Bundesliga

Eichin: "Meine Sorge ist, dass der EM-Hype verpufft"

Leverkusens Leiter Nachwuchs und Frauen sieht DFL und DFB gefordert

Eichin: "Meine Sorge ist, dass der EM-Hype verpufft"

In Verantwortung bei den Bayer-Frauen: Thomas Eichin (re. Ex-Trainer Achim Feifel).

In Verantwortung bei den Bayer-Frauen: Thomas Eichin (re. Ex-Trainer Achim Feifel). IMAGO/Jürgen Schwarz

Es tut sich etwas bei den Frauen. Zumindest ein bisschen. Vor dem Derby gegen den 1. FC Köln am Freitag lud Bayer 04 erstmals zum "Medien-Kick-off", einer Diskussionsrunde, in die Umkleidekabine der Bundesliga-Mannschaft der Frauen in der Bay-Arena. "Der Frauenfußball hat bei uns einen hohen Stellenwert", erklärte dort Klub-Boss Fernando Carro.

2. Spieltag

Der Status der Frauen in Deutschlands Volkssport Nummer 1 hat sich zwar verbessert, aber er ist noch lange nicht gut. Erst recht nicht, wenn man den Blick in andere Länder wirft. "Wir können uns nicht nur in England, sondern auch in Frankreich, aber auch in Mexiko, wie wir auf unserer Reise mit der Mannschaft festgestellt haben, einiges abgucken", erklärte Thomas Eichin, Leiter Nachwuchs und Frauen bei Bayer 04, "das Entscheidende wird sein, die entsprechende Aufmerksamkeit zu erzielen und uns auch an den Herrenfußball anzudocken."

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Testspiel in Mexiko vor 20.000 Fans

In Mexiko bestritt Bayer 04 im Juli ein Testspiel vor 20.000 Zuschauern im altehrwürdigen Azteken-Stadion. Ähnliche Zuschauerzahlen sind in der Women’s Super League in England, die den Spielerinnen wirklich professionelle Arbeitsbedingungen bietet, keine Sensation mehr.

Davon ist man in Deutschland noch weit entfernt. Trotz der zunehmenden Professionalisierung bei den Bayer-04-Frauen agieren die Spielerinnen unter dem Dach vom TSV Bayer 04 Leverkusen und nicht unter dem der Bayer 04 Fußball AG, wie die brasilianische Nationalspielerin Ivana Fuso am Mittwoch anmerkte.

Hier arbeiten fast alle noch nebenbei.

Ivana Fuso (Bayer 04)

Die Leihgabe von Manchester United hat die Unterschiede zwischen der deutschen und der englischen Top-Liga am eigenen Leib erfahren. "Die Fans dort sind verrückt, die Atmosphäre ist unglaublich. Alle Spieler dort sind Vollzeit-Angestellte, hier arbeiten fast alle noch nebenbei. Es ist ein großer Unterschied, ob man sich auf eine Sache fokussieren kann", so Fuso, die die Nachwuchsteams des DFB durchlief und sich für Brasilien noch nicht festgespielt hat.

MSV Duisburg - Bayer 04 Leverkusen (Highlights)

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Nicht im Lizenzierungsverfahren verankert

In England sind Männer- und Frauenfußball in den Klubs fest verzahnt. "Wir werden dort vom Marketing her wie die Männer behandelt", erklärt Fuso. Anders als in England gehört eine entsprechend geförderte Frauen-Mannschaft im Bereich der DFL aber eben nicht zu den Lizenzierungsvoraussetzungen. Und ohne eine solche Verpflichtung sieht nicht nur Eichin für den Frauenfußball schlechte Chancen, sich ähnlich wie in den genannten Ländern zu entwickeln.

"Ich muss aufpassen, was ich sage", erklärt der Ex-Profi, "die anderen Länder sind uns da voraus, weil die Frauen da anders gewertet werden und es andere Regularien gibt. Das ist der Weg: DFL und DFB müssen einfach bessere Voraussetzungen schaffen. Es ist ja nicht damit getan, dass man sagt, die Mannschaften sollen in den großen Stadien spielen. Es muss nachhaltig etwas passieren. Wir müssen uns um den Nachwuchs kümmern, Dinge in die Wege leiten." Die aktuellen Strukturen reichen nicht aus.

Neuendorf mahnt zu wenige Kapazitäten an

Dazu passte es, dass DFB-Präsident Bernd Neuendorf am selben Tag auf dem Sportbusinesskongress Spobis erklärte: "Wir registrieren nach der EM einen Zulauf bei Mädchen und Frauen, aber wir können ihn gar nicht auffangen. Wir haben einfach zu wenig Plätze und Kapazitäten, um die Flut an Neuanmeldungen zu bedienen." So müssten gerade in Ballungsräumen Kinder und Jugendliche abgewiesen werden.

Es ist also höchste Zeit für neue Impulse und auch Taten. Dafür ist jetzt der richtige Zeitpunkt, wie die 23.200 Zuschauer beim Auftaktspiel der Bundesliga zwischen Eintracht Frankfurt und Bayern München gezeigt haben. Die entscheidende Frage wird sein, ob es künftig über Absichtserklärungen hinausgeht. Aus Eichins Sicht ist dies alles andere als sicher. "Die EM hat einiges dazu beigetragen, dass es in die richtige Richtung geht. Es wird an den Entscheidungsträgern in den Verbänden hängen, sich dem Thema zu widmen."

Darauf möchte der frühere Manager der Männer-Bundesliga-Mannschaft von Werder Bremen hartnäckig einwirken. "Unsere Aufgabe, meine Aufgabe ist es, immer wieder den Finger in die Wunde zu legen. Meine Sorge ist, dass nach einer wirklich tollen EM, nach der sich der eine oder andere Verein auf die Fahnen geschrieben hat, da mitzumachen, dieser Hype wieder verpufft."

Bayer will "an Platz 3 kratzen" - Wird die 1000 geknackt?

Eine Befürchtung, die trotz einer überdurchschnittlichen Kulisse, die gegen den FC erwartet wird, auch für das Derby gilt. Auch wenn Bayer hoch ambitioniert in die Partie und die weitere Saison gehen wird. "Platz 3 berechtigt zur Champions League. Mein Ziel und das des Trainers mit der Mannschaft ist es, so zu spielen, dass wir immer die Möglichkeit haben, an Platz 3 zu kratzen", formuliert Eichin ein mutiges Vorhaben.

Einen EM-Effekt erwarten sie in Leverkusen allerdings selbst beim Derby nicht. Kollidiert der Termin doch mit einem Länderspiel des DFB-Teams der Männer. So wird der Anstoß der Partie gegen den 1. FC Köln (19.15 Uhr, Ulrich-Haberland-Stadion, live bei Eurosport und Magenta TV) nur eineinhalb Stunden vor dem Spiel der Mannschaft von Bundestrainer Hansi Flick in der Nations League in Leipzig gegen Tabellenführer Ungarn erfolgen.

Wer sich also für das Derby in Leverkusen entscheidet, wird auf Musiala, Havertz und Co. verzichten müssen. Eine unglückliche Konstellation. Bei Bayer 04 geht man davon aus, dass bei der Partie der Rheinländerinnen, die üblicherweise vor etwa 300 Zuschauern spielen, die 1000er-Grenze geknackt wird. Doch damit würde man "nur" vor einer ähnlichen Kulisse wie beim Derby in der Vorsaison spielen. Der Weg zum Boom im Liga-Alltag der Frauen ist noch ein weiter.

Stephan von Nocks

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