EM

Laura Wienroither: "Wir sind sehr, sehr gut im Verteidigen"

Die Österreicherin vom FC Arsenal findet es "schwierig, Worte zu finden"

Wienroither im Interview: "Wir sind sehr, sehr gut im Verteidigen"

"In England setzt man die Prioritäten ein bisschen anders": Die Österreicherin Laura Wienroither spielt seit Januar für den FC Arsenal.

"In England setzt man die Prioritäten ein bisschen anders": Die Österreicherin Laura Wienroither spielt seit Januar für den FC Arsenal. PUMA

kicker: Frau Wienroither, können Sie es sich schon vorstellen, wie es ist, vor 75.000 Menschen zu spielen?

Laura Wienroither: Ehrlich gesagt: Nein. Ich habe noch nie vor so vielen Menschen gespielt, der Großteil unserer Mannschaft auch nicht. Das wird sicher ein einmaliges Highlight. Wir wollen das genießen und performen.

In der Gruppe A haben sie mit England und Norwegen zwei stark besetzte Gegner und einen Außenseiter mit Nordirland.

Ja, England kann man zum Favoritenkreis zählen und Norwegen gehört auf jeden Fall in den erweiterten Favoritenkreis. Aber wir wissen, dass wir große Gegner ärgern können. Das wollen wir im Laufe des Turniers zeigen.

Die meisten Außenstehenden nennen Österreich als den wahrscheinlichsten Drittplatzierten in der Gruppe A.

Rein auf dem Papier würde ich England und Norwegen die Favoritenrolle geben, stimmt. Aber wir können überraschen. Wir wissen, für welchen Charakter und welche Werte wir stehen. Und dann, denke ich, ist einiges offen.

Wenn mich jemand nach unseren Stärken fragt, finde ich es schwierig, Worte zu finden.

Laura Wienroither

Welchen Charakter und welche Werte meinen Sie konkret?

Sehr viel Herz, viel Verbundenheit, ein starkes Kollektiv. Immer wenn mich jemand nach unseren Stärken fragt, finde ich es schwierig, Worte zu finden, weil es etwas so Besonderes ist. Den Umgang miteinander, auf und neben dem Platz, würde ich als unsere größte Stärke beschreiben.

Und wenn Sie nach den spielerischen Stärken gefragt werden?

Wir sind sehr, sehr gut im Verteidigen. Wir haben Spaß daran und wissen, dass wir Gegner damit ärgern können.

Für das Spiel nach vorne haben Sie einige aus Deutschland bekannte Kolleginnen dabei. Etwa die ehemalige Bundesliga-Torschützenkönigin Nicole Billa aus Hoffenheim und Sara Zadrazil von Bayern München.

Genau, wir haben auch die individuelle Qualität, um Nadelstiche zu setzen und auf mutigen Ballbesitz zu gehen. Die Ausgewogenheit ist unsere Stärke.

Auf welche Gegenspielerinnen müssen Sie persönlich in der Gruppe A besonders aufpassen?

England und Norwegen sind beide mit sehr vielen guten Spielerinnen bestückt. Bei England kommt mir spontan Lauren Hemp in den Sinn, eine sehr junge, schnelle, vielseitige Spielerin. Auf sie ist auf jeden Fall ein Auge zu werfen. Bei Norwegen ganz klar Ada Hegerberg und Caroline Hansen. Das sind die Gesichter von Norwegen - mit ganz viel Qualität.

Und bei Nordirland?

Wir haben schon zweimal gegen sie gespielt. Aber ich würde jetzt niemandem beim Namen kennen.

Ich bin eine Spielerin, die würde für ihre Mannschaft ihr komplettes Herz auf dem Platz lassen.

Laura Wienroither

Schauen wir auf Ihre persönliche Situation: Als Rechtsverteidigerin konkurrieren Sie mit Katharina Schiechtl von Werder Bremen. Wie stehen Ihre Chancen auf einen Stammplatz?

Wir haben gerade einen sehr breiten Kader. Das ist für so ein Turnier sehr wichtig. Ich habe im vergangenen Jahr das Glück gehabt, dass ich relativ viel spielen durfte. Dabei habe ich versucht, meine Stärken für die Mannschaft einzubringen.

Welche sind das in Ihren Augen?

Ich bin eine Spielerin, die würde für ihre Mannschaft ihr komplettes Herz auf dem Platz lassen. Das kriegt man von mir in jedem Spiel.

Und wer hat nun bessere Karten: Katharina Schiechtl oder Sie?

Wer im Endeffekt spielen wird, entscheidet die Trainerin (lächelt).

In den letzten Jahren haben wir etwas geleistet, sodass wir etwas mehr Aufmerksamkeit verdient haben.

Laura Wienroither

In den Tests gewannen Sie zuletzt mit 4:0 gegen Montenegro und in der Generalprobe mit 1:0 gegen Belgien. Inwiefern sind das Standortbestimmungen? Montenegro war ja deutlich zu schwach.

Gegen Montenegro war es ein sehr schwieriges Spiel, weil der Gegner sehr defensiv stand. Auf jeden Fall etwas anderes als gegen Belgien. Deswegen finde ich es gut, sich auf verschiedene Situationen einzustellen. Man sieht dann auch, wo man Entwicklungspotenzial gegen solche Gegner hat …

Und wo?

Es ist wichtig, gegen tiefstehende Gegner wie Montenegro das Spieltempo sehr hoch zu halten. Und dass man trotzdem versucht, die einfachen Dinge und nichts Überragendes zu machen.

Sind Sie generell zufrieden mit der Wertschätzung und medialen Begleitung der Frauen-Nationalmannschaft in Österreich?

Seit 2017 hat es einen Aufschwung gegeben. Nichtsdestotrotz denke ich, dass noch viel Luft nach oben ist. In den letzten Jahren haben wir etwas geleistet, sodass wir es verdient haben, dass wir als Mannschaft etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen. Vielleicht können wir das durch die EM steigern, auch für die jungen Mädels, die nachkommen.

Laura Wienroither verbrachte die Saison 2021/22 in zwei Ländern

Neues und altes Vereinstrikot: Laura Wienroither verbrachte die Saison 2021/22 in zwei Ländern. imago images

Sie haben die TSG Hoffenheim und damit die deutsche Bundesliga im Januar in Richtung FC Arsenal verlassen. Wie lautet ihr Fazit nach sechs Monaten in England?

Ich fühle mich sehr wohl, die Mannschaft hat mich sehr gut aufgenommen. Die englische Gesellschaft ist offen, herzlich, das gefällt mir richtig gut. Sportlich ist es für mich noch einmal ein klarer Schritt nach vorne.

Klingt, als sei das Niveau in England insgesamt spürbar höher.

Es ist anders. Der Fußball ist viel schneller, die individuelle Qualität der Gegenspielerinnen höher. Man ist gezwungen, schneller Entscheidungen zu treffen. In Deutschland wird mehr Wert auf das Mannschaftliche gelegt, auf das Taktische. Sehr oft wird nach einem strikten Plan gearbeitet. In England setzt man die Prioritäten ein bisschen anders, es wird sehr viel Kreativität eingefordert.

Wie kann die Bundesliga den Rückstand wieder aufholen?

In England passiert im Frauenfußball sehr viel. Die Gesellschaft steht dem Thema offen gegenüber, es kommen viele Leute zu den Spielen. Der englische Frauenfußball rangiert, was die Professionalität angeht, sehr weit oben. Da kann in Deutschland mehr passieren, auch medial. Das muss mal richtig gepusht werden, damit der Frauenfußball in Deutschland das Ansehen bekommt, das er verdient.

Der bequemere Weg vielleicht. Aber der bessere?

Laura Wienroither

Ihre Einsatzzeiten im Klub schwankten. In welchen Bereichen müssen Sie noch zulegen, damit es für einen Stammplatz bei Arsenal reicht?

Ich kann zufrieden sein mit meinen Einsatzzeiten. Im Winter bin ich ja frisch dazugekommen, nach drei Tagen hatten wir schon das erste Spiel. Es gab also nicht viel Zeit. Trotzdem habe ich es geschafft, mich schnell in die Mannschaft einzufinden. Es wird mir im Sommer ganz guttun, die komplette Vorbereitung mit der Mannschaft zu absolvieren. Ich muss schauen, dass ich auf dem Platz etwas konstanter werde im Treffen von schnellen Entscheidungen.

In Hoffenheim waren Sie Stammspielerin. Wäre das nicht der bequemere Weg mit Blick auf Ihre EM-Aussichten gewesen?

Ja, der bequemere Weg vielleicht. Aber ich weiß nicht, ob es auch der bessere gewesen wäre. Ich habe mich in dem halben Jahr persönlich schon ein Stück weiterentwickelt. Es ist ja nicht einfach, in ein Land zu wechseln, in dem die Menschen nicht meine Muttersprache sprechen. Die Bereiche, in denen ich noch Potenzial habe, wurden in England gut gefördert. Ich bin deswegen zu 100 Prozent davon überzeugt, dass ich auch fußballerisch und körperlich einen großen Schritt nach vorne gemacht habe - auch wenn ich vielleicht ein paar Minuten weniger gespielt habe. Ich bin sehr froh, dass ich den Wechsel gemacht habe.

Können Sie sich irgendwann eine Rückkehr in die Bundesliga vorstellen?

Aktuell bin ich sehr froh dort, wo ich bin. Es ist gerade der Anfang von etwas, wovon ich immer geträumt habe. Deswegen bin ich sehr dankbar für die Möglichkeit. Im Moment passt für mich alles.

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