3. Liga

Daniel Borimirov liebt 1860 München "wie meine Kinder"

Früherer Löwen-Torjäger übt im Interview Kritik an der Klubführung

Borimirov über 1860 und Levski: "Ich liebe diese Vereine wie meine Kinder"

Daniel Borimirov 2010 beim Allstar-Spiel

Einmal Löwe, immer Löwe: Daniel Borimirov spielte für Sechzig 213-mal in der Bundesliga. imago images

Als die Welt noch in Ordnung war und Corona weit weg in Fernost, sprach der kicker mit Daniel Borimirov (50). Der frühere Löwen-Star beobachtet selbstredend seinen einstigen Klub in Deutschland. Dass der Fußball in seinem Heimatland Bulgarien darbt, führt er auf finanzielle Probleme zurück. "Die Jugendarbeit wurde vernachlässigt, zu wenige Fußballplätze aufgebaut, die Jugendtrainer werden schlecht bezahlt", klagt Borimirov.

Herr Borimirov, von 2014 an bis zum vergangenen Sommer waren Sie Nachwuchsdirektor bei Levski Sofia. Was machen Sie eigentlich jetzt?
Ich baue Fußball- und Tennisplätze in Sofia, obwohl ich früher nie Tennis gespielt habe (lacht). Das war eine spontane Idee, ich wollte das hier aufbauen, weil es bei uns nicht genug Plätze gibt. Daher die Entscheidung.

Verfolgen Sie noch konkret, was beim TSV München 1860 passiert, für den Sie ja von 1995 bis Dezember 2003 insgesamt 214 Bundesligaspiele gemacht haben?
Nicht mehr so genau - die meisten der Leute, die ich kenne, sind ja weg. Der Einzige, mit dem ich gesprochen habe, war Daniel Bierofka, der ja nun auch nicht mehr da ist. Im Dezember war ich in München und habe mich kurz mit Micky Stevic getroffen. Es ist traurig, diese Entwicklung haben die Fans nicht verdient.

"Der aktuellen Führung fehlt ein klarer Plan"

Was war das Erfolgsrezept, als Sie noch dort waren?
Ganz einfach: Der Präsident hieß Karl-Heinz Wildmoser, und er hatte zusammen mit Trainer Werner Lorant das richtige Gefühl, wie dieser Klub zu führen ist. Das fehlt der aktuellen Führung, genau wie ein klarer Plan. Bei 1860 müssen Leute ans Ruder, die diesen Verein kennen und die diesen Verein lieben. Das braucht harte Arbeit! Wenn wir sehen, wer beim FC Bayern arbeitet: Da sind Leute mit Erfahrung im Fußballgeschäft. Die brauchst du.

Konkret gefragt: Bindet 1860 zu wenige Ehemalige ein?
Ja, das ist mein Eindruck.

Wäre 1860 also etwas für Sie?
Warum nicht? Meine Familie lebt in Sofia, aber ich bin offen für Gespräche. Nicht jeder kann bei 1860 arbeiten. Du musst den Verein kennen, seine Tradition, die Fans. Das sind viele Puzzlestücke.

Wie bewerten Sie das Engagement von Hasan Ismaik?
Ich kenne ihn nicht, deshalb kann ich ihn nicht beurteilen.

Sie selbst spielten als Aktiver neben Ihrem Heimatklub in Vidin nur für Levski und 1860. Finden Sie es schade, dass es heute kaum noch Profis gibt, die über mehrere Jahre bei einem Verein bleiben?
Ich bedauere das. Mein Herz hängt an Levksi und 1860, ich liebe diese Vereine wie meine Kinder. Bei Levski war es zuletzt leider immer so, dass die Trainer sehr schnell entlassen wurden. Und jeder Trainer tauschte zudem die Spieler aus und holte seine eigenen Akteure. Du brauchst aber zwei, drei Jahre, um eine gute Mannschaft aufzubauen. 2008 bin ich als Sportdirektor angetreten, 2009 wurden wir zum letzten Mal Meister …

"Ich sehe keine gute Zukunft für die kleinen Vereine in Europa"

Borimirov 2002

Gefürchteter Löwen-Goalgetter: Borimirov anno 2002. imago images

Ludogorets dominiert in Bulgarien. Wie lässt sich die Rasgrader Serie durchbrechen?
Es ist schwer. Die haben die letzten acht Meisterschaften am Stück geholt, weil sie mit dem Pharma-Unternehmer Kyril Domustschiew einen reichen Besitzer und entsprechend auch das größte Budget haben. Davon hat beispielsweise Levski nur einen kleinen Teil zur Verfügung.

Ludogorets nimmt zudem Geld in Europa und Champions League ein, andererseits ist auch da der Abstand zu den Vertretern der Topligen riesig. Muss die UEFA mehr für die Kleinen tun?
Ja, denn für die kleinen Vereine wird es immer schwerer. Es geht alles in die Richtung der Großen. Ich sehe keine gute Zukunft für die kleinen Vereine in Europa.

Kann die Europa League 2, die 2021/22 starten soll, Abhilfe schaffen?
Mal sehen, zum jetzigen Zeitpunkt kann man das nicht sagen. Da braucht es ein, zwei Jahre, um das wirklich bewerten zu können.

Sie waren sehr erfolgreich mit Bulgariens Nationalteam. Warum erreicht die Nationalmannschaft seit der EM 2004 keine großen Turniere mehr?
Weil wir nicht genug investiert haben in den Nachwuchs. Die Jugendarbeit wurde vernachlässigt, zu wenige Fußballplätze aufgebaut, die Jugendtrainer werden schlecht bezahlt. So funktioniert es nicht. In manchen Vereinen wird kein Cent für die Jugend ausgegeben, allerdings fehlt oft auch Geld, muss man sagen.

Sobald die Play-off-Begegnungen zur kommenden Europameisterschaft anstehen: Wie sehen Sie die Chancen, dass in diesen - zunächst gegen Ungarn - diesmal die EM-Qualifikation gelingen wird?
Ich hoffe, es klappt. Wenn wir Ungarn schlagen, denke ich, geht es gegen Rumänien (das zuvor gegen Island im K.-o.-Duell gefordert ist; Anmerkung der Redaktion). So schlecht sind die Chancen nicht, wir haben in beiden Partien Heimrecht.

Wenn Sie auf Ihre Karriere in der Nationalelf zurückblicken, war sicher die WM 1994 ein Highlight, als das Team Weltmeister Deutschland eliminierte, oder?
Der bedeutendste Moment war eigentlich das 2:1 in Paris im November 1993 gegen Frankreich, wodurch wir uns für die WM qualifiziert hatten. Mit dem ersten Sieg in den USA, einem 4:0 gegen Griechenland, haben wir super reingefunden. Das war eine extrem erfolgreiche WM mit dem Viertelfinalsieg gegen Deutschland. Ein Jahr später kam ich zu 1860, für mich war die Bundesliga eine Riesensache. Und die Mannschaft war wohl die beste Nationalelf Bulgariens. Eine Truppe mit einem sehr guten Charakter, einem absoluten Siegeswillen.

Wenn Sie sich die heutige Nationalelf Bulgariens anschauen: Wer hätte da das Zeug, um es in die Bundesliga zu schaffen?
Momentan sehe ich da leider niemanden.

Dieses kicker-Interview erschien in der Donnerstag-Ausgabe Nr. 25 am 19. März 2020.

Interview: Benni Hofmann