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Ein Klub im freien Fall: Wie Arsenal gerade alles verspielt

Zur schlimmen Situation beim Traditionsverein

Ein Klub im freien Fall: Wie Arsenal gerade alles verspielt

Mesut Özil & Co.

Wut, Fassungslosigkeit und Frust: Mesut Özil & Co. fassen die Gemütslage in Nordlondon zusammen. imago images

Freddie Ljungberg kann für dieses Schlamassel herzlich wenig, das ist nach zwei Spielen im Amt irgendwie klar. Arsenals Interimscoach kann aber wenigstens das tun, was auch sein Vorgänger und die Kluboberen gerne tun oder getan haben, wenn es so läuft, wie es gerade läuft: reden. "Die zweite Hälfte war besser", "das Selbstvertrauen fehlt", weiter hart arbeiten und so weiter.

Aber die Worte, die Ljungberg zur Halbzeit an seine Mannschaft richtete, die waren fast schon gelogen. "Das ist nicht Arsenal", hatte er Mesut Özil & Co. am Donnerstagabend nach 45 desaströsen Minuten und einem 0:1-Rückstand gegen Brighton gesagt.

Ganz sicher? Es sieht gerade eher so aus, als wäre Arsenal genau das. Eine verunsicherte, mangelhaft zusammengestellte, planlose Mannschaft, die so viele Gegentore kassiert wie Liverpool und Leicester zusammen.

Leno wurde jetzt schon öfter geprüft als Lehmann in einer ganzen Saison

Seit neun Spielen warten die Gunners jetzt auf einen Sieg, eine derart schlechte Serie hat es seit 1977 nicht gegeben. Brighton & Hove Albion, der kleine Klub von der Küste, hatte im Emirates Stadium mehr Ballbesitz, mehr Abschlüsse und mehr Schüsse aufs Tor. 52-mal durften es Gegner in dieser Spielzeit bereits auf Bernd Lenos Gehäuse probieren, in der gesamten Meistersaison 2003/04 wurde Jens Lehmann im eigenen Stadion nur 48-mal geprüft.

Aber das ist dann auch fast schon ein gemeiner Vergleich. Arsenal ist von der Meisterschaft gerade so weit entfernt wie Liverpool von der zweiten Liga. Der Rückstand auf einen Champions-League-Platz beträgt schon zehn Zähler, der Vorsprung auf den 18. Platz fünf.

Es ist der vorläufige Tiefpunkt eines düsteren Jahrzehnts, in dem Arsenal peu à peu den Anschluss an Englands Elite, die Champions-League-Millionen und die einst so enge Bindung zu seinen Fans verloren hat.

Nach dem CL-Finale kam Kroenke - und sonst nicht mehr viel

Als Mehrheitseigner Stan Kroenke 2007 seine ersten Anteile am 13-maligen Meister erwarb, hatte dieser gerade im Champions-League-Finale gestanden. Seitdem ist so viel schiefgelaufen, dass der einst mal so visionäre Klub sich offenbar mehr darum kümmert, irgendwie seine Anhänger zufriedenzustellen als sich aufs Wesentliche zu konzentrieren.

Im Sommer hatten Fans in Richtung Kroenke die Kampagne "We care. Do you?" gestartet. "Wir kümmern uns, du auch?" Dem US-amerikanischen Milliardär, der gleichzeitig ein NFL-, ein NHL-, ein NBA-, ein MLS- und ein Lacrosse-Team besitzt, hatten sie vorgeworfen, dass er Arsenal vernachlässigt und gefälligst mal Geld investieren soll, um nicht völlig den Anschluss zu verlieren. Kroenke tat genau das.

Und da geht das Problem-Puzzle weiter. Offenbar wussten weder Trainer Unai Emery noch "Head of Football" Raul Sanllehi oder Sportdirektor Edu, was sie eigentlich vom Transfermarkt wollten. Herauskam der teuerste Neuzugang der Klubgeschichte, der seit Wochen auf der Bank schmort (Nicolas Pepé); ein Abwehr-Talent für 30 Millionen Euro, das direkt wieder verliehen werden musste (William Saliba); ein Außenverteidiger, der gerade erst fit wird (Kieran Tierney); oder ein alternder Innenverteidiger, der auch nicht viel sicherer wirkt als Shkodran Mustafi (David Luiz).

Arsenal 2019: Eine unstimmige Offensive und eine verheerende Defensive

In der jetzigen Zusammenstellung fehlt es Arsenal völlig an Balance zwischen Defensive und Offensive. Wenn der wieder integrierte Özil gemeinsam mit Pierre-Emerick Aubameyang und Alexandre Lacazette aufläuft, kann Pepé nicht spielen, weil sonst vier Akteure gar nicht nach hinten arbeiten. Spielt Pepé, muss das sonst gebrauchte 3-5-2-System aufgelöst werden, weil der Ivorer über die Flügel und seine Geschwindigkeit kommt und hinter zwei Spitzen nicht zu gebrauchen ist.

Die Mittelfeldzentrale bestand gegen Brighton aus Granit Xhaka, der nach seinem öffentlichen Zwist mit den eigenen Fans ohne die Kapitänsbinde wieder mitspielen darf, und Lucas Torreira auf der Doppelsechs sowie Eigengewächs Joe Willock davor. Alle drei sind technisch gute Fußballer, in der Rückwärtsbewegung aber schlicht zu anfällig.

Und da kommt dann das XXL-Problem, das Hector Bellerin genauso gut beobachtet hat wie jeder Außenstehende: "Wir kassieren fast mit jeder Chance des Gegners ein Tor." In Norwich, bei Ljungbergs Einstand, hatte es der Aufsteiger nicht mal schwer, Arsenals chaotische Abwehr zu überrumpeln. Gleiches galt am Donnerstag für Brighton (und gleiches gilt für jedes andere Team).

Es scheint so, als wäre Unai Emery dann doch nicht das größte Übel gewesen. Ljungberg, dem die Anhänger aufgrund seiner "Arsenal-DNA" tatsächlich nur das Beste wünschen, hat es nun mit einem Scherbenhaufen zu tun, dem jegliches Selbstvertrauen fehlt.

Wenger machte Arsenal groß, jetzt könnte es wieder ganz klein werden

Arsenal hat immer ausgezeichnet, der Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein. Der Mut und das Gespür für die richtigen Spieler und Trainer sind irgendwo auf der Strecke geblieben. Ein weiteres Jahr ohne Champions League, das vierte in Folge, wäre nicht nur finanziell schwer zu verkraften.

Die Anziehungskraft, die dieser Klub in Zeiten von Thierry Henry und Patrick Vieira mal versprühte, ist nicht mehr da. Arsenal droht gerade das zu verspielen, was Arsene Wenger in zwei Jahrzehnten aufgebaut hat.

mkr