3. Liga

Der Tag, als Schlünz Hansa ins Glück schlenzte

Vor 30 Jahren gewann Rostock erstmals den Titel

Der Tag, als Schlünz Hansa ins Glück schlenzte

Erzielte eines der wichtigsten Tore in der Geschichte des FC Hansa Rostock: Juri Schlünz.

Erzielte eines der wichtigsten Tore in der Geschichte des FC Hansa Rostock: Juri Schlünz. imago images

Am 11. August 1990 startete die DDR-Oberliga in ihre 42. und letzte Saison, der neu gegründete Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) diente als offizieller Namensgeber. Die Zahl der Zuschauer ging ebenso stark zurück wie die Zahl der Tore, die sportliche Attraktivität der Oberliga litt unter dem gewaltigen Aderlass an Top-Spielern. Andreas Thom - dem ersten offiziellen Ost-West-Transfer, der im Dezember 1989 vom BFC Dynamo zu Bayer Leverkusen gewechselt war - folgten im Sommer 1990 etliche weitere Akteure gen Westen.

Dynamo Dresden verlor mit Ulf Kirsten (Leverkusen), Matthias Sammer (VfB Stuttgart) und dem routinierten Trio Andreas Trautmann, Matthias Döschner und Hans-Uwe Pilz (alle Fortuna Köln) die halbe Meister-Mannschaft, der vormalige Serienmeister BFC Dynamo, der sich in FC Berlin umbenannt hatte, Thomas Doll, Frank Rohde (beide Hamburger SV), Rainer Ernst (Kaiserslautern) und René Rydlewicz (Leverkusen), Lok Leipzig Olaf Marschall (FC Admira/Wacker), Uwe Zötzsche (Racing Straßburg), René Müller (Sachsen Leipzig) und Heiko Scholz (Dresden), der 1. FC Magdeburg Dirk Schuster (Eintracht Braunschweig), Carl Zeiss Jena mit dem späteren Nationalspieler Ronald Maul (Osnabrück, später Bielefeld, HSV) ein Top-Talent, Rot-Weiß Erfurt Uwe Weidemann (1. FC Nürnberg).

Das Land gab es ein paar Wochen später nicht mehr, die Oberliga schon noch - aber die Kräfteverhältnisse hatten sich verschoben.

Rostock hielt die Mannschaft zusammen

Uwe Reinders

Erfolgscoach: Uwe Reinders. imago images

Hansa Rostock, erst 1987 wieder in die Oberliga zurückgekehrt und 1989/90 auf Platz 6 gelandet, hielt anders als die Spitzen-Klubs aus Dresden, Leipzig oder Berlin die Mannschaft im Sommer 1990 fast komplett zusammen. Nur der langjährige Parade-Stürmer Rainer Jarohs, fast 33, ging von Bord. "Wir waren eingespielt", sagt Juri Schlünz, damals Hansas Kapitän. "Das war unser Trumpf."

Mit Uwe Reinders als neuem Trainer landete Hansa einen Glücksgriff. Großes Herz, große Klappe - der frühere Nationalspieler redete seine neue Mannschaft so stark, wie sie alsbald tatsächlich spielte. Er verlegte das Training vom Morgen in den Vormittag, reduzierte die Dauer der Einheiten und provozierte mit seiner emotionalen Ansprache bei den Spielern genau den richtigen Mix aus Lockerheit und Biss. "Uwe Reinders hat aus dem Bauch heraus sehr viel richtig gemacht", lobt Schlünz. "Er traf bei uns einen Nerv."

Immer wieder Zweiter

Hansas Ziel vor Beginn der Saison, nach deren Ende sich zwei Ost-Klubs für die Bundesliga und sechs für die 2. Liga qualifizierten, war der bezahlte Fußball. Von der Bundesliga oder gar dem Titel sprach zunächst niemand - warum auch? Der Klub stand zu DDR-Zeiten lange im Ruf, der ewige Zweite zu sein - und war in den 70er und 80er Jahren nur mehr eine Fahrstuhlmannschaft.

Hansa beziehungsweise der Vorläufer SC Empor Rostock war viermal, inklusive der Übergangsrunde 1955 sogar fünfmal DDR-Vizemeister und stand fünfmal im FDGB-Pokalfinale (und verlor alle Finals). Die Helden früherer Jahrzehnte - von Herbert Pankau bis Jürgen Heinsch, von Klaus Dieter Seehaus bis Gerd Kische - prägten den Klub, aber der große Wurf war ihnen nie vergönnt.

Auf einmal alles anders

Das änderte sich 1990/91. Hansa - eingespielt und eingeschworen - pflügte vom Start weg durch die Saison. Erst am 13. Spieltag kassierte Reinders' Elf mit einem 2:3 bei Lok Leipzig ihre erste Niederlage. Das Team um Hilmar Weilandt, Heiko März, Florian Weichert, den jungen, aufstrebenden Stürmer Henri Fuchs und Spiritus Rector Schlünz hatte eine starke Achse und - nicht zu vergessen - mit Mike Werner und Gernot Alms das Duo mit den vermutlich eindrucksvollsten Vokuhila-Frisuren jener Zeit.

Ich war tausendprozentig davon überzeugt, dass wir das Spiel gewinnen.

Henri Fuchs

Haarig wurde es nur für die Gegner. Hansa war nicht aufzuhalten - auch nicht von Dynamo Dresden, dem DDR-Meister der Jahre 1989 und 1990. Fuchs hatte seinen Durchbruch, Schlünz spielte die stärkste Saison seiner Karriere: Dass gerade die beiden im Schlüsselspiel gegen Verfolger Dynamo am 4. Mai 1991 das mit 17.500 Zuschauern ordentlich gefüllte Ostseestadion mit ihren Toren zum Beben brachten, war kein Zufall.

"Ich war tausendprozentig davon überzeugt, dass wir das Spiel gewinnen", sagt Fuchs im kicker-Interview. Auch Schlünz "hatte auf dem Platz nie Zweifel". Die Rostocker waren in jener Saison die Besten - und so spielten sie auch, als es am 23., dem viertletzten, Spieltag um alles ging. Schlünz schlenzte zwei Freistöße ins Dresdner Tor, gegen unterschiedliche Torhüter, in zwei unterschiedliche Ecken, das 1:0 unten rechts, das 2:1 - nach Torsten Gütschows zwischenzeitlichem Ausgleich - oben links.

Dresdner Tiefschläge

Die Dresdner kassierten in diesen 90 Minuten ein paar Tiefschläge zu viel. Sie verloren in der ersten Halbzeit wegen Verletzungen früh ihren Antreiber Ralf Minge und ihren Torhüter Thomas Köhler und eine Viertelstunde vor Schluss Ralf Hauptmann durch einen Platzverweis. Hans-Uwe Pilz, ihr Mann fürs Kreative und längst von Fortuna Köln heimgekehrt, fehlte vollends.

Für den angeschlagenen Köhler, der noch im selben Jahr zu Hansa wechselte, ging Ronny Teuber nach 40 Minuten ins Dynamo-Tor. Teuber hatte Mitte der 80er als junger Schlussmann für Hansa gespielt. "Ich kannte Ronny aus unserer gemeinsamen Zeit", erzählt Schlünz schmunzelnd, "und ich wusste, dass er nicht der Allergrößte (1,81 m, d. Red.) war. Da dachte ich mir, ich probiere es mal mit einem Freistoß in den Winkel."

Das klappte, und alles andere klappte an dem Tag auch. Fuchs, mit zwölf Toren in jener Saison bester Hansa-Schütze, machte mit seinem 3:1 das Glück vollkommen. Die letzten Minuten des Spiels verbrachte der nach einem Zweikampf am Kopf lädierte Angreifer mit blutverschmiertem Verband am Spielfeldrand. Der Abpfiff durch Schiedsrichter Karl-Josef Assenmacher und der von Rängen und Rasen einsetzende Jubel gingen ineinander über.

Wink des Schicksals

Henri Fuchs und Volker Röhrich (re.)

Double-Gewinner: Henri Fuchs und Volker Röhrich (re.). imago images

Dass Hansa ausgerechnet in der Saison, in der die Ost-Klubs die Weichen für ihre Zukunft im gesamtdeutschen Fußball stellten, triumphierte, hat Schlünz später "einen Wink des Schicksals" genannt. Andere namhafte Klubs wie der frühere Europapokalsieger 1. FC Magdeburg (Platz 10) schlitterten in jener Spielzeit an den Rand der Bedeutungslosigkeit und erholten sich auf Jahre hinaus nicht davon.

Hansa, das am 2. Juni 1991 mit dem Sieg im letzten FDGB-Pokalfinale gegen Stahl Eisenhüttenstadt (1:0) das Double perfekt machte, legte den Grundstein für viele Bundesliga-Jahre (1991/92, 1995-2005, 2007/08). Erst blieben die Titel so lange aus, und dann gab es zwei binnen vier Wochen.

Fuchs wechselte nach jener Paukenschlag-Saison zum 1. FC Köln. Schlünz, seit 1968 im Verein, blieb und brach mit Hansa ins Abenteuer Bundesliga auf. Für den Kopf jener Mannschaft, die die finale DDR-Oberliga-Saison überraschend dominiert hatte, interessierte sich im Westen niemand. "Ich hätte mich schon gefreut, wenn sich mal einer gemeldet hätte", sagt Schlünz verschmitzt. "Aber weggegangen wäre ich trotzdem nicht."

Steffen Rohr

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