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Vorbild Landesmeister-Cup: So wurde Penarol erstmals Libertadores-Sieger

Vor 60 Jahren am 19. Juni

Vorbild Landesmeister-Cup: So wurde Penarol erstmals Libertadores-Sieger

60 Jahre alt: Die Copa Libertadores.

60 Jahre alt: Die Copa Libertadores. Getty Images

Historie und eine große Idee

Schon gleich zu Beginn ging es um Historie. Und Größe. Auch wenn das Turnier damals noch ein kleines war. Nur sieben Mannschaften nahmen an der ersten Austragung 1960 teil, sechs Landesmeister und Brasiliens Pokalsieger, der damals jedoch als Meister galt. Folglich benötigten die Kontrahenten auch nur zwei Monate, vom 19. April bis zum 19. Juni, bis der erste Titelträger feststand: Penarol Montevideo.

Doch es reichte: Angepfiffen war damit ein Wettbewerb, der als Copa Libertadores längst legendär ist. 1960 und in den weiteren vier Ausgaben firmierte der Wettbewerb aber noch unter dem Namen "Copa Campeones de America". Und weil es um eine große Idee ging, betrat der spätere Sieger Penarol zum Auftaktmatch am 19. April das Centenario-Stadion auch mit der sogenannten Artigas-Flagge, benannt nach Uruguays Nationalheld José Artigas.

Alberto Spencer ist noch immer der Rekordtorschütze

Alberto Spencer

Alberto Spencer, Rekordtorschütze der Copa Libertadores, holte den Pott das erste Mal 1960. picture-alliance

Es war offenbar ein gutes Omen für Penarol, denn der Favorit ließ Boliviens Meister Jorge Wilstermann beim 7:1 nicht den Hauch einer Chance. 35.000 Zuschauer waren vor Ort Zeuge, wie Alberto Spencer viermal traf. Der 2006 im Alter von 68 Jahren verstorbene Ecuadorianer ist noch heute mit 54 Treffern Rekordtorschütze der Copa Libertadores. Nach seiner aktiven Karriere war er von 1972 an Generalkonsul Ecuadors in Uruguay.

Beim Rückspiel 1960 konnte Spencer und Penarol auch die Höhenlage von 3600 Metern in La Paz nichts anhaben, wohin der Klub Wilstermann aus Cochabamba ausgewichen war: Nach dem 1:1 stand Penarol im Halbfinale. Weitere Teilnehmer der ersten Austragung waren San Lorenzo aus Argentinien, Universidad de Chile, die Millonarios aus Kolumbien, Olimpia aus Paraguay, sie allesamt traten als Landesmeister an, sowie Brasiliens Pokalsieger EC Bahia. Perus Meister Universitario aus Lima indes zog vor seinem Debüt im Viertelfinale gegen Olimpia zurück. Dabei war die Trophäe ausgerechnet in Perus Hauptstadt von dem Italiener Alberto de Gasperi entworfen worden, der dort für die noch heute existierende Silberschmiedewerkstatt Camusso arbeitet.

Real Madrids Strahlkraft wirkte, Zugpferd Alfredo di Stefano

Anstoß für die Copa gab der Europapokal der Landesmeister, den Real Madrid von 1956 bis 1960 dominierte. Wie Donnerhall dröhnte dieser Wettbewerb aus Europa über den Atlantik, zumal die Königlichen mit Alfredo di Stefano von einem Argentinier angeführt wurden. So einen Wettbewerb wollte man auch in Südamerika.

Luis Maidana, damals Torwart und heute mit 86 Jahren der letzte Überlebende des ersten Titelträgers Penarol, erinnerte sich erst in dieser Woche im Gespräch mit dem Sport-Historiker Luis Prats in der Zeitung "Ovacion" an die Premierenausgabe der Copa: "Wir hatten zuvor nie in so einer Höhenlage wie in La Paz gespielt. Das waren ganz neue Erfahrungen für uns. Es war richtig hart."

Erkauftes Heimrecht im Entscheidungsspiel

Das höchste Ziel im südamerikanischen Vereinsfußball: Die Copa Libertadores.

Das höchste Ziel im südamerikanischen Vereinsfußball: Die Copa Libertadores. Getty Images

Vor allem in Uruguay erkannte man bereits bei der ersten Ausgabe das Potenzial der Copa: Da das Halbfinale gegen San Lorenzo aus Argentinien mit 1:1 und 0:0 (die Auswärtstorregel kam schon in der ersten Ausgabe wie auch in den meisten Folgejahren nicht zum Einsatz) zunächst keinen Sieger hervorbrachte, sicherte sich Penarol das Heimrecht für das Entscheidungsspiel - gegen eine offizielle Finanzspritze an San Lorenzo. Die holten die Gelb-Schwarzen mit einem vollen Centenario-Stadion aber flugs wieder rein. "Wegen des Geldes akzeptierte San Lorenzo, im Entscheidungsspiel bei uns im Centenario anzutreten", sagt Altstar Maidana. Es sollte sich, aus argentinischer Sicht, sportlich rächen: Angespornt von den Fans triumphierte Penarol in diesem dritten Match 2:1. Alberto Spencer, den sie auch den "Mann für die wichtigen Tore" nannten, gelang dabei ein Doppelpack.

Und dann war es da, das erste Endspiel der Copa: Natürlich war es erneut Spencer, der am 12. Juni im Final-Hinspiel das Tor des Tages zum 1:0 über Olimpia erzielte. Da nur sieben Mannschaften für das Turnier gemeldet waren, war der Endspiel-Gegner aus Paraguay kampflos ins Halbfinale eingezogen. Dort aber hatte man sich mit 0:0 und 5:1 über die Millonarios durchgesetzt.

Im Final-Rückspiel am 19. Juni kam Olimpia dann zu Hause über Penarol nicht über ein 1:1 hinaus. Torhüter Luis Maidana hat das so erlebt: "Hinter dem Tor gab es keine Tribüne, nur eine Absperrung. Die Fans warfen mir allerhand Zeug in den Rücken." Doch es reichte. Luis Cabilla und nicht etwa Alberto Spencer sicherte Penarol nach einer Ecke von Carlos Borges per Kopf mit dem Ausgleich kurz vor Schluss den ersten Meistercup Südamerikas.

Hinter dem Tor gab es keine Tribüne, nur eine Absperrung. Die Fans warfen mir allerhand Zeug in den Rücken.

Luis Maidana

Dass Borges die Ecke trat, schließt den Kreis. Denn Borges hatte genau zwei Monate zuvor, am 19. April beim 7:1 über Jorge Wilstermann, in der 13. Minute den Premierentreffer der Copa erzielt und vier Minuten später erneut getroffen.

Triumph über Benfica: "Wir waren Weltmeister"

Bei der zweiten Austragung 1961 wiederholte Penarol gegen Palmeiras aus Brasilien den Triumph. Und anders als 1960, als Penarol die Weltpokalspiele gegen Real Madrid verlor, triumphierten die Uruguayer nun auch über Europa-Vertreter Benfica Lissabon. "Wir waren Weltmeister", betonte Maidana dieser Tage, sechs Jahrzehnte später, stolz.

Die Legende lebt, und insgesamt gewann Penarol die Copa fünfmal. Zuletzt 1987.

Jörg Wolfrum

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