Aus Braga berichtet Carsten Schröter-Lorenz
Frust
Es ist ein elementarer Teil des Fußballs, dass bei der Entstehung von Toren die verteidigende Mannschaft in aller Regel ihren Anteil hat. Es muss nicht immer gleich ein individueller Fehler oder gar Patzer sein, meist ist es eine Fehlerkette oder zumindest ein Türöffner. Die Freiburger Profis haben am Donnerstagabend in Braga kurz vor dem Abpfiff auf einmal die Tür ein Stück zu weit geöffnet auf ihrer linken Abwehrseite - mit sehr bitteren Folgen.
Alles deutete auf ein leistungsgerechtes 1:1 hin im berühmten Felsenstadion im Norden von Portugal. Das wäre ein gute Ausgangsposition für die deutschen Gäste gewesen vor dem entscheidenden Rückspiel nächsten Donnerstag im heimischen Europa-Park-Stadion. Braga hatte in der Schlussphase zwar die Feldüberlegenheit und drückte ein wenig, aber im Grunde nicht so heftig, dass die zuvor so gut dicht haltende Freiburger Abwehrtür hätte aufgehen müssen.
Doch die SC-Profis packten nach einem Einwurf auf ihrer linken Abwehrseite nicht entschlossen genug zu, wohl auch aus Angst vor einem Foul und damit einem gefährlichen Freistoß. Auf engem Raum dribbelten und passten die Braga-Spieler zu unbedrängt, bis der 2016er Europameister Joao Moutinho mit einem öffnenden Chipball in den Strafraum sein Team durch die Tür schickte. Hereingabe in den Rückraum, Schuss, Abklatscher von Noah Atubolu nach vorne und Tor. Ein Mischung aus Türöffner, Fehlerkette und unzureichender Parade des Keepers. Schon wieder ganz spät 1:2 verloren, wie schon vorige Woche im Pokal-Halbfinale in Stuttgart.
"Ich hätte nach dieser Szene alles kurz und klein schlagen können", sagte Rechtsverteidiger Philipp Treu am sehr späten Abend. Und Matthias Ginter hatte diese Wort so ähnlich bereits kurz nach dem Abpfiff umgesetzt. Mit hochrotem, wutverzerrtem Gesicht knallte der Abwehrchef an der Reservebank einen Gegenstand zu Boden und trat gegen einen anderen. Große Wut und großer Frust also und das ist nur allzu verständlich.
Trainer Julian Schuster hingegen bewahrte die Fassung und hielt treffend wie nüchtern fest: "Das darf uns natürlich nicht passieren, so spät den Gegentreffer zu bekommen. Auch in dieser Situation, wie schon beim ersten Gegentor, können und müssen wir das besser verteidigen. Das müssen wir uns definitiv vorwerfen, dass wir eine noch bessere Ausgangssituation mit dieser letzten Aktion verspielt haben."
Vertrauen
Schuster strahlte gleichzeitig aber auch große Zuversicht aus. "Wir blicken dennoch positiv auf das Rückspiel, mit unseren Fans in unserem eigenen Stadion, auch wenn wir wissen, welche Aufgabe Braga darstellt. Wir haben das Selbstvertrauen und auch die Qualität, genau das zu drehen, und darauf werden wir die Jungs entsprechend nächste Woche vorbereiten."
Der SC-Coach hat Vertrauen in seine Mannschaft und das ist gut begründet. Gerade zuletzt hat sie viele gute bis starke Leistungen gezeigt, gerade im Viertelfinale gegen Vigo (3:0, 3:1). Charakterstärke und Zusammenhalt stehen beim SC ohnehin nicht in Frage. Abseits des Ergebnisses zeigte sich Schuster auch weitgehend mit dem Auftritt in Portugal zufrieden: "Wir haben viele Dinge gut gemacht, haben es geschafft, den ersten Rückstand aufzuholen, das Spiel zu stabilisieren und Braga nicht sein Spiel aufziehen zu lassen."
Tatsächlich hielt das Schuster-Team das sonst so spielstarke Braga defensiv weitgehend in Schach, das ging jedoch auch zu Lasten der eigenen Gefährlichkeit in der Offensive, wie das Torchancenverhältnis von 4:3 belegt. Mit Blick auf Schuster bleibt noch die kleine Frage, warum er am Ende des Spiels nicht noch Spielerwechsel vorgenommen hat, vor allem, um seiner Mannschaft noch eine kurze Verschnauf- und Ordnungspause zu ermöglichen. Andererseits konnte man davon ausgehen, dass sie die geringe Nachspielzeit von zwei Minuten ohne Gegentor übersteht.
Kampfansagen
Die Wut und der Frust, gepaart mit dem Vertrauen in die eigenen Stärken sowie der enormen Heimstärke im internationalen Wettbewerb - Freiburg hat saisonübergreifend die vergangenen zehn Heimspiele in der Europa League allesamt gewonnen - bewegten Verteidiger Treu sogar zu einer sehr selbstbewussten Kampfansage.
"Wir wussten, dass wenn wir zu 100 Prozent unsere Intensität gehen, dann kann keine Mannschaft in Europa mit uns mithalten", sagte Treu und meinte damit wohl eher nicht die Bayern und PSG, sondern eher die Europa League. Aber auch das wäre mit Blick auf die möglichen Finalgegner Aston Villa und Nottingham Forest eine sehr mutige Ansage. Entsprechend schränkte Treu die Aussage ein wenig ein, es geht ja auch immer um die Umsetzung. Das mit der Intensität habe in Braga "nicht ganz über 90 Minuten" gereicht: "Aber ich bin mir sehr sicher, dass wir im Rückspiel über 90 oder 120 Minuten noch mal alles raushauen."
Freiburg ist bereits im Achtelfinale mit einem Ein-Tore-Rückstand ins Rückspiel zu Hause gegangen, auch daraus zieht Treu seine Überzeugung: "Wut hatte ich auch in Genk nach dem Hinspiel. Und wir wissen alle, was dann im Rückspiel passiert ist. Dann haben wir ein Feuerwerk (5:1; Anm. d. Red.) abgebrannt. Es gilt auch in diesem Rückspiel die Fans mitzunehmen und das ganze Stadion. Wir wissen alle, was wir für einen Lauf zu Hause haben in der Europa League."
Auch Igor Matanovic ist schon "sehr heiß" auf das zweite Duell kommende Woche: "Ich habe auf die Tribünen geschaut, da waren die Braga-Fans uns gegenüber schon sehr, sehr hochmütig und haben provokant gejubelt. Ich freue mich schon auf das Rückspiel, wirklich."
Gründe zur Sorge
Es gibt aus Freiburger Sicht tatsächlich viele gute Gründe für Zuversicht und Überzeugung, den Traum vom Finale in Istanbul noch wahr werden zu lassen. Aber es gibt auch Gründe zur Sorge. Gerade die offensiven Unterschiedsspieler Johan Manzambi und Yuito Suzuki präsentierten sich in Braga in keiner guten Verfassung. Da fehlten teilweise Spritzigkeit, Spielfreude und Überzeugung in den Aktionen. Man hat gerade bei diesem Duo den Eindruck, dass die Frische in der Crunch-Time nach einer bereits langen Saison mit vielen Spielen nachlässt.
"Johan und Yuito sind unsere Unterschiedsspieler, klar. Aber es lastet auch viel auf ihren Schultern", sagt Treu und fordert gut begründete Alternativen: "Wir müssen es aber auch als Mannschaft kompensieren. Da muss halt mal auch ein Standard wieder reinfliegen. Das hat diesmal auch ein bisschen gefehlt, unsere Standardstärke. Damit hätten wir ihnen auch noch mehr wehtun können."
In Person von Vincenzo Grifo, dessen Freistöße in Braga zu harmlos waren, und Niklas Beste, der eine Ecke immerhin auf den Kopf von Igor Matanovic servierte, sind exzellente Schützen nach wie vor vorhanden. Und das ist tatsächlich eine langjährige SC-Stärke, die jederzeit wieder greifen kann - es im Rückspiel aber auch sollte. Aber auch davon unabhängig wäre es für einen Finaleinzug sehr wichtig, wenn Manzambi und Suzuki sich ihrer Top-Form zumindest wieder deutlich annähern würden im zweiten Duell.
Es scheint nicht nur bei den beiden eine nachvollziehbare Kraftfrage zu sein. Dazu kommt der mental schwierige Spagat, am Sonntag gegen die abstiegsbedrohten Wolfsburger möglichst zu gewinnen, um die Chancen auf Ligaplatz 7 im Fernduell mit Frankfurt zu wahren.
Und dann wäre noch die aktuelle Problemzone hinten links. Wie schon in Stuttgart entpuppte sich Jordy Makengo als defensive Achillesferse. Dennoch zog Schuster erneut den grundsätzlich gegenüber Kapitän Christian Günter zweikampfstärkeren Franzosen in der 1-A-Elf vor. Speziell Makengo, der wie Manzambi bei beiden Gegentreffern in Braga mit drinhing, sollte sich unbedingt stabilisieren.
Neben dieser blöden Sache mit den Gegentreffern ist es ja auch das Schöne am Fußball, dass aktuelle Sorgen im nächsten Spiel ganz schnell verflogen sein können.






