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Weltmeister der Sofamoral

Kommentar

Weltmeister der Sofamoral

Einige deutsche Fans fanden doch ihren Weg nach Katar.

Einige deutsche Fans fanden doch ihren Weg nach Katar. IMAGO/Sven Simon

"Messi ist der Beste, der Größte überhaupt." So schwärmt Hussein aus Bangladesch schon am Eröffnungsabend in Doha. Und beeilt sich hinzuzufügen: Weltklasse, eine absolute Nummer eins sei natürlich gleichfalls Neuer. Vier Wochen später ist Lionel Messi nach einem 4:2 im Elfmeterschießen in einem gigantischen Finale gegen Frankreich Weltmeister mit Argentinien und Manuel Neuer verunglückt; beim Skitouring wie beim Fußball.

Dazwischen liegt die laut FIFA-Präsident Gianni Infantino "beste WM aller Zeiten", was freilich ein erwartbarer, ausgemachter Blödsinn ist. Dieser Mann vermag es nicht, "Ja, aber ..." zu sagen. Auch nicht nach diesem Event im Zwiespalt.

Ja, die erste WM im europäischen Winter war auf kurzen Wegen in Katar perfekt organisiert. Selten zuvor fanden die Mannschaften solch gleichmäßige und damit faire Wettbewerbsbedingungen vor, ohne Hitze- oder Regenschlacht, ohne unterschiedlich strapaziöse Reisen zwischen den Spielen. Die sportliche Qualität bewegte sich unterm Strich auf mittlerem Niveau. In der Mehrheit waren die Spiele jedoch unterhaltsam, wenngleich die Betonung auf gut organisiertem Verteidigen und kontrolliertem Umschalten lag. Sportlich und leistungsmäßig ist die Fußballwelt weiter zusammengerückt, der beste Beleg dafür ist Marokko.

Der Fußball konnte eine verbindende Kraft entfalten

Die Begeisterung über das Auftreten der Nordafrikaner spiegelt das Erfolgserlebnis wider, das die afrikanischen Teilnehmer, mehr noch die arabische Welt durchaus mit diesem World Cup verbinden dürfen. "Jetzt tragen alle die Ghutra", jubelten TV-Kommentatoren über Fans aus aller Welt mit für den Mittleren Osten typischer Kopfbedeckung. Ja, der Fußball hat auch bei dieser WM eine verbindende Kraft entfalten können. Er ermöglichte die Begegnung von Menschen unterschiedlicher Kulturen, die Feste feierten, in Dohas Marktviertel Souq Waqif ebenso wie in den Stadien. Ohne Alkohol, ohne nennenswerte gewalttätige Zwischenfälle.

Was bleibt?

Das Aber, das nach wie vor zu diesem Turnier gehört, bleibt mit den Fragen zur Nachhaltigkeit und der Menschenrechtslage speziell in Katar, aber auch in der gesamten Golfregion verbunden. Werden sich die Lebensumstände von Arbeitsmigranten weiter verbessern? Fruchten in der islamischen Welt die Appelle für Akzeptanz und Toleranz gegenüber der LGBTQIA+-Community? Oder bleibt nichts übrig, weder von den FIFA-Slogans noch den Podiumsdiskussionen, wenn die "Football unites the world"-Plakate erst einmal abgehängt sind und die Empörungskarawane selbst in Deutschland weitergezogen ist?

Betroffenheitsbesoffenheit trübt den Blick

Philipp Lahm will dafür sorgen, 2024 die "beste EM aller Zeiten" zu organisieren. Es ist kaum zu erwarten, dass der EURO-Turnierdirektor und der DFB in diesem Zusammenhang nach den Arbeitsbedingungen südosteuropäischer Pflegekräfte oder rumänischer Spargelstecher gefragt werden. Den Deutschen stünden dennoch in ihrer Kritikkultur mehr Respekt und weniger besserwisserische Attitüden gut zu Gesicht, wollen sie in eineinhalb Jahren uneingeschränkt geschätzte Gastgeber sein.

Ein sonderbarer Negativismus breitet sich hierzulande seit geraumer Zeit in Bezug auf den Fußball aus. Statt Leidenschaft dafür ausleben und gleichzeitig für gesellschaftliche Werte eintreten zu können, trübt Betroffenheitsbesoffenheit den Blick für ein differenziertes "Ja, aber ...".

Die Aufgaben

Weiter Druck auszuüben auf den Katar-Profiteur FIFA, um einen Entschädigungsfonds für Gastarbeiter und Hinterbliebene zu erreichen, ist ein konkretes, unaufschiebbares Thema. Die Vergabe von Sport-Großereignissen in Zukunft transparenter zu gestalten sowie an den Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte der Vereinten Nationen auszurichten, ist eine ebenso fundamentale Aufgabe. Mit der WM hat das schwerreiche Katar seine theoretische Anwartschaft auf die Ausrichtung von Olympischen Spielen 2036 - 100 Jahre nach Berlin 1936 - unterstrichen. Deutschland ist währenddessen zum Weltmeister unter den Sofamoralisten geworden.

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