde vor Ort, in den USA, von den Vorwürfen freigesprochen und durfte zurück nach England reisen. Er war ein freier Mann. Ich hoffe, dass ich bald eine weitere Doku drehen und Justins Geschichte erzählen kann - wie sie wirklich war.

Psychische Gesundheit, Rassismus und Homophobie sind die drei Gebiete, die mich wirklich besorgen - nicht nur im Fußball.

Amal Fashanu

In der Tat werden eine Anklage wegen Vergewaltigung und Justins vermeintliche Angst vor einer unfairen Gerichtsverhandlung häufig als Ursache für seinen Selbstmord genannt. Warum nahm er sich, mit nur 37 Jahren, wirklich das Leben?

Er nahm sich das Leben, weil er einfach müde war. Er hatte viel durchmachen müssen. Er war ein Adoptivkind, war ein schwarzer Junge in einem weißen Land, sein Bruder war am Ende gegen ihn. Es gab viele Dinge, die sich in seinem Kopf abspielten, auch psychische Probleme. Er wollte seine Familie einfach nicht noch mehr belasten - und seinen Frieden finden.

Amal Fashanu

Amal Fashanu kümmert sich um das Vermächtnis ihres Onkels und hat eine Stiftung gegründet. Getty Images

Vor neun Monaten haben Sie die Justin-Fashanu-Stiftung gegründet. Worum geht es dabei?

Es geht um psychische Gesundheit, Rassismus und Homophobie. Das sind die drei großen Gebiete, die mich wirklich besorgen - nicht nur im Fußball, sondern auch in der Gesellschaft. Justin wurde angefeindet, weil er schwarz war, weil er religiös war, weil er psychische Probleme hatte und weil er schwul war. Bisher war es sehr schwierig wegen Corona, den offiziellen Launch konnten wir leider noch nicht durchführen. Aber vielleicht klappt es ja dieses Jahr.

Wie werden Sie Justin in Erinnerung behalten?

Als der wahrhaftige, mutige Held, der er war. Ich kenne noch keinen, der in seine Fußstapfen getreten ist - weil das so schwer ist. Das beweist jedes Jahr, in dem sich kein anderer traut.

Und wie würde Justin selbst gerne in Erinnerung bleiben?

Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass er damit zufrieden wäre, wenn man sich überhaupt an ihn erinnert. Aber er würde sicher auch gerne als Pionier in Erinnerung bleiben, der es geschafft hat, etwas zu verändern auf dieser Welt.

Weitere Informationen finden Sie unter thejustinfashanufoundation.com.

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Interview: Niklas Baumgart