Da war er nah dran an seinem ersten Ballkontakt. Hoffenheims kurz zuvor eingewechselter Verteidiger Kevin Vogt hatte mächtig ausgeholt, um die Kugel aus der Gefahrenzone zu befördern und zog voll durch. Doch im letzten Moment hatte Freiburgs Stürmer Ermedin Demirovic noch sein linkes Bein vor den Ball gebracht und wurde satt getroffen, beide Spieler gingen schmerzgeplagt zu Boden, Schiedsrichter Manuel Gräfe entschied auf Stürmerfoul und Freistoß für die TSG, niemand protestierte ernsthaft - doch dann schaltete sich VAR Guido Winkmann ein. Nach minutenlangem Studium der kniffligen Situation und der TV-Bilder revidierte Gräfe seine Entscheidung und erkannte den Gastgebern einen Strafstoß zu.
Streich und Hoeneß sind geteilter Meinung
Nicht nur die beiden Trainer waren darüber geteilter Meinung. "Für mich war die Situation nicht so klar", fand TSG-Trainer Sebastian Hoeneß und argumentierte so: "In solchen Situationen im Mittelfeld, wenn der Ball nicht weggespitzelt wird, wird oft auch für den Spieler entschieden, der den Ball wegschlagen will." Und gerade weil die Situation so grenzwertig war, stellte der 38-Jährige den Eingriff des VAR zumindest infrage. "Ich bin mir auch nicht so sicher, ob das eine klare Fehlentscheidung war", so Hoeneß, "es hat ein bisschen einen Beigeschmack, ich will das aber nicht groß thematisieren, wir hätten vorher auch besser verteidigen müssen."
Für den Kollegen Christian Streich dagegen ein klarer Strafstoß. "Für mich ist es so, dass er ihm hinten in die Beine schlägt", so Streich, "er sieht Demirovic nicht, aber was soll Demi machen? Es war ja nicht nur irgendwie berührt. Und dafür ist der Strafraum eingeführt worden, wenn es da so ein Foul gibt, ist es Elfmeter, das ist unstrittig."
Ganz so eindeutig war die Szene allerdings nicht. Schließlich fuhr Demirovic dem ahnungslosen Vogt in die bereits laufende Schussbewegung. Hätte der Freiburger nur seinen Fuß reingehalten, wäre Gräfe wohl bei seiner Entscheidung auf Stürmerfoul geblieben. Umgekehrt wäre es auch unzweifelhaft Strafstoß gewesen, hätte Demirovic den Ball vor Vogt berührt. Hatte er aber nicht. Dennoch wertete Gräfe letztendlich die Position des Angreifers als legal und besser zum Ball, den er mit seinem Körper abzublocken versuchte. Schließlich stand Demirovic auch mit dem ganzen Körpergewicht auf dem linken Fuß. Insofern ist die Entscheidung regelkonform und daher richtig.
Für Lehrwart Wagner liegen "die Fakten klar auf dem Tisch"
Auch wenn sich Vogt als Gefoulter fühlen musste. Lutz Wagner, DFB-Schiedsrichter Lehrwart und Regelexperte, bestätigt: "Die Entscheidung Strafstoß ist absolut richtig. Vogt will zwar den Ball spielen, trifft aber nur Demirovic, der sich in dieser Szene völlig korrekt verhält. Damit liegen die Fakten klar auf dem Tisch - auch wenn Vogt überhaupt nicht beabsichtigt hatte, den Gegenspieler zu treffen."
Nach dem Schlusspfiff waren dagegen Protagonisten beider Teams sich einig über Gräfe und dessen Zukunft als Schiedsrichter. Freiburger wie Hoffenheimer plädierten dafür, für den beliebten Unparteiischen die Altersgrenze von 47 Jahren zu kippen und ihn auch in der kommenden Saison noch pfeifen zu lassen. "Ich glaube, es gibt keinen Spieler in der Bundesliga, der ihn nicht auch nächstes Jahr gerne auf dem Platz sehen würde", erklärte Hoffenheims Torhüter Oliver Baumann, "er ist außerordentlich gut, extrem klar, kommuniziert sehr gut und trifft sehr viele gute Entscheidungen. Er sollte aus meiner Sicht weiter machen, egal wie alt er jetzt ist." Das sieht auch Freiburgs Kapitän Christian Günter so. "Ich muss eine Lanze für ihn brechen. Er ist einer der besten, wenn nicht der beste Unparteiische, er hat eine überragende Spielleitung auf dem Platz. Und er ist fit", so Günter, "man sollte darüber nachdenken, ob so jemand nicht dabeibleiben sollte, so lange er so fit ist."




