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Daniel Schwaab: "Der Teamspieler wird immer weniger beachtet"

Verteidiger im großen kicker-Interview

Daniel Schwaab: "Der Teamspieler wird immer weniger beachtet"

Daniel Schwaab

Schluss nach vier Jahren Eindhoven: der ehemalige Bundesliga-Verteidiger Daniel Schwaab. imago images

kicker: Herr Schwaab, mit welchen Empfindungen haben Sie den Re-Start der Bundesliga verfolgt?

Daniel Schwaab: Als Fußball-Liebhaber habe ich mich natürlich gefreut, dass wieder Fußball im TV kam. Mein achtjähriger Sohn Carlo hatte auch schon darauf hin gefiebert. Es war schon etwas seltsam die Anweisungen, der Trainer so deutlich zu hören, und es fehlen definitiv die Emotionen, die nur im Zusammenspiel zwischen Mannschaft und Fans entstehen können. Nichtsdestotrotz konnte man sehen, dass alle froh waren, wieder spielen zu dürfen, und ich muss zugeben, dass es bei mir auch wieder gekribbelt hat.

kicker: In den Niederlanden, wo Sie für Eindhoven spielten, wurde die Saison abgebrochen. Wie bewerten Sie diese Entscheidung?

Schwaab: Es wurde dort schnell für Klarheit gesorgt. Ministerpräsident Mark Rutte erklärte ganz früh, Veranstaltungen, die Polizeipräsenz verlangen, sind bis 1. September untersagt, also auch Geisterspiele, die einen Schutz der Stadien vor Fans, die kommen könnten, erfordern. Die großen Klubs Ajax Amsterdam, Feyenoord Rotterdam und PSV Eindhoven hatten sich schon zuvor für eine frühe Klarheit ausgesprochen und erklärt, dass sie einen möglichen Abbruch der Saison akzeptierten.

kicker: Beim FC Utrecht herrscht eine andere Meinung vor.

Schwaab: Diesen Klub hat es ganz fies erwischt. Der FC Utrecht hatte mit einem Spiel weniger und dem besseren Torverhältnis nur drei Punkte Rückstand auf einen Europa-Leauge-Platz und stand im Pokalfinale, es war also zweimal die internationale Qualifikation möglich. Utrecht wurde doppelt bestraft. Es ist nachvollziehbar, dass sich dieser Verein ungerecht behandelt fühlt.

kicker: Was überwog bei Ihnen: die Enttäuschung oder die Akzeptanz?

Schwaab: Man muss sich da fügen. Dennoch war ich sehr enttäuscht, weil ich wusste, dass die tollen vier Jahre in Eindhoven ganz komisch zu Ende gehen würden, allerdings wäre ein Abschied ohne Publikum ebenso komisch und kein richtiger geworden.

Van Bommel ist eine Koryphäe.

Daniel Schwaab

kicker: Eindhoven war auf Platz 4 notiert. Hat dieses Ergebnis für Sie unter den Corona-Umständen einen Wert?

Schwaab: Die gesamte Saison lief nicht zufriedenstellend. Dieser Abbruch passt in das PSV-Jahr. Unser Coach Mark van Bommel wurde entlassen, eine Koryphäe und ein super Trainer. Es war der Wurm drin. Wir gerieten in der Hinrunde in eine Abwärtsspirale, aus der wir uns nicht mehr befreien konnten.

kicker: Der neue PSV-Trainer wird Roger Schmidt. Hatten Sie jemals Kontakt zu ihm wegen einer weiteren Zusammenarbeit?

Schwaab: Nein. Es gab keinen Grund dazu. Ich hatte relativ früh der Führung mitgeteilt, dass nach dieser Saison für mich Schluss sein werde, weil ich zurück in die Heimat wollte.

kicker: Sie waren 2019 schon weg, van Bommel holte Sie zurück. Warum dieses Hin und Her?

Schwaab: Meine Frau und die Kinder gingen vor zwei Jahren nach Hause zurück, nach Waldkirch, weil Carlo in die Schule kam. Ich sagte, ich erfülle trotzdem das dritte Vertragsjahr. Das lief überragend, mit van Bommel passte es sportlich und menschlich. Er wollte mich eine vierte Saison haben, da hatte ich das Gefühl, dass ich es machen musste, aus Dankbarkeit gegenüber Mark und dem Club und weil mich die Mannschaft brauchte.

Die Holländer sind entspannter und ruhiger.

Daniel Schwaab

kicker: Wie fällt Ihr Fazit zu dieser PSV-Zeit aus?

Schwaab: Für mich war es die beste Lösung nach dem Abstieg mit dem VfB Stuttgart. Es gab damals auch Anfragen aus der Bundesliga, aber nicht aus dem oberen Drittel. Außerdem war PSV Eindhoven interessiert. Da konnte ich garantiert in der Champions League und um die Meisterschaft spielen. Den Titel holten wir im zweiten Jahr - ein tolles Erlebnis. Es war eine richtig coole Zeit, auch für uns als Familie. Im Ausland findest du einfach andere Gepflogenheiten vor, eine solche Erfahrung ist großartig.

kicker: Was ist so anders im Nachbarland?

Schwaab: Die Holländer sind entspannter und ruhiger. In vielen Bereichen ist das angenehm, aber man muss sich als Deutscher in einigen Bereichen daran gewöhnen. Im täglichen Leben sind unsere Kinder im Winter oder auf dem Fahrrad schon von weitem zu erkennen gewesen. Sie trugen eine Mütze bzw. einen Helm.

kicker: Sie haben - anders als andere Profis - sehr schnell die holländische Sprache gelernt.

Schwaab: Das war für mich eine professionelle Selbstverständlichkeit, um mich schnellstmöglich komplett integrieren zu können, in der Mannschaft wie im Land.

Daniel Schwaab

Sein wohl letztes Spiel für Eindhoven: Daniel Schwaab beim Spiel gegen Groningen kurz vor der Corona-Unterbrechung. imago images

kicker: Was ist im niederländischen Fußball krass anders als in der Bundesliga?

Schwaab: Es wird viel mehr Wert darauf gelegt - auch seitens der Zuschauer -, dass nicht nur gewonnen, sondern auch ein attraktiver Fußball gespielt wird. Nicht jedes Mittel für die drei Punkte ist da recht. Selbst die kleineren Vereine, die unten in der Tabelle stehen, spielen unter höchstem Pressing von hinten heraus und versuchen, vieles fußballerisch zu lösen. Das zeigt auch diese Gelassen- und Entspanntheit: Dann geht es halt einmal daneben.

kicker: Die Eredivisie zählt nicht zu den vier großen Ligen Europas, Spanien, England. Deutschland, Italien. Ist diese Einordnung überheblich?

Schwaab: Nein. Die Eredivisie kann da nicht mithalten, wie schon das Gehaltsgefüge zeigt. In den kleineren Vereinen verdienen die Spieler gerade so viel, dass sie über die Runden kommen. Das finanzielle Gefälle zu den Topklubs ist groß. Aber die jungen Spieler erhalten in Holland eher eine Chance, um den Sprung zu schaffen. Und dann schielen diese Jungs sofort auf die vier großen Ligen. Der Plan ist, die Liga dort als Sprungbrett zu nutzen. Dessen sind sich die Klubs bewusst. Sie wollen auch für ausländische Talente attraktiv sein, um sie mit der Aussicht auf Spielpraxis zu locken.

kicker: Welche Talente sind die nächsten?

Schwaab: Steven Bergwijn ging im Winter zu Tottenham, Hirving Lozano wechselte vor einem Jahr nach Neapel und brachte viel Geld.

kicker: Offiziell 38 Millionen Euro.

Schwaab: Die Klubs brauchen dieses Geld, um über die Runden zu kommen. Die nächsten Toptalente sind Donyell Malen oder der erst 18-jährige Mo Ihattaren, ein unfassbares Talent mit einem unglaublichen Spielverständnis. Ich bin gespannt, wo deren Reise hingeht.

Van Bommel einer für die Bundesliga? Schwaab: "Definitiv"

kicker: Warum wurde van Bommel Mitte Dezember 2019 entlassen?

Schwaab: Unsere Torjäger Malen und Bergwijn waren Mitte der Hinrunde verletzt, wir konnten sie nicht ersetzen. Luuk de Jong war im Sommer zum FC Sevilla gegangen. Sein großer Wert für die Mannschaft und die Hierarchie wurde unterschätzt.

kicker: Ist van Bommel ein Trainer für die Bundesliga?

Schwaab: Definitiv. Er hat einen klaren Plan, wie er Fußball spielen möchte, und eine klare, ehrliche, direkte Ansprache, dazu die Lockerheit und einen super Umgang mit den Spielern. Diese Gabe hat er und ist da absolut authentisch. Er hat seine Erfahrungen und auch Fehler gemacht, aber das macht ihn nur stärker. Mark wird daraus lernen. Sein Ziel ist sicher eine größere Liga.

kicker: Ist er schon reif für einen Spitzenklub?

Schwaab: Er hat die Qualität dafür, auf jeden Fall.

kicker: Van Bommel sagt, Sie dächten als Spieler schon wie ein Trainer. Wie geht es für Sie weiter, als Spieler oder Trainer? Oder als van Bommels Assistent?

Schwaab: Er hat mich noch nicht angerufen. Wenn etwas sehr Reizvolles kommt, höre ich es mir an. Und dann kann ich mir sehr gut vorstellen, weiterzuspielen, weil ich mich topfit fühle und seit langem verletzungsfrei bin. Der Körper würde es noch ein paar Jahre mitmachen. Aber so weit weg von meiner Heimat nahe Freiburg zu sein, das kann ich mir nicht mehr vorstellen. Und ich muss nicht mehr unbedingt irgendwo unterkommen.

kicker: Was ist interessant für Sie?

Schwaab: Es muss mit der Familie vereinbar sein. Zwei Jahre zu pendeln und lange weg zu sein war sehr anstrengend.

kicker: Die Schweiz liegt geographisch nahe.

Schwaab: Die Schweiz würde ich nicht ausschließen. Ich möchte schon erstklassig bleiben.

kicker: Und ist Trainer eine Perspektive?

Schwaab: Auch das will ich nicht ausschließen. Ich schaue mir die Möglichkeiten an, in aller Ruhe. Das Rad muss sich nicht sofort weiterdrehen.

kicker: Was wäre die Alternative zum Fußball?

Schwaab: Ich habe ein mit dem Bachelor abgeschlossenes Studium der Wirtschaftswissenschaften und könnte dem Fußball in einer anderen Form treu bleiben.

kicker: Also Management? Sportdirektor?

Schwaab: In diese Richtung. Aber so weit bin ich jetzt eigentlich noch nicht.

Freiburg? "Das würde passen"

kicker: Der SC Freiburg liegt vor der Tür, ein topseriös geführter Verein...

Schwaab: Das würde passen. Die handelnden Personen dort habe ich in meiner Spielerzeit schon erlebt: Christian Streich, Klemens Hartenbach, Jochen Saier.

kicker: Wie halten Sie sich heute unter den Corona-Zwängen fit?

Schwaab: Bis Anfang Mai habe ich fünfmal pro Woche ein Programm des Vereins absolviert, mit sehr intensiven Läufen. Mittlerweile habe ich mich mit PSV geeinigt, dass ich nicht mehr kommen muss. Das Kapitel Eindhoven ist endgültig abgeschlossen. Deshalb mache ich jetzt das, was nun zum Glück wieder möglich ist: Mountainbike, Tennis, Fitness im Keller, Laufen.

kicker: Wie sehen Sie mit bald 32 Jahren generell Beruf und Image des Profifußballers?

Schwaab: In den vergangenen 14 Jahren hat sich der Fußball extrem gewandelt. Früher gab es noch Autogramme, heute will jeder nur noch ein Selfie. Social Media ist ein großes Thema, ich bin aber weder auf Facebook noch Instagramm unterwegs.

Für die Vereine bleibt es eine große Aufgabe, eine Mannschaft zusammenzustellen, die nicht nur aus Egoisten besteht.

Daniel Schwaab

kicker: Sind die kritischen Diskussionen zum Fußball logisch oder ungerecht?

Schwaab: Die Entwicklung ging dahin, dass der einzelne Spieler und die Selbstvermarktung heute noch mehr im Vordergrund stehen, gerade bei Stürmern und Torjägern. Diese große Veränderung sehe ich kritisch, weil der Teamspieler immer weniger beachtet wird. Ich finde das schade, weil Spieler, die das Team und nicht nur sich selbst sehen, immer wichtig bleiben. Wir haben das in Eindhoven in dieser Saison erlebt. Für die Vereine bleibt es eine große Aufgabe, eine Mannschaft zusammenzustellen, die nicht nur aus Egoisten besteht.

kicker: Welche Konsequenzen muss der Fußball aus Corona ziehen?

Schwaab: Man sollte generell nicht am Limit wirtschaften. Es kann immer Krisen geben, dafür muss man sich gut aufstellen. Wenn es schon nach zwei Monaten Zahlungsschwierigkeiten gibt, wird klar, dass solche Vereine mit viel Risiko kalkulieren.

kicker: Müssen die Gehälter der Spieler gedeckelt werden?

Schwaab: Es ist schwierig, da einen Schnitt zu machen. Ich weiß nicht, ob die Vereine dazu bereit sind, wenn die Gelder wieder fließen; gerade die großen Klubs locken die besten Spieler mit hohen Gehältern. Eine allgemeine Regelung wird da schwierig.

Als ich in Freiburg anfing, kamen Spieler, die nicht die absoluten Vollprofis waren, trotzdem gut zurecht. Heute ist die absolute Fitness verlangt.

Daniel Schwaab

kicker: Am 4. Spieltag der Saison 2006/07 erlebten Sie als 18-Jähriger Ihr Profi-Debüt in der Zweiten Liga für den SC Freiburg bei 1860 München. Wie bewerten Sie die Entwicklung des Fußballs auf dem Platz seither?

Schwaab: Er wurde schneller, athletischer. Als Verteidiger hast du mehr Aufgaben, du musst 90 Minuten hellwach sein und außerdem den Spielaufbau gestalten. Als ich in Freiburg anfing, kamen Spieler, die nicht die absoluten Vollprofis waren, trotzdem gut zurecht. Heute ist die absolute Fitness verlangt.

kicker: Wie schafften Sie es, als Profi nebenher ein Studium abzuschließen?

Schwaab: Wenn man es wirklich will, kann man es schaffen. Und ich habe sieben Jahre gebraucht, wo das Studium eigentlich auf sechs Semester ausgelegt war. Aber ich wollte es zu Ende bringen. Wenn du unterwegs und im Hotel bist, kannst du die Playstation oder Stoff fürs Studium mitnehmen. Die Ausrede, als Profi hätte man zu wenig Zeit und man könne es deshalb nicht hinkriegen, lasse ich nicht gelten. Online erleichtert heute vieles. Ich habe an der Fernuni in Hagen studiert, die Vorlesungen habe ich zu Hause durchgelesen, die Prüfungen musste ich vor Ort absolvieren.

kicker: Sie hätten in Corona-Zeiten keine Langeweile im Quarantäne-Hotel?

Schwaab: Ganz sicher nicht. Ich bin zwar fertig mit dem Studium, versuche aber generell, über den Tellerrand hinauszublicken.

Lionel Messi, Daniel Schwaab

"Er ist außergewöhnlich": Daniel Schwaab über Lionel Messi. imago images

kicker: Sie spielten 16-mal in der Champions und 13-mal Europa League, wurden Europameister mit der U 21, zu der Manuel Neuer, Jerome Boateng, Mesut Özil oder Mats Hummels gehörten. Mit Eindhoven wurden Sie Meister. Ist Ihre Karriere abgerundet?

Schwaab: Ich blicke mit Stolz auf meine Karriere zurück. In der Jugend war ich nie ein Überflieger, körperlich eher ein Spätstarter. In Freiburg gab es vier, fünf andere, von denen es hieß, sie könnten Bundesligaspieler werden. Mit mir hatte da keiner gerechnet. Erst unter Christian Streich machte ich in der A-Jugend einen Sprung, wurde vom Mittelfeldspieler zum Verteidiger - dann ging es ganz schnell. Ich ging nie davon aus, dass ich eine solche Karriere hinlegen würde mit so vielen Bundesliga- und internationalen Spielen. Ich bin sehr dankbar dafür.

kicker: Zehn Tore sind für Sie notiert. Reicht diese Quote?

Schwaab: Nein. Da müssen noch welche folgen...

kicker: Welche Stürmer faszinierten Sie besonders?

Schwaab: Robert Lewandowski ist ein kompletter und absoluter Weltklassestürmer. Viermal spielte ich gegen Barcelona, dort gibt es auch einen, der alles mit dem Ball kann...

kicker: Ist Lionel Messi der Größte von allen?

Schwaab: Ja, außergewöhnlich. Dieses Gefühl für den Raum ist faszinierend. Wenn er ein, zwei Meter hat, dann dreht er auf. Dazu seine Dribblings.

kicker: Müssen Sie auf dem Fußballplatz noch etwas erledigen?

Schwaab: Nein. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass noch tolle Momente kommen könnten auf dem Fußballplatz. Richtig emotionale Momente, für die ich alles auf mich nehme, um mich fit zu halten und alles in meinen Körper zu investieren. Dazu bin ich bereit.

kicker: Und eine 14 Jahre währende Karriere darf Corona nicht beenden?

Schwaab: Ganz sicher nicht. Das Ende bestimme ich.

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