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Diego gegen "Diego": Wie Buchwald Maradona kaltstellte

Das Schlüsselduell des WM-Finales 1990

Diego gegen "Diego": Wie Buchwald Maradona kaltstellte

Vertauschte Rollen: Der große Maradona gegen den vermeintlich "kleineren" Guido Buchwald.

Vertauschte Rollen: Der große Maradona gegen den vermeintlich "kleineren" Guido Buchwald. imago images

Bei der WM 1990 mussten das die Niederländer im Achtelfinale erleben, als der baumlange Vorstopper des VfB Stuttgart auf dem linken Flügel seinen Gegenspieler Aron Winter per doppeltem Übersteiger narrte und so das 1:0 von Jürgen Klinsmann vorlegte. Auch die Engländer staunten nicht schlecht, als er im Halbfinale kurz vor Ablauf der Verlängerung den Ball aus 22 Metern gekonnt aufs rechte Eck zirkelte - und am Pfosten scheiterte. Das Sahnehäubchen war dann allerdings sein resoluter Auftritt im Finale gegen Argentinien, als er Diego Maradona beim 1:0-Finalsieg so kaltstellte, dass dieser ein völlig entnervtes "Du schon wieder!" nach dem x-ten verlorenen Zweikampf in Richtung Buchwald zischte.

Du schon wieder!

Diego Maradona zu Guido Buchwald

Aus dem hüftsteif wirkenden Buchwald wurde "unser Diego", wie ARD-Kommentator Gerd Rubenbauer nach dem Schlusspfiff ins Mikro triumphierte. Diesen Spitznamen hatte sich Buchwald allerdings schon vor dem Turnier in Italien abgeholt, als er im Trainingslager dem Abwehrkollegen Klaus Augenthaler einen "Tunnel" verpasste und der Bayern-Abwehrchef ein gedemütigtes "Hallo Diego!" in Richtung Buchwald rief. Immerhin war das ein klarer Hinweis, nach wem sich die damalige Fußballwelt ausrichtete. Einige Wochen später stand Buchwald dem absoluten Ausnahmekönner und Kapitän des Titelverteidigers gegenüber - als sein als Kettenhund.

Beckenbauer ordnet Manndeckung an

"Es war eine riesengroße Aufgabe für mich und auch Verantwortung für die Mannschaft, schließlich hat Franz Beckenbauer eine Eins-gegen-eins-Manndeckung gegen Maradona angeordnet", erinnert sich der mittlerweile 59-jährige Buchwald noch immer lebhaft an das "wichtigste Spiel meines Lebens". Es war eine logische, taktische Maßnahme für den Teamchef, der Buchwald einbläute, "wenn Maradona nichts macht, dann ist die ganze argentinische Mannschaft nur die Hälfte wert". Schon ein Fingerzeig bot die 2. Minute des Endspiels, als Buchwald den ersten Zweikampf gegen Maradona gewann - es sollte der Auftakt sein für eine lange Reihe von frustrierenden Momenten für Maradona. "Er hat früh gemerkt, dass es sehr schwierig wird für ihn", blickt Buchwald zurück.

Als feststand, dass die DFB-Auswahl das Endspiel gegen Argentinien erreicht hatte, nahm Beckenbauer Buchwald ziemlich zügig beiseite und bereitete ihn auf seine Aufgabe vor: "Der Diego ist dein Mann, du bist so gut drauf, du spielst ein super Turnier, das packst du", so Buchwald. Das Vertrauen des Kaisers in Buchwalds Zweikampfstärke verlieh ihm zusätzliche Kräfte. Dabei strotzt er bereits vor Selbstvertrauen, hatte er zu diesem Zeitpunkt doch schon sechs bärenstarke WM-Spiele hingelegt. "Dass wir gut drauf waren, das hat jeder gespürt, jeder war bereit, Bäume auszureißen."

Der Diego ist dein Mann, du bist so gut drauf, du spielst ein super Turnier, das packst du.

Franz Beckenbauer zu Guido Buchwald

Das Bäumeausreißen hieß für Buchwald den Spielverderber geben - er sollte Maradonas Genialität brechen, er sollte seine Explosivität entschärfen, er sollte seine Geistesblitze voraussehen und den berühmten einen Schritt schneller sein. "Wenn er den Ball in Ruhe annehmen kann, wenn er auf einen zu dribbeln kann, dann hat er Spaß am Spiel. Dann hat er Bewegungen drauf, so dass man nur sehr schwer einen Zweikampf gewinnt", erinnert sich Buchwald, der dieses Duell jedoch keineswegs in der Rolle des reinen Zerstörers führen wollte. "Mir war klar, dass ich auch ohne Ball agieren musste, dass ich ihn dahin schicken musste, wo ich ihn haben wollte", erläutert er, "deshalb wollte ich ihn oft an den Außenlinien haben, so dass er nur eine Seite hatte, um vorbeizukommen. Außerdem habe ich versucht, die Passwege zuzulaufen, so dass er sich die Bälle immer weiter hinten holen musste und mit dem Rücken zu mir stand." Bloß nicht drehen lassen, bloß nicht Tempo aufnehmen lassen, bloß nicht ins Dribbling kommen lassen - diese Warnungen waren Buchwalds ständige Begleiter. Kurzum: Er sollte Maradona bis aufs Blut (pardon!) entnerven.

Diego Maradona und Guido Buchwald

"Ich wollte ihn oft an den Außenlinien haben": Buchwald nahm Maradona in Manndeckung. imago images

Buchwald wollte Maradona "hart, aber fair angehen"

Selbiges floss dann auch direkt nach dem Seitenwechsel beim Kapitän der Argentinier, allerdings war dafür nicht Buchwald verantwortlich, sondern Rudi Völler, der Maradona ordentlich checkte, so dass sich der Weltmeister von 1986 an der "Hand Gottes", sprich in der Armbeuge, eine kleine Risswunde zuzog. "Es war klar, dass wir gegen Argentinien auch körperlich spielen und dass wir auch mal ein Foul begehen wollten. Das galt natürlich vor allem gegen Maradona: Ihn wollten wir hart, aber fair angehen", verrät Buchwald, der seinen persönlichen Widersacher im Spiel als "absolut fairen Sportsmann" erlebte, "auch wenn er natürlich im Lauf der Jahre auch gelernt hatte, sich zu wehren".

Doch gegen die deutsche Auswahl und speziell Buchwald war an jenem 8. Juli 1990 kein Kraut gewachsen. Maradona dämmerte dies im Laufe der zweiten Halbzeit, als die Beckenbauer-Elf nach starker erster Hälfte keinen Deut nachließ, im Gegenteil, gefühlt noch eine Schippe drauflegte. "Ich habe gemerkt, wie er immer mehr resignierte. Das war für mich psychologisch unheimlich viel wert. Zu sehen, wie er müder wurde, wie seine Augen müder wurden und wie er immer mehr daran zweifelte, ob das Spiel gewonnen werden kann", so Buchwald.

Das machen die WM-Helden von 1990

Die Beschreibung schmeichelt dem Geschehen, denn auch wenn es 1990 noch lange keine detaillierte Datenerfassung wie heute gibt, so war die zunehmende Demoralisierung der Argentinier am schwindenden Einfluss ihres "maximo lider" auf das Spiel deutlich abzulesen. Von vier Zweikämpfen in der ersten Halbzeit konnte Maradona immerhin noch zwei gewinnen, nach der Pause keinen einzigen mehr. Ein einziges Mal schoss er aufs Tor es war ein Freistoß kurz vor der Halbzeitpause, den er aus 18 Metern zu hoch ansetzte. Nur zwei lange Bälle brachte Maradona im gesamten Spiel an den Mann. Unglaublich, dass das Duell des Zauber-Diegos gegen den Handwerker-Diego so klar an den gelernten Elektro-Installateur aus (West-)Berlin ging.

Buchwald gewinnt auch das letzte Duell - auf dem Klo

Diego Maradona und Guido Buchwald

Natürlich mit Haken und Ösen: Guido Buchwald und Diego Maradona schenken sich in den Zweikämpfen nichts. imago images

"Wir waren alle auf Wolke sieben", beschreibt Buchwald seinen Gefühlszustand nach Abpfiff, "Maradona war natürlich zutiefst enttäuscht, er hätte Historisches erreichen können mit einer Titelverteidigung bei einer WM". Die hängenden Schultern und Tränen Maradonas hat Buchwald auf dem Platz nicht mehr direkt mitbekommen, nachdem er ihn 90 Minuten lang verfolgte. Tatsächlich trafen sich die beiden Widersacher dann wieder auf dem Klo, beide mussten zur Dopingprobe. "Auch die habe ich klar gewonnen", scherzt Buchwald. "Ich habe alles darangesetzt, möglichst schnell in unsere Kabine zu kommen, um mitzufeiern. Als ich da verspätet ankam, war ohnehin schon die halbe Mannschaft vom Sekt und Champagner angetrunken", so Buchwald knapp 30 Jahre nach dem dritten Stern für die deutsche Nationalelf.

Weltmeister hättest Du mit mir auch 1986 schon werden können.

Guido Buchwald zu Franz Beckenbauer

Einige Zeit nach dem Turnier in Italien bilanzierte Beckenbauer, dass "Guido der wichtigste Spieler des Turniers war, er war sieben Mal Weltklasse". Für den späteren Stuttgarter Meisterspieler mehr als eine Genugtuung, hatte ihn der Teamchef doch unmittelbar vor der WM 1986 in Mexiko aus dem Kader gestrichen. "Eine Welt ist in mir zusammengebrochen", sagte Buchwald damals über das Vier-Augengespräch mit Beckenbauer. "Weltmeister hättest Du mit mir auch 1986 schon werden können", schmierte Buchwald dem Kaiser in der magischen Nacht von Rom um den Bart. Ob er das Genie Maradona auch damals an die Kette gelegt hätte?

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