kicker

Walther-Bensemann-Preisträger Seedorf im kicker-Interview

Walther-Bensemann-Preisträger 2021 im großen kicker-Interview

Seedorf: "Ich musste mehr leisten, trotz meines Talents"

Der Walther-Bensemann-Preisträger 2021: Clarence Seedorf

Der Walther-Bensemann-Preisträger 2021: Clarence Seedorf imago/Mandoga Media

Der Walther-Bensemann-Preis wahrt das Andenken an den Gründungsvater des kicker. Er zeichnet Menschen aus, die Herausragendes für den Fußball geleistet haben - mit Mut und Pioniergeist, durch Fair Play und interkulturelles Engagement. Fußballpionier Bensemann (1873 - 1934) sah den Sport als wichtiges Medium für Frieden und Völkerverständigung, in diesem Geist rief er 1920 den kicker ins Leben.

Der diesjährige Preisträger, der in seiner aktiven Karriere gleich vier Champions-League-Titel mit drei verschiedenen Vereinen gewann, ist bereits über die Auszeichnung informiert, als das Interview beginnt. Clarence Seedorf ist aus Dubai zugeschaltet, lacht in dem Videocall häufig und gerne. Was den Botschaften, die ihm wichtig sind, nichts von ihrer Ernsthaftigkeit nimmt. Schon lange setzt sich der Weltstar gegen Rassismus ein, und unterstützt verschiedene Projekte der Kinder- und Entwicklungshilfe in Surinam sowie Afrika („Champions for Children“). Heute ist ihm der Schutz des Regenwaldes ein zentrales Anliegen.

Die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung wird er am Freitag in der Nürnberger Tafelhalle persönlich entgegen. Die Gala wird ab 20 Uhr Live! bei kicker.de übertragen.

Welche Bedeutung hat der Walther-Bensemann-Preis für Sie, Herr Seedorf?

Dieser Preis bedeutet mir sehr viel. Jede Bestätigung und Anerkennung gibt zusätzliche Inspiration und Energie, noch mehr zu machen, um Menschen zu erreichen. Dankbarkeit hat eine große Bedeutung für mich und in meinem Leben. Wir müssen zurückgeben, was wir, wie ich, im Leben bekommen haben. Das ist meine Philosophie.

Am Ende ist es deine Wahl, was du aus deinem Leben machen willst. Ich wollte immer der Beste sein in allem, was ich tue.

Clarence Seedorf

Welche Wirkung hatte der Fußball auf Ihr Leben?

Das ist einfach zu beantworten: Der Fußball hat mich zu mir gebracht. Er war meine Leidenschaft schon als ich jung war und wurde zu meinem Beruf. Fußball gab mir die Chance, in die Welt zu treten und eine Plattform zu finden, um einen positiven Einfluss auf die zu haben, die zuschauen. Vor allem die Jungen. Da war eine große Motivation.

Was gab dieser Sport Ihnen noch?

Er bietet auch die Gelegenheit zu zeigen, wie du mit Herausforderungen, Niederlagen und Enttäuschungen umgehst. Für mich war es eine Schule des Lebens, die ich nutzte, mich zu formen und andere zu inspirieren. Außerdem eröffnete er mir die Möglichkeit, ein großes Netzwerk auf der ganzen Welt zu knüpfen. Das ist ein Aspekt, den ich nach meiner Karriere entdecken konnte. Durch all die Reisen und die Stellung in der Gesellschaft traf ich eine Menge interessanter Leute. Ich habe mein Bestes versucht, diese Gelegenheiten zu maximieren.

1992 waren Sie der jüngste Spieler, der bei Ajax Amsterdam den Durchbruch schaffte. War das leicht dank Ihres außergewöhnlichen Talents? Oder war es besonders schwierig wegen Ihrer Herkunft?

Ich glaube, dass die Herkunft gar kein so hemmender Faktor auf dem Spielfeld ist. Aber in der Jugend musste ich mich einigen Herausforderungen stellen, wo andere, weniger begabte Spieler es dank ihrer Beziehungen zum Trainer leichter hatten. Ich möchte das nicht direkt mit meiner Hautfarbe in Verbindung bringen, sondern einfach damit, dass vielleicht deren Eltern näher dran waren. Ich musste mehr leisten, trotz meines Talents.

Im Duell mit Messi: Seedorf 2010 im Trikot von Milan.

Im Duell mit Messi: Seedorf 2010 im Trikot von Milan. picture alliance / abaca

Was hat Ihnen dabei geholfen?

Gleichzeitig hatte ich Glück, dass einige Trainer mich wirklich liebten und in ein höheres Team holten. Ich kann mich über meine Entwicklung nicht beklagen, weil ich etwas über das Normale hinaus machte: Jahrgänge in der Jugend überspringen und mit 16 in die erste Mannschaft kommen. Doch in einigen Situationen spürte ich, dass ich mehr aufbringen musste. Ich spielte nicht immer auf meinen Idealpositionen, weil andere diese erhielten. Aber das hat mich nur bestärkt, ich empfand das nie als Hindernis. Danach wurde mir das viel mehr bewusst. Wegen meines Charakters und weil mein Vater darauf fokussiert war: Was kannst du tun, um das Beste aus deinen Möglichkeiten zu machen?

Wurden Sie von Ihrer Familie gut unterstützt?

Ich hatte das Glück, dass ich Vater und Mutter hatte, eine stabile Familie, was für viele Jugendliche nicht der Fall ist. Persönlichkeit hat allerdings auch mit dem eigenen Antrieb zu tun. Manche schaffen es in ihrem Leben mit nur einem Elternteil oder ganz ohne. Am Ende ist es deine Wahl, was du aus deinem Leben machen willst. Ich wollte immer der Beste sein in allem, was ich tue. Hatte jemand Zweifel, wollte ich ihn durch Leistung überzeugen. Das hat mich all die Jahre auf dem höchsten Level gehalten.

Sie sind in Surinam geboren, als Kind in die Niederlande gekommen. Ihre Vorfahren arbeiteten auf Plantagen. Welchen Einfluss hatte Ihre Herkunft auf Ihr Leben, Ihre Karriere?

Meine Familie trägt einen deutschen Namen, weil es in Surinam einen deutschen Sklavenhalter gab. Mein Großvater war das Kind eines Sklaven. Soweit mir bekannt ist, flüchtete er. Daraus folgte, dass mein Vater einer derjenigen war, die versuchten, in den Niederlanden ein besseres Leben zu finden. Ich erhielt somit die Möglichkeit, in einem neuen Land zu leben, wo meine Eltern einige Schwierigkeiten zu meistern hatten: sich an eine neue Kultur und eine neue Umgebung anzupassen und mir gleichzeitig das Gefühl zu vermitteln, die beste Kindheit auf Erden zu haben, während wir absolut nichts Besonderes besaßen. Es ging um die Unterstützung, die Liebe und die Wertschätzung dessen, was du von einem neuen Land bekommst. So hat mich meine Familie erzogen.

Der Weg zu Frieden führt über Respekt, Liebe und Bildung.

Clarence Seedorf

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Ihre Familiengeschichte denken?

Ich habe keine unguten Gefühle, wenn ich über den Namen rede, den wir mit sehr viel Stolz tragen. Als ich aus Italien in die Schweiz fuhr, von dort nach Deutschland, kam ich an zwei Orten vorbei, die Seedorf hießen. Die Schilder habe ich fotografiert. Die Bildung, die ich aus der Geschichte unserer Familie erfuhr, hat meine Sicht der Welt geprägt. Diese ist nicht von Wut bestimmt, aber von Verstehen und dem Interesse, global noch mehr Bildung zu ermöglichen. Der einzige Weg zu einer friedvolleren Welt ist die Erziehung insbesondere der Kinder.

War es schwer, zu dieser positiven Sicht zu kommen?

Ich erhielt in den Niederlanden die Möglichkeit, eine bessere Ausbildung zu erhalten, in einer besseren Umgebung zu leben, wo die Chancen, mich weiterzuentwickeln, größer waren. Ich mag es, darauf zu schauen, wer ich heute bin dank der Vergangenheit, die mich geformt hat. Aber wie möchte ich eine bessere Zukunft gestalten? Was kann ich beitragen, damit die Gesellschaft mehr übereinander lernt, einander besser respektiert?

Seedorf als Botschafter eines Benefizspiels ("Goal for Africa") im Jahr 2008.

Seedorf als Botschafter eines Benefizspiels ("Goal for Africa") im Jahr 2008. imago sportfotodienst

Wie denken Sie über die soziale Verantwortung des Fußballs? Müssen die Profis mehr Werte vermitteln?

Begabung bringt einen bisweilen zu einer Stellung in der Öffentlichkeit, ohne dass eine ordentliche Ausbildung dahintersteht. Man mag besonders talentiert für eine bestimmte Sportart sein, aber weiter geht es nicht. Auch ich hörte mit 16 mit der Schule auf, aber ich begann mit 26 zu studieren, weil ich wissbegierig war. Entweder baust du deine Fähigkeiten im Leben und im sozialen Verhalten aus oder du trittst einfach nur gegen den Ball, schießt Tore, bereitest welche vor, verteidigst und redest über das, was auf dem Spielfeld geschieht. Wo das Bewusstsein fehlt, können wir von keinem in der Welt irgendetwas erwarten.

Wer oder was kann dazu verhelfen?

Die Verbände, national wie kontinental, könnten mehr tun. Denn sie haben die Wahrnehmung und die Mitarbeiter mit der entsprechenden Ausbildung und dem Wissen, was die Gesellschaft braucht, worauf der Fußball einen positiven Einfluss haben kann. Und dann kann man viele der Spieler einsetzen, um Botschaften Nachdruck zu verleihen. Viele Jungs meiner Generation sind sich dessen bewusst und sozial engagiert: Javier Zanetti, Didier Drogba, Samuel Eto’o, Edgar Davids … War alles effizient? Nein. Ich denke, wir können noch besser zusammenarbeiten.

Wie?

Die Verbände sollten noch stärkere Plattformen gestalten, um ihre Initiativen zu unterstützen oder ihre Botschaften zu verbreiten. Von den Aktionen der Spieler bin ich nicht enttäuscht. Diejenigen, die sich ihrer Rolle bewusst sind, sollten bestmöglich unterstützt werden. Die, denen das Bewusstsein fehlt, sollten dafür sensibilisiert werden. Das gilt ganz besonders für diejenigen, deren Verhalten die Werte verletzt, die der Sport vermittelt.

Ist Bildung der Schlüssel im Kampf gegen Rassismus?

Ich glaube nicht, dass wir Kinder zum Anti-Rassismus erziehen müssen, denn Kinder wissen nicht einmal, was Rassismus ist. Wir müssen sie Respekt lehren und ihnen fremde Kulturen nahebringen. Rassismus ist für mich gar kein Thema. Wir müssen dafür sorgen, dass sie sauber bleiben, offen, ausgelassen, voller Liebe, nicht Hass. So wird eine Umwelt geschaffen, die auf die Fähigkeiten und Verdienste einer Person schaut statt auf ihr Geschlecht und ihren Background.

Clarence Seedorf und Nelson Mandela

Clarence Seedorf und Nelson Mandela picture-alliance/ dpa

Erzählen Sie uns von Ihrer besonderen Verbindung zu Nelson Mandela. Sie sind eine von sechs Persönlichkeiten, die er zum "Legacy Champion" ernannt hat, um sein Erbe weiterzutragen.

Er inspirierte Millionen und hat auch mich stark geprägt, neben meinem Vater und meiner Mum. Ihn zu treffen bedeutet eine Verpflichtung, die ich im Kopf und im Herzen behalte. Seine Geschichte sowie die vieler vor und mancher nach ihm überzeugt mich, dass ich global etwas bewirken kann, auch ein "Game Changer" sein kann hinsichtlich des Friedens in der Welt. Ebenso die Arbeit fortzusetzen, die er und andere geleistet haben, um eine gleichberechtigtere Gesellschaft zu schaffen. Und noch mal: Der Weg dorthin führt nicht über Hass, sondern über Liebe, Zusammenarbeit und Bildung.

Wobei Sport wesentlich ist?

Sport war ein Mittel, dessen sich Mandela wirklich sehr gern bedient hat. Ein Mittel, um Macht zu erreichen. Und als er diese hatte, vereinte er das gesamte Land durch die Rugby-WM in Südafrika. Meine Welt ist die des Sports, und von Bildung war ich schon immer überzeugt, dafür möchte ich werben.

Sie gehören dem wissenschaftlichen Komitee des Panels für den Amazonas an. Warum ist Ihnen die Förderung einer nachhaltigen Lebensweise auf diesem Weg so wichtig?

Zunächst einmal: Der Amazonas liegt gleich um die Ecke von Surinam (lacht), wir sind ein Teil davon. Der Regenwald und der Amazonas sind in Gefahr. Es ist wissenschaftlich erwiesen, was das Ergebnis wäre, wenn die Welt weitermachen würde wie bisher bezüglich Umweltverschmutzung und Klimawandel. Der Kapitalismus vernichtet eine der artenreichsten Landschaften der Erde, und der gesamte Planet wird den Preis dafür zahlen müssen, nicht nur die Indigenen oder die drei Millionen Tier- und Pflanzenarten, die hier leben.

Was muss sich verbessern?

Am Ende ist alles miteinander verbunden. Wenn wir über Bildung reden, sprechen wir von mehr Frieden. Nun, Frieden bedeutet Respekt. Wenn wir das Wichtigste nicht respektieren, die Natur, sind wir alle tot. Also fangen wir an, uns selbst zu respektieren. Sich selbst zu respektieren erfordert entsprechende Regeln und Gesetze. Allerdings ist es so, dass viele Wissenschaftler von Entscheidungsträgern und politisch Verantwortlichen nicht gehört werden. Das zu ändern, dafür ist das Komitee da. Einige einer breiten Öffentlichkeit bekannte Menschen gehören ihm an, um sicherzustellen, dass die Politik mehr Druck verspürt und auf einer wissenschaftlichen Grundlage die richtigen Entscheidungen trifft. Man kann die Meinungen von Experten nicht einfach ignorieren. Wir müssen die Realität der Wissenschaft respektieren.

Was ist die Realität?

Was schon vor 20 Jahren gesagt wurde. Aber die Folgen der Abholzung und die Bedrohung des gesamten Ökosystems traten viel früher ein als prophezeit. Übrigens nimmt die lokale Bevölkerung an den Gesprächen teil. Sie hat ihre Position sehr beredt klargemacht, wie ihre Leute und ihre Rechte geschützt werden müssen. Es gibt vieles, was wir tun müssen. Wir können nicht alles machen, aber ich sehe sehr deutlich, dass wir die jüngere Generation für diese Aspekte sensibilisieren müssen. Sie ist sich dem schon bewusster und aktiver als wir. Gebt ihr eine Stimme, und der Druck auf die Entscheidungsträger wächst. Manchmal sind die Lösungen doch so einfach. Mein Antrieb war es eben, hier mitzumachen und für die Arbeit von 200 Wissenschaftlern so viel Aufmerksamkeit zu erzeugen wie nur möglich.

Wie sieht die Arbeit genau aus?

Es ist eine Gruppe großartiger Leute. Ich konnte an verschiedenen Meetings teilnehmen. Wissenschaftliche Berichte gehen manchmal zu sehr in Statistiken, die viele potenzielle Interpretationen zulassen. Hier wird es einfach sehr sachlich gemacht: Schauen Sie sich Fotos des Amazonasgebietes von vor zehn Jahren und von heute an. Hören Sie sich an, wie die Veränderungen schließlich das Klima beeinflussen. Schauen Sie darauf, was das für das gesamte Ökosystem und mögliche Krankheiten in der Welt bedeutet. Ich versuche, meinen Teil im Alltag beizutragen. Ich bin sicher kein Beispiel für Perfektion im Klimaschutz, aber ich bin achtsam. Etwas zu tun ist besser als nichts zu tun. Wenn ein jeder auch nur einen kleinen Teil beiträgt, gehen wir schon in die richtige Richtung.

Kommen wir auf den Wert von Bildung zurück. Sie sprechen sechs Sprachen. Wie ist Ihr Deutsch?

Mein Deutsch war klasse, bis ich aufhörte, Deutsch zu sprechen (lacht). Für meinen Abschluss entschied ich mich neben dem obligatorischen Holländisch bei den zwei Optionen für Englisch und Deutsch. "Derrick" war eine meiner beliebtesten Fernsehserien als Kind. Sie lief in deutscher Fassung mit holländischen Untertiteln, ich liebte das. Deutsch war in der Schule schwierig für mich, weil ich viele Stunden wegen des Fußballtrainings verpasste. Im ersten Jahr dachte ich, okay, fünf von zehn Punkten reichen fürs Zeugnis, also versuchte ich, da herumzuspielen. Aber ich schaffte es nicht, bekam 4,9 statt 5 und war echt sauer. Also musste ich das Jahr wiederholen, wofür ich mich anders organisierte. Der Lehrer reagierte sehr nett und bot mir Einzelunterricht bei ihm zu Hause nach dem Training an. So wurde aus einer 4,9 eine 6, das zweite Jahr fiel mir leicht. Heute noch verstehe ich viel, spreche Deutsch aber kaum. Es hörte auf, als ich nach Italien ging und begann, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch zu lernen neben Surinamesisch und den genannten Sprachen.

Der Anfang der Weltkarriere: Seedorf gewinnt mit Ajax erstmals die Champions League (1995).

Der Anfang der Weltkarriere: Seedorf gewinnt mit Ajax erstmals die Champions League (1995). imago images/Pro Shots

Gab es denn nie die Gelegenheit, in Deutschland Fußball zu spielen?

Der Boom der Bundesliga ging vor zehn Jahren los, würde ich sagen. Als meine Karriere begann, waren Italien und Spanien führend, England stieß mit der Premier League später vor. Aber es gibt ein paar sehr interessante Klubs in Deutschland, für die ich gerne gespielt hätte. An einige, die gegen Ajax spielten, als ich aufwuchs, erinnere ich mich, zum Beispiel Werder Bremen. Oder Köln, Stuttgart, Hamburg. Alles große Mannschaften, als ich heranwuchs, die aber seit Jahren Probleme haben. Doch Deutschland ist in Sachen Fußball eine Top-Nation.

Vor einigen Jahren sagten Sie in einem kicker-Interview, es gebe zu viele Spiele, es herrsche zu viel Business und auch die Talkshows nähmen Überhand im Fußball. 2021 haben wir die gleichen Themen. Trainer wie Pep Guardiola oder Jürgen Klopp beschweren sich über den überfüllten Kalender. Was halten Sie von einer WM alle zwei Jahre, vom neuen Champions- League-Format, von der Idee einer Super League?

Was gut ist, sollte man lassen. Mich würde der Grund für diese Ideen interessieren. Jeder liebt die Champions League. Warum sollte sie reformiert werden? Eine Überfrachtung mit Spielen ist waghalsig. Wie ist es dann um die Gesundheit der Spieler bestellt? Gut, es gibt jetzt mehr Wechselmöglichkeiten. Aber ein Trainer will immer die besten Spieler auf dem Platz haben. Eine Balance braucht es auch aus der Zuschauerperspektive. Wenn du dem Publikum zu viel anbietest, ist nichts mehr besonders. Weniger ist mehr, weil die Spiele eine höhere Qualität bekommen, da die Spieler ausgeruhter sind. Wenn wir Wettbewerbsformate überdenken, muss diese Frage beantwortet werden: Wie können wir die Qualität des Spiels und die Leistung jedes Einzelnen hochhalten und gleichzeitig die Anzahl der Verletzungen vermindern?

Was läuft schief?

Mitten in einer Pandemie die Anzahl der Spiele zu erhöhen ist ein Fehler. Schauen Sie sich England mit der Premier League und den vielen Pokalbegegnungen an. Plus Länderspiele, plus Nations League … - was ich unter einem kommerziellen und einem nationalen Gesichtspunkt verstehe. Die Nationaltrainer wollen ihre Teams öfter als nur zehn Tage im Jahr sehen. Wobei darin allerdings auch ein gewisser Reiz liegt: Du brauchst besondere Fähigkeiten, um eine Mannschaft in derart begrenzter Zeit zu formen.

Was würden Sie bevorzugen, Nationaltrainer zu sein oder Trainer in einem Klub?

Beides habe ich gemacht, beides geliebt. Ich weiß meine Philosophie und die Methodik schnell zu vermitteln. Ich würde mich in beiden Positionen wohlfühlen.

Ich werde bei allen meinen früheren Vereinen mit offenen Armen empfangen. Das ist ein herrliches Gefühl.

Clarence Seedorf

Sie sagten bereits in etlichen Interviews, das Geld sei die treibende Kraft für viele Veränderungen im Fußball.

Vielleicht verdient man mit mehr Qualität mehr Geld. Ich sage, wenn alles jeden Tag verfügbar ist, sinkt der Preis. Wenn ich ein etwas exklusiveres Angebot habe wie die Champions League mit wenigen Spielen im Monat, ist jeder darauf gespannt. Warum ist eine WM jetzt so einzigartig? Ich weiß nicht genau, warum der Zyklus verkürzt werden soll, aber sollten die Gründe dafür rein kommerzieller Natur sein, ist es unnötig. Sport ist doch auch Romantik, oder? Wenn die Romantik fehlt, bekommen wir ein anderes Spiel. Für mich ist es etwas ganz Besonderes, alle vier Jahre auf die Olympischen Spiele zu schauen. Dafür arbeitest du als Sportler mit all der Anstrengung und Disziplin, die du aufbringen musst. Wir würden den Athleten auch das richtige Mindset zur Vorbereitung nehmen. "Och, ich habe es in diesen zwei Jahren nicht geschafft, dann schaffe ich es eben in den nächsten zwei Jahren …" Das geht heute nicht! Du musst dein Programm schon ernsthaft angehen, denn dein großer Moment kommt nur alle vier Jahre einmal. Außerdem würde es die Geschichtsbücher umschreiben. Die früheren Athleten haben ihr Bestes gegeben, mental in demselben vierjährigen Rhythmus. Ihren Nachfolgern geben wir nun alle zwei Jahre eine Chance? Warum? Olympische Spiele als Beispiel für die WM.

In Ihrer persönlichen Profikarriere dürfte es viele Höhen und wenige Tiefen gegeben haben.

Ich fange mit den Tiefen an und schließe mit den Highlights.

An welche Tiefen erinnern Sie sich meistens?

Eine Niederlage sehe ich nicht als den Moment eines Tiefs an. Für mich galt immer: Es kann nur einer gewinnen. Du verlierst ein Finale, du gewinnst eines, du wirst Zweiter, Dritter. Wettbewerbsfähig zu sein, das stand immer im Mittelpunkt. 24 Jahre lang wettbewerbsfähig geblieben zu sein, das ist schon eine Leistung, finde ich. Die Nationalmannschaft der Niederlande bedeutet zweifellos ein Tief für mich, weil das nicht in meinen Händen lag. Ich denke nicht, dass ich vollendet bin. Das Nationalteam war mein Traum. Am Gipfel meiner Karriere sechs, sieben Jahre lang nicht berufen zu werden, ohne zu wissen warum, war schwer zu verdauen.

Und die Höhen?

Ich möchte wirklich ausdrücken, dass es ein Privileg war, mit so vielen begeisternden Spielern und Klubs in verschiedenen Ländern auf hohem Niveau zu spielen. Diese ganze Zeit war einmalig, nicht nur ein Moment. Ich bin sehr dankbar für alles, was ich sehen durfte, und die Menschen, die ich kennenlernen konnte. Ich könnte zu allen meinen früheren Vereinen gehen und würde mit offenen Armen empfangen. Das ist ein herrliches Gefühl.

Welche Teamkollegen und Trainer haben Sie besonders inspiriert?

Ich wollte nie jemandem nacheifern. Wenngleich es Dinge gab, die ich offensichtlich bewunderte, sei es ein Spielstil oder ein Charakterzug. Spieler wie Pelé, Johan Cruyff oder Eusebio habe ich leider nicht erlebt. Mit Frank Rijkaard in einer Mannschaft zu stehen und die Champions League gemeinsam zu gewinnen, das war etwas wirklich Besonderes.

Nummer 4: Im Finale gegen Liverpool sicherte sich Seedorf den Champions-League-Titel ein weiteres mal.

Nummer 4: Im Finale gegen Liverpool sicherte sich Seedorf den Champions-League-Titel 2007 ein weiteres mal. imago images/Shutterstock

Sehr speziell ist es, den Henkelpott, wie wir in Deutschland sagen, mit drei verschiedenen Klubs viermal zu gewinnen. Erinnern Sie sich an spezielle Gegner auf dem Weg zu diesen Erfolgen?

Das ist tatsächlich "special". Es sagt viel darüber aus, wie ich mich auf neue Situationen einstellen und meinen Wert auch unter unterschiedlichen Umständen einbringen konnte. Stets hatte ich herausragende Mitspieler. Gegen Juventus gewann ich diesen Pokal zweimal und erzielte auch die meisten Tore in meiner Karriere. Das ist also definitiv einer der Klubs, die ich am liebsten hatte. Sie werden mich vermutlich weniger mögen (lacht). Der andere ist ManUnited, das uns 2007 im Halbfinale extrem gefordert hat. Ein weiteres Team ist der FC Bayern, den wir in den beiden siegreichen Jahren mit Milan ausschalten mussten. Und dann waren da noch die Endspiele gegen Liverpool … eins gewonnen, eins verloren. Der erste Champions-League-Sieg mit Ajax gegen Milan fühlt sich ein wenig nach Zuhause an. Ich war noch sehr jung und lief gegen das Team auf, für das ich später zehn Jahre spielen sollte.

Gefällt es Ihnen, "il professore" genannt zu werden, wie man Sie in Mailand taufte?

Ob mir das heute gefallen würde, weiß ich nicht, denn in der Netflix-Serie "Haus des Geldes" wird der Protagonist "il professore" genannt und raubt Banken aus. Damals kam der Spitzname auf natürliche Weise in der Mannschaft und im Betreuerteam auf. Ich war immer stützend, erklärend und überzeugend unterwegs. So gesehen ist das doch schön.

Haben Sie Ihren Frieden mit dem niederländischen Fußball gemacht?

Ja. Ich habe immer darüber hinweggesehen, was einige Trainer getan haben. Die Niederlande haben mir viel gegeben und ich bleibe dabei, die Aktiven, die nachfolgenden Generationen zu unterstützen. Es würde mich zu sehr beschränken, würde ich Vergangenem zu viel Bedeutung beimessen. Du kannst im Leben nicht alles ernten. Mein Sportlerherz hat natürlich geblutet.

Der Mangel an Trainern mit schwarzer Hautfarbe in großen Klubs bedeutender Ligen beschäftigt Sie. Patrick Vieira ist jetzt Teammanager von Crystal Palace. Wie denken Sie darüber?

Die Zahlen sprechen für sich, das müssen wir nicht kommentieren. Es gibt da draußen eine Menge kompetenter schwarzer Trainer, die keine Chance bekommen. Ich freue mich sehr für Vieira. Er ist eine Premier-League-Legende. Chancen wie diese muss es öfter geben. Dafür muss ein erweitertes Bewusstsein geschaffen werden, verbunden mit einer erneuerten Wahrnehmung von schwarzen Spielern und Trainern. Dabei darf es nicht nur um Stärke und Physis gehen, sondern genauso um Intelligenz, Technik und Taktik. Sie verfügen über diese Fähigkeiten. Ich bin mir sicher, dass das jeden etwas angeht. Wir wollen die Diversität. Doch was wir auf dem Platz sehen, spiegelt sich nicht auf den Führungspositionen wider, weder auf der Trainerbank noch im Management.

Zu den Preisträgern beim Walther-Bensemann-Award zählen Namen wie Franz Beckenbauer, Alfredo di Stefano, Sir Bobby Charlton, Marcello Lippi, Pierluigi Collina. Sie kennen die Liste. Ragt da für Sie jemand heraus?

Sie sind alle einmalig. Jeder hat einen großartigen Beitrag für den Fußball geleistet und für die Gesellschaft. Ich denke, es ist sehr anerkennenswert, dass ein bedeutendes Magazin wie der kicker diese Botschaft in die Welt des Fußballs sendet: dass da mehr ist als das Spiel an sich, dass es um soziale Verantwortung geht und das Bewusstsein, von dem ich sprach. Kompliment dafür. Ich fühle mich einfach geehrt, nun auf dieser Liste zu stehen.

Welche Werte muss der Fußball weiter fördern?

Es geht nicht nur um die angesprochene Unterstützung. Es geht auch um den Umgang miteinander und welche Signale davon ausgehen. Fußball kann bei jedem Thema eine Rolle spielen. Er ist Sport und Unterhaltung, beides kann positiv sein. Dafür braucht es aber auch Regeln. Fehlverhalten muss mit klarer Linie bestraft werden, vorbildliches sollte belohnt werden. (lacht)

Interview: David Bernreuther, Jörg Jakob

Seedorf und seine Vorgänger: Alle Träger des Bensemann-Preises